Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 215 (24.8.1919)
- Date
- 1919-08-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Blätter melden, daß der Oberste lRat gestgrn die von den Anterkommissioneu Vorbereiteten Berichte über die Gegenvorschläge Deutschöfterreichs geprüft «nd dabei festgestellt habe, daß sich in einzelnen Gegenwänden Widersprüche herausgeftellt haben. Die Berichte wurden daher an das sogenannte Koordinationskowitec, das die Zusammenstellung zu besorgen hat, 3 itt ückver wiesen. Weitere Details über dis Haltung der einzelnen Delegationen find nur im „G e l a i r" zu finden, der zu melden weiß, daß die Konferenz offiziell die Frage der eventuellen Aendernngen im österreichischen Vertrage aufgegriffen habe, die vorher Gegenstand seiner besonderen Zusammenkunft Balfours mit T i t t o n i gebildet hatte. Es handelt fich, wie „Eclair" schreibt um die Tendenz, Oe st erreich nicht als einzigen Erbender alteu Monarchie zu betrachten, eine Tendenz, die stch innerhalb des Koordinationskommitees bemerkbar gemacht habe. Balfour habe nunmehr im Obersten Rat erklärt, daß das Prinzip, Deutschösterreich als alleinigen Erben zu betrachten» nicht in Diskussion stehe. Dagegen handle es sich darum, die finanziellen Bedingungen zu revidieren, nrn Deutschöstsrreich die Lebens Möglichkeit zu sichern, da es sich sonst schließlich d och D eutsch laud anschlietze« müßte. Tittoni habe, so fügt „Eclair" hinzu, daraufhin erklärt, daß er sich einer Milderung der Deutschs st erreich auszuerlegenden finanziellen Bedinguuge« nicht widersetze, vorausgesetzt, daß Italien die ihm zustehende Entschädigung erhalten werde. „Eclair" schließt seinen Bericht mit der Bemerkung, daß sich jedermann auf das P rin z i p B a l so u r s g e einigt habe, das im wesentlichen aus einer gerechteren B evteiluug"Ä er K r i egslasten unter die Erbstaaten der Donaumonarchie besteht. ‘ " : '' - v-- Erzherzog Josef zurückgetreten. Die Regierung Friedrich demissioniert. Budapest, 23. August. (Ungar. Tel.-Korr.-Bm.) Infolge des heute aus Paris eingelangten Telegrammes, wonach die Entente mit der gegenwärtigen ungarischen Regierung und dem Erzherzog Jo ses nicht verhandeln könne, hat Erz he rzog Josef heute seine Stelle als Gouverneur von Angarrr zur uckgelegt. Im Zusammenhang damit hat auch die Regierung Friedrich demissionie r t. Die neue Regierung wird innerhalb drei Tagen gebildet sein.? Budapest, 23. August (Tel. d. „Wr. Morgenztg.") Auter dem Eindrücke der heute hier eingelaugten telegraphischen Botschaft des Obersten -Rates wurde der Widerstand des Ministerpräsidenten Friedrich gebrochen, der in später Abendstunde für sich und Erzherzog Josef die Demission bekannt gab. Ministerpräsident Friedrich verständigte die Ententemissionen, die den Rücktritt der Regierung zur Kenntnis nahmen. Aeber Wunsch der Ententevertreter wird das Ministerium Friedrich die Geschäfte bis znr Konstituierung des neuen Ministeriums weiterführen. Aus Budapest wird gemeldet: Die seit dem 18. August angekündigte Note der Entente ist heute endlich erschienen und erweckt allenthalben das größte Anfseheu. Zunächst infolge seines Inhaltes, die eine formelle Aufforderung an die Regierung zum Rücktritt bedeutet, und nicht zuletzt wegen des Umstandes, daß es das erstemal ist, daß die Entente in einer derartigen offenen Form sich in dis innere Politik U tt garns eimnengt, wenn auch die Rote nicht au die Regierung unmittelbar gerichtet ist. Der Umtausch der Banknoten in Deutschland. lErnste Bedenke» -er Sachverständigen. Berlin, 23. August. (Wolff.) Im Reichsfinanz-. Ministerium fand ans 22. d. M. eine Beratung' von Sachverständigen aus allen beteiligte« Berits kreisen Über den Plan des Umtausches der Banknoten zum Zwecke der Erfassung des darin versteckten Vermögens statt.! Gegen den vorgefchlagenen Umtausch aller Banknoten wurden jedoch von allen Seiten sehr e r u ft e B e d e n k e n jhiusichtlich seiner technischen Dur ch f ü h rvarkeit nnd Zweckdienlichkeit erhoben. Numiinische Besetzung Westungarns? Verhandlungen zwischen Len Magyaren und Len Rumänen. Fürsteufeld, 23. August. Wie aus SLsinamanger unterm 21. d. M. gemeldet wird, traf gestern dortfelbst eine rumänische MiliLärmission ein und hielt mit Oberst Lehar eine mehrstündige Besprechung ab. Gerüchtweise verlautet, daß es sich um Vorbereitungen für die von den Magyaren geforderte r u m ä n i s ch e B es e tz u n g W e st u n g a r n s handelte. Gleichzeitig wurde bekannt, daß die Szekler-! Brigade in der Stärke von 800tt Mann nach ‘ Westnngrirn transportiert worden sei. 1. Jahrgang j Die ungarischen Juden. st. W i e u, 21. August. Einige Jahre vor Kriegsausbruch hat der Rabbiner einer ungarischen Großgemeinde eine Schrift herausgegeben, in welcher er die Meinung verfocht, daß die ungarischen Juden direkt von dem Magyarenhelden Arpad abstammen, also, mit den Juden der übrigen Welt, außer den Religionsoorschristen, absolut nichts gemein haben. Es ist für die ungarische Judenschaft charakteristisch, daß diese Schrift, welche anderswo Lachen und Entrüstung hervorgerufen hätte, von der großen Majorität der ungarischen Juden beifällig ausgenommen wurde. <3te; entsprach eben den Gefühlen dieser durchaus magyarischchauvinistisch gesinnten Judenschaft. Der ungarische Jude war immer radikaler Assimilant und sein höchstes Streben ging dahin, magyarischer zu sein als seine christlichen Mitbürger. Er ist der eifrigste Diener der magyarischen Gewaltpolitik gewesen, er war in vielen Fällen ihr Inspirator. In Budapest war er der Herold der gewalttätigen adeligen Herrenklasse, in Kroatien» im Banat, in der Slowakei, wo es galt, die nicht-; magyarische Bevölkerung wirtschaftlich und polittsch zu knechten und nattonal zu entrechten, war er ihr williges Werkzeug und hat um die Gunst des magyarischen- Herrn willig den tödlichen Haß der Unterdrückten auf, sich geladen. In der Ablehnung alljüdischer Bestrebungen ist er weiter gegangen als die verstiegensten; westlichen Affimilationsjuden. Jede jüdische. Solidaritätskundgebung, insbesondere aber bec. Zionismus, galt ihm als schnöder Verrat am magyarischen Vaterlande. Nirgends wurde der jüdischnattonale Gedanke so brutal bekämpft als in Budapest. Und zum Chauvinismus gesellte sich der Uebermut. Wenn man die ungarischen Juden zur Befreiung des jüdischen Volkes von Elendmch Schmach äurief, erklärten sie stch mtt Hinweis auf die eigene glänzende Lage für desinteressiert. Für sie war Ungam mit seinen jüdischen Ministern, Hofräten, Bankdirektoren und Zeitungsherausgebern das Paradies. Sie glaubten sich gegen das Judenelend gründlich gefett und nichtslag ihnen femer, als sich mit den Massen jüdischer Bettler aus dem Osten und jüdischer Verfehmter aus dem Westen zu identtfizieren. Für sie galt es als Axiom, daß die Judennot nie über Ungams Grenzen kommen kann. Wenn sie sich doch zeigte, war es für sie eine fremde Not. Als zu Kriegsbeginn zehntaufende Ostjuden vor den Kriegsgreueln und Pogromen nach Ungarn flüchteten, da waren die offiziellen Vertreter der ungarischen Iudenschaft eifrig am Werke, die Asylsuchenden zu verjagen. Sie haben ihre Regierung förmlich ermuntert, die Ausweisung dieser lästigen „Oesterreicher" — mehr galten sie ihnen nicht — radikal zu betreiben. Nun ist die magyarische Herrlichkeit zusammengebrochen und mit ihr die Herrlichkeit der magyarischjüdischen Assimilation. Die Judennot in ihrer gräßlichsten Form, der Pogrom ist im Lande. Der Ruf nach Vernichtung und Vertreibung der Juden durchhallt ganz Ungarn. Juden werden aus den Eisenbahnzügen hervorgeholt und geschlagen, auf der Straße insultiert, aus Aemtern und von den Schülern verjagt, ohne gerichtliches Verfahren justifiziert, kurz, nach polnischem und russischem Muster traküert. Und die stolzen ungarischen Juden, welche magyarisch gedacht und gettäumt, magyarisch' gelacht und geweint hatten, müssen die Ententemissionen anflehen und bei den verachteten rumänischen Judenschindern betteln, man möge sie doch in Schutz nehmen vor den edlen magyarischen Blutsfreunden, vor dem Schlächtermesser der lieben Brüder von Vater Arpad her. Einige lausend, die in der Verzweiflung um das letzte Reftchen von Anstand und Vernunft gekommen sind, rennen zum Rabbi und werfen ihm ihr jüdisches Bekenntnis vor die Füße und dann zum Pfaffen und kriechen unters Kreuz und glauben so ihre Jammereristenz zu fristen. Worte vermochten nichts bei den ungarischen Juden, aber jetzt reden die Ereignisse eine Sprache, der sie sich nicht werden verschließen können. Nirgends ist der Jude sicher als in der jüdischen Gemeinschaft und wer ihr entflieht, begibt sich in Gefahr. Heute sind die ungarischen Juden darauf angewiesen,'daß die Judenschüft der ganzen Welt für sie eimrith für sie spricht und ihr hilft. Das jüdische Volk wird auch seine 1 Schlacht gegenüber den Brüdern in Ungarn erfüllen! und die ganze national urganisierle^ Judenschast; wird wie ein Wann jii: sic ' ciiürclcu.