Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 200 (9.8.1919)
- Date
- 1919-08-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bekanntlich hat neben Polen insbesondere Rumänien igegen die Bestimmungen über die Minoritäten opponiert. In diesen beiden Staaten ist die Minoritätenfrage vornehmlich eine Judenfrage. Rumänien hat, den? Juden bisher formell, Polen faktisch die Gleichberechtigung vorenthalten, beide Staaten sind klassische' Pogromländer, in denen das Schlagwort der Demokratie zur Drapierung der barbarischen Schlachzizen- und Bojarenherrschast dient. Trotz dem Schwärmen Mancher Westländer für Polen genießen beide Staaten doch bei den zivilisierten Völkern eiü gewaltiges Mißtrauen und sie werden ihre Stellung in der Welt erst zu erhärten? Ganz anders liegt die Sache? bei dem jungen Staat, welchem in Mitteleuropa geradezu die Aufgabe zügefallen ist, jenes Prvblem zu glücklicher Lösung zu bringen, an welchem das monarchische Oesterreich durch die blinde Ahnungslosigkeit seiner Lenker gescheitert ist. Der eigentliche Nationalitätenstaat ist die Tschecho- Slowakei, in welcher die tschechische Nation die führende Rolle innehat. Die Tschechen haben seit Jahrhunderten nicht Gelegenheit gehabt, ihre Tauglichzur staatlichen Selbständigkeit zu erweisen; .in OeWßich haben: sie zwbifelütemrA Unzahl hervörrägMMr politischer und Verwaltungstalente hervorgebracht und der ungewöhnliche kulturelle und wirtschaftliche Aufschwung des , Volkes ist ein Zeugnis dafür, welche starken intellektuellen und moralischen Kräftein ihm schlummern. Es ist aber ein anderes, durch Tüchtigkeit und Fleiß das eigene, nationale Leben in die Höhe zu bringen, ein anderes, mit Einsicht und Gerechtigkeit einen Staat zu regieren. Aus den 'Erfahrungen der ersten zehn Monate, wo die Verhältnisse noch unkonsolidiert und die Friedens Verhandlungen in Schwebe waren, sollen keine Schlüffe abgeleitet werden. Der Friedensoertrag wird jetzt unterschrieben werden und gleichzeitig wird auch die Tschecho- SlowaKer den Vertrag über den Minoritätenschutz unterzeichnen, welcher vom Obersten Rat der Entente festgesetzt wurde. Nach Abschluß dieser Formalakte wird Dann die eigentliche Probezeit für die tschechische Nation beginnen. Ein Volk, das solange unterdrückt war und nun einen so stolzen Aufschwung genommen hat, muß verstehen lernen, daß die Zeit nationalistischer Ideologien vorbei ist, und daß eine- Nation sich nichts vergibt und nur ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse dient, wenn sie auch anderen Völkern ihr Lebensrecht gönnt. Das Debaele der Deutschen im Men'Oesterreich ist jedenfalls für die Tschechen ein lehrreiches abschreckendes Beispiel. > Wenn auch in der Tschecho-Slowakei die großen .Minoritätsgruppen, etwa Deutsche und Slowaken, besonders an der Statuierung von Minoritätsrechten interessiert sind, so ist doch auch für die Juden in diesen Gebieten der Minoritätenschutz eine Angelegenheit von großer Bedeutung. Die führenden tschechischen Männer, vor allem Präsident Masaryk und Außenminister Benesch, -haben den- Juden wiederholt be- . ruhigende Zusicherungen gegeben und auch ihr Der-, standnis für die jüdischnationale Idee bekundet. Anders aber steht es in der Praxis. Die systematische antisemitische Hetze eines Teiles der tschechischen Presse und der zielbewußte Antisemitismus einer gewissen tschechischen Schicht haben bereits Resultate gezeitigt, die das Ansehen des tschechischen Staates nichts zu fördern geeignet sind. Am seltsamsten sind in dieser HKrsicht die Vorgänge in der Slowakei, über denen noch immer ein gewisses Dunkel liegt. Zum Teil wurde dieses Dunkel durch einen weißen Fleck erhellt, welchen das Organ des Prager Jüdischen Nationalrates „Zidovske zpravy" in einer seiner letzten Nummern aufweist. Der koüsiszierte Aufsatz trägt die vielsagende Üeberschrift „In höchster Verzweiflung", und die stehengebliebenen Sätze fordern energisch eine Respektierung der Menschenrechte der slowakischen Juden. Die'Slowakei litt bisher unter dem unerträglichen Druck eines Militärregimes, das oft ganz un¬ Was Josef Habsburg der Entente verspricht. Eine Depesche an Clemeneean. * Budapest, 7. August. Wie das Ungarische Telegraphen-Korrespondenz-Bnreait meldet, hat Erzherzog Joses an Clemeneean folgende Depesche gerichtet: Herrn Clemeneean, Präsident der Friedenskonferenz in Paris! v Das teilweise ans Mitgliedern der ehemaligen Regierung Kun rekrutierte Ministerium haben wir getreu der Auffassung der Bevölkerung des Landes zur Ah, d a n k u n g a u f g e f o r d e r t, worauf dieses Ministerium gestern abends demissioniert und ein neues Äebe rgangsministerinm sich gebildet.hat. Ich' als durch das neue, ungarische Aebergangswinifterium ersuchter V erw es er habe die Macht übernommen und die Regierung ernannt und betraut. Die Bevölkerung der Hauptstadt Budapest hat die Niederwerfung des Regimes des bolschewistischen Terrors mit großer Begeisterung zur Kenntnis genommen, und ich bin überzeugt, daß die Bevölkerung des ganzen Landes hievon mit derselben Begeisterung Kenntnis nehmen wird. Anfer nächstes Ziel ist nun die Vorbereitnng und tunlichst rasche Einberufung der Nationalversamml u « g> damit diese dann in der Angelegenheit der Staatsform auf verfassungsmäßiger Grundlage entscheiden könne. Bis dahin ist unser Pogramm: Vollständige Niederwerfung des mit den Mitteln des Terrors hierher verpflanzten Bolschewismus, Durchführung der WaffenstiKftandsabkoMmen, Regelung der Zerrütteten Zustände des. Landes, Sicherung der produktiven Arbeit und Bor» bereitung des Materials für die Friedensverhandlungen. Ans all diesen Gründen suchen wir nähere Berührung mit der Entente. Wir bitten um ihre wohlwollende Anterstützung mrd im Interesse des Erfolges nuferer Bestrebungen um die Anerkennung der ^rßgierung. Erzherzog Josef, Feldmarschall. Die ANgarische SoZialdeMSkratie gegen die tttm , Regierung. Wien» 8. August. (Korr. Expreß.) In der ungarischen Gesandtschaft fand Astern nachmittags eine ÄeraLsmg der in Wien weilenden führenden ungarischen Politiker statt, an der Martin L o v a s z h, Ernst G a r a m i, Emanuel B uch i n g e r, Wilhelm V a z s 0 «% i, Graf Stephan Beth l e n, Graf Nikolaus Banffy, Karl H u s z a r und andere teilnahmen. Im Laufe der Beratungen erschien auch Graf Stephan Bur i a n im Konferenzzimmer. Ihr Ergebnis ist, daß Ernst G arawi ablehnte, in die Regierung einzntrete«. Ernst Garami nimmt den Standpunkt ein, daß die gegenwärtigen Verhältnisse in Ungarn keine Gewähr für die Erhaltung l^er Errungenschaften der Oktoberrevolution, vor allem der Volksrepublik, bieten. "Die Einstellung des sozialdemokratischen Parteiorgans „Nepszava", das aggressive Auftreten gegenüber den Sozialdemokraten und die Verfolgungen der Kommunisten machen es den Sozialdemokraten schwer, an der Regierung teilzunehmend x In den Kreisen der ungarischen Politiker ist man der Meinung, daß auf die Stellungnahme Garmms ferne Unterredung mit dem Staatskanzlsr Renner im Sonderzug der deutsch österreichischen Frie^ensdelegation von entscheidendem Einfluß war. Man glaubt, daß die österreichische sozialdemokratische Partei ihre ungarischen Genossen in dem Widerstande gegen die Wiederauf>ri ch t rtn g der Monarchie in Ungarn bestärkt, weil sie der Meinung ist, daß ein monarchisches Ungarn von Einfluß ans die politische Konstellation auch in Deutschösterreich sein müßte. verantwortliche und unreife Elemente mit geradezu diktatorischer Gewalt ansstattete. Von den Uebergriffen dieser Soldateska find außer zahlreichen Plünderungen und rohen Vergewaltigungen jüdischer Bürger aiiri) einige sinnlose Maßnahmen bekannt 'geworden, welche die Rechtlosigkeit der Juden grell beleuchten. Dazu gehört zum Beispiel die völlig grundlose Verhaftung und Internierung der Führer des nationalen Judentums, welche begreiflicherweise in der ganzen zionistischen Weltorganisation größtes 'Befremden hervorgerufen hat. Gerade die der zionistischen Organisatiyn angehörönden Kreise des ausländischen Judentums, welche bekanntlich über einen nicht geringen'Einfluß in den Westmächten verfügen, haben stets mit der tschechischen Nation und ihren Freiheitsbestrebungen sympathisiert. Durch das Bekanntwerden der Ereignisse in der Slowakei wird im Ausland der peinlichste Eindruck hecoorgerufen. Die Tschechen haben immer mit dem Argument operiert, daß das jüdische Element als Stütze des Magyarentums zur Unterdrückung der Slowaken beigetragen hat und deswegen jetzt zurückgedrängt werden mW gerade dieses Argument aber ist gegenüber, den Nationaljuden, die stets Gegner.jeder Ärt von Assimilation waren, hinfällig. Warum also interniert man gerade diese? Die tschechyche Politik^ ist auf einem Holzweg, wenn sie alle Schwierigkeiten, die eine Folge langjähriger Entwicklung sind., mit Gewalt saniere« will. Ein verständnisvolles Eingehen auf die Eigew tümlichkeitew der Struktur der Bevölkerung und ctur großzügige historische Betrachtungsweise werdenauch hier an die Stelle des Chauvinismus treten müssen wenn die Republik nicht ernsten Konflikten aus« gefetzt sein soll.'Jnsbesonders gehört dazu ein Ver«' standnis, für die jüdischnationale Bewegung, welchl die Juden des Reiches auf einer jüdischen Plattforn! sammelt. Darum ist es von Wichtigkeit, daß durch den Minoritätsoertrag auch den Juden die Möglich' keit, zu nationaler Entfaltung gegeben wird. , De; wichtigste Punkt ist dabei die Freigabe der nationale« Erziehung. Für die orihodoxen Massen in der Slowake! sind auch die Bestimmungen über die Sabbathruhe vo« großer Bedeutung. Es muß also mit allem Nachdruck gefordert werden, daß diese Besrnmnungen Zumindest in demselben A.mfang?wie bei Polen auch in bet tschechischen Vertrag ausgenommen werden. Das Ministerium Tusar hat eine Politik der söhnung und Verständigullg inauguriert., Es ist hoffen, daß gerade diese Reqier;mg sich won de« -Volksteilev unerläßlich sind