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Wiener Morgenzeitung · 1919-07-22 · Heft 182 (22.7.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 182 (22.7.1919)
Date
1919-07-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der Vertrag, der vorgestern Herrn Renner überzeben wurde, besiegelt das Schicksal Deutschösterreichs. Er vernichtet dessen politische und wirtschaftliche Eigenbestimmung, indem er die Lebensquellen des Staates rndgülüg verschüttet. Es bleibt bei der Durchschneidung der' Verkehrsadern, bei der vollständigen Aussichtslosigkeit, eine eigene Industrie zu schaffen und so die Wiederaufnahme der Produkffiön wenigstens anzubahnen. Territorial ist einiges;ugestanden worden: eine kleine Marchgrenze bei Hohenau, Korrekturen bei Weitra unb Litfchau, Anschließung des Oedenburger Weingebietes. lieber Magenfurt soll binnen drei Monaten durch Volks- ' Abstimmung entschieden werden. Südtiro! fällt vollständig an Italien, das die Brennergrenze erhält. Trostlos find die wirtschaftlichen Bedingungen« Sie lassen sich einfach dahin zusammenfassen: Alle Aktiven des Staates sind in der Hand der Gegner. Düs ist, wie der „Temps" richtig sagt, die unmittel- . bare Insolvenz. Die Kriegsanleihe wird nur für Deutschösterreich anerkannt, während die Nationalstaaten nur an der Vorkriegsschuld teilnehmen. . i Deutschösterreich führt von nun ab das Leben einer -Kolonie,' die -für irgendein mächtigeres Staatswefen;u arbeiten hat. Es ist, ja möglich, sogar, wie die Dinge liegen, auch wünschenswert, daß die Entente unsere wirtschaftliche unb finanzielle Konstruktion reformiert, wenngleich die Ententestaaten selbst schon mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, was man aus chrer Zauderpolitik gegenüber Ungarn ersehen kann. Aber selbst wenn in tzLien eine VerwaltungsKommission der Entente eingerichtet wird, kann sie. doch nicht das nachholen, was durch den Krieg und durch die lange Waffenstillstandszeit verhindert wurde:. Die Erziehung der Menschen zur Arbeit, ihre Zurückgewöhnung an i normale Bedingungen. Die Teuerung wird durch ein weiteres Anschwellen der Banknotenmenge weiter getrieben, die Lebensmittelnot wird durch die Valntaentwertung und durch die schlechte Ernte noch weiter verschärft und das große Sterben der Kinder wird nicht abnehmen. Wir müssen an Italien, Serbien, Rumänien Vieh abliefern, wir müssen unsere fertigen Möbel zur Verfügung stellen, wir müssen Schadenersatz in einem Umfang leisten, der uns noch nicht bekannt ist. Der Friedensvertrag, so wie er sich da repräsentiert, ist eine außerordentlich schwere Strafe für die Kriegs- . fünden, die die Monarchie, also die Gesamtheit der Nationalstaaten, begangen Hatz und hält, indem er nur Deutschösterreich trifft, an der Annahme fest, daß diese Republik in allem und jedem mit der Monarchie identisch ist. Jedermann weiß, daß dies unrichtig ist, daß in der Staatsschulden-Kontrollkommission, die zu Stürgkhs Finanzmaßregeln Ja und Amen sagte, sich Vertreter aller Nationen befanden, daß die Truppen, die Serbien und Oberitalien verheerten, allen Stämmen der Monarchie angehörten. Aber die Methode der Entente, mündlichen Verhandlungen auszumeichen, hat es verhindettz daß über diesen' wichtigen Punkt Aufklärung . geschaffen j wurde, und die gute und fleißige Staatsschrift Dr. Renners, in der er dies auseinandersetzte, geriet ins Hintertreffen gegenüber Kramarsch. Ben-esch >:nd Trumbitsch, die in Paris Rache für die ihnen von der österreichischen Burecmkratie angetane' Unbill nahmen und dafür unsere Kinder trafen, daß die Terminologie des Hochverrats noch heute besteht, daß noch jetzt'während der Friedmsverhandlungen die deutschradikalen Schreier und Alkoholpolitiker ihre Beschimpfungen der anderen Nationen fortsetzten. Wir müffen die Fenster, die diese Presse eingeworfen Hatz teuer bezahlen. Das Dokument, das Herr Dutasta vorgestern ohne besondere Förmlichkeiten in Saint-Germain übergeben hat, wird unsere innere Verwirrung sicherlich noch weiter treiben. Die bisher sinnlose Agitation der Kommunisten und Linksradikalen erhält jetzt von der Entente gewissermaßen eine Bestätigung und man muß ' an die Pronunziamento-Politik in Portugal oder in den südamerikanischen Republiken denken, die eine ständige Begleiterscheinung der wirtschafttichen Unfreiheit jener Gebiete ist. Wir haben gerade gestern eine Probe auf das Exempel gesehen, wie durch unverantworlliche Elemente unter der passiven Mithilfe einer sogenannten Regierung das ganze öffentliche Leben zum Stillstand gebracht wurde, ohne daß damit etwas anderes erzielt wurde, als daß einige hunderttausend Arbeiter den Arbeitslohn eines Tages verloren haben. Man spricht fortwährend von einem Widerstand unserer, Regierung gegen die Ausrichtung der Rätediktatur, gegen die Vergewaltigung der übergroßen Mehrheit des Volkes durch eine kleine Minorität. Dieser Widerstand scheint im Abbau begriffen zu sein. Wir stehen ja mitten in dieser Entwicklung drinn. Der Arbeiterrat befiehlt und die aus dem Zusammenwirken der Arbeiter und Bauern hervorgegangene Koalitionsregierung gehorcht. Aber selbst wenn ihre Schwäche nicht so offenkundig, wäre, könnte sie auf die Dauer den aus die .Aushöhlung des Staates gerichteten Tendenzen nur dann widerstehen, wenn ihr die Friedenskonferenz zu Hilfe käme und ihr die; Ordnung der VerhäÜnisie erleichterte. Die Entente tut dies nicht. Sie nimmt dem Herzen Mitteleuropas das Selbstbesümmungsrecht und die Möglichkeit, sich durch eigene Kraft zu erholen. Die Verantwortung für die ganze Zukunft fällt nun auf die Entente. Deutschösterreich hat nichts mehr; nur den guten Willen. Wir wollen hoffen, daß uns Gelegenheit geboten wird, ihn wenigstens durch Arbeit und Ordnung zu zeigen. Für das übrige wird die Geschichte sorgen, die noch immer ein unbestechlicher Richter gewesen ist. Die Aeberreichung durch Dutasta. Sarn§-Germain-en-Lahs, 21. Juli. Der v o l l * ständige Friedensvertrag wurde gestern der deutschösterreichischen Delegation um 12 Uhr mittags vom Generalsekretär der Konferenz Dutasta in der vom Staatskanzler Dr. Renner bewohnten Villa in Saint-Germcnn ohne weitere Formalität übergeben. In dem vorgelegten Instrument sind die Artikel im Gegensatz zum ersten VertraoMttwurf durchlaufend numexiert. Ihre Zahl beträgt 371i^)em Vertrag -lag ein Memorandum bei, dcis die geänderten oder neu hinzugekommenen Artikel nach den Nummern auszählt und darauf aufmerksam macht, daß die vorgenommenen Slen«. derungen znm Teile auf sinngemäßer Anordnung der Deutschland zugeftandenen* Modifikationen beruhen, zum Teile den Einwendungen der österreichischen Delegation Rechnung tragen, soweit sie bisher von der Konferenz als berechtigt anerkannt Wurden. Eine zweite Beilage des Verttages fordert Oesterreich zu der Verpflichtung auf, Einfuhr, Ausfuhr und Transitverkehr aller Waren zwischen Oesterreich und Ungarn zu verhindern, bis der Vertrag zwischen Ungarn und den alliierten und assoziierten Regierungen abgeschlossen sein wird.^ * Zehn. Tage Frist für Beantwortung. Saint-Germain-en-Lahe, 21. Juli. Das Begleitschreiben, das gestern mit dem Friedensvertrag zugleich überreicht wurde/lautet: , Herr Präsident! Ich habe die Ehre, Eurer-Exzellenz im Namen des. Obersten Rates der alliierten und assoziierten Mächte den endgültigen Text der Fciedensbedmgungen zu überreichen. Bei der Ausarbeitung dieses Endtextes wurde den verschiedenen Bemerkungen, die die österreichische Delegation vorgebracht hat, Rechnung - getragen. Es wird daher nicht einzeln aüf jede dieser Noten geantwortet. In der Beilage finden Eure Exzellenz .ein Memorandum, das alle Erklärungen' enthält. ' Der Oberste Rat hat - überdies entschieden, daß der österreichische n Regierung eine erz Frist von10 Tagen, vom Augenblick de« Ueberreichung des vorliegenden Vertrages an g J rechnet, zugestanden wird, um schriftliche Bemerkungen über die Gesamtheit des FriedensvertrageS -mf. zureichen. Wollen Sie rc. Clemeneeau. Was von uns verlangt wird. Welche Summen und in welchen Fristen Jit binnen 30 Jahren zu zahlen haben, wird die im, Vertrag mit Deutschland eingesetzte Reparation s-l komMission bestimmen. Sie wird zunächst eine an-! nehmbare Summe seststellen, die wir in den Jahren 1919 bis 1921 in Gold, Waren, Schiffen, Wertpapieren oder anderen Gütern zu erlegen haben. Von diesen Er«j lägen werden zuerst die Kosten der Okkrrpationstruppe»,s dann die Nahrungsmittel und Rohstoffe bezahlt, deren! Bezug uns die alliierten Großmächte gestatten. <j Die Kommission wird dann bestimmen, in welchen^ Äetrasse wir Goldbons zu erlegen haben. Die Kommission^ wird dafür Sorge tragen, daß die Steuer-- belastung bei uns nicht niedriger ist als in einem der! an der Kommission teilnehmenden Staats. Sie wird! auf die wirtschaftliche und finanzielle Läge Deutschs österreichs und auf die Verringerung seine» Zahlungsfähigkeit Rücksicht nehmen, solang^ sich die Situation Deutschösterreichs nicht ändert. Jf Wir haben alle Seeschiffe abzutreten/ die Kriegsverluste an F l u ß s ch i f f e n zu ersetzen, doch! nicht über 20 Prozent des Schiffsparks vom Novembers' 1918. Wir haben Tiere, Maschinen und andere! Gegenstände zu ersetzen, wobei darauf Rücksich? zu nehmen ist, daß unsere industrielle Tätigkeit nicht desorganisiert wird. Insbesondere sollen keinem Unters nehmen mehr als 30 Prozent seiner Einrichtung genommen werden. s Vorläufig find 0000 Milchkühe, 2006 Stück Jungvieh, 100 Stiere, 3000 Kälber, 2000 Stück Zug-* Vieh,- 2000 Zugpferde, 1000 Schafe und 1000 Mutter»! schweine zu liefern, die zwischen Italien, Serbien undj Rumänien geteilt werden. j ^Wir sollen ferner einen zu bestimmenden Teil dev in Deutschösterreich zum Verkauf bereiten Vorräte an Möbeln liefern; für fünf Jahr wird den alliierten und assoziierten Regierungen eine Option auf den Ne-! zug von Holz, Eisen und Magnesit zit den Inlandspreisen eingeräumt. Die Mengen sind unter: Berücksichtigung der früheren Produktion der Monarchie und des auf Deutschösterreich entfallenden Teiles dev Produktionsstätten von der Wiederherstellungskommission; zu bestimmen. j Eine Kommission von drei Rechtsqelehrten wirtt untersuchen, ob eine Reihe genannter Ä i l d e r . und Sammlungsobjekte nicht unrechtmäßig aüs Italien weggebracht wurde, und zwar insbesondere italienische Kronjuwelen, die Jungfrau von Sarto, vier Bilder von Correggio, die' Biblia Vulgata, das Breviarum Romanum und das Offizium Beate Virginis. Die Finanzbeftimwungerr. Für die aus dem Friedensvertrag entspriMndeu Verpflichtungen wird eine erste Hypothek auf das Staats-, eigentum und die Staatseinnahmen gelegt. Inwieweit für die Bezahlung von Nahrungsmitteln und Rohstoffen eine Priorität vor den Wiederherstellungskosten eingeräumt wird, werden die Großmächte bestimmen. Die .hyp'othezierten Staatsschulden werden unter die Staaten aufgeteilt, welche Gebiete der Monarchie übernehmen. Die Wiederherstellungskommission wird bestimmen, welcher Teil'dieser Schulden den übernommenen Eisenbahnen und anderem übernommenen Staatseigentum entspricht. Die nichthypothezierten Vorkriegsschulden werden von der Wiederherstellungskommission nach der Beteiligung der einzelnen Gebiete an denjenigen Staatseinnahmen der Jahre 1911 bis 1913 verteilt werden, welche die Kommission als gerechten Maßstab der Leistungsfähigkeit dieser Gebiete ansieht. Die Kriegsattleihen. werden gestempelt; die anderen Staaten, mit Ausnahme Deutschösterreichs, haben keine Verpflichtung gegen die Inhaber der auf ihrem Gebiet befindlichen Kriegsanleihen. Aber diese Staaten und ihre Staatsangehörigen haben auch keinen/Anspruch gegen Deutschösterreich. Die im frühere'.'. Ausland befindlichen Kriegsanleihen verpflichten' nur Deutschösterreich.. Jeder Staat behält das . Staatseigentum, das sich auf seinem Gebiet befindet. Was die anderen Staaten mit Ausnahme Deutschösterreichs' auf diese Weise er-'

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