Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 239 (18.9.1919)
- Date
- 1919-09-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Er gab seiner festen Ueberzeugung Ausdruck, daß die Russen ihre Zukunft selbst gestalten Nüssen, vorausgesetzt, daß sie die Rechte ihrer Nachbarn respektieren. Diese Mitteilung signalisiert eine diametrale Aenderung des Verhaltens Ser Entente zu dem russischen Problem, dessen unheilvolle Verwirrung nur als eine Wirkung der Eifersüchteleien der Ententestaaten bezeichnet werden kann. Die nächste Folge dieser Sinnes- Änderung muß auch eine Umgestaltung des ganzen Verhältnisses Rußlands zu den Randstaaten sein. Die k senen Gegenden herrschenden Zustände haben es verschuldet, daß zu uns nur sehr spärliche und vielfach viderspruchsvolle Nachrichten über die Vorgänge dringen konnten, die sich in dem riesigen Raum zwischen der Ostsee und dem Stillen Ozean abspielten, ks waren in der Mehrheit Nachrichten militärischen 5charakters, aus denen sich nur sehr schrver einige Kenntnis der politischen Gestaltung herausdestillieren ließ. Nach der Kerenski-Revöiution int Würz 1917, )it durch ihre mehrfachen glücklichen Offensiven gegen )ie österreichischen Armeen in Ostgalizien. viel Ve- .Meisterung in der russischen Masse entfachte, begannen »re separatistischen Umtriebe sich anfangs mK leise zu Ähren. Der endgültige Zusammenbruch der Drussilowichen Taktik beschleunigte diesen Prozeß, indem sich pmächst die um das Schwarze' Meer gruppierten VtÄttme für unabhängig erklärten und unter - dem Prochbtorat der - großen Ukraine den Kampf gegen den Petersburger Zentralismus, dessen Schwäche und Ohnmacht lebhaft an den Zustand des römischen Kaiserstaates vor dem Einbruch der Goten hinnerte. Es dauerte aber doch . emige Monate, che durch die zweite..'Ns,'ok-lwu, . die Wr Skeg des - boischewiklschon Sm'leu'.s brachte. der Mdergang sich auch innerpolitrsch Zeigte-, Außenödliüsch erwies ec sich in dem Umstand, daß bei den Prest-Litowsker Verhandlungen außer den,, russischen Gelederten auch Vertreter der anderen Völker auftraten, so daß Czemin und Kühlmann die Affenkomödie des' ukrainischen Friedensvertrages aufführen konnten, auf die ihnen dann die burd) eine entstellte Berichterstattung irregeführte und durch eine freche Zensur sritiklos gemachte Oeffentlichkeit Hereinsiel. Es ist noch heute ür Erinnerung, wie Graf Czern'm in der österreichisch-ungarischen Delegation mit Hilfe der deutschnationalen Dummköpse, der magyarischen Annexionisten und der Herrenhaus-Grafen seinen ukrainischen Vertrag durchsetzen kwnntc. Die schließlich tzurch den General Hoffmann erzwungene Kapitulation Trotzkis'hat in ihrer Folge zu einer vollständigen Auflösung des ganzen staatlichen Lebens in Rußland geführt und das Reich den von allen Seiten herein- 'yrechenden feindlichen Kolonnen der Entente und ihrer Bundesgenossen fast wehrlos bloßgelegt. Es entbanden nacheinander Republiken der Ukrainer, der, Georgier, der Grusiner, der Kosaken am Don und am Kuban. Die Randstaaten im Norden, die Finnen, Esten und Letten benützten gleichfalls die Gelegenheit, ich loszufagen. Noch einmal raffte sich der todwunde russische Niese zum Kampf auf. Die bolschewikische Regierung, sie inzwischen nach Moskau gegangen war, stampfte »ie einst Gambetta große Armeen aus dem Boden, oie sie dem Feind entgegenwarf, der inzwischen durch Armeen der reaktionären Monarchisten und der aus deutschen Truppen gebildeten Landsknechthaufen lm Baltikum verstärkt wurde. Es waren in per Hauptsache Streitkräste der unabhängig gewordenen Staaten und der Gegenrevolution, die mit finanzieller Unterstützung der Entente der Welt das Schauspiel eines Landsknechtkrieges boten. Es gelang aber diesen Streitkräften trotz der grausamsten Kriegführung iriemals, einen entscheidenden schlag zu führen und die Einkreisung der Lowietregierung bis zu ihrer Vernichtung zu vollenden. Es wurde am Weißen Meer, an der ukrainischen, an der südrussischen und an der .'chlickeu Front gekämpft. Auch in Sibirien, von-wo?u:> der der Schr'earn'n Mcdr-FlaM' .Ko.llschak uunntschierw, livunujtvh!)uUcn, wßhD'F Erimgebiete von 5)etttkut und in der Ukraine von Die Kohlenkatastrophe in Wien. Ab Sonntag den 21. September vollständige Einstellung des Straßenbahn- Verkehres. — Die Gast- und Kaffeehäuser sowie die Haustore werden um 8 Uhr abends gesperrt. — Drohende Einstellung der Industriebetriebe. Gestern nachmittags fand in der Staats- Kanzler unter dem Vorsitze des Staatskanzlers Dr. Renner eine Beratung statt, die sich mit dev ungünstigen Kohlenlage Wiens befaßte. An derselben nahmen Staatssekretär Ingenieur Zerdik und Anterstaatssekretär Dr. Ellenbogen, Landeshauptmann Sever, Bürgermeister Reumann und Vizebürgermeister Emmerling, Polizeipräsident Schober, Sektionschef Schul l e r, Ministerialrat Dr. Kloß, die Direktoren K a r e l und M e n z e l und Referenten der Landesregierung und des Magistrates teil. Staatssekretär Ing. Z e r d i k und Ministerialrat Dr. Kloß erörterten zunächst dre derzeitige Lage der Kohlenversorgung Wi.'-ns und Dentschöfterreichs. Trotz der unausgesetzten Bemühungen des S.'aatsamtes für Handel und Bauten, der FriedensdeLegation in Saint-Germain und der Gemeinde Wien ist es n i ch t g e l n tt g e n, eine auch nur et was g ü n st i g er e Be - ti efe r n u g O eft e r r e i ch s f e i t e n s ib e r R a ch b ap st a at e n d p t ch z ufetzen. Die Tfchechv'-^-10»lütl hat für Wie n feit geraumer Zeit nur zirka ein Viertel der vertragsmäßig zugesicherten Menge angeliefert. . Die P o len wären bereit, Das vertragsmäßige Quantum nach Oesterreich anz:§- liefern, faktisch gelangen aber nur täglich 500 Tonneu nach Wien, weil die Tschechen trotz aller Bemühungen die Zustimmung dazu nicht geben, daß eine größere Anz ah l von Wagen aus d e nt gemeinsamen Wagenpark für diese K o h lentranSporte zur Verfügung geste-llt w erden. Deutschland liefert von dem vertragsmäßigen Quantum zirka 40 Prozent. Diese kargen Anlieferungen haben, trotzdem Kohle, die für den Betrieb der Eisenbahnen und der Industrie bestimmt war, dem Elektrizitätswerk aushilfsweise zur Verfügung gestellt wurde, zu einer vollständigen Erschöpfung der Vorräte dieses Werkes geführt. Auch das Wiener Gaswerk kan« seinen Betrieb nur zur Rot aufrechterhalten, ohne für den Winter irgendwelche Vorräte zur Verfügung zu haben, daß auch dieses bei irgendeiner Unterbrechung der täglichen Zulieferung vor der Gefahr der Eirtftellung steht. Der Küchenbrand kann nicht einmal zur Hälfte zur Verfügung gestellt werden, Hausbrandkohle kann überhaupt nicht verabfolgt werden. Die Fruchtlosigkeit der bisherigen Bemühungen, bei den Nachbarstaaten und den Ententsstaaten eine stärkere Belieferung Oesterreichs durchzusetzen, die Ergebnislosigkeit der von der Gemeinde Wien in Berlin und Prag in den letzten Tagen gepstogenen Verhandlungen zwingen nun zur unverzüglichen Vorkehrung einschneidender Maßnahmen. Nach eingehender Diskussion aller ein- - Fragen wurde beftimmt, daß ab .Gönnt» g d e n 21. S e p e m v e r t *»., . f v.ü d e r e! e f 11 if ch e Ostva tz e nba h n v erkeh r zu r v o llft L n di g e n ,E i u st e l l u ng k o m m t, das; Leiters alle G a stu n d Kaffeehäuser s tz w i e d i e H aus t o « e um 8 Ahr ab eu L s gc- . s p e rr t w e?r d e-n. Die eleArischen Änizuge werden außer Betrieb gesetzt und können Ausnahmen sur^ die. Benutzung nur ' durch beigehrächLo ärztliche Zeugniffe Ur einzelne schwer kranke Personen bewilligt werden. Die bisherigen Sparmaßnahmen für de« Lichtverbräuch werden der Bevölkerung neuerdings zur genauen Darnach- ' achtung ^ingeschärft. Börsnsirchtlich bin neu Kürze'- auch' di? Betriebe' ''c-j-i ' In d u st r i e und Gewerbe, dir Zeitungsbetriebe usw. von dem ohnehin karge» Bezüge elektrischer Energie aus gesch lo ssen werd en müssen, wenn nicht eine Besserung der Kohlenbelieferung in allerkürzester Zeit zu erreichen ist. Zur Beratung der Details der Durchdiefer Maßnahmen findet heute im Staatsamt für öffentliche Arbeiten um 5 Ahr nachmittags eine Konferenz mit den durch die Sparmaßnahmen betroffenen Fntereffeute» statt. . Anmittelbar uach Durchführung dieser Maßnahmen wird Staatssekretär Zug. Z e r d i i mit Sektiouschef Schüller und Hofrat Dr. Kloß nach Prag und Berlin fahren, um durch mündliche Verhandlungen neuerlich den Versuch z« machen, diese Nachbarstaaten zu einer verstärkten Kohlenbelieferung zu bewegen, damit einem vollständigen Zusammeubruchevorgebengt wird. Petljura, dem Kommandanten ■ ber national-ukrainischen Armee, geschlagen wurde. Die zwischen den beiden letzteren operierende russische Armee besteht aus magyarischen Kriegsaefängenen, von denen ein Teil nach Ostgalizien gelangte und dort zersprengt wurde, während der andere Teil in Beßarabien von der rumänischen Annexionsarmee in schweren Kämpfen festgehaken wird. Die militärische Situation zeigt ein von Stunde zu Stunde wechselndes Bild, und gerade heute wird wieder eine schwere Niederlage - der Bolschewiken in der südwestlichen Ukraine gemeldet, die dazu führte, daß Trotzki selbst den. Oberbefehl übernommen hak Wenn die Entente sich nun mtschüeßt, ihr Desinteressement an Rußland aufzugeben, so ist das zunächst darauf zurückzusiihren, daß sie cm einen mililörifdicn Crnborfolc nicht mehr glaubt und daß die Ordnung der Dingo in Rnßlond tmnmehmir voliliicheii. uirbiüi'iaen M'.üe'.n m A mir in aciiüinmcu werden, soll. Die russische Regierung hat den Nachbarn im Norden Friedensverhandlungen vorgeschlngetr; auch in der Ukraine, wo zwischen den Truppen Petljuras' und Denikins eine groteske Rauferei um die unglückliche Stadt Kiew entstanden ist, greift die Friedensstimmung um sich und ein ehrliches Angebot Moskaus würde wohl kautn auj größeren Widerstand stoßen. Da der Winter vor der Tür steht und sich bei dem schlechl genährten und schlecht gekleideten Söldnerhanfeu deutscher, magyarischer und auch tschechischer Herkunfi allgemeine Müdigkeit und Heimatssehnsucht zeigt, so wäre die Zeü reif für eine rückhaltlose Friedensaktioo des Obersten Rates, um den hart geprüften Völkern des Ostens wenigstens eine Atempause zu gönnen, iu der die russische Frage, eine Lebensitacie' Cniromveiner, gedeihlichen' 'Lösung .•e.v.i könnte. .