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Wiener Morgenzeitung · 1919-08-06 · Heft 197 (6.8.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 197 (6.8.1919)
Date
1919-08-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Es ist der schwerste Schlag, der Ungarn versetzt werden konnte, daß seine Hauptstüdt yvn den Truppen einer Nation ungehindert besetzt werden Konnte, die im Krieg alles, nur keine militärischen Instinkte bewiesen hätte. Die Rumänen haben schon einmal ein ähnliches Heldenstück aufgeführt, als sie nämlich Im Balkankrieg die unverteidigte Nvrdgrenze Bulgariens überschwemmten und.sich, äneigneten. Was Karol und Carmen Sylva, der Dichterin der Humanität, vor dem staunenden Europa gelungen war, das wiederholt nun Ferdinand, der den leichten Sieg durch einen triumphalen Einzug in die Hauptstadt des Erbfeindes zu krönen beabsichtigt.- Dies wäre nur die Fortsetzung des Spieles, das die kleinen Nationen schon setz dem Vorjahre mit den Pariser Mächtigen treiben. Die Entente hat einigemal, in die Kriege einzugreifen versucht, die zwischen - den raubülstigen Söldnern der Nationalstaaten entständen waren. Sie hat mit Noten und . Ultimaten gearbeitet, aber nie etwas anderes erzielt als Proteste und. neues Blutvergießen. Die Entente hat nun die Rumänen von ihrer Absicht abhalten wollen, einen Parademarsch nach Budapest zu unternehmen, und sie hat sich eiste Blamage gehöltz indem die Rumänen trotz aller Befehle -ihren Planausgesührt haben. Das Schicksal Budapests ist schwer und hart. Aber man muß daran denken, daß in Budapest am meisten und am rührigster das Holz zum Weltbrand zusammengetragen ivurde, daß von Budapest aus jene Politik gesponnen wurde, die für 'Rumänen und Serben eine stete Bedrohung ihrer wirtschaftlichen Existenz zum Inhalt chatte. Die Agrarpolitik der Ungarn ausbeutenden Adelsfamilien hat die Monarchie lange Jahre hindurch im Zollkrieg mit Rumänien gehalten und hat die Serben, die aus verkehrsgeographischen Gründen auf ein Freundschaftsverhältnis zur Monarchie angewiesen waren, in die Arme der russischen Hofkreise getrieben und dem Panslawismus restlos ausgeliefert. Und das Unglück, von bcm Budapest jetzt betroffen wurde, hat es Bela Kun zu verdanken, der die Rumänen unnötig angegriffen hat und ihnen das wehrlose Land zur leichten Beute werden ließ. Die Situation, vor der die Enterte sich nun gestellt steht, ist nicht beneidenswert. Sie mutz die volle Verantwortung für die innere PolitikHUngarns übernehmen. das zwar noch eine Regierung hat, die aber durch den Gang der Ereignisse vollkommen ausgeschaltet ist, und nicht einmal den Sicherheitsdienst in der Hauptstadt besorgen kann. Die ungarische Armee, die zwecklos und unsinnig irt schweren Kämpfen an der Theiß ihre Kraft vergeuden mußte, soll jetzt demobilisiert werden und so bleibt der Entente nichts übrig, als wieder militärische Kräfte auszubieten, um den Mut der Rumänen und der Szegediner Truppen, die sich' zum weißen Terror bekennen, zu. dämpfen. Die tapferen ungarischen Generäle, die Deutschland geholfen haben, den Krieg zu verlieren, sind von Tatenlust ergriffen und wollen unbedingt in Budapest die Bevölkerung dafür bestrafen, daß sie die Befehle der Räteregierung ausgesührt und jeden Widerstand gegen die bewaffneten russischen Kriegsgefangenen, die den Kern der Macht Kuns , bildeten, unterlassen hatten. Sie wollen unter dem Borwand der Abrechnung mit den Bolschewiken in Budapest ein Blutbad anrichten und träumen ganz laut von einem Massenpogrom. Gegen diese Gelüste muß die Entente einschreiten. Sie hat aber darüber hinaus auch noch die Aufgabe, den Grund der politischen Verzweiflung Ungarns zu erkennen und die Ursachen zu beseitigen. Ungarn ist blockiert, hat keine Kohlen rmd keine Lebensmittel. Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie leicht eine durch Hunger und Arbeitslosigkeit gepeinigte Bevölkerung das Opfer der unsinnigsten Schlagworte wird und wie leWyolitijche Eine interalliierte MiLitärkoMmission in Budapest, # Die ungarischen Reaktionäre an der Arbeit. S a i rr L - G e r m a t % 5. August. (Korr.-Bur.) Die Meinungsverschiedenheit zwischen den französischen und den in Paris erscheinenden a nt c v i k a n t f che «i Blattern über die nnga rische Frage macht sich heute sehr deutlich bemerk Sa r.' Während die meisten französischen ZeLLnngen unentwegL die Meinung vertreten, die Pesetznrrg Budapests durch die Rumänen sei wünschenswert und dem Frieden förderlich, warnen' dis amerikanischen Blätter, insbesonders die „Chicago Tribuns", eindringlich vor den P c-! fahren, die eins Besetzung Budapests durch die Rnmä rr-e n und der dadurch möglicherweise' aufs neue Lvachgernfene ungarische Ratio n'a lismus mit sich bringen könnten. - . Der „New Bork Herald" melöst, daß der rumänische Kommandant d en Befehl Clemeneearrs, den Vormarsch einzusteLLen, zwar schon, Sonntag nachmittags in den Händen hatte, daß er aber seinen ermüdeten Truppen Obdach für die Nacht verschaffen wollte und deshalb bis in die Umgebung Budapests v o rr ückt e. Der Oberste Rat-habe gestern über die aus Angarn kommenden Meldungen Lange debattiert und schlieWich beschlossen, e i n e i n t e r a l l i i e r t e' Militärkommission n a ch B r^d apest zu enLse n d e n. Gleichzeitig soll di e Blockade in gewissen Beziehungen gemildert werden. Der Wiener Korrespondent der „Chicago,Tribüne" ist nach Budapest abgererft und stellt dieMatznahmen der neuen Negierung in sehr günstigem Lichte dar. Er schreibt arrsdrücklich, daß die Regierung augenscheinlich gewillt sei, 'ihren Teil an den Abmachungen getreu auszuführen, und daß nun die Alliierten auch das ihrige tun müßten. Aber dieselben reaktionären Elemente inund außerhalb Ungarns, die daran schuld waren, daß seinerzeit die Macht an die Bolschewiken überging, seien bereits an der Arbeit, um zngunste n ihr e r e i g enen e g o istis ch en Z iel e d en h offnüngsvollen Anfang einer Klärung zn vernichten. . AnshehNM^der'MMaÄe gegen Ungarn. Zürich- 5. August. (Tel.-Komp.) Die Schweizerische Telegraphen-Information -meldet aus Paris : Gemäß dem Berichts Hsovers an die Friedenskonferenz wurde die Aufhebung der Blockade gegen Arrgarn verfügt. Die Entente gegen die BesetzNug Budapests. Wien- 6. August. Morr. Expreß.) In den Vorhandlunge^ der in Wien weilenden ungarischen Politiker mit den Wiener Vertretern der Entente ist eine Pause ringe t r e L e n, die etwa zwei Tage dauern wird. Durch die rumänische Besetzung Budapests ist die Frage der Bildung einer endgültigen, alle Schichten des ungarisihen Volses vertretenden, also auch das Vertrauen dev Entente genießenden Regierung in den Hintergrund getreten und es gibt für die ungarischen Politiker Zeder Partei und Schattierung augenblicklich nur eine Ausgabe: die Befreiung Angarns von dem rumänischen Militär. Oberst tzurmrngharne hat in seinen Besprechungen wiederholt zu» erkennen gegeben, daß die Besetzung der Stadt Budapest durch die Rumänen den Intentionen seiner Regierung nicht entspricht und seinerseits Schritte in Aussicht gestellt, die die rasche Befreiung Budapests zum Ziele haben. Die Vertreter Italiens, sowohl OSerstleuLnant Romauellr im Aufträge des Generals Segro, wie auch Fürst Borghese, bemüh.en sich in dem gleichen Sinne. Es ist jedoch sehr zweifelhaft, ob die Bemühungen der Entente rasch zum Ziele führen werden, da die rumänische Armeeleitung erklärt hat, die Besetzung der ungarischen Hauptstadt sei eine von strategischen Gründen diktierte rein militärische Maßnahme, die von p o l.i tischen Gesichtspunkten auch der Ententemächte unabhängig fei. Die größte Gefahr besteht nach Ansicht maßgebender ungarischer Faktoren darin, daß die Bevölkerung Budapests mmmehr dev äußersten Not preisgegeben ist und daß das rumänische Militär alle irgend beweglichen Werte aus Budapest verschleppen werde. In den nächsten Tagen werden außer dem bereits in Budapest eingetroffenen englischen General Gordo« noch vier Generäle der alliierten Regierungen nach Budapest reisen. Die Wiener Berhasidlrmgen. Exaltados und Konjunkturgauner zu Herren der aufgepeijschen Straße werden. Der Wahnsinn, den sie erzeugen, frißt sich tief in die Gehirne, was uns die Stadt Wien beweist, in der' sogar heute noch Demagogen behaupten, die Ausrufung der Räterepublik wäre der einzige' Ausweg aus der Not. Sicherlich sind auch in Budapest diese Tendenzen trotz des weißen Schreckens, der sich. schon zu rühren beginnt, nicht ganz niedergeschlagen und es bedarf sehr tiefgehender politischer Einsicht, um der Bevölkerung Ungarns, die so nahe an. Wien^ wohnt, über die schwere Zeit hinwegzuhch^u. - Ungarn wird jetzt in die Friedensverhandlungeir emtreten. .Von Verhandlungen kann da eigentlich keine Rebe sein, denn es handelt sich in diesem Falle noch viel mehr um ein Diktat als bei Deutschösierreich. Aber es kann der Entente, die den Donauweg unbedingt braucht, nicht gleichgültig sein, ob in den Gebieten längs der Donau Völker wohnen, die ist eine ewige Verzweiflung hmemgetrieben werden. Gerade das Beispiel Ungarns zeigt mit schrecklicher Deutlichkeit, wohin Gewalt führt. Die Entente wird ^Ungarn Frieden und Gerechtigkeit zurückgeben müssen. Dann wird das ungarische Volk daran gehen können, sein Haus neu zu bestellen und die 'Giftmischer von rechts und links endgültig und für immer zum Teufel zu jagen.

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