Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 232 (11.9.1919)
- Date
- 1919-09-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die UnabhängicKeit hxr Republik ist freilich. nur eine/ scheinbare. .In Wirklichkeit ist der Herr Oesterreichs -7- -wie der neue Staat nach ^em Wortlaut des Friedensoertrages heißt — die Mparationskommission, deren Befugnisse P / einer Regierung sein werden. Sie wird sich 'bald, überzeugen können, . daß der Vertrag, : auf dem die Republik ihr Leben gründen soll, in last jeder seiner Bestimmungen unwahr ist und daß sehr westgehende Erleichterungen geschahen werden müssen, umden Staat, der zu einer Kolonie der Sieger herabsinkt, auch nur einigermaßen über Wasser zu erhalten. HieMeparattonskommission wird'bald einsehen,- daß die Sicherung der Hauptstadt Wien die erste Aufgabe einer vernünftigen Politik sein muß, die aus die Ruhe Mitteleuropas bedacht ist. Wenn sie diese Ueberzeugung nicht, gewinnt, dann wird das Wort wahr, mit . dem »L'Oeuvre* die Zeremonie von Saint-Germain ah die. Unterfertigung des Tcchchmteils Oesterreichs bezeichnet. „Wenn chm", sagk-'d«is.?'Älatt, '«die.'EMyte nicht sofort unter die Arme greift,! verfällt es ^dem BWSrvch der Marchie, dem'-Hrtergang.^ iüMM-MüMWd erktziHn^?-W''.M^ BestMuÄ OeDrreichs, so gerecht sie sehr mag, zu weit getrieben Wochen ist. Es darf nicht so weit kommen, daß mitten ch'-Emopa ein Leichnam liegt.";v. * v; .Die MnMdon wird viel . Einsicht bewähren «Men, um dieses furchtbare Schicksal von sichen WÜÜonen Menschen fernzuhalten und um die Anrainer dieses Staates, die sich ohnehin in sehr uttgevMeten Verhältnissen befinden, vor der Ansteckung Mchitzerr. . < '7 . Freikch würde alle" ihre Mühe und Klugheit schörtem, wenn nicht die Bewohnerschaft Deutsch- Wrreichs selbst all ihr Sinnen und Trachten Waus richten'würde, die Zeit der Schuldknechtschast Und Unfrtzcheit nach Kräften abzukürzen und sich die volle Frecheit wieder zu erwerben. Sie muß aufhörew ihr Schicksal zu' bejammern, von; dessen trauriger Ge- Mtüng. sie nicht uMdingt sreizusprechen ist. Sie^ muß sich zur inMen Freiheit - dmchringen, muß-, den Willen r zur- Arbeit zum höchsten Lebensinhalt erhchen und mit. zusammengebissenen ' -Zähnen Mran gehen, sich eine neue Existenz zu gründen. Die Hoffnung auf die Hilfe der Entente. -darf jemals und unter kemen Umständen ein ausschlaggtzbendes Moment bei der Beurtellung der Rettungs- Mglichkeiten bilden. Nur wenn Deutschösterreich sich Dbst hilft, wird ihm Gott helfen. Der Friedtznsvertrag ist bei aller Härte?, doch: nicht so geartet, daß tt der Republik jede Bewegungsmöglichkeit: nimmt. .M bleibt ihr Unbenommen, durch die Abschließung von Handelsverträgen mit den Nachbarstaaten einen .Tauschverkehr einzuleiten, der ihr über die erste m Zeit Wweghelfen kann. Vor wenigen Tagen ist-erst.der eines Kompensationsübereinkommens mit dem jugoslawischen Staat bekannt geworden, der bereits., ein Abflauen der Arbeitslosigkeit zeitigte, indem eine stattliche . Anzahl von Fabriken voll in Betrieb gesetzt weiden konnte. Der Geist dieses Uebereinkommens ist ein Außerordentlich freundschaftlicher und der Text des Aertrages liest sich' wie ein Gruß, den Belgrad? an ' Dien sendet, Belgrad, das am Beginn 7 des. Krieges /-vpn. denen, die damals Wien beherrschten, mit Bcr- '-'nichtlmg bedroht wurde. Auch die Tschecho-Slowakei, Polen, Rumänien, Italien — sie alle stehen Deutschösiexreich mit der Erwartung des Kaufmannes Men- -Mbep,. der sich, auf Verhandlungen mit der Kundschaft A einrichtet. Es ist wcht so schwer, .mit diesen - Staaten v‘ in Verkehr zu kommen, man mutz nur die Macht der. Tatsachen anerkennen und sich damitabsifiden, /der 7 geschwächte Rest, eines. großen Staatsrpesens zu sein. - 7-^^ -?-' - .-V■ : Die Lebensinteressen Deutschösterreichs liegen mehr - wies die eines anderen Staates auf wirtschaftlichem 'r Gebiet. Aber ihre Sicherung wird nur erreicht, wenn - die inner.' Politik sich in den bescheidenen Grenren Die Unterfertigung des FrredensverLrages in Mint-Germain. Die Rumänen «nd Jugoslawen «icht erschienen. Saint-Germain, 10. September. Am Stein z e i Lsaale des Schlosses von Saint-Germain fand heute' vormittags die Unter zeichnun g des Ar ieben s- Vertrages zwischen ' der Re p ub l i k Oe st e'r r e i ch und fast allen Staaten der Enten.te statt.- Clemeneeau hiölt hierbei folgende Ansprache: „Herr StaatsIanzler der Nepirbkik . Oesterreich! Die Verhandlungen sind zum Abschluß gekommen. unb haben zu einer Verständigung über die Bestimmungen. des Vertrages zwischen dßN alliierten . und assoziierten.Mächten und der Republik Oesterreich geführt. Diese Bestimmungen sind in dem hier. vorliegenden Text enthalten. Ich häbe'.ein Schreiben unterzeichnet, in dem ich bezeuge,? daß?' her.Mer vorliegende Text genau mit dem Ihnen.bekanntexr - Mereinftimmt.. Im Namen der alliierten und assoziierten Mächte Litte ich Sie nunmehr, an die Unterzeichnung zu schreiten." Hieraus unterfertigte StaaLKlanzler Dr. Renner'den Vertrag so wie die. vorgelegten Prot>ot>olle. Nach ihm unteMichnete. die amerikanische, dann^ie? großbritannische Delegation. Es folgten die Franzosen, die Italiener und die' Japaner. Der alphabetischen Reihenfolge nach-schritten dann die kleineren Staaten an die Unter^eichming, wobei es sich ergab/daß sich weder di^ rDn/Lnifcheu. noch die . jugoslawischen DtzlWHrHn zur Unterschrift eingefunden-Hahten. ^ssizW^jvürdd von dieser WsenÄrumg nicht ddv t i z g em o.m me n..Als- Führer der polnischen Delegation war Paßhrewski erschienen: - Für die tschecho-slowakische Republik Unterzeichneten Dr? Kramarsch und Benes'ch. Abrpise -er deutfchösterreichischen DeLegatLon. " Sarnt-Germaiu, 10. September. Staatskanzler Dottor Renner reist hrute Äends mit den Diitgliedern der Deltgat'.vn' näch' Wien ab. An Samt-Germain bleibt Konsul Ntir \\:e r- ■ bau s e r mit einigen Mnzleikräften zurrick, um die laufenden- Angelegenheiten zu erledigen. Renrters Dank an Sarirt-GermÄin. Saint-Germain» iO. September. (Korr.-Bur.)' Staats»' * kanzlet 'Dr. R e n n'e r hat in einem Schretbm an die S t-a d,t S aü.n t - G e r m a.i n den D.a u k der v si e r r e ich t» f ch e n D e l e g a 11 0 n für die freundliche Aufuahute und die wählend, vier Monaten erw'.esene Gastfreundschaft airsgesprocheu.' 7 Knapp vor der Abreise des Kanzlers erschien 'der Slirafcffc des Departements Saine-et-Oise, C h a L e f f, um dem Kanzler die. Grüße der Stadt zu überbringen, die es sich zur Ehre rechne/ biß Otzsierrercher bei sich beherbergt zu haben, und derrm Beivvhner insbesondre die Person des Kanzlers in ' ihr Herzoge-', schlösienhätten. .... j , . Der Präfekt teilte mit, daß das D a u k s ch r. eiben d e S.'K a n z l e r S in gauz Saiut-Gcnnain an den Mau c r n werde angeschlagen w erd em. - 5 Die Vertretuug Deuischösterreiichs in -er . SieparationsLoAwisfion. ..Mie in parlamentarischen Kreisen'verlautet/ soll Sektions« chest Schul l e r vom Staatsamte für Handel von der. Regierung als der Vertretet/Mseres. Staates iu der ReParatiouL-, kommisswn ausersehen sein. Sektiousches Schüller .wird jedoch em- Beirat, bestehend aus Parlamentariern und Vertretern des Handels, Gewerbes und der Judustrie, zur Seite gestellt, dessen Aufgabe es ist, unserem Mitguede in der ReparationskoulMission die. üötigeu Dwektiven zu adbin.wie überhaupt ihn tn allen zur Bechandlmrg grläÜgendck FraM. zu unterstützen. , ^ittmäure« rnr- Südslawiett üatttt bis WmsLaz pntLpzeichne«. Soiul-Germsiu» 10. September. Das V Protokoll des??riedeMvertrages bleibt sür-Rmnäme« and JugoslaAm bis Samstag zur llnterzrjchnung offen. Eine deutsche Note wegen der Dorgtznge in WerWDen. Protest gegen die polnische Agitatio«. Berlin, ly. September. Versailles.' ist heute^ folgende Note überreicht wordeß:. - ML lebhafter Sorge verfolgt diö-' deutsche Regierung die. voü 'unverantwortlicher. polnischer Seite aus Anlaß der vberschlesischen Vorgänge gegen Deutschland seit; nunmehr 14 Tagen mit unverminderter Stärke in Wort und Schrift betriebene Hetze. Sowohl die Artikel und Aufrufe in der Presse sowie die in zahlreichen Valksversmmnlvngen in allen größeren Orten Polens gehaltenen Reden über, die Er- ' eignisse und Verhältnisse in Oberschlesien sind geeignet, ckie breiten Massen ny,polnischen 'Volke .^in'?.^ine .gefätzr-. liche Erregung zu versetzen und sie zu Gewalttaten aufzureizen. -.Unverhüllt wird ein bewaffnetes Einschreiten, also der Krieg, gefordert und zur Bildung von Frei-, scharen aufgerufen. . Die deutsche Regierung glaubt der. Zustimmung der polnischen Regierung sowie der übrigen alliierten und assoziierten Regierungen sicher zu sein, wenn sie es als eine ernste Pflicht der polnischen Regierung bezeichnet, diesem Treiben entgegenzutreten und mit allen - Kräften aus eine Beruhigung der öffentlichen Meinung in ihrem Lande hinzuwirken. % Eine fortgesetzte-Ouells der Beünruhigimg liegt indem. Umstande, daß die. in der Nähe der Grenze zum Schutze der Ortschaften -und zahlreicher industrieller Niederlassungen' stehendeir deutschen Truppen -fortgesetzt hält, die dem neuen Staat gesteckt sind.? Die Zukunft Wiens kann eine große werden, sie kann bis zur Auf-? richtuug des europäischen WarenumWagspläkes gedeihen, wenn die Regierung des Staates und die Verwaltung der Stadt Wen an politischer Voraussicht das nachholen, was sie bisher versäumt haben, wenn sie gutmachen, was sie bisher gesiindigt haben. Mit Ausweisung von Fremden, mit antitschechischen Straßenkrawallen,?mit Lieferungs« bosbeiten' aräbt die Revublik w.u iür eigenes Grab. Angriffen seitens . polnischer. - Banden ausgescht - sind. Diese Banden stoßen unvermutet über die Grenze vor, fügen den. deutschen Mannschaften Verluste zu' und' ziehen sich'^., sobald stärkere deutsche Kräfte erscheinen, eben r so schnell über die Grenze wieder zurück: Es bedarf - der größten Selbstbeherrschung der . deiftschen Truppen, daß sie sich nicht in der Verfolgung solcher Bändenzu Grenzverletzungen Hinreißen lassen, was das? zuständige Gen^rAommando in eurer amtlichen Mitteilung am 2. S^Mmber - besonders hervortzehdben -hat.' ' - Es . genügt iaber nicht, daß die an der Grenze befindlichen polnischen Streitkräfte untätig Bleiben. Vielmehr ist dringend erfprderlich, daß diese Streitkräfte für eine scharfe Absperrung der Grenze gegen einen .Uebertritt von Banden sorgen und' verhindern^ daß sich diese Bänden mit Waffen'und Munition'ver^ ' sehen. Eine Fortdauer der jetzigen, sowohl für die- : ^Truppen, wie für die friedliche 'Bevölkerrrng nnerträg- - t-ichem Zustände würde den Eindruck erwecken, daß die pvljrischen Ueberfälle mit Wissen rrnd Wollen der polnischen Militärbehörden erfolgen. Die deutsche Regierung möchte diese MelegsnheiF auch benützen-' üm' mit Nachdruck darauf hinzirweisen, daß sie in etrger Verbnrdung mit der preußischrn Regierung aus Rücksichten des allgemeinen'Friedens und des. öffentlichen Wohles mit Erfolg: bemüht ist, in ' Oberschlesien die Ruhe-unh Ordnung und bitiiüt die Fortführung ,der Arbeit und.der Produktion zu sichern. Die PolM der Nadelstiche muß aufhören. Deutschöstexreich' ist' so arm, daß es ersticken muß, wenn es sich selbst isoliert - und ^enn es im Ausland in den Aus gelangt, ein ftemdenfeindliches Gebiet zu sein. dHen Regierung über jeden Menschen anderen Glimb.ens» anderen Volkstums oder anderer Sprache dys Damoklesschwert der Ausweisung hängt. Wird diese Art des Regierens fortgesetzt, dann wird Deg^schösterreich in den Untergang hmeingetriebcu.