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Wiener Morgenzeitung · 1919-08-08 · Heft 199 (8.8.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 199 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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\ Seite 2 Wien, Freitag Ptetc, ist noch rascher verschwunden als es gekommen und plötzlich ist Joses von Habsburg aus der VerstnkunG aufgetaucht und aus dem getreuen Bürger' »er ersten ungarischen Volksrepublik ist der Feldparschall Erzherzog Josef geworden. Es wird ßch bald entscheide^ müssen, ob Ungarn eine demokratische Republik werden soll, deren Ansätze unter Karolyi bereits vorhanden waren, oder ob es im Ankmge einer monarchistischen Restaurationsbewegung steht. Die Regierung Peidl wurde mit der Motivierung zum Mdanken gezwun^^lß sie nicht die Mehrheit der Bevölkerung verkörperet Man darf sich billig fragen, ob die Jnthrpnisierung des habsburgischen Erzherzogs eine größere demokratische Legitimation für sich hat. Die Festlegung der Ekünftigen ungarischen Staatssorm ist eine Angelegenheit, welche nicht bloß Ungarn allein interessiert. Von einem monarchistischen Umschwung in Ungarn können leicht Ausstrahlungen a^sgehen, die sich auch anderwärts fühlbar machen könnten. Die Entente dürste kaum ein Interesse daran haben, Ungarn mit Gewalt wieder in das Königtum hineinzupressen. Wenn sie dies wider alles Erwarten versuchen sollte, so wäre damit ein überaus gefährliches Präjudiz geschaffen. Rach den bisherigen Eindrücken scheint in' diesem Falle wiederum der unglücksenge Einfluß Frankreichs im Spiel zu sein und es wäre allzu grotesk, wenn sich die Vertreter der größten republikanischen Tradition um die Wiederauftichtung eines gestürzten Thrones mühten. Der Bevölkerung Ungarns muß die Möglichkeit gegeben werden, die Zukunst ihrer künftigen staatlichen Ordnung selbst zu bestimmen. Ob diese Entscheidung für die Republik aussallen wird, mag bei Kenntnis der politischen Geistigkeit Ungarns und nach den Erfahrungen, die man dort bisher mit der Republik gemacht hat, zweifelhaft fein. Die geschichtliche Enbvicklung duldet keine Sprünge, und. die traurige Episode Bela Kun hat die Mittelalterlichkeit des ungarischen politischen Horizontes womöglich noch größer gemacht. Die Ungarn, die bisher täglich neue Beispiele ihrer politischen Unreife und Unzuverlässigkeit gegeben haben, mögen nun sehen, wie sie mit ihren Angelegenheiten fertig werden. Wenn sie glauben, in der in Monarchie ihr Hell und durch den Weg zu ihr Gnade in den Augen der Entente zu finden, so mögen sie tun, was sie nicht lassen können. Auf alle Fälle bedeutet diese letzte Wendung der ungarischen Dinge die Gefahr ernster Komplikationen, von denen wir in Deutschöfterreich, die wir ohnedies an unseren Lebensproblemen schwer genug zu tragen haben, 'völlig verschont, zu bleiben wünschen. Budapester Revolution. St W i e n. 8. August. „Der bvlschewikische Krach als der magyarischen Regierungsweisheit letzter Schluß! .. . Nicht im Kampfe gegen die-Karvlyis, Esterhazys, Apponyis und Konsorten hat dieser Bolschewismus Boden gewonnen, sondern die feudalen Herren hüben ihm freundlichst das Feld geräumt, haben ihm liebenswürdig ihre Sitze angeboren. Er erfreut' sich ihrer Förderung und ist beliebter- Gesprächsstoff in allen adeligen Kasinos.. . Das Budapester Spektakel mit seiner theatralischen Mache, die lachenden, applaudierenden adeligen Zuschauer, die, neugebackenen Bolschewiken, deren chauvinistischen Züge noch unter der roten Schminke deutlich zu erkennen sind, kurz alles, was da drum und dran ist, ist verdächtig. Alter Budapester Stil! Das neueste Husarenstück kann schlecht ausgehen, viele Menschen ins Unglück bringen imb die Sache der Freiheit schwer schädigen." Mit diesen Worten wurde im März an gleicher Stelle die'Gründung der ungarischen Räteregierung begrüßt. Nun ist die ordinäre Revolutionsposse zu Ende und das traurige reaktionäre Nachspiel hat begonnen. Scho« hört, man das Freudengeheul der Budapester Junker, Wucherer und Spieler. Der nämlichen Gesellen, die im März schadenfroh und händereibend aus den Fenstern der Budapester Kasinos geguckt und den Einzug der Räteregierung jubelnd begrüßt haben und nun bei wüsten Champagnergelagen in den Wiener Ringstraßenhotels den Zusammenbruch bejubeln. Ihre Helfershelfer, die bolschewikischen Schinderknechte,, sind abgezogen, mit Sack und Pack, mit Troß und Weibern, und haben die gemordete Freiheit hinter sich gelassen. Die Reaktion hat freie Bahn. Die adeligen und gemeinen Erpresser mrd Ausbeuter können wieder einziehen. Sie haben nichts verloren. Ihre Güter, Häuser und Privilegien bekommen sie vneder zurück. Sie haben'sich's ja in der Zwischenzeit günz gut gehen lassen, haben gepraßt und geschlemmt in Wien und in den Kurorten. Das bischen Verdienst, entgang wird bald hereingebracht sein. Mein Gott, man verdiem rasch — in Budapest. Gelitten hat nur' der mittlere und kleine Wann. Er hat gedarbt, hat sein hart erarbeitetes Vermögen, sdine Altersversorgung und den Erziehungsfonds für seine Kinder verloren. Er hat gehungert, er ist von den Horden der Räteregierung, gequält worden, ev ist/ für alle Zeit gebrochen und geschlagen, er kommt nun aus dem roten Fegefeuer in die schwarze Hölle. Der Fluch der Lehre vom Bolschewismus, von der Diktatur einer Klasse liegt nicht darin, daß sie Gewalt, Mord und Zerstörung predigt. Dadurch unterscheidet sie sich ja nicht von der alten Heilslehre der -gottgewollten Ordnung^ der Einteilung der. Menlcke«, Wiener Morgenzettmrg 8. August ISIS to: m Ein permMSMtes jüdisches Komitee zur Wahrung * # der jüdischen Rechte. Die nSchste Tätigkeit der Pariser jüdischen Delezati-Ar«. Das Kopenhagens Zionistische Bureau berichtet aus Paris: In vier Plenarsitzungen des Komitees der jüdischen Delegationen, die vom 25. bis 28. Juli stattsanden,, wurden die Vorschläge der jüdischen Delegationen auS Rußland und der Ukraine bezüglich der zukünftigen Gestaltung und Tätigkeit des Komitees in einzelnen besprochen. Es wurde beschlosien, nach Schluß der Friedenskonferenz ein permanentes Komitee zu organisieren, das auf einer breiteren Grundta'ge vor der Liga der Nationen und überall folgende vom Komitee formulierte Ziele vertreten soll: Zweckdes Komitees ist: Verteidigung der bürgerlichen, politischen und nationarenRechtederJuden der verschiedenen Länder und ihre Weiterentwicklung; V e r t e i d i g u n g d e r j ü d i s ch e n B e v 11> r u n g gegen Pogrome, Ausschreitungen, und Uebergriffe; Mitarbeit bei der Organisierung d e r jüdisch e n A u s w a n d e r u n g; Zusammenarbeit mit den jüdischen Hilfsorganisationen, insbesondere . zwecks Wiederaufbau d e s d n r ch die Katastrophe desKrieges zerstörten ökon o m i s ch e n L e b e n s. Ergänzend wird dem Kopenhagener zionistischen Bureau noch berichtet: In seinen vier Plenarsitzungen vom 25. bis 28. Juli beschloß das Komitee der jüdischen Delegationen, seine Tätigkeit trotz der Abreise einiger Mitglieder sortzusetzen. Zur Zeit fhiS noch 18 Vertreter von Polen, Ukraine, Litauen, Rußland. Ostgalizien, Rumänien und anderen Balkanstaaten in Paris versammelt. In den letzten Tagen kam ein neuer Vertreter der rumänischen Judenheit an- und weitere neue Vertreter der Judenheit tu Tschecho-Slowakien, Bukowina und Polen werden in den nächsten Tagen erwartet. In seiner letzten Sitzung arbeitete das Komitee folgendes Programm für seine zukün.fttge Tä.tigk e i t aus: . 1. Beendigung der p o liti s ch en A rb e t fc in bezug auf die für verschiedene Länder noch ansstehenden Bert r ä ge. mit den alliierten und assoziier t e n M ä ch t e n; 2. Vergütung weiterer Pogrom-Katastrophen durch politische Schritte und Preffepropaganda; 3. Aktion für die Einberufung einer allgemeinen jüdischen Hilfskonferenz; ' 41 B o r b e r e i t u n g d e S z u k ün f t i g e n. P e rmanenten Komitees, das. nach, dem Schluß der Friedenskonferenz eingesetzt werden soll. Dieses permanente Komitee soll die gleichen Aufgaben wie das gegenwärtige.Komitee erfüllen und dte jüdischen Bestrebungen vor bet Liga der Nationen und im allgemeinen vertreten. Das Komitee der jüdischen Delegationen' sieht in dauerndem schriftlichen und telegraphischen Verkehr mit den abgereisten amerikanischen Vertretery und den jüdischnationalen Organisationen aller Länder. Die VersmtWsrtlichkett für den KriegsaüsLrrsch Eine Erklärung der deutschen ViererkorninMon. Berli«, 7. August. Die deutsche VierÄkommission, bestehend aus den Professoren Hans Delbrück, Mendelsftohn-Bartholdh, Grafen Montgelas und Max Weber, die den Bericht über die Verantwortlichkeit für den Kriegsausbruch verfaßt haben, veröffentlicht folgende Erklärung: Bei Wfassung des Berichtes über die Verantwortlichkeit für den Kriegsausbruch, war der deutschen Viererkommission nur bekannt-, daß der Bericht des bayrischen Legationsrates von Schön vom 18. Juli 1914 in der damals vorliegenden Fassung mehrere Jrrtümer enthielt. Aus den inzwischen von Herrn von Schön in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" vom 2.August 1-919 veröffentlichten Aufklärungen geht hervor, daß die irrtümliche Darstellung deS Berichtes, als dessen Verfasser unrichtigerweise der vom 4. Ins 2fi. Juli beurlaubte und von Berlin abwesende bayrische Gesandte, ,Graf Lerchefeld, bezeichnet worden war, darauf zurückzuführen ist, daß wesentliche Stellen des Berichtes weggelassen waren. Diese Stellen beweisen von neuem, daß die Reichsleitung nicht den europäischen Krieg gewollt und betriebe«, sondern von Anfang an',auf die Lokalisierung des Konfliktes zwischen Oesterreich und Serbien 'hingearbeitet hatte und ernstlich bestrebt war, alle Anlässe zu einem europäischen Krieg auszuschalten. Zur in Herten und Knechte, Genießer und Darbende. Und es stecht den Trägern dieser alten Idee herzlich schlecht zu Gesicht, wenn sie den bolschewikijVhen Terror bejammern. Wenn sie d?n Bolschewismus schmähen, bespeien sie ja nur ihr eigenes Spiegelbild. Wodurch unterscheidet sich denn ein Revolutionsgericht von einem alten Standgericht? Heute tragen die Henker rote Krawatten, früher waren es Generäle mit roten Hosen. Früher habxn Hofräte den Mord jüristisch verbrämt und Pfaffen haben ihn als Gottes fegen gepriesen, heute sind verkrachte Zeitungsschmierer verkannte Literaten seine Herolde. Drückt eine rote Hanfschlinge den Hals weniger oder mehr als eine schwarzgelbe oder schwarzweiße? Die alte Kriegsjustiz'hat sich auf die Kleinen und Schwachen geworfen.' Bauer«, Arbeiter, Hand-1 toetfer wurden gehängt und erschossen. Hat aber die * Räteregierung viele Fürsten und Große baumeln lassen? Unvorsichtige Jungens, räsonierende Weiber, verängstigte Spießer, denen in der Rasierstube ein Fluch entschlüpft ist, die mußten daran glauben. Den Großen hat man zart die. Grenzen offen gelassen, und wenn sie dem roten Grenzwächter einen Bläuling in die schmierige Pfote gedrückt haben, hat er noch seine Reverenz gemacht, wie dbr Pvlizeiknecht von anno dazumal. Der General hat im sicheren Hinterland diniert und die Soldaten telephonisch in den Tod gejagt, der Bolksbeauftragte ißt und trinkt im requirierten Hotel, wenn's auf den Straßen kracht, und sucht mit Familie und Bagage das Weite, tvenn's schief geht. Kurz, allüberall grinst einem die Gleichheit zwischen Militarismus und Diktatur des Proletariats entgegen. Sofern es sich um die Methoden handelt, steht keiner der Zwillinge, Reaktion und Bolschewismus, vor oder hinter dem anderen. Was den Bolschewismus so unendlich fluchwürdig macht, ist'der Umstand, daß er die Idee von der politischen und wirtschaftlichen Freiheit schändet, indem er sich hinter sie verschanzt und ihren Namen auf seine schnrutzige Fahne schreckt. Jedes, boljchewllische Expert- , Begründung der außerordentlichen Verspätung dieser Aufklärung teilt Herr von Schön mit, daß.Kei Nachforschung nach seinem Berichte sowohl das Konzept aus den Berliner Gesandtschaftsak.test äksauchf das Original aus dem Archiv des Münchener Ministeriums, des Aeußeru verschwunden waren und erst bei Hausdurchsuchungen beider Witwe- Kurt Eisuers und des früheren Sekretärs Eisners, Fechenbach, wieder zutagegeförötzrt wurden. Die Unterzeichneten ersuchen die Reichsregierung, bei einer Neuausgabe des Weißbuches 1919 die vorstehende Erklärung zum Abdruck bringe« zu lassen. Ex-Kaifer Karls Borbereitungerr. Berlin» 7. August., Das „8 Uhr-Blatt" mllbei au8 Genf: Aus der Umgebung des Exkaisers Karl kommt die Nachricht, daß Waiser Karl über die Vorgänge in Ungarn und über die Stimmung in Wien 'fortlaufend unterrichtet wird. Er unterhält nicht nur Bezichunyerk mit Wiener Persönlichkeiten^ sondern wird auch von Mittelsmännern der Entente sehr genas auf dem laufenden erhalten. In den letzten Tagen war ein sehr lebhafter Verkehr mit der ehemaligen Kaiserfamilie zu bemerken. Die Vertrauten des Exkaisers Prinz Windisch-Graetz und Gras B e r ch t o l d hielten sich in Genf auf, wo sie viel mit französischen Journalisten verkehren. » "" " mmmmmmmmmammMimmaKtammammamamKamBBmmmBmmBttmm ment muß zur Reaktion führen. So war's in Deutschland, so ist's in Budapest, und so wird's in Rußland sein. Die Verbrechen der Rätediktatore« haben das Andenken an die Verbrechen der alten Reaktionäre verblassen gemacht; das Blut,, welches sie vergossest haben, hat die Spuren der Untaten der Kriegshetzer von ehedem verwaschen .und die gebrandmarkten Schergen der alten Despotie wagen sich wieder aus ihren Schlupfwinkeln hervor. Die Schandtaten der Bolschewiken haben sie förmlich entsündigt. zumindest entlastet.. Als Nachfolger Bela Kurts und Szamuelys können sich Erzherzoge und ihre Kavaliere noch sehen lassen. Der Bolschewismus muß die Reaktion im politischen und wirtschaftlichen Leben bringen. Aber er erzeugt noch etwas, was viel gefährlicher ist, die geistige Reaktion, als Katzenjammer nach einem wüsten Rausch. Der Bolschewismus hat die Gemüter berauscht, gerade wir Juden wissen ein trauriges Lied davon. Er war leider nicht darauf beschränkt, die Unehrlichen und Oberflächlichen, die Spekulanten und Nachläufer deS SchlagwvrteS an sich zu ziehen; er hat sich des im Kriege so unendlich groß gewordenen Kreises der ehrlich Verzweifelten und Angeekelten bemächtigt. Er. hat insbesondere unter der im Krieg führerlos und richtungslos gewordenen Jugend, unheilvoll gewirkt. Im Gewände des flammenden Protestes gegen die Versklavung der Menschheit und ihre Schlächter HM er die Jungen verblendet, sie haben seinen faulen Kern nicht erkannt. Nun wird die große Enttäuschung herejnbrechen und die schlimmsten Folgen zeitigen. Die betrogene Jugend wird den Glauben an hie hohen Ziele der Menschheit verlieren und im krassen Materialismus, in einem Leben niedriger Genüsse vergessen und Betäubung suchen. Wir Juden werden schwer daran zu arbeiten haben, unsere Jugend vor her geistigen Reaktion, der entsetzlichsten Folge des bolschewikischest Abenteuers zu bewahren.

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