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Wiener Morgenzeitung · 1919-08-28 · Heft 219 (28.8.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 219 (28.8.1919)
Date
1919-08-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Gmpko««p!arr 30 Hrürv flint ttü Austellml- M •;. ,' HaÄr ' « <K vterfeffölnrig . , w £0*— BtrlMrtbiff . . ,* 40.— «Mstahriz . . .., 80.— IRtt Postvsrsandt v taiHdt. . . .« V.SV - «'.'.la: e » i «i, 88*— J^’SSSSX L;W!-- "5= -7- Nr 219 renrr Wien» Donnerstag, den 28. August 1919 , Vmrerrsorux^ „' VMso'M-'- ^fSrntttweatfo**») ptHif* Mo da» A-nüaadr M-natttch . '■'B'-'h-BO ' &i<rM?5ir*iß yy; «».- Oftibfiiljrl» .V. « SS.— üfeCüiji m. A-dmirttfi«'»- ■■>■■■:■ Mi7^» .TJ. fftrfr^JSrrtL« Ur-..L-8 *«*.150.633 1. Jahrgang | Hindenburgs Geist lebt noch. f— Wie«, 28. August. Vor etlichen Tagen haben fämüiche technischen Deutschlands Hindenburg zum Ehrendoktor-Ingenieur emannt. Aus diesem Anlaß wurde dem -gewesenen deutschen Generalissimus eine lange ArKupde überreicht. In dieser wird hervorgehoben, Latz 'man auf einstimmigen Antrag dem General die höchste zu verleihende Ehrung erwiesen habe, mm bewundemder Würdigung. seiner unvergänglichen Verhiellpe um die zielbewußte Verwertung und gewaltige Mrderung des deutschen Ersinduygsgeistes und dchstfchm Schaffens, auf allen Gebieten der Technik.", M G nicht das erstemal, daß- Feldherren von denstaatlüh geaichten Stätten deutscher Wissenschaft das EhreOoktorat erhalten und Karl Kraus, der bedeutendste Publizist deutscher. Zunge — wenn nach feinem eigenen Worte jener ein Publizist zu nennen ist,, de; vom Tage, nicht für den Tüg schreibt — hat für diese^Prostituierung der Wissenschaft, die sich den Menen Boden abgrqbt, wenn sie auf ihre Freiheit und Unabhängigkeit verzichtet, die rechten Worte ^gefunden.! Dieser Krieg, dessen Ursachen man mit bequemen, das Denken ersparenden Schlagworten wie Imperialismus-Kapitalismus u.dergl. zu begründen sucht, ist letzten .Endes nur möglich geworden, weil Europa von «iüer'Geistesverfassung beherrscht war und ist, deren KuMrbegrisf jeder ethischen Bindung entbehrte. In ,den sogenannten fortgeschrittenen ^-Ländern blähte mclU sich vor Stolz über die errungene Kulturhöhe, unter per man. <tetztm Endes doch nur die Fortschritte der Technisi verstand und merkte nicht, wie der Mensch längst MsgMrt hatte, der Herr seiner .so sein konstruierjen MaWtren zu sein, sich in die hoffnungsloseste KnechtschD M der üüzähligen Mechanismen^begeben chatte, 'WMn>rüN fö mchr versklaviM je mehr sie vorgÄen, ihM'das Leben zu erleichtern und seinen Bedürfniffen W -dienen.' Auf jenem öden fruchtlosen Boden völliger ZWckhgftigkeit erwuchs jene unheilvolle Verknüpfung von.Phantasiearmut mit Machtstreben, die im Kriege, diesem konsequentesten Ausdruck des ungebändigten Machtwillens, sich aufs prägnanteste manifestierten auf -diesem' Unterbau erst erwuchs die verzerrte Idee eines Rationalismus, der, aller, kulturellen Forderungen Mkleidet, nur dem Willen zur.' Macht der Kleinen, VielzMelen diente. Wie wenig der Geist ausgestorben stst, der in der Erfindung von Blausäuregasen und!den' änderen fein ersonnenen MassentötungSi' und Verstümmelüngsmitteln seinen höchsten Triumph erblickt, «beweist Me* jüngste Kundgebung der deutschen. Techniken, die durch die Art, wie sie Hindenburg ehren, «n: Denkmal ihrer eigenen und ihrer Zeit Schande -errichten. , " t 5 Äber jener Gewaltgeist, der im deutschen Mili- -täÄsmus seinen unerreichten Höhepunkt gesunden hat, ist. dämm doch nicht eine alleinige deutsche Spezialität. Mr allenthalben zutage tretende Mdaunatlonalismus, der für die Lösung der nationalen Probleme nur das Mittel der Gewalt kennt, ist Heist v.on jenem Geiste und er spukt in Berlin wie in Paris, in Wien wie in Prag und Brüny. Bor einigen Tagen hat eine Gesellschaft von überhitzten Radaumachern die Abreise von Wiener - Sokolisten durch Brutalitäten zu stören gesucht. Die üblichen Argumente bildeten Stöcke und " geballte Fäuste. Es ist nun zuzugeben, daß auch in der Mchecho-Slowakei die Behandlung . der Deutschen vielfach zu wünschen übrig läßt und das deutsche Problem von einer gedeihlichen Lösung weit entfernt ist.. So wenig man auch geneigt ist, alles zu billigen, was in Böhmen und Mähren den Deutschen gegenüber geschieht,, so muß man doch den .Gemütszustand der Tschechen berücksichtigen, denen« in diesem. Krieg die österreichische Militärdiktatur mit allen Mitteln zugesetzt hat, und die noch immer die Empfindung des Wittmen Unrechts und der vielfachen nationalen Kränkung mit sich herumtragen. Bon unseren deutschradikalen Schreihälsen wäre es zu viel verlangt, wollte man an ihre Einsicht äppeMren und ihnen zu bedenken geben, daß Deutschöfterreich, der schwächere Staat ist und. allen Anlaß hat, . zu Äen Tschechen in ungetrübte ' sreundnachbarllche WeKehungen zu .treten. Wohin die Hetze führt,' erweisen die Ereignisse zur .Genüge. Schon wird in Mähren j&ec Ruf, laut : Keine.Köhfe für' Wien, den deutschösterreichischen Eisenbahnern ist es verboten, die Gr^Nzistation' Lündenburg zu verlassen üüd sich in die Stadt zu begeben, -unsere Regierung mußte sich für..die Takt- ' .»..tic.-.: .. - .- 1 Die Uebergabe des Friedensvertrages wieder verschoben. . - Meinrmgsverfchiedenhetten int Obersten Rate. S a i n L - G e r w a i n, 27. August. (Korr.°Bur,) Der „Temps" meldet, daß der Oberste Rat heute vormittags unter dem Vorsitze Clemeneeaus die Aenderungen ast den wirtschaftlich en Klauseln d es österreichischen Vertrag es geprüft und angenommen habe. Nach dem „Journal des Debats" find die Meinungen über gewiss^ Oesterreich b e treffend e Fr qtzg e» im O b ersten Nat noch immer so geteiltz datz ein baldiger Abschluß der Diskussionen nicht bevorzustehen schein^ Die Ae der gäbe werde n o ch .m eh rer e T a g e auf s ich warten lassen. -- Gen f, 27. August. fTel. der .»Wr. Morgenzeitung".) Pariser Zertungen melden, Latz im österreichischen Vertrag ein Paragraph bezüglrü) dev politischen Unabhängigkeit Oesterreichs von Deutschland ausgenommen wurde. Die Kriegsschulden würden unter die Snüzessionsstaaten anfgeteiLL, während die Entschädigung von Oesterreich allein getragen werden müßte. Im übrigen seien die B e d in gu n g e n derart, daß SLaaLskanzler Doktor Nenner ohne Fahrt nach Wien unterschreiben dürfte. >} ■ ÄmeriLa Wobilisiert gegen Mexiko. Berlin» 27. August <Tel.-Komp.) Das „8 Ahr-Abendblatt" meldet von der. schweizerischen Grenze: „Daily Mail" erfahrt aus New-2)ork, datz die Miliz der vier mexikanischenIdreuzftaaLen moSiLLfiett wurde. Der mexikanische SrrraL ersuchte den Präsidenten ' um die ihm geeignet erscheinenden Maßnahmen zur Wahrung der Landesinteressen. MioDWWnMn WesiMFÄrn. Das Blüt-aÄ von CzsK-Demök. Ueüsr Me Pogrome in Westnugarn erLalten wir noch folgende Einzelheiten: ' i ' . In .Czell D'emök begannen die ÜrchnlM am 24. um 12 Uhr nachts. Ungefähr 200 bis' 250^!Ä.vldaten rotteten sich. unter Führung zweier Offiziere zusamOen - Und girtgeu gegen die Jitden vor.'Die zwei HffiDrederhen jetzt-von den Behörden, verleugnet, es wiw behauptet, esseien Personen gewesen, die zum . Tragen der Uiliform nicht berechtigt find. Die Bmide begab sich zu dem 'Holzhündlex Hofmann, einem achtundsechzigjährigeu Manne und schrie wörtlich: „Wir wollen B ln t s e h e n, darum tverdeu wir heute alle Juden ermorden!" > Mit diesen Worten, erschlugen sie ihn. Bon 'dort begaben sie sich zu den 'Juden Glück, Ungar, R o s e n b e r g e r, R o t h, welche sie. völlig ausplunderten. Die Wohnungen der Genannten liegen unmittelbar neben der Ge^armeriekaserne'. Die Gendarmerie weigerte sich jedoch, die Juden zu schützen und sagte, sie habe höhere Weisung, nicht ein zu greifen. Den Brüden Heimle r wurden die Augen ausgestochen und der Bauch aufgeschlitzt,. hierauf ömt&en beide ermordet und auf den Mist geworfen. Ferner wurden erschlagen: Ignaz Weiß, ein. Reserveleutnant mit fünf Dekorationen, N e m e t Markus mrd G.ö rgeh Franz, der Direktor der Loszonczev Tuchfabrik, weiters HaAptmann.. Fleisch ner .Martou, der neun Kriegsdekoratronen . hat. und deswegen^ zum Ehren- Biirger der .Stadt Czelt Demo k /ernannt wurde. Um "4 Uhr früh griffen endlich ztvei Gendarmen etn und forderten die -Leute auf, von den Exzessen abzulassen, lvorauf sich die Pogromisten zerstreuten.' Am nächsten Tag wurden 46 Personen verhäftet und' der Oberstuhlrichtec feistes Dienstes ttitsetzt.; 's ■; Ueber den unmittelbaren Anlas; - zu den Pogromen wird, berichtet: Am 24. nachmittags hielt Redakteur Lingauer^ aus Steinamanger in einer Versammlung eine blutrünstige antisemitische Hetzrede, in welcher er offen zu'Pogramen cmsforderto. Von seiten der ungarischen Presse wurde gegen die- Juderr der Borwurf erhoben, daß die Wiener „j ü d i s ch c" Presse, insbesondere bas „Nem: Wiener Tagblatt" und losigkeit des radauluftigen Mobs entschuldigen und in Brünn und Olmütz fliegen die deutschen Straßentafeln in Scherben gu Boden; daß gleichzeitig die Juden eins - abbekommen,: ist selbswerständlich. Aus solche Weise kann die ^ohnedies bestehende Spannung nur gesteigert werden. Die letzten Ereignisse bieten , ddn schlagenden Beweis, welche Gefahr die die „Neue Freie Presse" unwahre N a ch r i cy teu-übee die Stimmung und das B e rha l t e n der MagHrren in Westungarn verbreitet haben. Dafür werben dir Magcharen aufgefordert, sich an den Juden siir diese Beschimpsungew zu rächen. . .;• " « In Janoshaza/wurde,,der Hehrer Keuye'r /uutz N o se n feld'Postas ermordet, ziver jüdische Leichen, die völlig ustkensttlich sind, wurden berstiinrMelt aus dech'Felde gesunden. Sechs Personen sind, schwer 'verwundet. In vielen Orten /werden die Inden gezwungen,.' weißes Geld gegen blaues Geld umzutauschen. In Saustar mußten alle-Jtünm 'deshalb die Ortschaft verlassen. In K örmend haben/ 500 Juden eine jüdische B ü r g e r g a r b t gebildet und wurden, vom Kommando 'mit Gewehren und Munition versehest. - ' ' -p - ' ■■■'* - - ■ \ Ein Wiener Jude h,at im Püreau des'. Jüdischen^ 9fa*; tioualrates in Wien folgende Erlebnisse zu Protokoll gegeben: Mittwvch den 18. d. M. fuhr ich' über Budapest stach^ Stanislau; in Budapest stellte. o.ä . sich heraus, daß eiste , Verbindung ^irit Galizien derzeit nicht existiert. Ich. 'war gezwungen von Budapest nach' Wien zurückznkehreir, um' bie Reise 'über die Tschecho-'Slowrkei nach Stanislau astzuireten. Auf dem Wege von Budapest nach'Wen muffte ich gleich allen Passagieren in Oedenburg umstergcn. Kaum 'hatten wk'r den' ^ug Verlässen, sahen wir uuS von Szeged in er Toppen unter Führung eines Fähnrichs umgeben, wir wilrdew! mißhandelt, mit Kolben'geschlagen, cingesperrt,' und ohne Esseir gelassen. Düsc Behandlung widerfuhr ausschließlich jüdischen^ Passagieren. Die anderen' konnten ihre Reise , fortsetzeu. Während ich vdu "Sonntag^' mittags bis'MÄntag.8,'UH'r fr'üh.im Wachtzimmer berj alten'' 'Honvedkaserne eingesperci. war, hörte ich', wie' istr"'S»fe' ,der Kaserne Juden, welche man wieder vom Zuge herunter-! gebrächt hat,' geschlagen wurden und vor Schmerzen! schrien. Während der Mißhandlungen ' wurden laute anti- \ semiti^he Beschimpfungen ausgestoßen. Alten, bärtigen Juden, wurde unter Mißhandlungen vorgeworfen, sie Hütten kn der" .Roten Armee gedient. . ' v : AÄ ■ ■ - \ deutschnationale Hetzpolitik für das ohnedies schwache' Deutschösterreich' bildet. Solunge die Völker unvermögend bleiben, ihre nationalen Begriffe neu zu gestalten und aller Gewalt in der^Volittk zu entsagen, die, trotz zweitausend Jahren Msmcher Lehre ihr 'Um nndc Auf bildet,' solange Kann die in Trümmer geschlagene Welt nicht anferstehen.

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