Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 213 (22.8.1919)
- Date
- 1919-08-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Und je später sie sich dieser Notwendigkeit bewußt wird, desto, größer werden die Schmerzen, desto größer wird die Not und die Verzweiflung. - ' '; Um aus der verzweifelten Lage herauszukommen, bedarf es der Selbstbesinnung. Not haben wir wahrhastig genug gelitten, aber es scheint, daß die Menschheit von diesen fürchterlichen Jahren nicht belehrt worden ist. Das -Bewußtsein des Grauens, das wir selbst heraufgeführt haben, müßte die Menschen zur Verzweiflung treiben; statt dessen sehen wir a aber heuste im sozialen sowie irn privaten Leben dieselbe unbekümmerte Frivolität herrschen, die vor der großen Katastrophe dem Europäischen Menschen seine charakteristische Note gab. Wir erkennen heute, daßder Krieg nur' eine'konsequente Fortsetzung der vorhergehenden' kapitalistischen Entwicklung war. Durch die technische. Vervollkommnung der Produktionsmittel ist die ungemessene Erzeugung von Waren, aber auch die Verfeinetung der raffiniertesten Mordwerkzeuge möglich geworden. Der „Kampf ums Dasein" hat in der modernen Welt die groteske Form eines Wettrennens angenommen,'.'einer Steigerung der Gütererzeugung nichimüs dem Bedürfnis der Wirtschaft heraus, sondern aus dem Erwerbstrieb des Einzelnen' Und diese Hetzjagd /ließ die Menschen nichts zu Atem und nicht zur Besinnung kommen, ließ sie ihre freie Zeit durch die geistlosesten, zweifelhaftesten Unterhaltungen totschlagen; alles sollte der Bequemlichkeit des Lebens dienen, aber das Leben selbst ging dabei zugrunde. Ein Innehalten war ünmöglich, weil der Mensch nicht niehr sein/eigener Herr, sondern der Sklave der Maschine geworden war. Und nun hat diese rasende Welt sich selbst, zerstört und steht nun ratlos vor ihren eigenen Trümmern. Die Herrschaft der Maschine ist aber nicht gebrochen. Das Problem, wie die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen ist, scheint zwar unlösbar; aber-die kapitalistische Gruppe meint, durch Aufrichtung ihres alten Systems die-Produktion wieder zu steigern, die Sozialisten aller Richtungen wollen durch „Sozialisierung" den Knoten lösen, wobei natürlich an der -bisherigen Betriebsweise und auch an dem bisherigen Wirtschäftsziel nichts geändert werden soll. Immerhin ist der Zwang, der die Arbeiter bei der Maschine festhielt, gebrochen, seitdem die russische Revolution dem Proletariat das Bewußtsein seiner Macht, gab. Aber nicht um die Menschenwürde, nicht um wirkliche Freiheit geht der Kamps. Die Arbeiter verlangen höhere Löhne, geringere Arbeitszeit und alle möglichen Rechte, die Unternehmer spekulieren noch immer. auf ihre Profite. Die kritischeste Situation ist aus der ganzen Welt durch den Mangel an Kohle entstanden. Die Welt hat'keine Kohle und täglich spitzt sich die Situation noch zu. In Oberschlesien, einem, der wichtigsten Reviere Mittel- . europas, tobt gegenwärtig ein regelrechter Krieg; die deutsche Heeresleitung schickt allerhand Kriegsberichte in die Welt, aus denen mit Sicherheit nur das eine, zu entnehmen ist, daß die Kohlengruben im ganzen Gebiet stehen. Schon mußte von Breslau der gesamte Personenverkehr eingestellt werden, Berlin und Leipzig mußten gewaltige Gaseinschränkungen durchführen, in Deutschösterreich und in der Tschecho-Slowakei mußten die Schnellzüge aufgelassen werden, und im englischen Unterhaus hielt Lloyd George eine Rede, in der er sagte, daß England vor dem Ruin steht, weil die Kohlenförderung, beinahe um ein Drittel zurückgegangen ist , und well die Forderungen der. Arbeiter, die Produktion nahezu unmöglich machen. Hoov'er hat, vor kurzem die. Gefahr der herannahenden Köhlenkatastrophe geschildert und bei /uns . haben mehrere Staatssekretäre bewegliche .Klagen Mer die, Arbeitsscheu von sich gegeben und 'die' Arbeiter zur Verständigkeit ermahnt. Aber wir. müssen uns. klär sein darüber, daß ' es keiner Ueberredung gelingen wird, den anderes Teil von'feinem Standpunkt abzubringen. So lange es unbezlveiselbar ist, daß keine ■Ajr England für eine Abänderung des Vertrages mll Dentschösterreich. La int- Germairr, 21. August. (Korr.-Bur.) „Eclair" erfahrt, daß sich in d ex Dienstags fitzung des Oberften^Rates eine Bewegung zngnnsten einer grundlegenden Ae« d.e-l rungdes Vertrages für Deutsch 8st erreich geltend gemacht h a b e,1 als deren Wortführer d er englis che B ev o llm ä ch ti gte anfgetretenl sei. Gr sei sogar soweit gegangen, anzudeuten, daß man Dentschösterreich eigentlich überhaupt! nicht mehr als Feind betrachten sollte. Gegen diese Ansicht hatten die Italiener lebhafte» Ern sprncherhoSen, denen sich dann auch die Franz ose n anschlossen. "Echo de Paris" erzählt dasselbe und fügt hinzu, daß die englische« Abänderung^ Vorschläge schließlich abgelehnt purden. Panikstimmung in Budapest. Die jüdischen Offiziere beim Kriegsminister. — Wilde Dörfengerüchte. Budapest, 21. August. (Tel. der „Wr- Morgenztg.") Wegen der systematischen Hetze» waren am St. Stesanstage alle Fei e rl i ch k e i t e n rr n d Am z ü g e untersagt. ES§ wurde eine spezielle Standre ch t skundwachnng für die Stadt erlassen, die ge»j samte Wache hatte tagsüber scharfe Bereitschaft. Dank dieser energischen Matz-j nahmen der Behörden verlief der Tag^in vollster A n h e und Ordnung. Auch die neu-! organisierte Z u d e n g a r d e, ungefähr 590 Mann, war in Bereitschaft, fand aber! glücklicheüweise zum Eingreifen Leinen Anlaß. Trotz der traurigen Zustände, die in bet j Stadt herrschen, hat sich auf dem Platze vor dem Börsegebäude eine nichtosfizrelle Börse; etabliert, an der dis wildesten Börsenmanöver ansgeführt werden. So wurde heute durchs die Verbreitung des Gerüchtes, daß in Wien die Pro LetarierdikL atur aus« gerufen worden sei, eine panLkartige Stimmnng erzeugt, die auch die hieri weilenden D e u t s ch ö ft e r r e i ch e r ergriff. Vor dem Gebäude der deutsch-! österreichischen Gssaudtschafi sammelten sich Hunderte -von Letzten an, die das Gesandtschafts-j personal nm authentische Auskünfte bestürmten und es kostete v i c 1 e M ü h e, ehe es? gelang, die Mute zu beruhigen. Zahlreiche Neugierige waren erschienen, die sich durchs eigenen Eugenfchein überzeugen wollten, ob ans dem Gebäude noch die rot-weitz-rote Fahne; gehißt sei. Ei» Gerücht wollte auch wissen, daß die deutschSsterreichische Regierung die Ent»? lassung Bela Kn ns aus »seinem Interniernngsorte angeordnet hätte. 1 Am IS. d. M. traf eine Kommission der Wiener Hauptanstalt der Oesterreichisch-unga-' rischen Bank hier ein, welche die Beziehungen zwischen dev Bndapester und Wiener Anstalt! bereinigen soll. Bei dieser Gelegenheit wurden arrch über ein von der Bank dem ungarischen! Staate zu gewährendes Darlehen Verhandlungen eingeleitet, welche günstig fortschreiten. i Heute erschien eine Abordnung jüdischer Offizieren beim K r i e g s m i n i st e r S ch.netzer, dem sie ihre Beschwerden wegen der maßlosen Pogromhetze der letzten Woche»; vortrng. Die Offiziere erklärten, daß die ganze Bewegung auf das gewissenlose Treibe»! einiger weniger ogsvts provoerttours znrückzuführen sei. und daß sie zu den schärfste», Abwehrmaßregeln greisen müßten» wenn diese Hetze nicht aufhore. Kriegsminister» S ch n e tz e r hörte die Beschwerden der Abordnung wohlwollend an und versicherte! schließlich, daß er euer g i s ch e Maßnahmen treffen werde, um den unwürdige«! Zustände» ein End e zu bereiten. j s Die mn der Entente "zur Verfügung gestellten Lebensmitteln werden nur gegen blaues Geld an die Bevölkerung abgegeben. Die Tschecho-Slowakei liefert uns Kohlen P aris, 21. August. (Havas.) Nach. dem „Matin" verpslichtete sich die Tschscho-Ssowakei, Oesterreich die nötigen Kohlen zu liefern. Der Orientexpretz hat gestern abends seinen Dienst wieder anfgerrommen und verkehrt wie bisher. 4 Gruppe im Interesse der Gesamtheit spricht, sondern nur für ihre eigenen gefährdeten Interessen, und daß sie das Wohl der , Gesamtheit lediglich als ein polemisches Argument benützt, um ihre Stellung zu befestigen, .so lange überhaupt nur mitden Lippen gekämpft wird und keinerlei' Anzeichen dafür vorhanden sind, daß die Verwerflichkeit aller bisher geübten Methoden, die Brüchigkell des bisherigen Systems wirklich durchschaut und der Wille. zum. Neübeginn von Grund auf lebendig ist, so lange nicht die ganze Menschheit ein Grauen überfällt. vor der Sinnlosigkeit dieser Entwicklung, - der sie erlegen ist, so lange kann man .zwar - hoffen,. aber schwerlich glauben, daß eine bessere Zeit bevorsteht. Unsere Not scheint noch nicht, groß genüg zu sein, und die . Verzweiflung noch nicht - gross genug. Die Arbeitecschafl:, will die Kapitalisten durch. Gewalt im Klassenkampf . besiegen und die, Kapitalisten wollen die Arbeiter durch - schöne'' Worteeinfangw.' Auf'-, beiden'- Seiten - herrschtuniwermmdlicheo Mißtrauen, das — irach Lage der Dinge . — auch wirklich - begriindet ist^ Wie soll das enden? Es ist eine alte Erfahrung jedes Frontsoldaten, daß Menschen, welche in der Feuerlinie, im Trommelfeuer alle Höllenqualen durch-! lebten, bereits wenige Stunden später, nachdem sie aus der Feuerlinie abgelöst waren, sich bedenkenlos - der leichtfertigsten Frivolität hingegeben haben. Wenn bei; uns genügend Brot sein wird, wird der Wiener in seinen Nachtlokalen oder beim Heurigen wieder, aufleben.' Und - wenn die Welt wieder genügend Kohle! haben wird, kann die Hetzjagd der Maschinen von! neuem beginnen. j ' Die Kohlenkatastrophe wird vielleicht .schlimmer seih als alle Platzen, - die' wir überstanden. ' haben. Vielleicht muß auch diese Prüfung ' über .uns1 kommen) . Die .Kohle, die die Maschinen^ gespeist"- hat,- hat' die!! tzanze' Menschheit - durchwein ' Jahrhundert'!' geknechtet, und in Fesseln geschlagen. Vielleicht'mußte sie sich versagen, damit die Menschen endlicbzur Bennnung!- kommen. In dem heutigen Chaos allerdings' in ooit 1 dieser Besinnung noch wenig zu nu-cken. '