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Wiener Morgenzeitung · 1919-08-26 · Heft 217 (26.8.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 217 (26.8.1919)
Date
1919-08-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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** VQQtWVlaflQn KM- »« SB«- SMtti SRI fittfUBani'W ( Hw,r Sl>.~; MtV,M raLlch. ^-MSkkM.5,'7.S8. Kd«mU-a> IttffMfSSS renrr pvHfji für das A»»r«S^ M-U-INch : . tS SIO j ÄÄr 1 V Sisbri^Jic« «. A-mknrK-a- *"?-■ .p- 'tiom. . .?■•■: «s*; Wksn» rr. TocksrAvag« UV. 1—2' V^tfpartraff»lk-So»t« i. ' N». 150.698 -.7 . : ' I.. Nr. 217 Wien, Dienstag, den 26. August 1919_ 1. Jahrgang | Falsche IndenpoliM. v v Wien, 26. August. . Ser tschechische Außenminister Benesch hat vor Kurzem in Paris der Delegatton des Jüdischen - Nütionalrates gesagt. er sei der Ansicht, daß die Behandlung. die ein Volk den in seiner Mitte lebenden Juden angedeihen läßt, ein Maßstab für die Kulturhöhe dieser Nation sei. Mann könnte noch hinzufügen, daß die Politik, die ein Staat seinen Juden gegenüber verfolgt, ein Maßstab für die politische Reife seiner Negierung ist. Die Judenfrage ist eines der'delikatesten Probleme der Politik und bisher hat besonders in Mittel- und Osteuropa noch Kein Staat die' richtige Auffassung von ihr bewiesen. Dfe- Regierungen haben es .nicht der Mühe wert gefunden, die jüdische Frage selbst gründlich durchzudenken und haben zu ihren Ratgebern Juden gemacht, welche dem jüdischen Volk völlig entstemdet sind und von deffen Lage und Bedürfnissen keine Ahnung haben. Erst in der letzten . Fett wird es durch die Ereignisse des öffentlichen Lebens allenthalben klar, daß nur die Nationaljuden berechtigt fiiib, für das jüdische Volk zu sprechen und daß nur sie ein Programm haben, das der Frage gerecht.zu werden vermag. Die Ententestaaten haben als erste diese Tatsache eingesehen und haben mit den Führern des nationalen Judentums verhandelt. In den. Mtttelstaaten aber lebt der alte Geist der Reaktion und macht die Regierungen blmd. .; Das Schulbeispiel für falsche Judenpolitik ist das ehemalige Oesterreich-Ungarn. Die Regierungen und die herrschenden Nationen, Deutsche, Ungarn, Polen, Muhten besonders klug zu handeln, wenn sie die Assimilation begünstigten,; um die Juden - für ihre HeHchaftszrveche gebrauchen zu könn'm. Die Folge daW war aber nür, daß dje. assimilatorischen Juden, bereit Haltung von den Nationaljuden stets " Ws schärfste mißbilligt wurde, sich aufdringlich in die vordersten Rechen der nationalen Chauvinisten stellten; da die Assimllanten zwar politisch als willfähriges Werkzeug, gebraucht, sozial und kulturell aber von dem Wirtsvolk instinktiv abgelehnt wurden, meinten sie, sich polittsch besonders hervortun zu .müssen, um das Mißtrauen gegen die Ehr- . ljchkeit ihres Assimilationsbestrebens zu besiegen. Die von den Nationaljuden geforderte Anerkennung der Juden als Nation, die sie allem nationalen Kampf entrückt.hätte, wurde von W Regierung hartnäckig verweigert. So find die Iudm infolge der Verständnislosigkeit der Regierung ein Element der Zersetzung des Staates geworden, während sie, als Nation anerkannt, gerade infolge ihrer zerstreuten Lage innerhalb der verschiedenen Völker ein Element der Verbindung gewesen waren. Die Juden wurden als politischer ' Machtfaktor ' zu, gering eingeschätzt, als daß irgendeine Regierung um ihretwillen einen Konflikt mit einer, der nationalen Gruppen, die sich /egen eine Entziehung der Hausjudeu gewehrt hätten, riskiert hätte. Bekanntlich hat es Oesterreich wenig genützt, daß es die jüdischen Intereffen preisgegeben hat. Aber auch Deutschland hat während der Okkupation Polens einen ähnlichen Fehler gemacht. Es hat, um nicht den Polen zu mißfallen, die jüdischen Forderungen nicht nur unbefriedigt gelassen, sondern auch die Juden durch Heranziehung zu Zwangsarbeiten und ähnliche Maßregeln erbärmlich gequält und ihnen schließlich die deutschen Rabbiner Cohn und Carlebach als polttische Führer auf den Hals gesetzt. Bekanntlich hat Preußen trotz dieser verkehrten Judenpolitik die Sympathie der Polen nicht erworben, dafür aber 'auch die Sympathie der Juden gründlich verscherzt. Vielleicht hätte sich die politische Situation Deutschlands im Osten besser gestaltet, wenn sie den berechtigten Wünschen der Juden nach Respektierung ihres nationalen Willens Rechnung getragen hätte. Die Polen aber werfen heute den Juden vor, daß sie uMer der russischen Herrschaft , russenfreundlich, unter der deutschen Herrschaft deutschfreundlich gewesen sind. Beides ist grundfalsch; was soll aber ein Volk Um, dem nian nicht gestattet, es selbst zu sein? Ganz paradox gestaltete sich die Situation der Juden - in den Gebieten, die. ihren Herrn gewechselt haben, im Maß, in Posen, in der Slowakei usw. Dort werden -die >Assimilan1en vor die Notwendigkeit gestellt, über Stacht ihre Nation zu wechseln. Bei der politischen Unreife gewisser Schichten des jüdischen Volkes kommt es zu tragikomischen Episoden. So zum Beispiel, wenn eine ottlwdore KMusaemeinde in . der Slowakei, „ Der Friedensvertrag noch immer nicht ferliggestellt.! H a a g, 25. August. (Tel.-Komp.) Hollandfch Nieuwsbureäu meldet aus Paris: Die Kommission für die Fertigstellung des Friedensabkommen^ mit Oesterreich hat Sonntag! morgens und Mchmittags Sitzungen abgöhalten und sich mit der Antwort der alliierten und! assoziierten Mächte auf die österreichischen Gegenvorschläge beschäftigt. Man glaubt noch; immer, daß es gelingen rv^rde, den Wortlaut der Aenderungen^ im Originaltext so zu! beschleunigen, daß diese in das FriedensaSLommen ausgenommen und heute vom Obersten! Rate verhandelt werden Können. Der Begleitbrief ist bereits fertiggestettt. Kronprinz Rnpprecht vor einem Kriegsgericht? P a r i s, 25. August. (Tel.-Komp.) Innerhalb zweier Monate wird eine Anzahl deutscher Offiziere, Ankeroffiziere und Mannschaften, die der Grausamkeiten in Luxemburgs beschuldigt werden, vor einem Kriegsgerichte in N a n e h zu erscheinen haben. Zu diesen! Beklagten gehört auch Kronprinz Ruppre ch t von Bayern. Mit Rücksicht ans die Tatsache^ daß Prinz Rnpprecht den Rang eines Feldmarschalls eiunimmt, wird dieser Gerichtshof in besonderer Weise zusammevgestellt werden. Als deffen Präsident wird einer der französischen Marschälle fungiere». , Einstellung der italienischen LebensmittelanshW in Wien. 1 Lebensmittelzüge ausgeblieben. — Auch später wird nur -er dringendstes Bedarf gedeckt. - i Die Kor re spondenz Herzog meldet: Die gegenwärtige Kohlenkrise zwingt! zn weitgehenden Einschränkungen des gesamten Eisenbahnverkehres. Infolgedessen hat sich auch die italienische MMtärmission genötigt gesehen, d i e Abgabe v o n L e b e n sm i t t e 1 n v o r ü b e r g e h e u d z u f n s p e n d i e r e «, d a a u g e «blick l ich d iÄ Vorräte in den M agazinen erschöpft sind. Es ist selbstverständlich, daß? sobald die e r w a riet e n Z ü g s e i rvtref f e «, die Ausgabe von Lebensmitteln «nver» züglich wieder anfgeno mm e n wird. Da jedoch bei den andauernd schlechte« Berkehrsverhaltniffen in absehbarer Zeit die Zuschübe nur den dringendsten Bedarf zn decken vermögen werden, wird es nicht möglich fein, den Ausfall an Lieferungen während der vorübergehenden Einstellung der Lebensmittelansgabe nachträglich den Ansp ruch SÄ b ere.chtigten zu vergüten. ’ t M Die Entwirrungsversuche in Nngarn.? Budapest, 25. August. Die Bemühungen znr Bildung eines neuen Kabinetts haben bisher kein Resultat erzielt. Im Vordergrund aller Kombinationen stehen der gegenwärtige Minister des Innern Bereny und der^ Führerder aristokratischen Gruppe Graf Emmerich K a r o l y i. Beide versuchen, die f o z i e l d e m o k r a t i f ch e Partei für den Eintritt in ^as Kabinett zn gewinnen. Es ist wahrscheinlich, daß der ehemalige Handelsminifter G a r a m i und der Ministerpräsident des letzten Aebergangsministerinms P e i d l ins neue; Kabinett eintreten werden. Die Entente wünscht, -atz spätestens bis morgen alle Differenzen bereinigt find und das neue Kabinett gebildet wird, damit die Wahlen in die Nationalversammlung möglichst rasch dnrchgeführt werde«. M die bisher ganz „magyarisch gefühlt^ hat» der Preßburger Regierung die Erklärung abgibt, daß sich die Juden zur slowakischen Nation bekennen. Dies sind die Früchte der widersinnigen Judenpolitik, welche nach wie vor alle Staaten treiben. Die nationaljüdische' Bewegung' erstarkt zwar immer mehr und erhebt immer kategorischer ihre Fordemngen. Aber nicht nur das jüdische Volk hat unter der falschen Iudenpolittk der Staaten schwer gelitten, sondem auch diesen Staaten war sie zum großen Schaden. $ Wenn die Juden überall als Nation anerkannt werden, so wird diese kleine nationale Minderheit Kein Volk in seiner Herrschaft gefährden . oder in seinem 'Machtbereich beschränken. Aber durch die brüderlichen Beziehungen der einzelnen versprengten jüdischen Gruppen zu ett^nder wird eine Brücke von Staat zu Staat geschlagen/die den notwendigen Prozeß der Wiederannäherung der Völker nur fördern kann. Besonders aber hat ein Staat, der mehrere Ngtionalitäten umfaßt, das größte Interesse daran, daß seine Juden sich dem nationalen Streit fernhalten und als Juden eine eigene Gruppe bilden. Dies wird heute am deutlichsten in der Tschecho-Slowakei, wo mehrere auseinanderstrebende Völker erst allmählich zu einem Staatsgebilde verschmelzen müssen. Und - wieder sehen wir, daß die tschecho-slowakische Regiemng dieselbe verhängnisvolle Judenpolitik macht wie früher Oesterreich. Statt sich durch historisches Verständnis der jüdischen ^Sonderstellung und Eingehen^av^die^. tigten Forderungen der Juden in diesen ein staatserhaltendes Element in allen Teilen und unter allen Völkern des Reiches zu sichem, führt die slowakische Regierung einen systematischen Vernichtungskrieg gegen sie. Die Tschechen werfen den Juden vor, daß sie ungarisch fühlen, verlangen Haber gleichzeitig, daß sie radikale Tschechen werden sollen, ohne zu bedenken, daß eines derselbe Schwindel ist wie das andere. In Deutschösterreich drückt man sich um die Anerkennung der jüdischen Nationalität herum, obwohl in allen Vertretungskörpern bereits gewählte Nationaljuden sitzen; gerade Deutschösterreich, das die Anknüpfung internationaler. Beziehungen so nöttg hat, müßte wissen, daß die Nattonaljuden im Ausland überall in der Welt, wo ' Juden wohnen, die innigsten Beziehungen haben und dadurch indirekt für den Staat weit wichttger sind als ein paar deutschnattpnal' agierende und schreiende Hausjuden. $ Für die Staaten Mittelemopas wird es von symptomatischer Bedeutung sein, ob sie aus der verlogenen Judenpolitik herauskommen. Die Judenstagc^ darf nicht mehr bagatellisiert werden und es gibt für' eine kluge und weitschauende Regierung nur einen Weg, den ewigen Schwierigkeiten ein Ende zu machen Man muß den Mut der Wahrheit haben und au? den Tatsachen die Konsequenzen ziehen: Die jüdisch« Nationalität anerkennen und ihr die nationalen Lebeirs.

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