Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 234 (13.9.1919)
- Date
- 1919-09-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nicht wie einst in den napoleonischen Zeiten bildet die französische Bevölkerung das stärkste und expansivste Krästezentrum Europas, -nicht wie damals hat die militärische Stoßgewalt der großen Nation Europa überwältigt — heute ist. Frankreich selbst verarmt, nicht weit vom Punkte der Verblutung entfemt, fast selbst ein Besiegter und um der fast schon unerwartete Zusmnmenbruch der deutschen Front hat diesem niedergehenden Staate zu erneutem Glanz verholsen. Will es sich diesen bewahren, so muß es kräftige Stützen außerhalb sinden. Der Kontinent ist zwar gegenwärtig zerklüftet, Rivalitätskämpfe braucht Frankreich zur Stunde nicht zu fürchten, aber die innere Kraft des deutschen Volkes ist noch ungebrochen und es ist gar nicht unwahrscheinlich, daß Deutschland in absehbarer Zeit seine Entwicklungskurve wieder nach aufwärts' zu biegen vermag. Dann können sich allerlei Konstellationen ergeben, denen Frankreich heute bereits Vorbeugen muß und tatsächlich votzubeugen beginnt. ' Die erste Etappe aus diesem Wege bildete der sramösisch-englisch-amenkmnsche Devensivvertrag. Nachträglich hat man erfahren, daß Frankreich mir unter der/Bedingung des Zustandekommens dieses Vertrages auf jene militärische Sicherung zu.verzichten bereit war, welche in der^ Annexion.'des Unken Rhein- Ufers gelegen hätte. Wilson, der sich ängstlich davor in/ acht imißte,>? -Acherikü m evettLuM Die Teschener Frage. Aufregung ln Prag. — GefLhrdung der Kohlenversorgung Mitteleuropas. Das Kabinett Tufar erschüttert. PrAtz, IS. Edplmhet. (Let. der JBteiter Morgen- < zeitung".) Die Nachricht, daß bas Teschener Gebiet ohne Volksabstimmung den Polen zugesprochen wurde, hat hier wie eine Bombe gewirkt. Ganz Prag scheint außer Rand und Baud vor Aufregung geraten zu sein. Aus den Straße» bilden sich dichte Gruppen, die das Ereignis lebhaft besprechen und auf einzelnen Häusern sieht man Trauerfahnen wehen. Ueberall herrscht tiefste Erbitterung Über die Entente. Die Regierung hat ihre Pariser Delegierten abb erufen. Der Vertrag, der die Eschener Entscheidung enthält, wird nicht unterschrieben werben. Für die Regierung gibt es in dieser Frage .kein Zurück mehr. Sie hat das Volk durch die Presse und die Karteien für das Teschener Gebiet so festgelegt, daß ein er tt st er Konflikt mit Pölen befürchtet werden muß. Nachrichten aus Teschen bestätigen die schon gesternaufgeslatterten Gerüchte, daß die Bergarbeiter Widerstand bis zum äußersten leisten wollen. Das Gerücht/ daß sie die Ka^rwiner Gruben mit Ekrafit sprengen wollen, zeugt vou der Siedehitze der .Empfindungen im Volke./ Von Prag sind nach Kar W i n/gemessene .Befehle ergangen, .alles zuv ermeid eit," was zu,Ruhestörungen und Sab o L a g e a k L/e n führen Wüste/, In politischen Kreisen befürchtet mandurch' dieses Bo rgehen der.Arbei-terfchaf% einen Kons li ck auch mit der Entente, die kaum dulhsn.' wir-, -'d.aß//.KN. ihrer. Entscheidung gerüttelt und daß die Kohtenversbrgung .Mitteleurop as dur ch eiifcn r Berg.iarbeiterstreik. neuerlich ans 'das. -schwerste / g e.fsth r-b e.t werde.. . Die .Regierung wird . die-. EnLfch/eiöuNg der nMnetr. diesen BMW altzeptiereir. und E dieser Konzession Zu einet ftiedlichenKosnüp derSaarbeckensräge beizutragen. Aber mit der erchlisih-Eerikamschen UnlerstützrmA aüemH die französWeMtnatwü keineswegs airsrerchend' Wen alle Zufälle Wschützt. f ffianti* reich will nicht mehr der Gefahr ausgesetzs bleiben, daß deutsche'Truppen ausgedehnte ftanzösische Landstriche okkupieren können, bevor.- englische und amerikMsche Anterftützung ■, zur SteM/ist. Seit deM',Zll- HAmenbruch. Rußlands. ist die Möglichkeit, DlüWW..,,'.. durch'- .'dey: ZwoK-FrontewKrieg/ äii. bHchhsn und in Schach zuchalteu, - Zerstört,..-' Der äMche Alachbar. Deutschlands., ifr nunmehr- Polen Wv WomüLlsch numnt nunmehr dieser neue.Staat im RähtneN der französischen AusteupoliLiK ' dieselbe Holle .'M,-wie. früher das Zarenreich. Mit'anderen Wochen: Frankreich'ist durchaus nicht daran interessiert, KonflNftdffe /zwischen' den Polen ukd den 'Derüschrlr Zu he- HlÜgsnt/.es hat dagegen das / WM/IlWesfe.. därair, Polen finanziell zu' krafügen unu. auf die/stölnische Armee einen entsprechenden Einstltß zu gewinnen: Die' Beförderung der Hällerschen Truppest nach PÄew'wachwie sich inzwischen herau'sgcstellt hat. ein Vorwand, . um Zahlreiche. franzosWe dsfiziere/- und auch Mannschaften an die deutsche Ostgrssnze Zu besördem, 'um für den Fall gerüstet zu sein, daß Deutschland die Unieischrist des Friedensyertrages verweigert hfittel Die Freimdschaft, mit /Pölen / geht so weit,.. daß man ihr zuliebe die TsWhen/chrüsKiert und durch das.: Zuschlägen ches Äefchener Gebietes an Polen die tschechische Friedensdelegation zur überwürzten Abreise veranlaßt./ Charakteristisch für ' diese Stüstmung / M. der Leitartikel des „Temps" vom 8.'.Septemher. Mau weiß, daß die französische .Polenfrermdschäsi -/ihre Tradition hat: Die ßreie Republik,? vor allem Paris bildeten stets Zufluchtsorte für die PoMischen Flüchtlinge, die Freiheitskämpfer von 18Z0 und 1860 und auch der letzten Jahre. Aber diese Freundschaft gründete sich auf die Idee der Freiheit uno wandte sich drohend gegen den russischerr Imperialismus. Die heutige Freundschaft bekundet keine geistige, sondem nur eine rein politische Solidarität und genau so wie die Republik es nicht scheute, mit dem Blutzaren zu paktieren, stößt sie sich auch heute nicht daran, daß Polen in völliger Abkehr von seiner sogenannten Traditimr ebenfalls bereit zum Treibhaus für alle Pflanzen des Imperialismus geworden ist. Marcel Sembat, der unerschrockene Vorkämpfer der Fretheitsidee in Frankreich, ist einer der Wenigen, die es wagen, diese Dvrge offen auszusprechen. Am 4. Sep- Jetzk aber feiere wir, baß' die Verbündeten für.uns nicht . das geringste Mitgefühl haben. Die Entente handelt rein nur aus Spekulation und Rechnung und dskretiew so, wie es ihren angeblichen Interessen entspricht. Die Tschechen haben Rußland verloren und darin liegt alles Uebel. Rußland aber mußte gelähmt tveiLen, damit England in Asien und in Europa freie Hand habe. England hat für uns kein Verständnis Und kein Gefühl. .Die „Tribuns zitiert einen Artikel der „Moravsko- .Slezka Revue" .worin die englische Politik und auch Giemen ce au persönlich angegriffen wird, dessen Frau eine W i e n e r i n, dessen Schwiegertochter eine M a g y a r i n sei und dessen Sekretär innige Sympathien für die Wiener und. die Budapester Finanzcligue habe. Ruhigere Auffaffuug in Prag. — Kein kriegerischer Konflikt. ' Drag, 12. September. (Tel.-Komp.) Unter. AeilnahMk der Äbmänner aller Klubs der Nationalversammlung tagt seit Mttag aus der Burg ein außerordentlicher Min isterr ä t unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Tns ar.> . Wie der ,#scerni?" mclbet, wurden dem Mrnisterrate^ authentische Berichte aus Paris in der Teschener Angelegenheit! unterbreitet. Als gewisse Erleichterung der Situation wird' die - Entscheidung des Obersten alliierten RadS angesehen, < welche die Frage der staatlichen Zugehörigkeit Teschens durch'; ein Plebiszit, lösen will. Der Vierverband/ hÄt sich, so; R-a/t i> o n a l.v e r s a m m l u n g darüber--anrufen/ was jetzt! schreibt.-bas BlstÜ, somit doch nicht entschlossen, die chauvinistizU gescheheu habe. Die allgemeine'- Auffassung 'gsht^ahüi, j - fcheB-Forderuuse»'''der. Polen vollständig zu erfülle«. Di^ daß die Regierung eine entsch/iedene Protestnote j'heutige Beratung wird vom Geiste der Hoffnung-auf eine«!: senden und sich bemWen tverhe,, eine RevisMn sitr-.-'M^tschecho-slowaKsche Republik günstigen-Ausgang bev! des Abkommens yerbeiMuhreu. .Sollte das mcht getmgeu,! .L,V, " <L cr Z. °. “ werde .das Kabinett, zürückireten,.,. : -! - gaschener r^rage getragen. Weder die Regierung, iioch die SaMliche''stschrchische!L!Blät'Le^.-7Uiähneu'- .zur!.-/.-Besonnens Partien denkenmr eine» kriegerischen Konflikt- ' . neät P o l en, abewfie find' auch fest entschlossen, die Herausbietes unbebingt ZU verjenen Teile dieses.GebieteS auf alle; Fälle' festzuhalten, der sich jetzt - unter der Berwältung der. Republik befindet. Es wird nicht zugelassen werden,'daß dieser! Teil "vom polnischen Militär besetzt werde. Vr der- Konferenz wurde auch -über die'für alle Fälle zu treffenden Maßnahmen,!! tonne Uber bie Vorbereitungen siltdas kommende Plebiszit beraten. In der Teschener Frage haben die Polen nicht ' den-erhofften Erfolg erzielt, worüber sie sehr überrascht sind;, ' aber auch für uns Tschechen ist es ungünstig, daß es in/ / den - Komitaten' Arva und Zips zu einer Volksabstimmung' Lommerr soll. Slnch die hierdurch, notwendig erscheiueuden Mor-; bereitungen-werden in-der heutigen Konferenz beraten. - i . Der Wrristerrat und die 08mamter?oit,?ereit$ tagen iytz .Permanenz. Prag, 12. September.' Das Tschecho-flotvakische Preß-! büreau meldet: Die Pariser Meldung über die Entscheidung in der Teschener Frage hat allgemein Enttäuschung und Be-' weguüg hervorgerusen.. Die tschechische Presse befaßt sich utj ihren Leitau fsätzen mit dieser Frage. Einmütig wird die Notwendigkeit betont, Ruhe und Ernst zu bewahren; die Re-, gierung möge auch weiterhm in Paris! an der Erhaltung! - unseres Teschener Gebietes arbeiten und' die ersehnten Be-;; richtigungen im Geiste _ der Gerechtigkeit erzielen. Unsere Abgeordneten' find' gestern nachts heimgeLehrt, um dem erbitterten Volke im Karwiner Becken aufrichtige Berater zu sein. Der tschecho-slowakische Nationalrat bereitet ein' Manifest an das Volk vor. zu ).ü) allerMfMMüen'GtMlentL 'ici' esauf die Ethaltung der Ruhe' liinzuwirken. So schmerzlich auch dre.-HntfcheidunA, der - FriedenUMferenZv ish, Mgt^daß Blatt, weitch:,//sü Mm.,sie hoch hn nick>i;■ b,!if.it -luenhsit. ' -fvlll Einblick durch-- -/GMrN^nich't---ÄreHv.-./-b«selLigt werdest./ Dm Diublick auf die Gi'fahr tschechenfenrdlichsr lluruhen im Karwiner Revier, ist, es -oringeHd uolchendig. ,daß „sofort,. sowohl ln Paris-'als^auch -'-/bei--.-den?GrtenLemissiönW M Teschey ein- . : geschritten werdeF daß?, . u n .v e r z.ü g l.i,ch/M aß n a h m n z nr S/i'cheritit'g b'c r Ruhe n'nö "nn gestörten Ko hlen fördsrung getro ffen werden. /Me'tschecho-. slowakische Sozialdemokratie - steht in Angelegenheit/ des , ' Rechtes aus das KLschqyer/H'Lhtsl.uud. -.desiew' MnverleibWg^ in den Rahmen der Republik mit'den übrigen tschechischen' Parteien in einer Front' und werde iiichts 'Unterlassen, unr auf eine Remehür äm: Sinke - des /Rechtes'- der Tschechen hin-; zmvirkeu. Mit .dem. '-gleichen.Nachdruck we/rde. die .tschecho-. slowakische Sozinlde'mokrätie, ihrem' Programm getreu, den ' Standpunkt vertretells, datz/es zu kLÜvem Plütvergietzen und zu keiner Wiederholung des furchtbaren-/Krieges -konürrt. - - - „Ceöke'- Slovo" erklärtdaß der TWchen jetzt eine schwere Ausgabe harre: Die Brüder im Teschener Gebiet vor der Rachsucht und UndiSziplinierth/er-t 'pokn^- s ch e r S o l baten zu -bewahren. Es wird keine' leichte Sache sein, auch nür das nackte Leben' deruNeuerlich unterjochten Brüder izu schützen.. Wir-- werd/en - mt'e gestatten, i daß d ie Polen diese.Gebiete besetzen ünd, so! wie sie es inOstgalizien getan haben,! hör der besinitiven Regelung der Sache die 'G/efüngnisse. füllen' und ' Ma ssen tz rn rich tun geu 'd ü rchf'ü y r e n. IumSthlusse sagt das Blatt: Eine Nation, welche einen/ geordneten Staat schaffen will, dürfe ihren Schmerz nicht.durch Stürme in den Gassen zum Ausdrück bringen. Der katholische „Cech"' schreibt: Wir/müssen uns an dio „Liebe" der Entente gewöhnen, lieber Oesterreich .haben wir geklagt ünd ihm alle Sünden vorgeworfen. Die größte tschechische Niederlage. Prag, 12. September. (Tel.-Komp.) Dir..Dentokracie* bezeichnet'die Entscheidung in der Teschener Frage MS die größte tschechische Niederlage seit der Schlacht am weißen Berge. BWBbhbwbmm1 «I wiimri'j in iiiiirm’nui tember hielt er in der französischen Kammer cme Rede, in welcher er darauf hinwies, daß die chfnrptfächlichste Gefährdung des Friedens von nun an in Polen zu finden fei, und er begründeteres damit, daß er. sagte: Dadurch, daß Deutschland. Danzig verloren hat mro daß Polen Ostpreußen Zugesprvchen wurde, mph . in Deutschland das Bedürfnis nach Rache, und nach Rückerwerbung Ostpreußens erwachen.- Wenn sich die Deutfcheil aber - rächen wollen, so werden sie ihre natürlichen Bundesgenossen in den Russen finden. Der „Temps" versucht nun. diese^ Argumentation zu entkräften, und charakteristisch ist folgender Schlußpassus des erwähnten. Aussatzes: „Zwischen Derüschland ünd Frankreich gibt es keinem Aermelkanal und kein Atlantisches Meer,, sondern nur die Körper uuserer Soldaten. Diese besondere Situation legt uns besondere Pflichtm auf in bezug aus Ofteuropa, Polen wie Rumänien sind unsere natiirlichen Verbündeten. Wenn wir es riskieren, sie zu vergessen,: werden unsere überseeischen Alliierten ihrerseits vergessen. Denn / der Frieden Europas würde noch. brüchiger werden. Aber wir werden sie nicht vergessen." Man wird, also damit zu rechnen haben, daß Frairkreich den Aspirationen Polens und Rumäniens auch künftig seine nachdrücklichste Unterstützung nicht' versagen wird. Es kommt noch hinzu, daß, die syrische Frage im Begriff ist, das freundschaftliche Verhältnis, zwischen Frankreich und England ernstfiaft zu ge-' sährden. Die französische Presse unterliegt bereits' wieder vollkommen der Fachoda-Stimmung. Jede unsanfte Berührung des sehr empfindsamen Nervenstranges zwischen London und Paris kann nur zur Folge haben, daß Frankreich sich mit umso größerem Interesse den osteuropäischen DingPt. zuwendet.