Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 193 (2.8.1919)
- Date
- 1919-08-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Damit ist der wüste Spuk vertrieben» der solange Ungarn bedrückt und Deutschösterreich, gefährdet hatte. Es ist wieder Raum, für Vernunft. - Kun war von dem inzwischen nach Amerika geflüchteten Michael Karolyi berufen worden, als die rumänische Offensive daserstemal einsetzte. Karolyi hatte abgewirtschaftet, hatte Lein Vertrauen mehr im Lände, das resigniert der rumänischen Invasion entgegensah. Er warf also alles hin und in einer einzigen Nacht wurde ohne jeden Uebergang.^yhne Vorbereitung die / demokratische Staatsform aufgehoben und das. Rätesystem gebildet» dessen Seele der gewalttätige, schlaue ungarische Bauernsohn^ Kun war. Ihm gelang das Werk, an dem Karolyi gescheitert war. Kun riß das Proletariat der Hauptstädte und der Ungarn «roch gebliebenen Jnduftriegegenden in einen nationalistisch-patriotischen Taumel; die Arbeiter eilten zu den Waffen und warfen int ersten Ansturm den Feind zurück, um sich dann gegen die Tschechen zu wenden und auch diese zu schlagen. Von diesen militärischen Erfolgen abgesehen, istKuns Herrschaft politisch steril» wirtschaftlich 'aber ruinösfür Ungarn gewesen. :: Die Macht der Räteregierung war ebenso wie in Rußland nicht aus ein organisch gegliedertes Wirtschaftssystem ausgebaut, sondern ruhte nur auf dem Proletariat und aus den wo.hlbewaffneten russischen Kriegsgefangenen. Das sozial so wenig müyickelte Ungarn sah sich plötzlich in der Herrschaft eines Systems,. für; das die Welt v ungestörten FöRschrM vorclüÄgefetzt ' hundert reif sein könnte, wenn sie nicht durch den, Krieg erschüttert worden wäre. Eine hundertjährige sorgsame Erziehung der Menschheit könnte allem die Grundlagen für eine Gesellschaftsform legen, die sich aus Arbeit statt auf Besitz gründet. Sicherlich geht die Entwicklung der Menschheit diesen Weg, aber der plötzliche Anbruch der neuen Ordnung hat das Wenige zerstört, das der Krieg noch hatte beitehm lassen. Edikte und Befehle nach zaristischem Muster nahmen dem arbeitenden, erwerbenden, schassenden Bürgertum nicht , nur die politische Macht, sondern sogar die Arbeitsgelegenheit Alles geriet ins Stocken und eine auf langjähriger Tradition errichtete Wirtschaft schwankte. Budapest, das reiche, üppige Budapest, in dem die 'ärmeren Schichten niemals das materielle Kriegselend so kennen gelernt hatten wie in Wien, wurde dem Hunger überantivortet. Und dazu gesellte sich eine fürchterliche Korruption mit allen Begleiterscheinungen einer Parvenu-Politik, die ihre Macht mit Handgranaten, bewaffneten Desperados und geheimelt Verhaftungen stützen muß, well sie eben nicht tat Vertrauen der Allgemeinheit wurzelt. In der äußeren Politik war Kun ungleich glücklicher und geschickter. Sein Spiel mit Clemenceau, dem allgewaltigen Weltenrichter in Paris, erinnerte an die besten Meister der italienischen Diplomatie. Aber schließlich mußte auch Kun den Verhältnissen, der Wucht der Tatsachen weichen. Die rumänischen Soldaten, denen er seinen Aufstieg verdankte, stürzen chn nun, wo die Entente Ernst macht, um nach der Beendigung der Verhandlungen -mit Deutschösterreich den Donaüweg frei zu bekommen. Kun hat dem Zentralrat der Vudapester Arbeiter und Soldaten das Amt zur Verfügung gestellt. Die neue Regiemng, in der sich zwei Parteigenossen Kuns befinden, soll die Verhandlungen mit der Entente zur Aufhebung der Blockade zu Ende führen und dasneue Parlament vorbereiten, dem die Aufgabe erwächst, das schwergeprüfte Ungarn die Schrecken der letzten vier Monate vergessen zu machen und die Demokratie, die eben den Sturm von links Überstunden hat, auch vor dem Sturm von rechts zu schützen. . Aus Budapest ist der Wahnsinn verzagt worden. Hoffentlich schwindet er jetzt auch aus Wien, das Kuns Spießgesellen mit so begehrlichen Augen betrachtet haben. Der Bolschewismus —. sagte Kun in seiner Abschiedsrede — ist für Ungarn jetzt unheilvoll. Er wäre es in noch höherem Maße für Deutschösterreich, das sich nach Arbeit und Ruhe sehnt. Ein ssziLlheMskrEsches MiRisterimer in Brrdüpest/ Eine Proklamation der sozialdemokratischen Regierung über das Apfgeben des Nätesystems. /' ' Die ,,-Ungarische Post" meldet: Der gestrige Tag ist von entscheidender Bedeutung für das Schicksal Angarns gewesen. Der regierende Rat, derRatder Bo 8 ks Kommissäre, hat vormittags im Parlament in einer mehrere Stunden dauernden Sitzung überMe Lage beraten. Zn dev Srtznng wurde die An- Haltbarkeit der^ militärischen Situation offenkundig und unter 'dem Eindruck dieser Erkenntnis haben die kommunistischen Volkskommissare eingesehen, daß die einzige Rettung die A n f g a b e d e s Rätesystems und die Rückkehr zur demokratischen Basis fei. Am Schluffe der Sitzung beschlossen die kommunistischen VolkskomrmMre ihren Rücktritt.An ihrer Stelle hat sich unverzüglich ein rein sozialdemokratisches Ministerium unter der Präsideutenschaft von Julius Peid8 gebildet. Am 5 Ahr nachmittags hat der fünfhundertgliedrige Vudapester Zentraf-Arbeiterrr n d S o 8 d a t e n r a t eine Sitzung abgehalten, welche nur wenige Minuten gedauert hat. Zn dieser Sitzung wurde die Demission der Räteregierung und die Bildung des neuen sozialdemokratischen Ministeriums bekanntgegeben. Das neue so zialtz emo kr atis ch e Kab ine t f"' hat MDM-MWlMälMtsn'der sozialdemokratischen Partei sogleich eine Beratung ab geh alten und seine Tätigkeit damit begonnen, eine Proklamation aufzusetzen, mit der der Welt die Wendung der Dinge angezeigt wird. Die Proklamation wird in den Abendstunden veröffentlicht werden. Zn der Hauptstadt hatte man im Laufe des Nachmittags noch keine Kenntnis von den Geschehnissen, Budapest bietet ein ruhiges und normales Bild, das Militär ist in den Kasernen konstgmert. Das neue Ministerium ist ein Aebergangskabine.Lt, welches durch ein fozialdemokratischradikalbürgerLiches Ministerium abgel'öst werden soll. Man erwartet die Ausschreibung der allgemeinen Wahlen zur N a t i o « a l b e r s-a m m 1 n rr g. G a r a m i, Agosto « und Peid 8 gehörten bereits dem Kabinett Karolih an. Dovesak und Garbai sind rechtsstehende Kommunisten. - Fortsetzung der Verhandlungen Ungarns mit -er Entente. Im Laufe des gestrigen Abends ist der Vorsitzende des ungarischen Zentral-Arbeiterrates Zatob Seltner mittelst Sonderznges in Wien eingetroffen. Er überbrachte dem Gesandten Böhm die Instruktionen zurFortfetzung der Besprechungen mit den Vertretern der Ententemiffionen in Wien. -Das ATM MiRifteriNM. Budapest, 1. August. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) In der heute nachmittags abgehaltenen Sitzung des Budapester Zentralarbeiterrates hat der Revolutionäre regierende Rat der Räterepublik seine Demission gegeben. Die Rogiernugsgewalt wurde von einer aus den Vertretern d er G ew srks ch asten gebildeten rein sozialistischen Regierung unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Julius P e i d l übernommen. Die Regierung fetzt sich aus folgenden Mitgliedern zusammen: Ministerpräsident Julius Peidl, Minister des Innern Karl Payer, Kriegsminifter Josef Hanbrich, Minister des Menßern Beter Asoston. Anterrichtsminister Alexander Garbai, Justiz- Minister Ernst Garami, Landwirts chafts- Mimster Josef Takaes, FinanMinister Josef Miakits, Minister für Handel und Gewerbe Anton Dovosak, ErnäHrungSMinister Franz Knittelhofer undRativnalitätenmimfter Viktor Knaller. Die neue Regierung erklärt in einer heute abends erlassenen Proklamation, daß sie als ihre erste Aufgabe'die ÄnfrechterhaLLung. der inneren O r d n rr n g und die Einleitung von Verhandlungen mit der Entente betrachte. Budapest, 1. August (Ung. Tel.-Korr> . Bureau.) Zum Minister für Arbeit und Volks- Wohlfahrt wurde Emmerich Gzabo ernannt, Arche in Budapest. —- Jubel der Be- VVlkernng. B u.d a p e st, 1. August. (Korr. Erpreß.) Am 4 Ahr nachmittags trat das Komitee der Fünfhundert zusammen. Hunderttausende von MensÄren uwstauden das neue Stadthaus in der Waiznsrgasie, wo die Sitzung stattfand. Die Sitzung dauerte bloß bis 4 Ahr 10 Minuten, im ganzen zehn Minuten. Es wurde der Veschlntz mitgeteilt, daß die RLLeregierungabgedankt habe und ein rein sozialdemokratisches, Kabinett gewählt worden sei, was v o n d e r ungeheure n V o l k smenge mit tosendem Jubel .a -W-i g'e.n o^M M'e n w n r d e. ^n der Äüdt herrscht absolute RUHe. In den Kasernen wurde das Ereignis von den Bertrauensmännern verkündet und von den Soldaten'gleichfalls mit ungeheurem Jubel ausgenommen. Die Begeisterung in ganz Budapest ist ungeheuer. Die Kommunisten haben sich in die Lage hineLttgefnnden und denken an keinerlei Gegenaktion. Am fünf Ahr nachmittags trat der erste Ministerrat zusammen, der ein französisches Manifest an alle Nationen beschloß und verfaßte. Bisher ist daraus nur bekannt, daß das Privateigentum wieder hergestellt wurde und der Wunsch nach Frieden mit allen Nationen darin kundgegeben wird. Der rnmäAische Vormarsch soÄ eingesteVt werdeN. — Das Ersuchen an Äie Entente. Wien, 1. August Der Ungarische Gesandte Böhm verhandelt mit der Wiener Ententemisfion betreffend die weitere Entwicklung der Lage in Angarn. Böhm stellte an die Entente- Vertreter das Ersuchen, der Pariser Vieiterrat möge mit Rücksicht auf den Rücktritt der Räteregierung die rumänische Regierung auffordern,den weiteren Vormarsch der r « m ü n i s ch e n T r u p p e n gegen B u d ap e st s.o s o v t einznste 8 le n. Dieses Er^' suchen Böhms wurde telegraphisch nach Paxis weitergeleitet. Nach hiesigen Jnformatkonsn stehen die Vorhuten der rumänischen Trrrppen etwa 22 Kilometer vor Budapest. Der Marsch der RUMäneR gegen , Brrdapest.^ - Wer l. i n, 1. August. Das „8 Ahr-Abend'- blatt" meldet aus Basel: Die'Ageuee Savas beriMetr Die Rote Armeeleitung der Budapester Kommunisten habe bei dem rumänifchen Arureeoberkommaudo um ® ersten Waffenstillstand nachgesucht, der Verweigert worden sei. Die Nnmänen stehen etwa 22 Kilometer von den äußere n Vorstädten von Budapest entfernt.