Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 231 (10.9.1919)
- Date
- 1919-09-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/2979076-2979077-2979308--02061-2987533- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
.Atefttmmpitfr: 'Drrks 36 HfLrr ®Hbi nt 8«fl«jlvnG 63 kch. . . .X 7,~ WlJUnftff 80^- fSltrt« ... 7. 40.- kfShrrs..... 80.- Mtyostvcvsülivr W-na-Itch. ...L 7.80 “ ‘ ‘ »L.— <?}. g&Ä ^äiSa^' Nr. 231 ifr-.'U'r- •'.■ *;..• •••••; - l i*-‘rr ~y *. - ÜW« \ *n*fr fftr da* Midi ' Nt-a-Mch. .^xM.sa Wr-«toIMdvksMD»S.- N-kd,Afl1S^.^K0.- «- " - •-»'*/«. —!•,» &t5f*XSitmv:. Avttrrnistri,- AH. *' •■ WK»». f^N. - S»b»,ftrai!«;■•• r ~ 1—0 ■-. , *13«. 150^503 - Wien, Mittwoch, den 1«. September ISIS 1. Jahrgang Tschechische Sorgen. —V Wie«, 1V. September. .• Die Ahnungslosigkeit, mit der die Entente an die Msung der europäischen Liquidationsprobleme heran- Wetteten ist, hat schon in den Friedensbestinrmungen, Me sie Deutschland und Deutschösterreich diktiert würden, den Keim zu schweren Konflikten gelegt, die hie Ruhe Europas bedrohen. Sie hat sich aber auch hei der Abgrenzung und Behandlung der neuen Nationalstaaten gegeneinander gezeigt und auch hier Verhältnisse geschaffen,'die an Verwirrung das äußerste leisten. Der Staatskanzler Dr. Renner hat schon in seiner Rede vor der Nationalversammlung, in' der er sich die Ermächtigung zur Unterfertigung des Friedensvenrages erbat, hervorgehobm, .daß in der Bestimmung der Grenzen Wd das historische, bald das ethnische Prinzip angewendet werde, jedesmal aber zuUnrecht. Diese Klage wird ja m6)t zum erstenmal erhoben und sie gründet sich eben darauf, daß Deutschösterreich ein besiegter Staat ist und sein Unglück tragm muß und oaß letzer in Pmis unterlassen wordem^war, mit der Wiener Friedensdelegatton in mündliche Besprechungen über alle Gebiets- und Wirtschaftsfragen einzutreten. Es muß aber sehr wundcrnehmen, daß die Entente hei der Regelung des Verhältnisses der neuen Nationalstaaten zueinander, obzwar überall die Fiktion der' .Bundesgenoffenschaft aufrecht erhalten wurde, schwere Fehler begangen hat, deren Wirkungen :« sich schon heute zeigen. Die Teschener Frage vergiftet die Beziehungen zwischen Polen und Tschechen,' und wenn Man. auch noch' nicht von einer akuten Kriegsgefahr frechen kann, so ist doch die Situation außerordentlich krstifch geworden und bedroht den 'inneren Frieden der Tschecho-Slowakei in' einem; solchen Grad, daß das ^Mbinett Mär sich in'der übelsten Lage befindet^ üWsein'pöMDs Dasein,' das^ ihm ohnehin durchs HkWMeivechäWfseMM-WW Häftskrise sauer gemacht' wird, kauM noch-lange zu fristen vermag. / ' - Die tschecho-slowaMche Repüblik ist ein Musterbeispiel' dafür, wie ein Staat nicht 'konstruiert werden darf. Das, .was ihre Stärke ausmachen konnte, -was ihre Unübenvindlichkeit hätte feststellen und sichern Können, nämlich die nationale-EinheMchkeit, ist durch die Unkenntnis der Pariser Staatsmänner einerseits, durch Ijen Heißhunger. der Prager Chauvinisten andererseits unterblieben . und die Republik zahlt ein halbes Dutzend Nationen, deren Lebensinteressen mit denen des Staates, auszugleichen in einem durch den Krieg erschütterten Gebiet zu einem unlösbaren Problem wird. Die Tschecho-Slowakei ist «nicht gesund. Das in die Augen - springendste Symptom ist der .alle Schranken politischen Taktes niederreißende Parteien- Lampf, der wilde Haß gegen alles Nichttschechische, der sich vielfach bis zur .. Gesinnungsschnüffelei und einem. erschrecklichen politischen;; Spitzeltum wersteigt und einer wirtschaftlichen Unsicherhett, die die Chancendes nächsten Augenblickes nicht berechnen ' kann. Die Tfchecho-Slowcckei hat von der Entente i viel Versprechungen, aber wenig tatsächliche wirtschaftliche Hilfe erhallen, und so kommt es, daß fit! in einer unaufhörlichen schleichenden Krise ihr Leben verbringt, deren Begleiterscheinungen Straßenkundgebungen der ruinösesten Art und Streiks bilden, die bald hier, bald dort ausflammen und beweisen, daß die Not des Lebens stärker ist, als alle imperialistischen Doktrinen. Die Teschener Frage, die zu alledem das politische Leben belastet, ist für die Tschechen nicht nur eine Angelegenheit des nationalen Prestiges, sondern .vor allem eine wirtschaftliche Frage von höchster Bedeutung, da sie das Schicksal des Ostrau-Karwiner Kohlengebietes in sich begreift. Die reichsten Gruben - dieses Gebietes liegen, jenseits der Demarkationslinie und es ist.verständlich, wenn «sowohl Bürger wie Arbeiter mit Sorgen die Entwicklung dieser Frage verfolgen, die die Leoensinteressen der reich gegliederten industriellen Organisation der tschechischen Republik an ihrer Wurzel saßt. D»e tschechische Republik hat in den Kämpfen / mit Ungarn viel Blut verloren und viel Geld geopfert. Ihr Militarismus, der den deutschen noch überbietet, zehrt an dem Mark des Staates, der zudem noch unter dem gleichen Ueberfluß an Beamten leibet wie Deutschösterreich. Das tschechische Volk ist fthr.ruhebedürftig und möchte gerne den wirtschaftlichen Aufbau mit gesammeller Kraft beginnen. .Es wird «daran durch die Fehler der Entente und der nationäldemokratischen Imperialisten gehindert undoie Koalition zwischen Arbeitern und Bauern scheint Hon Heute untergraben. -. r. Spaltungen in Sowietrußland. i Twer erklärt sich von Moskau rmallhängig. Amsterdam»^. September. (Korr.-Bm.) Das Pretzbnreau meldet aus Hsrosa, hast in London die Nachricht eingetroffen sei, daß der Sowiet von Troer seine Unabhängiglleit von der Zentralfowietregiernng erklärt hat. A m st e r d a m, 9. September. (Korr.-Bur.) Das Rentersche Bureau meldet, daß die Anzeichen auf eine Spaltung unter de« Bolschewiken» insbesondere in Nordwesirrchland, wie diä Bildung einer neueu Gruppe, die die radikale Politik Lenins und Trotzkiö nicht mitwachen will, Hinweise«. . ■ Mita «, 9. September. (Tek-Komp.) In eiuer Nede vor der Moskauer Sowietorganifatio» bezerchnete Lenin die militärische Lage Rußlands als gut» jedoch im Süden als schwierig und erklärte, der Grund für diesen Aebelftaud liege i« Versagen der dortigen Näteorganisatione«. __ " Vor einer Kabinettskrise in Prag. . Rücktritt des Eisenbahm»i«isters Stribtrny. — Die Angriffe gegen Tussr.f Die allecseine polnische ©Würau*, i» der Kch die. Miee Masarhk legt ihr Mandat nieder.^ - Prag» 9. September. (Tck-Komp.) Wie die „Nmodu! Llsty* erfahrt, 'hat Fräulein Doktor Alice M a s a r y k ihk tschechische Oeffmtllchkeit seit längerer Zeit besivdch dräugt zu einer EntscheidMg. Der Gegensatz zwischen he» koalierten Parteien wird immer schroffer Md die Naüonalfozralen scheinen auf dem Sprung, die Regierungsmehrheit z» verlassen, w-8 zur Folge hätte, daß daS Kabinett Das« zur Demission gezwungen wäre. Die Nationaldemokraten und die tschechrscheu Klerikalen, die seit Beginn deS Regimes Tusar erneu energische» Kampf gegen das sozialistisch-agrarische Kabinett führen, hegen die Überzeugung, daß mit Hilfe der Legionäre eine neuerliche Installierung des stieren Systems Kramatsch mit dem jetzigen tschechischen Außemninister Dr. Benesch an der Spitze dmchznMreu ginge. Die letzten PorgLnge in Prag scheiM. dc^ Bmwill M 'tzM pliMmäßigeL Lktiow zu sM deren MdtrAat^^ R^ierirN 'W soll'' / Ucker die Vorgänge i» Präg^^ Bericht«» nachstehende Telegramme: Prag, 9.. September. (Tel. der .Wr. Morgenztg.^) Der Eisenbahvminister - Stnbernh hqt heute dem Präsidenten Masarhk seine Demission mitgeteilt, die auch angenommen wurde. Bisher ist nicht bekannt, ob ein Nationalsozialer Nachfolger Stribervys werden wird., Prag, 9. September. (Tel.-Komp.) Ministerpräsident Tusar erhielt den Auftrag, wegen Neubesetzung des Eisenbahnportefeuilles die nötigen Schritte ^einzuleiten.^ Die Demission des Eisenbahnministers Striberny hängt augenscheinlich mit der vor kurzem veröffentlichte» D e f r a u d a t i o n s a f f a r e des Bankbeamten M t ß c f zusammen, in der der genannte Minister in den tschechischen Blättern wiederholt als Kartenpartner des Deftaudante» genannt wurde. ' Mandat m der Nationalversawmümg niedergelegt.- Ueber das erledigte Mandat wird der Slowakenllub . entscheiden, welchrw Ali« Masaryk angchort hat. , - ErklärMgen Tusars. Prag» 9. September. (Tek-Komp.) Das Abendblatt LeS ^Pravo Lidn" meldet: Morgen, Mittwoch, findet die ersti SitzMg der Nationalversammlung nach den Sommerferien statt Die ganze SitzMg wird der Teschener Frage gewidmet fei« Ministerpräsident T n s a r wird eine Regierungserklärung Äa de» Stand der TeschWej: Frage Vorleser, woraus^ . die Debatti .eröffnet wecke« töiift.r In der Donuerstagsitzrmg Asiid MinisterpraEeut Tusar eine Erklärung über -die innere», politischen Am gelegenheiteu der Republik M'Verlesung bringen^ welche Erklärung sich auch mit der llkationalitätenfrage besaffen wird. . Äre Berhastnuge« in Prag. Prag, 9.. September. (Tel. der,,Wr. Morgenztz.^ Dü wegen der monarchistischen Demonstrationen festgenommenen gewesen« Adeligen Dr. Friedrich und Franz Zdknko L o b k o w i tz sowie ^die verhafteten Militärs wurden in das G a r n i .s o n sg e s ä n g n i s am Hradschin gckracht. Die zivilen Teilnehmer an dem Komplott werden dem Strafgerichte eingeliefert.^— , Sonntag nachmittags wurde ans feinem Schlöffe Heinrichqrün 'der ehemalige Gras Erwein N o st i tz verhaftet und nach Prag emgeljefert. Im Laufe seiner Einvernahme stellte es sich heraus, daß eine BerwechslMg vorlag, Md zwar sollte her ehernalige Baron Dr. Erwin R a d b e r n y v. B o r u t i n verhaftet werden Daraufhin wurde Rostitz, noch gestew abends wicdch. aus freie« Lmß gesetzt. / '' ' ‘ . Das Ultimatum der Entente an Deutschland. Der Oberste Rat verwirft die deutsche Antwort. Pa ei s, 9. September. (Havas.) De» Blatter» zufolge hat der Oberste Bat die dentsche Antwort i» bezug auf die Unterdrückung des Artikels 61 der deutsche« Berfaffung einstimmig als ungenügend ev^ achtet und beschlossen, seine Ailfhebnng ne^exdings z« verlangen. Belmar» 9. September. (Fnnkfpruch.) ^New Dork Sun" veröffentlicht einen Bericht seines Pariser Korrespondenten,, daß die deutsche Auffaffuug des § 61 der deutsche« Berfaffung in der Antwort auf das Ententcultlmatum unleugbar immer mehr Anhänger m den diplomatischen Kreisen gewinne. Dies «klärt sich daraus, daß weder Italien, noch Amerika, noch^Großbrrtauni en B e-d enken gegen einen Anschluß Deutschösterreichs an Deutschland Hab e n. Wenn der StandpMkt Frankreichs, der im FrichenSvntrag zur Geltung kam, durchdrang, so geschah dies nur deshalb, weil die anderen Mächte d^ Einigkeit in den. Rethen der Hauptmächte nicht zerstören wollteM Ein zweiter Grund, sich auf Seite her Deutschen zu stellen, ist der Umstand, daß Deutschland den ftaglichen Gesetzesparagraphen ganz offen irab^ monatelang besprochen hat und, wie gestern der halbofffzielle „Temps" zugegeben hat, die Ententk wrckttholt Md reichlich Gelegenheit hatte, gegen den Paragraph StrllMg zu nehmm und seine Weglassunci durch- Metzen.. Der „Ternps" erinnert daran, daß. die Weimarer Natronalversammlung schon am 21. Februar'jene Klausel für dir Berfaffung vorschlug, ohne daß die Alliierten dagegen ein Wort emgewendet hätten. Am 28. Februar sprach der Abgeordnete Spahndaß Vorkehrungen getroffen seien/um den Anschluß Deutschöfterreichs gegebenenfalls zu ermöglichen uMdie Entente erhobabennats keinen Emwand. Dann wurden die Msetze monatelairg verhandelt. Jv der Zeit zwischen der dritten Msung am 31. Juli und der Ber. lautbanmg der Verfassung als Gesetz — am 14.3lugust — hatten (nach dem „Temps") die Ententemächte wieder 14 Tage Zeit zum Einspruch, ohne ihn zu erheben. Die Mitteilungen aus diplomatische» Kreisen, daß keine d« Machte den Paragraphen 61 gekannt hätte, könnten nicht ernst genommen werden. Das Bild, das die Tschecho-Slowakei heüte bietet, ft ein sehr üÄbes und schwankendes und es wird noch grauer durch die monarchistischen Umtriebe, die, Zeichen Ursprungs wie jene in Pudapest' und Wien, lie Sivtation dazu benützen wollen, mit Hftse von Juden-' Hetzen und ähnlichen Mittelchen des „äiviös et impsru!- das ganze öffentliche'Leben so zu verseuchen mtb zu verpesten» daß dem Volk schließlich die Rückkehr des Monarchismus als der rettende Engel ^schiene. Das-Experiment ist vorläufig in Prag ebenso, wie in Budapest - mißlungen und die vielen Behafteten werden - im Kerker Zeit ^sinders» >dvrüber nachzudenken, wie schlecht sie es diesmal noch cmgcfangen, haben. Aber es ist. doch eines erreicht.worden: Die Vorgänge, deren Schauplatz.die Moldaumetropole in den letzten Tagen war, haben bewiesen, daß eine tschechische Einheitsfront nicht besteht und daß die aus - demKriegschaos geborenen Parolen über^die Bajonett Kordons hinwegsteigen. Das steiheitliche Europa, das mit soviel Hoffnung auf die Tschechen blickte, hat - wenig Ursache, dem Dllettantismus, der in Paris das Ptchteramt über die, Well ausüben will, sonderlich dantzbar zn sein-.**. - ■ - ■ -. ■;