Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 211 (20.8.1919)
- Date
- 1919-08-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nicht nur wird es in Europa noch eine gute Welle dauern, bis 'eine Ordnung geschaffen sein wird, die in Wahrheit .diesen Namen verdient. Auch in Amerika stellen sich der Ratifizierung des Friedens und damit der An-;erkennung der von Wilson eingeschlagenen Politik imänche Hindernisse in den Weg. Die aus den republikanischen Senatoren bestehende Opposition läßt nicht flocker und Wilson sührt einen harten Kampf. Er hat ' sich bisher unter Berufung auf die beschlossene Geheim- 'Haltung geweigert, den Senat in die Einzelheiten!der Verhandlungen von Paris einzuweihen und ist in ^diesem Kampfe unterlegen. Der amerikanische Senat!wird in die Lage kommen, die Einzelheiten der Pariser Verhandlungen nachträglich zu überprüfen lund selbst zu beurteilen, wieso es zu einzelnen Veffchlüffen gekommen ist, mit welchen sich die amerikanische Opposition so wenig einverstanden erklärt.!Es scheint, daß die Republikaner Zusätze und Abwanderungen zum Friedensvertrag beantragen wollen wund es sind verschiedene Punkte, denen der Kampf der oppositionellen Senatoren gilt. Namentlich ist man in Amerika über die Lösung der Schantungfrage erbittert,!welche Amerikas unmittelbarem Nachbarn und Rivalen im fernen Osten, Japan, alle Rechte in einem von mehr als vierzig Millionen Chinesen bewohnten Lande einräumt, eine Lösung, welche in China die stärkste Erbitterung hervorgerufen hat und in Amerika infplgederÄüssichtaufdasbedrohliche Anwachsenderjapanischen Einflußsphäre viele Befürchtungen erweckt. Mit Iäpan haben dieWestmächte angeblichschonvorAmerikas Eintritt in den Krieg einen Geheimoertrag abgeschlossen, der seine Ansprüche auf Schantung sanktioniert und die Japaner sind in der Durchsetzung ihrer angeblichen Rechte glücklicher gewesen als es bisher Italien in der Ostadria war, das sich ja auch unentwegt auf den sogenannten „Londoner Vertrag" beruft. Im übrigen gllt die Opposition im wesentlichen jenen Bestimmungen, durch deren Ausführung die Republikaner ein Hereinziehen Amerikas in die Fragen der emopäischen Politik befürchten, dessen natürliche Folge ein Verzicht auf die bisher bestandene politischdiplomatische Selbständigkeit Amerikas wäre, wie, diese in der Monroe-DoÜrin zum Ausdruck kommt/ welche das gegenseitige Jnterventionsrecht zwischen den emopäischen Mächten und Amerika ausschließt und, wenngleich offiziell niemals anerkannt, dennoch das Prinzip der gegenselligen Politik zwischen den europäischen Mächten und Amerika bildete. Als eine interessante und überaus bezeichnende Phase des Kampfes zwischen Wilson und den Republikanern verdient das Kreuzverhör festgehalten zu werden, welchem WUsons verantwortlicher Berater, Lansing, durch den Ausschuß für auswärtige Angelegenhellen neulich unterzogen wurde. Er soll die neugierigen Senatoren im allgemeinen mit Ausflüchten abgespeist, jedoch die Tatsache zugegeben haben, daß im Laufe der Erörterungen die. vierzehn Punkte so ziemlich Schiffbruch erlitten hätten. Diese Mitteilung, m der man um so weniger Anlaß zu zweifeln hat, als sie auch die Londoner „Times" wiedergibt, bedeutet das Eingeständnis einer Tatsache, die heute jedermann bekannt ist. Ihre Folge aber ist die Verwirrung, die heute den größeren Teil von Europa erfüllt. Sie hat es. verursacht, daß die Welt nicht zur Ruhe kommen kann, daß die Aussichten für die Zukunft sich trübe gestalten. Wohl hat Wilson seinerzeit davon gesprochen, daß bk Friedensvertrag mit Deutschland manchen dünklen Fleck aufweise, aber was er als Schönheitsfehler anfehen möchte, drückt der gesamten bisherigen Ackeit in Paris seinen Stempel auf und erfüllt die ÄZelt mit immer neuer Unruhe. Auch Amerika selbst bekommt den Geist von Paris zu spüren, und wo früher so viel von Abrüstung die Rede war, sieht man sich gegenwärtig genötigt, der Heeresfrage' näher zu treten, und der amerikanische Kriegssekretär Baker hat in den letzten Tagen dem Kongreß einen Gesetzentwurf vorgelegt, der ein Friedensheer'von einer halben Million Mann und eine dreimonatlicheUebungspflichtfür alle über neunzehn Jahre alten Männer Vorsicht. Im Falle der Der polnische Putsch iu Schlesien. Die Lage sehr ermst. ~ Kattowitz, 19. August. (Korr.-Bur.) Die Pressestelle des StaaLskommrffariats meldet: Dis Lage iw oberschlesifchen Gebiet ist n a ch wie vor ernst. Unsere Truppen sind bemüht, des Aufstandes Herr zu werden. Es ist aber dringend notwendig, daß fortgesetzt Trupp enverstärkrrngerr in das Aufstands gebiet gesendet werden, schon um die Grenzen ordnungsgemäß besetzen und eine Verbindung zwischen den Insurgenten und den Polen verhindern zu können. Die Lage im Kattowitzer Bezirk ist leider so, daß zwar Myslowitz und Kattowitz in den Händen unseres Militärs sind, daß aber die Ädrigen Teile dieses Bezirkes größtenteils als von den Insurgenten besetzt anzusehen sind. Etwas günstiger ist die Lage im Beuthener Bezirke, aber auch hier ist sie ernst. Zn dem Berichte aus dem K a t t o w itz er Bezirke heißt es: Im Laufe des gestrigen Tages haben dauernde Kämpfe in den Dörfern Mssdzrn-Schoppinitz, Ianau und Gieschewald mit bewaffneten Banden, welche mit Maschinengewehren und reichlicher Munition versehen waren, stattgefunden. Leider gelang es den Banden, unsere Feldwachen aufzuheben. Gegen Abend mußten angesichts dieser Lage die Truppen auf Kattowitz und Myslowitz zurückgezogen werden. Gegenwärtig ist im Abschnitte Kattowitz die Lage derart, daß Kattowitz als fest in den Händen unserer Truppen gelten kann, datz aber die übrigen größeren Teile des Abschnittes als in der Gewalt der Insurgenten zu betrachten sind. Ans dem Beuthener Bezirke wird gemeldet: Gegen Abend wurden starke Ansammlungen in der Gegend von Pieter, GodMarhütte, Orzogow, Hohenlinden, Schömberg und besonders in KuhnertwühLe gemeldet. Die Truppen des Abschnittes Beuthen nahmen an der Säuberung in der Gegend von Kars, Friedenshütte, Schlesiengrube, Piasmtt und. Königshütte teil. ■ _ ’/ Die Entscheidung über WSstZmMM vertagt.! Die Pariser Konferenz beschäftigt sich mit der Note Renners. P a r i s, 59. August. (Fünkspruch ) Der Oberste Rat beschäftigte sich gestern mit der Note des Staatskanzlers Dr. Nenner über die deutscheu Gebiete vouWest Ungarn. Die Entschridung wurde vertagt. Heute früh trat die Kommission, die beauftragt ist, die Antworten der verschiedenen Berichter st atter aitf die österreichischen Gegenvorschläge zu sammeln, zu einer Sitzung zusammen. _ _;; ■ Die Entente für einen Donauverband. V , Paris, 19. August. (Tel.-Komp.) Die Pariser Ausgabe der „Chicago Tribüne" meldet, daß in Ententekreifen die Stimmung für einen Do « Sn - verbaud im Wachsenbegriffen sei. Dieser Verband soll nicht nur die A n g a r n und die D e u t s ch ö st e r r e i ch e r, die sich nicht ausschtteßen dürfen, sondern auch die Kroaten u nd Slowenen, die bereits über die Belgrader Herrschaft unzufrieden seien, umfassen. Die D e n t s ch b ö h m e n h o f f e «, gleichfalls in die Gemeinschaft eines derarttgen Verbandes zu komme«. Für die Tfchecho-Slowaken wird die von Deutschen und Polen gegen die Tschechoslowakei eingenommene Haltung der Grund sein, sich diesem Bunde gleichfalls anznfchlietzen. Die für diese Neuordnung innerhalb des gewesenen österreichisch-ungarischen SLaatenverbandes eintretenden Propagandisten arbeiten unter antideutscher Flagge und finden in den Ententekreifen, die einen Donauverband gerne sehen möchten, Anterstützung. Annahme dieses Gesetzes wird Amerika sein stehendes (i Heer jederzeit aus mehr als eine Million Mann erhöhen können. Es scheint, daß der Militarismus, den man durch den Frieden begraben wollte, unter dem Druck der Tatsachen und namentlich unter dem Drängen der republikanischen Opposition auch in Tlmerika seinen Einzug halten will, well eben die Sicherungen zu fehlen scheinen, welche ein strenges Festhalten an Wilsons vierzehn Punkten von selbst dargeb oten hätte. Die Verwirrung, welche in vielen Teilen Europas herrscht, läßt sich mühelos auf die gleichen Ursachen zmücksühren. Denn nur, . well man von . den eindeutigen und klaren Punkten Wilsons abgewichen ist, herrschen in Ostgalizien, das unter den Uebergriffen einer zuchtlosen polnischen Soldateska stöhnt, anarchische Zustände, mußte in Oberschlesien das SLandrecht verhängt werden und, droht das Chaos bis an Deutschösterreichs unmittelbare Grenzen heranzukommen, indem die ungarische nationalistische Reaktion , der von der Entente beschlossenen Angliederung des deutschen Westungarn die Anerkennung verweigert. Man vermag die Hoffnung nicht endgültig zu begraben, daß die Völker sich besinnen und die natürlichen Rechte anderer Völker zu respektieren beginnen werden. Mer,bevor es so weit kommt, wird vermutlich noch längere Zeit verstreichen. Der Umweg/ der für die Menschheit so viele Leiden bringt, wäre zu vermeiden gewesen, wenn man in Paris mehr Rücksicht auf jenen Geist genommen hätte, der Wilsons vierzehn Punkte geboren hat. Hunger rmd Pogrome im besetzten Ungar«. (Ovigrnalbericht unseres Budapester Korrespondenten.) Die strenge Grenzrevision in Dentschosterreich ist vorüber. In Brnck-Kiralyhida, der ersten Station auf ungarischen? Boden, begegnet man wieder den jetzt etwas freundlicherals' einst ihres Amtes waltenden - Grenzpolizisten und kann' ohne Mühe den Bummelzug besteigen, der'uns nach Budapest führt/in die von den bolschewistischen Gewalthabern kaunt befreite und nun wieder unter dem Joch' einer feindlichen Besatzung seufzende Hauptstadt Ungarns. Während'-man aus der Fahrt durch das D'onaügelände über' den noch inuner stattlichen -Reichtum an Meh und Geflügel staunt, wird man der Zeichen der-Hungersnot mehr gewahr, je näher man an das von den Rumänen hermetisch abg-esperrte Budapest herankommt. In Kelenföld, das ungefähr zwei Stunden von Budapest entfernt ist, sieht man die rumänischen Soldatenin nicht gerade geringer Anzahl mtt aufgkchflanzten Bajoo