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Wiener Morgenzeitung · 1919-09-14 · Heft 235 (14.9.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 235 (14.9.1919)
Date
1919-09-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Sein Regierungsprogramm, das ursprünglich die Aufrichtung eines christlichen Ungarn angestrebt hatte, hätte immerhin vorausgesetzt, daß'Friedrich, und diejenigen Männer, die er. zu Ministern ernannt hat, mit den wirtschaftlichen, sozialen und naüonylen Verhältnissen Ungarns vollkommen vertraut sind und es sich angelegen sein lassen wollen, eine reiche ausbauende Tätigkeit zur Hebung des vollkommen erschöpften» Landes;ir entwickeln. Aber davan ist Keine Rede. Die Regierungstäügkeit. ist auf eine viel einfachere Formel gebracht worden: Tod den Juden! Auf diese Weise ist, den Unterabteilungen der Judenfrage, die bisher im geographischen Sinn bestanden, eine neue hinzugesügt worden. Eine ungarische Judenfrage hat es bis zur glorreichen Zeit der Regierung Friedrich überhaupt - nicht gegeben. Die jüdische Bevölkerung Ungarns hat sich bisauf - .wenige vereinzelte Ausnahmen der nationalen! - Bonaifsancebewegung des Judentums gegenüber ablehnend verhalten und diente in der hingebungsvollsten Weise der maqyarischen Staatlichkeit,', so selbstlos, daß es an sich vollkommen vergaß chnd sogar in allgemeinen jüdischen Fragen von einer Zufammenarbeit mit dm Juden der mrdecen Staaten nichts Missen wollte, um nicht den Betdycht nnümagymi- ..sch«MMm^ÄvchzlMtft^'DäSMgaxiMHB«AW' war: siMwüvd^yftv DAüMMer maghsrisÄen -Wg-s arM/'dre nhür sein' HeloteWm/ .mit wirtschWichen j Kynzessionen honorieete. Gerade, die, heutigen rnagyarischen. Machthaber haben'. kein' Äechh.. das Judentum für Len Niedergang Ungarns verantwortlich zu machen oder chm gar die Schuld für den Bolschewistnus. zuzuschieben. Die PeÜsche Bela Kuns hat' niemmlden soi'chg getroffen wie das Judentum. Aber solche Erwägungen sind und bleiben dem einfachen Sinn des Herrn Friedrich vollkommen fern. Er läßt die Juden duich seine weißen Truppen, deren Abzeichen in einer M'useseder besteht, dezimieren. :n . ^..Und das geschieht seit einem, Monat unter -den Äggm der Vertreter der Entente, jener Mächtekoalition, W s für Freiheit und Recht, für die unterdrückten Hölker, fiir die Zerstörung des Militarismus und/ für D Herrschaft der Demokratie in den Krieg, gezogen ist. Are bevollmächtigten Delegierten sehen in Budapest ciit;. schrankenloses, hemmungsloses Austoben der wildesten Instinkte, sie hören die entsetzlichen Schilderungen über die Maffenverhaftungen von Frauen Und.Kindern, über das Walten eines ungezügelten Kalgönregimes. Und schweigen. In. dem monatelangen Kamps, der Pariser Friedenskonferenz um Kontributionen, Eisenbahnen und Grenzen ist den Führern der Gtttente das Empfinden dafür abhanden gekommen, Laß Menschen schutzlos jeder Barbarei preisgegeben sind, wenn die Entente die Prinzipien, in deren Namen die Mittelmächte niedergeworfen worden sind, vollständig beiseite läßt. Die schönsten Bestimmungen MinorMenschutz sind . nutzlos. wenn niemand mehr lebt, der geschützt werden soll. Es ist notwendig, an die Esttente. zu appellieren und sie auf die Verantwortung hmzüiveisen, die ihr dadurch erwächst, daß sie die Kontrolle der Ausführung der Friedensbedingungen übernommen hat. Die .Verbrechen, welche von den verrückt gewordenen ungarischen Politikern an den Juden'verübt werden. sind so arg. daß ihnen nicht einmal die Geschichte der Negerversolgungey im tiefsten Afrika an die Seite gestellt werden Können. Wenn die Entente ihre passive Haltung nicht ändert, wenn sie den Sadismus v des Herrn Friedrich und seiner Mitverbrecher nicht bald hemmt, dünn, treibt sie das ungarische Judentum zur Verzweiflung, und : in diesem seelischen Zustand wäre es natürlich ohne weiteres verständlich, wenn die jüdische Jugend Ungarns-zu der Ueberzeugung gelangen. daß letzten Endes Revolver und Handgranatm ganz gut verwendbare politische Mütel sind. Wenn sich diese Üeberzeugung zur Tat gestaltet, dann liegt die Sckuld hierfür wahrlich nicht bei den Juden. Die Heimseudung der Kriegsgefangenen aus ItMen. - Aus Innsbruck wird gemeldet: Aeber Einladung des Obersten Crivelli hat gestern in dessen Bureau in Innsbruck eine Konferenz stattgefunden, an der außer andere» italienischen Funktionären von österreichischer Seite unter anderen die Abgeordneten Doktor Schöpfer und Tr a p p teilnahme«. Es wurde defchloffen, daß vorläufig täglich drei H eimkehrerzüge über den B r e n n e r geführt werden sollen, deren Insassen in Innsbruck in österreichische Transportznge uMgelade» werden. Aus den Besprechungengeht hervor, daß die Italiener selbst den Rücktransport der Gefangenen möglichst bald zum Abschlüsse zu bringen wünschen. Lloyd George vor Dem Sturz? Paris, 13. September, Bei der Ersatzwahl Ln W io ne s (Lancaster) hat der Kandidat dev Arbeiterpartei H e n der s o n den Kandidaten der koalierten Regierungspartei Fisher, dev von Llohd Georae unterstützt wurde, geschlagen. Die Liberalen stimmten für Henderfo«. „Ehieago Tribuue" weift auf die fortgesetzten WahlniederLgge« der Regierungsparteien hin und hält es für möglich, daß Sie Regierung in de» nächsten Mocheu über die F r a g eher Der st a a t l i ch nug S s r' Die ProdukLivierNNF ver FWchLLinge. Die „ArbeiLcr-ZeitAng^, die sich bisher darauf beschränkte, die Frage der Fremdenaustveisung mit gehässigen antisenliii/cheu NandLemerkungeN zu glossieren, hat sich endlich dazu aufgerafft, die Frage zmy Gegenstand einen: prinzipiellen Erörterung zu machen. - Auf diese ausführlicher einzugehen, .verlohnt sich um so mehr, als der Verfasser in, recht'geschickter'HW versucht,, die Angelegenheit nunmehr plötzlich - ihres^ judenfLindlichen - Eharakters zu entkleiden! und -sie^daMr^/als r einesozialistische und im Sinne ' ersprießlicher volkswirtschaftlicher Entwicklung gelegene Maßnahme darstellt.. ' Emleitend allerdmgs unterlänst dem.. Hersassex die unbedachte Äeutzerung^ ,daß ^fchön' hie Mgierün'gen des', alten Oesterreich die FlüchtlingsaüsweifWg - antzestvebt ' haben, was 'zur Genüge beweise,'daß man der gegen- MrLigen Regierung ' keinen Vorwurf - Ha-Daus machen dürfe, wenn sie. ihrerseits denselben'. Sirmdpunkt ein--' nehme. Wir -Hävens zwar^. 'schon^. ^raumer Zeib den Eindruck gehabt, daß die „Arbeiter-Zeitung^^ die ja das gegenwärtige Aegierungsorgan bächtellt, sich vollständig als Erbin der angeblich^übiwchpndenen Reaktion früherer ' Regierirngstreise Hhlt —. immerhin ist es recht interessant, dies in' so klarer Form endlich ausgesprochen und bestätigt zu. füÄen!. Der Verfasser kommt gamricht auf den Gedanken, daß -schün die chloße Möglichkeit, die alte Regierung als Wonzeugin anführen ' zu können, einem ehrlich en' Sozialisten die Verpflichtung auferlegt, zunächst stutzig zu werden und sich, gerade umgekehrt, sorgsam gegen das abzugrenzenwas er.unter dem früheren Regime selbst bekämpft hat. Aber sehen wir ab' von den Dingen, die wir. zwischen den Zeilen lesen und'die-auf .die Psychologie des Verfassers ein merkwürdiges Licht -werfen^ wenden wir uns den sachlichen Argumenten zu.;v Der Artikel bestreitet -entschieden,' daß der Maßnahme antisemitische Tendenzen -'zugrunde : liegen. Er beruft sich auf Darstellungen -der ' „Wiener 'Morgenzeitung", > ht welchen die Flüchtlinge in zwei Kategorien eingeteilt wurden: einerseits in die kleinere der Schisber, Rennstall- und Börsenjobber.usw^, die Mt dem eigentlichen .Mischen Volk garnichts Mehr zu .tun haben, und in die Masse der Aermsten und, Elendesten, die sich „ein kärgliches ■ Einkommen erkämpfen", andererseits. Für die Ausweisung, der ersterwähnten. Kategorie beruft sich die „Arheiter-Zeituttg". darauf, daß.auch die „Wiener Morgenzeitung" sich hieran desinteressiert er- . ttärt habe, was wir keineswegs bestreiten. Es handelt sich also nur um jene zweite Kategorie, die das Gros der Flüchtlinge darstellt. - Nun »nei.nt der -Verfasser, daß. diese. Flüchtlinge aus den ganzen wirtschaftlichen. Verhältnissen Galiziens hexaus (woraus er ihnen keinen Vorwurf machen will) zu Berufen gedrängt wurden, die im sozialistischen Sinne nicht als produktiv gelten gelassen werden können. Soweit sich unter den Flüchtlingen „Arbeiter", befinden, .so wird ausdrücklich betont, würde sich die Ausweisung' keineswegs auf sie zu beziehen haben. Das kärgliche -Einkommen aber, -von dem das Gros der Flüchtlinge lebt, sei ein Einbommen aus Zwischenhandel und die Kategorie der Zrvischenhändler, ganz gleich, ob es sich um Juden oder Fremde überhaupt oder aber, um Inländer handelt, müsse im? Interesse einer sozialistischen Entwicklung ans das aller.-- äußerste Minimum reduziert werden. Wir teilen nicht die Auffassung, welche den Handel schlechthin als unproduktives und schädliches Gewerbe darstellt. Wir sind keineswegs der Ansicht, daß lediglichl der Fabriksarbeiter das nützliche Glied der Gesellschaft! aN sich, darstellt. Wir glauben sogar, daß die Geringschätzung und Knebelung des Handels, wie ihn dev sozialistische Staat in Fortführung des Prinzipes von? der Zentralenwirtschaft beibehalten will, zu' einer wirtschaftlichen Katastrophe führen muß, die ftrr die Regierungspartei auch ' einen starken politischen Rückschlag im Gefolge haben wird. "Aber andererseits haben wtrnie ejn Hehl daraus gemacht, daß' wir, ohne Rücksicht auf die Interessen des Staates, und nurunter dem' Gesichtspunkt einer Gesundung des jüdischen Volks- Organismus das Zusammendrängen der Juden in deN Vermittlerberusen für ein Unglück halten, das mit allen Kräften bekämpft und überwunden werden muß. Wenn wir aber in dieser Grundtendenz vielleicht eip ähnliches Interesse haben wie der Verfasser des! Artikels, so gehen wir in der Beurteilung des ein-. . zuschlagendLN Weges naturgemäß völlig auseinarchev,:! Dev ' Artikel - kennt nur die - primitive Fpagestellungrkanü man ^ie Juden cher österreichischen Landwirtschaft - nichL' (wovon er ikberzeugt ist), M ' muß man sie - Ausweisen.' Mer däckit hak Wan sich das! Problem allzu leicht gemacht Giöt es wirklich keine andere Möglichkeit, die wirtschaftlichen Kräfte, die irr diesen Juden liegen, zugüns^n des Wiederaufbaues s Oesterreichs nutzbar zu machen? Ist dem Verfasser so völlig unbekannt, daß zum Beispiel in der industriearmen' Gegend Oberösterreichs durch Flüchtlinge, die dorthin verschlagen wurden, beveits jetzt eine ganze Reshe, von Industriebetrieben neu ins Leben gerufen! wurden? Gehört nicht eine recht weitgehende Ahnungslosigkeit (oder aber Böswilligkeit) dazu, zu: vergessen,! baß die Juden auf ihrer Wanderung seit Jahrhunderten^ alle Zander, in welche sie kamen, wirtschaftlich beftüchtet,. industriell erschlossen und nicht nur durch Handels- und! Schächergeist verseucht haben? Sind nicht der Verfall Spaniens seit der Jickenaustreibung Ende des lö.Jahri hullderts, der seinerzeitige Aufstieg Hollands, Polens, und aller arideren Länder, die den flüchtenden Judenmassen Zuflucht gewährten, Warnung und Verheißung, genug? Ist es schon vergessen, daß die deutsche Regierung, (im Gegensatz zur früheren österreichischen, dis sichauf .die . unproduktive Auszahlung von Unter-; stützungsgeldetn beschränkte) ein großzügiges Werk der. Produktivierung jüdischer. Arbeitskräfte aus dem Osten . organisierte und 80.000 Ostjuden der deutschen Industrie. als Arbeiter nutzbar zu machen verstand? Ist es .Amerika zum'Nachteil geraten, daß es klug genug p>ar, den ernströmenden Wanderermassen in der wirtschaftlichen. Betätigung freie Entfaltung zu ermöglichen,, sind nicht auf diese Weise Hunderttausend^ galizischer, .polnischer, russischer Juden zu „Arbeitern" geworden, '.deren Gewerkschaften heute machtgebietende Jnstrrunente im. wirtschaftlichen Kampf bilden? Wahrlich, eine solche Argumentierung ist kein ehrliches Spiel! .Wenn man erklärt, daß man die Juden, oder wie die „Arbeiter- Zeitung" es nennt, die „Bollsftemden", nicht unter sich - dulden will, ,so ist das immerhin ein. man uhnftes Bekenntnis — wenn man aber behauptet, daß ein jüdischer Einschlag der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes zum Ruin gereichen müsse, so ist das. nichts als. eme demagogische Augenauswischerei, die den ^zialdemokraten ihren Verrat an ihren eigensten Idealen mundgerech t machen soll. . Mir greifen das Argument des wirtschaftlichen Ge-' sichispunktes auf. Nicht n^eil wir auch unjererseüs gewohnt wären, alle.Dingenur unter wirtschaftlichen G.esichtspunkten zu betrachten,.wohl aber, weit wir jedes Bemühen, rchs mit der „Arbeiter-Zeitung"' über die Prinzipien der Toleranz und Gerechtigkeit zu berstän- : digen, eOgifttig als hosftrimgslos. aufgegeben haben-

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