Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 238 (17.9.1919)
- Date
- 1919-09-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Denn wenn man .„Schrpeiz" sagt, fallen einem eiye ganze Anzahl 'von oygenehmen Erinnerungen und Vorstellungen ein. Tüllhat dort einen Tyrannen erschossen, aus dem Rütli hat man die Freiheit zum Vereinsbeschluß erhoben, seither ist. die Schweiz das Land des Friedens un6 der Freiheit geblieben, das Land, in dem es noch Milch und Käse gibt und das im Weltkrieg so eine Art Sanatorium, für alle Leiden physischer und psychischer Unterernährung geworden ist. Das alles, deM man, wird, nunmehr auch im lieben Oesterreich der, Fall fein, wenn es die Schweizer Verfassung sich zum Vorbild nimmt. Und das Volk "hat eine neue Illusion, an der es sich berauschen kann.; Von den vielen Proben des Selbstbetruges, bie vost Woche zu Woche in fteigerldern Maße die Einkehr und Selbsterkenntnis überwältigen, ist oiese neueste Msdrucksforin nicht minder gefährlich als die anderen. Alan spiegelt sich vor, daß es nur eines gesetzgeberischen Aktes bedürfe, um zu gesunden. Man unterliegt jener extrem-materialistischen, mechanischen Betrachtungsweise, von der ja auch alle theoretischen Schriften Karl Renners beherrscht waren, und schreibt' einer Staatsform fast schon entscheidende Wirkungsmöglichkeit zu. Aber was hälfe Oesterreich die Schweizer Verfassung, wenn es nicht den Geist begreift und in sich aufniüM, 'aus dem -heraus .sie oxganffch entstanden ist! BkaHt man denn wirklich, - eine/Verfassung' seidas -Mark eines Halüüutzend VM^rechtsgelehtter-? .lAe' ist der lebendige Ausdruck des betreffenden Volkstums, und wo sie künstlich aufoktroyiert,., mechanisch nach-- geahmt wird, ohne daß sich das Volkstum selbst ändert, wird sie die Disharmonien nur kurze Zeit verdecken, gewiß aber nicht überwinden können! - / Nun gibt es aber kaum einen grelleren Gegensatz all dem der zwischen dem Schweizer und dem ösjer- .reichischen Volkstum besteht. Nicht' daß die Gmndtätfachen und das Menschenmaterial von Haus aus so stark differieren würden, ich Gegenteil, der österreichische Plpenländler, der Tiroler, der Oberländer, sie bilden ich Grunde genommen den gleichen Menschenschlag. Und doch wie verschieden, wie abgrundtief entfremdet .stehen sie sich heute gegenüber! Die Tradition hat sie ' ä':'cctii.7nderge.bracht. Was dri-.'rcn. n-urd"..aaft hic/ c.yb verd^iuig. uxio /.t-c: i>; e' i,.:,;' ni'ib (jri:.c'ijcu Iioimte, wurde hier mm eiirer engheczigcir ' Autokratie. und Bureaukrätie zum Ersticken gebracht. Oesterreich und der Geßlerhut haben nicht aufgehört, für die Schweizer fast synonyme. Begriffe zu bilden. Und im bewußten Gegensatz zu beiden, in der stets wachgehaltenen Erinnerung an die. einstige Unterdrückung, reifte das Volk zum Liberalismus Heran. Aber Liberalität verträgt sich auf die Dauer mit keinerlei.engherziger Abgrenzung und darum wurde'der Schweizer bald genug dazu erzogen, die angeborene Fremdenscheu des Bergbewohners zu überwinden. Sein Land wurde zchn internationalen Durchgangsland an sich. Es öffnete allen Fremden von Ost und West die Grenzen. Mochten es politische Flüchtlinge sein, die eine Zuflucht suchten, oder mochte es das internationale Reisepublikum sein, das in den freien Bergen Erholung vpn der Unrast des Alltagkampfes fand, es machte keinen Unterschied. Es sorgte für Unterkunft und Bequemlichkeit. As machte den Fremden den Aufenthalt so bequem wie mir möglich und fand dabei seine Rechnung. . Intellektuell wie finanziell strömten ihm reiche Kräfte zü. Es baute sein Hochschulwesen aus und bildete allein mr russischen Juden, die sich der Technik zuwandten, ein Heer von tüchtigen Ingenieuren aus. ' Ts»entfaltete großzügige Propaganda,' um fremde Üiüernehmer zu veranlassen, hinzukommen. Es baute Straßen, Bahnen, Hotels, Paläste und schuf den Fremden Genuß, den Einheimischen zahllose Arbeitsgelegenheiten und Einnahmsquellen. Niemand fühlte sich dort anders als frei. Es gab keinen Sprachenstreit, denn in jedem Kaffeehaus sprach map itvanzig Sprachen. Es gab keinen Nationalitätenhader, venn im Lande selbst wohnten Romanen und Gerüranen nebeneinander und Tausende von Fremden Cer Nationen wurden Jahr für Jahr dem öffentlichen Irland vor einer Revolution. Amsterdam, 16. September. Der Korrespondent des „Daily Herald" meldet aus Dublin, daß in Irland fortwährend neue Truppen gelandet werden, die Panzerwagen und Tanks mit sich führen. Die Soldaten nehmen eine herausfordernde Haltung an. Kirchweihfeste und Märkte würden ans geringfügigen Ursachen verboten. Abends müßten zu einer bestimmten Stunde alle Lichter aus gelöscht werden. Es sähe so aus, als ob man in Irland eine Revolution heranfbeschworen wolle. Soweit werde es aber vermutlich nicht kommen, denn das irische Volk habe mehr gelernt, als die Militaristen. Die Irländer seien darüber erstaunt, daß die englische Arbeiterpartei ans der Räumung Rußlands soviel Wesens machen. Sie sagen, Irland wäge doch vielmehr als Rußland. Die Wilsonkrise. Reue Enthüllungen BullLts. Paris, 16. September., „Echo, de/ Paris" meldet aus Washington, daß die Gegner Wilsons infolge der Enthüllungen Vnllits eine KabinetMrise und die Nrederläge W'ilssns bezüglich des Vö li exünndes für sicher halten. Man glaubt, daß ■ Wilson in diesem:Falte dieVertragAorlage zurück-, ziehen, einen Sonderfriedün mit DentfAland /schließen und bei den PräsidenLschrftswahlcn ich Jahre-, 1920 die Frage des Völkerbundes zur Plyktform machen werde. . Die Affäre Bullits beschäftigt andauernd die Presse. Büllit behauptet, daß Lloyd George, als ihm das. Anbot der Sowietregierung, mit .der Entente ' zu ve.r- . handeln, Vortag,im englischen Parlament dHes geleugnet habe. Hierauf sei der Privatsekretär Lloyd Georges, Kerr, zu Büllit gekommen und habe diese Haltung damit heytzürHetz-daß.' eine. Koätt'Li0ch..zwi tchenMvUthclifse erschlagen würde, wenn er' anders handle. Lloyd George 'demen-tlMk heute durch daS^ Reutersche Bureau sämtliche ihmvon Bnllit in bcn Mlnrd geleg!eu AeußerUngen. ^ÄtzmgegenHer 'hat. 'abers Bnllit vor der/ Senatskomnrisfion erklärt: „Wenn Ihr mit Lloyd George zu tun habt, bedenbet wohl, haß man keine seiner öffentlichen Erklärungen ernst nehmen darf." Hang, 16. September., Wie „Nieuwe Courant" aus Washington meldet, hat das frühere Mitglied der amerikanischen Friedeusdelegätion in Paris,. Bullit, im ' Senatsausschuß für' auswärtige Angelegenheiten.erklärt, - .daß Lenin seinerzeit einen Waffenstillstand vorgeschlagen habe.,' House und Smuts seien-.damit einverstanden - gewesen. Lloyd Geörga habch den-Widerstand her.Worth- - clisfe-Presse..gefürchtet unddie Entsendung. des einen ^oder anderen Konservativen nach Rußland vorgeschageü, upr die Lage zuuntersuchen. Dev Vorschlag sei.aver nicht, zur Durchführung gekommen, weil ^Koltschak damals gerade Fortschritte gemacht 'habe. Bezüglich der Erklärung Lloyd Georges im Unter-' Hause, daß die'Söwietregierung niemals Friedensange- -böte-gemacht habe,'sagte Büllit, ^»ies sei ein/besonderer Fall von . Irreführung der öffentlichen Meinung. L loyd George - habe die Absicht gehabt, das Angebot der; Svwistxeglevung zu befürwÄrten/ habe . qh^r crsah r e'n,. AvrtheliMÄrerW^^diss/ 'chmWs'seine' Politik, zu dÄeÄMzen.-- - -- .'„Neiv/Horl ''Sun" 'schreibt, die Erklärung Bullits - , , , habe 6cm Friedensvertrag einen schrecklichen und dem Völkerbund einen tödlichen Schlag versetzt. . / / ' /' - V „New Dork Tribüne" sagt, es sei möglich -daß ' ' der Friehensvertrag verworfen werde oder daß so :! drastische Äenderungen daran vorgenommen . werden ' - Dürden,. daß. sich .der- Präsident weigeM würde, ihn an chie Alliierten'zu schicken. -i Fiume soll blockiert werden. ■T * v \ s, 16. September. Dev Oberste Rat sich irr seiner gestriZen Sitzung angeblich hüuhl;- -ly iS) r-i: dav -Lcr baltischen 5"'?^-7 r-'rd mit der-.Bekämpfung der G'fakv, daß sich dre Deutsche«, dort -dauernd nisderlaffeu, - beschädigt. Hierüb :x fei* auch Warschau Foch einvernommeu worden. Zn der Fiumaner Frage fei der Oberste Rat zu keiner Entscheidung gelangt. Es werde jedoch die vollständige Blockade der Stadt ins Auge gefaßt. Leben einoerleibt. Das Land blühte uttd gedieh. Man vergaß fast,, daß es auch ein Staat war. Im Bewußt- . sein der notleidenden Menschheit war es nur noch eine Art öffentliche Wohlfahrtmstitution. Nun frage sich jeder Deutfchösterreicher offen und ehrlich, ob er sich stark und frei genug fühle, das .nachzuahmen? Ist Oesterreich in der Lage, diesen Geist in sich aufzunehmen? Renner hat sich m Saint- Germain dagegen gesträubt, daß Deutschosterreich als Rechtsnachfolger der Monarchie behandelt werde. Was nicht minder not täte, sofern es ihin wahrhaft ernst ist mit dem Schweizer Vorbild, märe, sich dagegen zu wehren, daß Oesterreich nicht die geistige Erbschaft des Bllreaukrätenstaates aus den Schultern behält. Vorläufig hat es aber nicht den Anschein» als ob darin so rasyl eine Aendemng eintreten wollte. Die kaum zur Freiheit gelangte Republik unterliegt jenem beschränkten Geiste der 9lationalstaaterei und der Frenrdenverfolgung, der dem schweizerischen von Grund aus entgegengesetzt ist. Niemand denkt heute noch daran, daß „Republik" bisher stets gleichbedeutend war mit „Asyl". Man gewöhnt sich, in den Fremden nur die leidigen Esser zu sehen, statt eine Quelle des wirtschaftlichen Aufstieges. Man weist sie aus, statt sie einzuladen. Man. sperrt ihnen die primitiven Dorfgasthäuser, statt ihnen komfortable Hotels zu bauen. Wäre cs in der Schweiz möglich, dgß eine ltnchschaftlich so schöne Gegend wie etwa das Donaugelände so ungenutzt und unerschloffen bliebe? Längst schon wären dort Autostraßen erbaut» Hotels und Villen würden sich aneinanderreihen, Motorboote würden einander folgen — jetzt schläft die . ganze Gegend den Dornröschenschlaf. Im Zeitraum eines Tages gleitet nur ein" armselig einzelnes Schiff an diesen - kleinen Dorfschasten vorüber, zwischen denen leere, leere Gegend sich erstreckt Nein, dieses Land befindet sich gewiß noch^nicht in Schweizer Verfassung. In jedem Händler wittert es den Parasiten, m jedem Unternehmer den ausbeuterischen Kapitalisten. Schüchtern nur haben sich aus der Konferenz der Landeshauptleute. die Stimmen erhoben, die eine Rückkehr zur frewu Wirtschaft und zum freien Verkehr verlangten. Eric spürten es alle, die Hauptleute, daß es so nicht weiter gehe, und doch fand keiner den Mutz die Dinge so zu formulieren, wie-sic liegen. In diesem Stadium des ungewissen Tastens ist nichts gefährlicher als die Wirkung eines Schlagwortes, das einen billigen Ausweg zeigt und von dem harten Zwang wahrer Selbsterkenntnis ablenkt. Nun schieben sie alles auf die Verfassung und die Illusion; sich durch Nachahmung der -schweizerischen Form über Wasser halten zu können,, entbindet sie . von der Verpflichtung der Neuorientierung des Geistes. Aber solange dieser nicht den Grenzpfahlhorizont überwindet, wird es keinen -Ausstieg geben. j