Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 203 (12.8.1919)
- Date
- 1919-08-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2979077-2979280--01809-2987253- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
/ M»r<ir»»«prarr Preis 30 Heiler Will Vit JButlcXfima tu» flauet futlrtaHSJwia * « ., SO.— Ä-alkrfiiitkig ..... 40.— VmrtkSisrtr..... 80.— , Mit BostvirsaM: Vl-nattich. . . .«?..>«» Ai«?tctkLr>vr- . . „ 3Ä.— WjjWftrifi. < . . .. 44.— «9ilMl|u 1^4'Ijj iri'. Z, 88.—' ^9,ig fl^ «btxfe# Wiener Nr. 203 Wien, Dienstag, den 12. August ISIS Tf ^;V- "'i, Primat»**#** »«Os» für da» : M-nEch .. . »;.8.«k0 »r,-t-»rshvia.^7'' «5;— J(tI}!'1 tjt . i ii, 50»^ örttttt«4tf«ff m da.— —H N»d»ktrou»». A.d»ti«ist*a- ■y-. tian: ■•-. •■ , Mi»», XI." T«barArat» »». t-S H»ostf»irvkag»r»-Ko»t» ' 'N». 150.V0S SSf" 1. Jahrgang Die Unbelehrbaren. k W i r «, 12. August. Immer deutlicher tritt die traurige Erscheinung zutage, daß es den Versailler Friedensverhandlungen nickt beschieden sein wird, Europa einen wirklichen, bötiflru* den Frieden zu bringen/ sondern im besten Falle eine« Instand, den man als einen Krieg im Frieden bezeichnen kann. Nach fünf Jahren Weltkrieg und nach dreiviertel Jahre« Friedensverhandlungen steht man vor einem trostlosen Chaos in ganz Europa und vor einem gewaltigen Gewitterstrrrm in Asien, Afrika und Amerika, hin;, jeden Moment losbrechen kann. Die eigentlichen Ursachen der endlosen Wirren der sich immer mehr verwickelnden -Rationat- und Klassenkämpfe sowie weiters bc& damit parallel wachsenden Antisemitismiis sind erMrseits die skrupellose Machtpolitik in den jeweilig herrschenden Kreisen und die Verworrenheit und der zunehmende Bestialismns sowie, die Korruption in den verschiedenen „Kultur"-Staaten andererseits. So verwerflich und bekämpfungswert die - Korruption ans dem ökonomischen. Gebiete ist, dse. zur AuZbeutnng uyd Versklavung der produzierenden Volksschichten führt, .nicht minder verheerend ist di" Korruption der Geister-durch daß Herumwerfen'mit Schlagworten,, welche die Massen vergiften, jede Klärung der -.großen 'Zeitprob'leme. ,mo bas friedliche 'Zusammenwirken' ..derMltürvölker zürn Zwecke des.politischen und.'sozial-sn .Fortschrittes' nnniöglich machen. . . * - . ■' /,• Zugänglichniachmig der Kultnr und wirtschaftlichen Wohlfahrt für alle Staatsbürger muß das oberste Ziel des modernen Staates sein; dennnur einem Kultur- «nst. Wirtschaftsstaat ist im 20. Jahrhundert, besonders nach den Ikmwälzungen der .letzteil fünf Jahre, eine frßDiche Grtivicklüng möglich. llnsere. ■ Parteien kranken alle*'zusammen^ dem Idol, in den verschiedcki^n Statttön gewaltsam.' eitle"nätwnale/ Spfessch-- nelle oder Klassenherrschaft ausrichwn zu wollen und Verhindern auf diese Weise nicht pur die Konsolidierung jedes einzelnen der Stttatsgebilde,.sondern legen dadurch auch den Keim — statt zum Völkerbünde — zu. neuen Weltkriegen. Solange der Staat als solcher nicht als eine Genossenschaft freiet* Individuen zum Zwecke der gemeinsamen höheren Entwicklung, und wirtschaftlichen Whhlfahrt anftzefäßt' wird, unabhängig von der Zugehörigkeit eines Individuums / zu einer bestimm lat Nationalität, Religion und einem Beruf, sondern' viZ- Mehr als Herr sch a f ist nflr umc.it ttz. für irgendeine Form der Unterdrückung oder Ausbeutung benützt wird, kann der Staat, welche Staats form er auch immer, besitzt, von welcher Partei er auch regiert wird, ob er -sich einen Nationalstaat oder einen . NationalitiiLenstrat nennt, seine Aufgabe als KulturstaaL nicht erfüllen, und muß vielmehr infolge seines falsch aufgesatzten Staatszwcckes immer neuen Anlaß zu inneren und äußeren Kämpfen geben. Die Richtigkeit dieser scheinbar theoretischen Ausführungen, für welche unsere unrealistischen Realpolitiker, die vielmehr den Mitten von „Tages"politikern verdienen,' kein Verständnis haben, erweist fast jeder Tag und' jedes der sich überstürzenden Ereignisse von neuem, insbesondere in' den neuentstandencn Nationalstaaten in Mitteleuropa. * ' Man hätte doch annehrnen sollen, daß wenigstens die eine Lehre von den wechselnden Regierungen, Majoritäten aus den Anlässen zum Kriege und zu den verschiedenen Umwälzungen gezogen wurde, daß keine nationale, oder soziale Unterdrückung auf längere Zeit mehr haltbar ist. Keine Spur von einer Erkenntnis der wahren Sachlage! Haben früher in den Sudetenländern die deutschen Chauvinisten' durch Jahrzehnte jede nationale Verständigung als Verrat am Deutschtum abgewiesen, so tun jetzt umgekehrt die mit ihnen im Antisemitismus einigen tschechischen Chauvinisten ganz dasseM, indem sie jene tschechischen Politiker als Renegaten hinstelten, welche als die Vorbedingung einer Konsolidierung deZ tschecho-flowakischen Staates die nationale, religiöse und soziale ’ Gleichberechtigung aller seiner Bewohner ansehen. Mit vollein Rechte fordert mall in Dnltschösterreich den Schutz der deutschen Minoritäten, in den angrenzenden Nationalstaaten itrib begehrt mandas Selbstbestimmnngsrecht für die Deutschen in 'Südtirol und Westuugarn, versetzt sich aber dadurch ins Unrecht, daß man nicht dasselbe Recht, welches man für die deutschen Minoritäten in. den anderen „Nation<i.l"jtäaLen Ablehnung der deutschösterreichischen Gegen- / Vorschläge? Genf, 11. August. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") In der französischen Kammer erklärt« Pichon, daß die österreichischen Gegenvorschläge wahrscheinlich äbgelehnt würde«. Erzherzog Josef Von der Entente nicht anerkannt» En§l<rmd und Italien für ein Abwarten. Paris, 11. August. (Tel. der „Wiener Morgenztg.") Der Fünferrat hat heute die Antwort auf die Note des Erzherzogs Josef beraten und beschlossen, ihn vorläufrg nich anz «erkennen, sondern die Entwicklung der Dinge abzuwarten, respektive erst nach, den! Wahlen die Entscheidung zu troffen. *; . i V Berlin, 11. 2lugust. Das „8 Ahr-Abendblatt" meldet aus Zürich: Der Ratder Fünf befaßte sich mit der Antwort, die auf das von Erzherzog I o s ef an die Friedens-! Konferenz gerichtete Telegramm zu geben ist. Dabei riet der englische Vertreter! z n r Z u rückhaltung ge § e n ü Herder n e u cn Regierung des Erz h erzögt Josef. Italien schloß sich diesem Standpunkt an. Wahrscheinlich wird! noch im Laufe des heutigen Tages eine Kundgebung des Fünferrates . an den Erzherzog erfolgen, die in ihren GrnndZügerr bereits voriiegt. Das Haitptersncheir des Erzherzogs^ seine Regierung formell a n z u e r k e n n e n, wird nicht erfüllt. Es wird darauf! hingewiesen, daß die ungarische Regierung den Beweis zw erbringen habe, daß sie den Volks willen d erstellt. Es wird die Erwartung ausgesprochen, daß die Nationalversammlung so schnell als möglich einberufe« und daß es inzwischen der vorläufigen Regierung gelingen werde, die Ordnung wieder herzustellen und den Waffenstillstand durchzaführen. Psr eiVLM^.UMstMz in UMlarr "DM EML des VottcheWisWirs. b V» Berlin, 11, August. (Korr.-Bur.) Die „Bssiefche Zsitung" meidet aus Kopenhagen.:' Die letzten Berichte aus R « tz l a rr Ä deuten die Aussicht auf überraschende Po l i-' t i s ch e E r e r g n i s? e in der alle rnächsten Zeit an. Man habe allgemein in Rußland den. Eindruck;» datzdie bolschewikrsche Regierung sich in eiuer.'Sa-Mgasse beftnde, ans der fte nicht mehr heraus könne. Berlin» 11. August. (Karr.-Vur.) Der „Lokalanzeiger" meldet'aus Kopeuhägen: In einem Telegramm aus HeMngfors wird Mitgeteilt, daß dis letzten Nachrichten aus Rußland geeignet seien» das größte A'Lfsehen erregen. Es gehe aus ihnen hervor, daß *it der russischen Bevölkerung ein allgemeiner Umschlag in der Stimmung gegenüber dem Bolschewismus sich bemerkbar mache und dieser immer mehr an Boden Verliere. In ganz Rußland sei es infolge fordert,' den nichtdeutschen Minoritäten in Deuischösterreich in der Praxis nicht gewährleistet. In viel höherem Maße gilt das hier Gesagte, ioenn auch mit Modifikationen, von den Verhältnissen in Polen, Ungarn, ^Rumänien und Jugoslawien. Die Wahrheit des Satzes, daß das Recht eines Volkes auf einen Nationalstaat nur so weit reicht,' als das Recht anderer Nationalitäten dadurch nicht verletzt und auch der Schutz andersnationaler Minderheiten ans seinem Territorium gewährleistet wird, muß endlich den Chauvinisten und Juiperialisten der verschiedenen Nationen und Klassen in Ost- und Mitteleuropa ttnb am Balkan pnd speziell in Polen durch die Macht der Tatsachen zum Bewußtsein gebracht werden. Für einen selbständigen polnischen Staat, der Judenpogrome veranstaltet, die freie nationale Entwicklung der Ukrainer, Deutschen üsw. mit den brutalsten Mitteln verhindert, ist kein Platz im modernen Europa. Ebensowenig als ein im Sinne des Chauvinisnms, Antisemitismus und kapitalistischer Ausbeutung regiertes Gvoßpolen wäre für ein vorn selben „Geiste" verwaltetes Rumänien, Magyarien und Jugoslawierc Raum in einem wirklichen Völkerbünde von Kulturstaaten. . Was die Bojarenwirtschaff nicht nur nach dem Einzuge der rumänischen Soldateska in Budapest, sondern auch in Siebenbürgen, 'der Bnkoioina und Rumänien selbst, nicht etroa bloß gegen die Juden, sondern Mangels an Lebensmitteln zu An ruhe« gekommen. In M o s k au f eien f ie fo bedroh!ich gewesen, daß Lenin, erwägen soll, denSitzseinerRe^ gif tu n g nach einem sicherenO rt» wre es heißt nach Tula, zu verlegen. Lenin selbst wolle unter dem Drucke der Entwicklung der Dinge einen gemäßigteren Ton nnschlage» und versuchsn, eine Annäherung an die Menschewiken zu erreichen. Er veröffentlichte eine in sehr scharfem Ton gehaltene ProKlam mation» worin er sich aegen die Arbeiter wendet, die höhere Löhne verlange«^ aber nicht daran denken, auch dasur zu arbeiten. Drr frühere Oberbefehlshaber sämtlicher SLreitkrästs, Walsatin, und andere höhere Offtzierc wurden auf Befehl Lenins unter der Beschuldigung verhaftet, eine Gegenrevolution gegen die Sowietregrerung angestiftet zu haben. auch gegen andere Nationalitäten sowie gegen die besitzlosen Schichten des eigenen Volkes sich leistet, ruft bei! den wenigen wirklich modernen rumänischen Politikern^ mehr noch in der übrigen Kulturwelt dieselbe Verbitterung hervor, wie sie gegen die polnischen und! magyarischen Oligarchen besteht. Deren Lorbeeren lassest auch die miteinander in steter' Fehde sich befindendem großserbischen, italienischen imb griechischen Imperialisten nicht ruhig, schlafen. Man mißgönnt in Belgrad! den -rumänischen Heerführern den mühelosen Vormarsch nach Budapest, um so mehr, als man Rumänien iw auch den Besitz des Banates streitig macht. Andererseits: ist man aufs äußerste in serbischen Regierungskreisen! über den italienischen Imperialismus empört, dev sowohl südslawisches Gebiet in.Istrien, Triest und! Fiume gewaltsanr an Italien angliedern will, als-auch! die gegen Serbien gerichteten Selbständigkeitsbestrebun-- gen unter den Mmtenegrinern, Kroaten und Sloweneik protegiert. Faßt man alt das Gesagte zusammen, so' sieht man, daß heilte wie vor fünf Jlchr-en ein allgemeines Tohuwabohu, eine ganze Kette von verwickeltem nationalen und ökonomischen Fragen fortbesteht, welch« keine einzige der bisher angeivandten Methoden zu! lösen vermochte und dorr denen jede einzelne große l Gefahren für alle Völker und speziell für die unter ihnen zerstreut ivohnende und noch nicht entsprechnid organisierte jüdische Minorität in, sich birgt, -:-~rf