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Wiener Morgenzeitung · 1919-08-16 · Heft 207 (16.8.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 207 (16.8.1919)
Date
1919-08-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Rim hatten die großen Demokraten des Westens das Wort, die oft m:d feierlich während des Krieges den Gedanken der Humanität ßnd der Rechtlichkeit verkündet urrd den Kriegsgeist mdgültig anszuvotten als ihr oberstes Ziel erklärt hatten.? Das künftig Weltbild Sonnte man sich nun, »hue 'befürchten zu müssen, als phantastischer Utopist verspottet zu werben, .mit anderen, neuen Linien umeeißen-, -nun durfte man es wagen, von neueren, reineren Beziehungen der "Völker untereinander, zu träumen. Nicht - mehr eine in mehrere Lager gespaltene und -is an. die Zähne bewaffneta. Menschheit saltte.es gel ei?* hie sich durch das gegenseitige.Mißtrauen künstlich int Eichgewicht hält; ans der Grundlage der Gerechtigkeit, Vie allen Völkern.ihre legitimen. Ansprüche zu garantieren/.und an Stelle der Gewalt zu treten. Hütte, sollte sich nunmehr die große Familie freier Völker sum" Bruderbund« einigen und. allgemein verbindliche klbmachungeu sollten den Zustand der Veivaffnung ersetzen,' der einen natürlichen Anreiz .znm Kriege Htfrcrt muß. .* ..'• . * '?W»Kl wußte mack,-daß derart durchgreifende, paü- - üsche chMsornrplänenicht Über^.Nacht peifen können, ist/ chne' zerstoridWelt in Monäten vO^^ansö^'nM^men^HbaWD^^^-WWse^WideÄ. Länd^f'zn 'Werwrirdett seunt, und daß eine völlig^!7mpEttfierimg dtzr Völker in allgemein politischer/Hin-- ficht mit einer Aendernng de? WirtsthastSgeistes enge vetknüpst' sei. Aber auch jene, die-darauf rechneten, »uf der Friedensbonftrenz wenigstens ldie ersten' Grundlagen!drs künftigen Riesenwerkes gelegt zu sehen, sind kläglich enttäuscht worden. Was? übrig geblieben, sind" ine schönen Wvrte. und tönenden -- Verheißungen der herschiedeneil Ententestaatsmänner,' während - man verzekiens. nach irgendeiner Leistung ausblickt, welche mit den geäußerten Anscharnmgen in direkten: Zusammenhang stünde. Die Staatsmänner der Entente sind der kLelt schuldig ^blieben, was sie ihr so oft versprochen «itb, .was ntan von ihnen erwarten zu dürfen meinte- und ketM Tat ist -gescheHsn, von dernran zu sagen verviiöchte, der Geist, der sie gebar, sei der Geist von nvtgen. Langsam, - aber fortgesetzt ist - das große Programm, däS im, Vordergrund stehen sollte, zurückzetretcn und begonnen hat ein politisch-dtplontatisches slänkespiel imd ^ilschen hinter den sorgsam geschlossenen Lüren von Paris.. Böld'r, so verschieden an Rasse, käniperament, an Jnisressen -rmd'Kultur, wie sie in Paris vertr?.ten sind, lassensich nur einen, wenn man sie um ein klar und weithin sichtbares und allgemein gültiges Programm zu gruppieren vermag. Darin eben beruhte Wilsons Stärke, daß -er für dis Völker das erlösende Wort hören ließ und man würde gröblich' irren, ' wenn man meinte, ÄMrika habe nur durch Ntaterial- und Mmritionslisserungen den Ausschlag gegeÄ n " Wenn mau auf die bisherige. Tätigkeit der Friedens-- wiiferenz zurückblickt, so kann nran kein großes positives Ziel entde^cken, das ihren bisherigen Arbeiten pörgeschwebt hätte.; man erkennt nur ein negatives: den.deutschen Einstich in Europa und der Welt mit allen Mitteln zurückzudrängen und alles Deutsche füt die. Zukunst zur Ohnmacht zu verdammen. Frankreichs Einfluß begann die Friedenskonferenz je länger . se mehr zu beherrschen. Man darf nicht ungerecht sein und'muß sich vor Augen 'halten, was Frankreich in diesem Kriege durch. Deutschland gelitten hat. Aber Haß .ist ein böser Berater, und daß Rache in der M>litik nicht entscheiden dürfe, hat auch Bismarck gewußt, dessen menschliches und politisches Preußentum trotz allem durch einen, kühl berechnenden und überragenden Geist -seitte Herinmmg empfing. .Indem nun die ganze Politik der FriedensLonferenz üntcir Frankreichs und Etemew-' ceaus Führung geriet und dem einen Gesichtspunkts unterstellt wurde, zu einer politischen Konftellatvon zu' langen, die Deutschland lind seine bisherigen Verbünbewn ansschalte, mußte das ganze Programm unter den Tisch fallen, auf das rnan sich früher Zierlich Das neue .mtgartfdje Kabinett. , Drei PÄrtefemKes für die Sozialisten reserviert.;/: Dr»dapsst, 15. August. (Ung. Tel.-Kon.-Bur.) Heute Mittags wurde die neue ungarische Regierrrng vom Verweser KZniglichen Prinzen Josef, ernannt. Das Kabinett ist foLgeirdermaßen zrrfaMmengesrtzt: Präsidirrm — Stephan Friedrich» Ä e n tz e r e s — Martin L o v a s z y, Z n n e r e s — Baron Siegmnnd P e r e n h i (der gewesene StgatssekrEr Tiszas), Finanzen — Johann Grnnn, Krieg — Generirl Franz Schn eh er, Äuftiz — Georg Baloghy, Ackerbau —Stephan Szab o, Krrltns nnd Anterricht — Karl H n s z a r (chriMchsozial), Bolkshygie» e — Andreas CsillerH, Nativ na Le Minoritäten — Jakob Bt eher» ohne, Portefenille — Stephan Haller und Johann May er, mit den Vorbereitnngenr der Friedensverhandlungen betrauter Minister ohne PorLesenMs — Graf PanL Tele k h. Das HandeLsportefeniLe, das Ernährnngs- und das Volkswohlfahrtwinisterinm find noch nicht besetzt. Erklärungen des Mrnifterpräsidsnterr. Die Mitglieder der neuert Regierung haben millags im Palais deS Ministerpräsidiums vor dein Verweser, königlichen Prinzen Josef, den Amtseid geleistet Nach der Eidesleistung begrüßte der Verweser die Minister mit einigen warmen Worten mrd forderte sie im Interesse des Vaterlandes zu ausdauernder hingebungsvoller Arbeit auf. Ministerpräsident F ri e d r i ch' gab hieraus vor einem Redakteur des Ungarischen T^egraphen-Korresponderrzbureaus folgende Erklärungen ab: Als Ergebnis der dreitägigen Verhandlungen ckonnie M endlich die Negierung konstituieren. Es ist natürlich, daß nicht alle Wünsche" und Ansprüche befriedigt werden konnten. Der organi- (ierten Arbeiterschaft stehen d r e i P o r t e f e u r l l e S znr Verfügung und es HLwgk nunmehr bloß von ihr ab, sich mt der Arbeit brr Negierung zu beteiligen. Die organisierte ArbSiterschast muß t ins e üen. daß sie -nicht v,»rfchroiben kann/ wen die bürgvril'ichen KTassen' in da§ Küb inett de le.giereü. Andererseits.ist' es natürlich, dätz die bürgerlichen Parteien und die Partei der Landwirte sich nicht in die Frage eicrmengen wollen, wen dis Arbeiter rm Kabinett zu sehen wünsche,. 'Jehk ist nur mehr ein Moment Las wichtigste^, »amlich, daß die sehr geehrten und sogenannten Parteipolitiker, welche sich auf die hinter ihnen stehenden, angeblich' großen Parteien berufen, einige Wochen sich zu gedulden grrrchen, bis die Wahlen vorgenvmmen werben. Ich glaube, dies ist jetzt eine patriotische Pflicht. Lovaszh übes die Arrfgaben des Kabinetts. Aus der Mttr der Zurückgebliebeucn Minister äußerte sich hierauf der Mnister des Aeußern, Lovaszy, einem Berichterstatter des Ungarischen Telegraphen-Korrrspondenybureaus über die Llufgaberr des Zkabinetts folgendermaßen: Die Regierung betrachtet sich als eine provisorische Und wird nach Zusammentritt der Nationalversammlung sofort demissionieren. Bis dahin wird sie es als ihre wichtigste Aufgabe erachten, die Ordnung, die p t r sä n- I ich e n«b die -Vermögens sich er heit tviederherzustellen * und nrtt stacker Hand' aufrechtzurrchalken, damit die de«» nächst auszuschreibenden Wahlen in die Nationalversammlung in ruhiger Stimmung vor sich gehen können^ Die' Negierung wird einer jeden extrmnen und übertreiberche^ Strömung entgegentreten, sowohl den Lolschewikrschen- Vm-i trieben wie auch den Kundgebungen der ReakiivM und der konfessionellen Unduldsamkeit. Die:' Zusammensetzung der Regierung ist eine sMhe, baß 'durfte sämtliche arbeitenden Schichten der Gesellschaft vertreten sind,- nnd sollte in dieser Hinsicht die Notwendigkeit einer ErgimzmrF auftcnrchen, so wird die Regierung stets bereit sein-, diesbezüg^ sich in Verhandlungen ernzutveieu, um' die austauchenden' dürfnisfe zu befriedigen. > i > In ihrer auswärtigen Politik erachtet die? Regierung gute Beziehungen znr Enkepte für de« maßgebenden Gesichtspunkt Und ihr Hauptbestreben ist, eine«' das Land befriedigenden Frieden, sobald als möglich M vev- ' schaffen. Die Regieritng ist der festen Zuversicht, doch stvi' öie^Mgchneine Ernährung mit Hilfe des WohstsokkynS' deri Entente' schon binnen 'sehr lurzer Zeit erhWlich verbessern^ daZ wirtschaftliche Leben fit Fluß' bringen unö den Deizfinejnnd^die intensive LoFrtsetzung der produktiven Arbeit ftchWkönnen wird. Die Regienrng rechnet darauf, baß' ein je&taP ordnungsliebende Bürger ohne Unterschied' der SCaffe, Konsession, Partei Und Klaffe mit Rücksicht äuf'd«; gegenwärtige äußerst 'schtvirige Lage des Landes sie' ävs .. vollen' Kräften unterstütze» wird. Dsr Eid der «rrgarifcherr Minister. Budapest, 15. August. (Ung. Tck.-Korr.-Bur.) Die Forwq des von den Ministem geleistetm Eides lautet: Ich schwöre zv Gott, daß ich Ungam treu bleibe, seine Unabhängigkeit schützedas Wohl und den Fortschritt seines Landes mit allen memeo Kräften fördern werde. Jnsolangedie Nation b S-t aätSform Ungarns anf verfass« n g S - M'S ß igemWegeuichtfestgefetzt, «merknme ich als - Drrweser Ungarns denköniglichenPrinze» Jos t fj bleibe i h m treu, bewahre seiue Gcheimnisse und werd« ihn mit allen meinen Kräften rmirrftützeu. So wcchr mir Hott helfe! - ' . geeinigt hätte. So ist der Friere für Deutschland gekommen, der mit deutschem Land im Osten in einer Weise schaltet, die mit dem Selbstbestimntungsvecht der Völker Leineswegs in Einklang zu bringen ist, sw solle der Balkan aufgeteilt werden, nicht wir es ethnischer: Tatsachen, sondern wie es momentanen politischen Interessen entspricht. Nur infolge des Mangels an einer wirklich leitenden W»ee ist der Konflikt, um den Besitz der Ostadria zwischen Italien und den Jugoslawen möglich' geworden, könnte es zur Losreißung des deutschen Südtirol von seinen natürlichen Znscnnnrenhäugen kommen. Die Staatsmänner von Paris kennen keinen großen Leitgedanken, sie sehen nur Sieger und Besiegte, und trachten, die ihnen assoziierten Mächte auf Kosten der Besiegten mit Macht und Land auSzustatten. So ist der Frisdensentwurf für Deutschösterreich zustande gekommen, der, auch wenn er noch in manchem Punkte Milderungen erfahren sollte, das Absurdeste bleibt, das die neuere politische Geschichte kennt, weil er auf ganz 'willkürlichen und umratürlichen Voraussetzungen beruht «nd dieses Land zu Leistungen an Völker zwingen will, mit denen es niemals Krieg geführt hat. Weil die dominierende Idee in den Hintergrund trat und die neurasthenische französische Politik der Rancune sich an deren Platz immer erfolgreicher breitmachte, mußte Mittelenwpa in eine Reihe schwacher Kleinstaaten gespalten werden, die an inneren Nöten. kranken und zwischen denen keine gedeihlichen Verhältnisse bestehen werde», so lange es in ihnen national nnterdrückte- Minderheiten geben wird. Daß der Wiederaufbau dvv Mitteleuropa und der Weg zur politischen Dereinheitlichung und Jnternationalisierung auf diese Weise unendlich erschivert wird, sieht heute jedes politische Kind. Die Einsicht kann nicht allzulange auf sich warten lassen, daß die Bildung neuer Kleinstaaten, die nur durch Ernpferchung andersnationaler Gruppen existieren zu kynneu vvrgeben, die Errichtung von künstlichen Wirtschafts-' gebilden mit zahllosen Zollgrenzen nicht der politischen Weisheit letzkw Schluß sei« kann. Die künftige Ordnung der Menschheitmuß auf andersartigen Grundlagen er« - richtet tverden; sie bedarf des Verschwindens des gewalttätigen Nationalismus zu gunsten einer freien nationalen Ordnung, innerhalb deren jedes Volk als Rechtssirbjekt seine eigenen Angelegenheiten autonom regle. In einer solchen Ordnung vertiert die Identifizierung zwischen Volk und staatlicher Gemeinschaft jeden: Siu» und die Errtstehung neuer Staatlichkeiten um der nationalen Embleme willen wird znm rückständigen Unding. Das Ausbleiben der von Paris' her erwaricterr. Im-' pulse hat es bewirkt, daß die Orientierung der z-ur Selbständigkeit erwachten kleinen Völker in eine falsche Bahn geraten ist. Was not tut, ist. daß der von Frankreich getragene Geist der Rach,'tlch: schwinde, damitan dess-n Stelle die bisher verlengnete J)e? der Völker- Verbrüderung trete,: könne, die heule bereits m d,en .M'zen^ der Besten unter allen Nationen lebt-

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