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Wiener Morgenzeitung · 1919-07-20 · Heft 181 (20.7.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 181 (20.7.1919)
Date
1919-07-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DaS jüdische Problem ist eines der schmerzlichsten geworden, die aus dem Kriege hervorgegangen sind; seine Lösung -würde der Krise, von der die Menschheit ergriffen worden ist, viel'von ihrer Schärfe nehmen. Das jüdische Volk verlangt die Anwendung der Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit auf sichr es verlangt das.Recht, über seine Fragen selbst entscheiden zu können, es verlangt die Anerkennung als gleichberechtigte Nation, es verlangt die Beendigung des abnormalen Zustandes, in dem es sich-—nicht durch seinen Willen — seit dem Tage befindet, an dem es die staatliche Unabhängigkeit verloxen hat. Das jüdische Volk verlangt seine ' Freiheit in seinem Lande. Diese Forderungen hat zum ersten Male Theodor Herzl formuliert, ihnen Leben und Kraft eingehaucht und mit entschlossener Geste die Judensrage und die Möglichkeit ihrer Lösung nn jüdischen Sinn den Völkern vyrgelegt. Wenn heute die berufenen Vertreter der. Völker, ihre geistigen, politischen und kulturellen Führer sich mit den nationalen Ansprüchen des Judentums zu befassen genötigt sind, so ist dies das Verdienst Theodor Herzls, .der zum ersten Male vor Europa in kraftvoller. Sprache das jüdische Volkstum proklamiert hat. jlnendlich größer ist die .Bedeutung Theodor ' Mr das. Wische Volk selbst, das sich seinen jy HÄG und Hirn geschrieben hat. . . 8em jüdischen Volk NM Lebens, die Verbindung Mt Gelchichte und Heiinäi' verloren gegangen. Einsam, ohne Freude, ohne Freunde schien es am Ausgang des 19. Jahrhunderts vor der Erfüllung eines traurigen Schicksals zu stehen, vor der Auflösung. Irgendwo in einem, versteckten Winkel seines Herzens schlief traumhafte Hoffnung, trat selten, leise und wehmütig über die Schwelle des Bewußtseins, üm in trostlose Ferne zu schauen. Ein ganzes Volk, durch leidvolles Geschick zerrissen, war Jahrhunderte lang durch die Welt gezogen, schien im Banne eines Dämmerzustandes dem Unglück der Friedlosigkeit verfallen, hoffnungslos einem unentrinnbaren Fluch preisgegeben, der es über die Erde zerstreut, seine Volksteile durch verschiedene Sprache, Gewöhnung' und Umgebung einander entfremdet hatte. Da kam der Dichter Theodor Herzl, gab dem Volke den Glauben an sich und seine Kraft wieder, weckte seinen Willen, schärfte und stählte ihn, bis er das ganze Volk erfaßte. Als Herzls „Judenstaat" erschien,, durchlebte Europa und mit ihm das jüdische Volk eine sonderbare Zeit. In fast allen Staaten war der nationalistische Brand ausgebrochen und hatte \ sich der kühlsten Menschen bemächtigt. Sein erstes Objekt war, wie immer, das Judentum- Der Dreysußprozeß wühlte nicht nur Frankreich auf, sondern war auch in allen anderen Ländern der Anlaß zu einem geradezu leidenschaftlich geführten Feldzug gegen das Judentum,, das sich wieder, wie so oft in seiner Geschichte, vor eineFeindschaft gestellt sah, die es ebensowenig verstehen konnte, wie früher. Theodor Herzl nahm diese Feindschaft gleichmütig hin als' eine Tatsache, mit der sich das Judentum abzufinden habe, aus der es aber nur den einen Schluß siehkn könne, daß es sich aus dem Bannkreis dieser Feindschaft lösen und in seinem alten ewigen Vaterland sich sein eigenes Leben zimmern müsse. Das Judentum erwachte aus seiner Lethargie und horchte hoch auf. In heißem Entzücken hörten die einen ' die Worte an, die Herzl sprach, weil sie der Sehnsucht ihres Herzens entsprachen, weil sie die Verbindung zu Geschichte und Heimat wieder hexstellten, weil sie dem Judentum wieder Glauben und Willen brachten. Theodor Herzl hat dem jüdischen Volk wieder die Tat als das Mittel zur Erlösung vor Augen gestellt. Es gab Elemente im Judentum, bei denen das Auftreten Herzls eifervollen Zorn weckte, weil sie sich in ihrem Hindämmern gestört sahen, weil sie die Friedhofsruhe, die sich über das Judentum gebreitet hatte, als glückhaften Zustand' betrachteten, den zu unterbrechen ihnen ein frevelhaftes Wagnis schien. Alle ihre Einwendungen schob Herzl beiseite und . berief die Sprecher aller Juden, die jo. dachten Deutschland soll 200 MMmhm an Entschädigungen zahlen. S a i n t - G e. r m a i«, 19. Juli. (Korr.-Bur.) In der Friedenskommisston der KawrueN; wurde gestern der Bericht des Referenten Db o i s über EntschädigungSfrnge <r vorgetragen. Der Referent schätzt die Schäden der ZiviLSevöLkernng auf rund 200 Milli-, arden Franks nnd erwartet, daß diese Summe von der SntfchäÄLgurrgskommifstow festgesetzt nnd Deutschland abverlangtwerden wird. Die eigentlichen Kriegst kosten betragen nach seiner Schätzung außerdem abermals 200 Milliarden Franks. ÖftgMzLen fällt an Polen. •; . Sai« t»Germain, 19. Juli (Korr.-Bur.) Äse „MaLin" meldet, daß das General-! sekretariat der FriedensKonserenz einen Brief an die ukrainische Delegation gerichtet habe^ in dem es heißt, daß die K o n f e r e n z b e f ch l o f f e rr h a b e, g a n z Oft g a i t $ i e ttj Polen z n z «spreche n. Das Blatt meint, daß diese Entscheidung, die bewirkt, daß Polen unmittelbar an Rumänien grenzen wird, einen Damm gegen den B o l s ch e« wismus von der Ostsee bis znm Schmarzen Meer ziehe und viel zur Erhaltung des europäischen Friedens und Gleichgewichtes beitragen werde. * Amerikas GeLreidMeferirrtgerr Barnes' Befürchtungen. Saint-Germain, 19. Juli. (Korr.-Bur.) Der neue amerikanische Getreidediktator Barnes ist laut „R e w B o r k H e r a l d" über die Frage sehr beunruhigt, ob Amerika in bezug ans Getrerdeliefe rnnge « den Ansprüche« des Innnd Ausländes Werde «achkomme» LSnnen. Dr hält die <Er«tedatz die Landwirte im kommenden Herbst nicht genug Weizen bauen werden. Regerrkatastrophe in Argentinien. Amsterdam, 19. Juli. (Korr.-Bur.) Dem „Telegraaf" zufolge liegen ans Bnenos- Aires Meldungen über heftige Reg eng ü f f e in vielen Distrikten vor, wodurch großer Schaden angevichtet und Hunderte Familien obdachlos wurden. Wenn der Regen nicht bald aufhort, find die Folgen nicht ab Zusehen. In den überschwemmten Gebieten sind nach den letzten Schätzungen 3 Millionen Stück Großvieh und 7 Millionen Stück Schafe. VeMNÄerungLK in der' ■ Ukrainische« Negierung. V Der Akrainischs Pressedienst meldet: Eine,' Radiodepesche aus Kamenetz-Podolsk! vom 18. Juli Meldet folgende Verändsrnngew Ln der ukrainischen Rsgiernng: f (ostga^zischen) BoLLseepnSlik hat seine ge-i fwnten. Befugnisse deck Präsidenten Petr«-, szewiez üb ertragen, der znm GeneralhevoL-j machtigten für innere Angelegenheiten den' bisherigen Ministerpräsidenten Dr. I. tz olnb o w i e z und zum Generalbevollmächtigte»! für Verkehrs- und technische Angelegenheiten de« früheren Minister M i r o n ernannt hah Keine militärische Aktion gegen Ungarn. Die endgültige EntscheiÄwng ausstehend^' Saint-Germain, 19. Juli, (Korr.-Bur.) „New Bork Herald meldet, daß in der ungarisches Frage noch immer Leine Entscheidung getroffen worden sei. Es fei so gut wie sicher^ daß Lei« e militarische Aktion er-j folgen werde. und fühlten wie er, zum ersten Zionistenöongreß nach Basel. Hier vollendete sich die Tat. Hier gab sich das zu neuer Kraft erwachte jüdische Volk zum ersten Male seit der langen Zeit der Verbannung wieder ein Gesetz, schloß sich zu einer festgefügten Körperschaft zusammen und verkündete durch den Mund Herzls von weithin sichtbarer Tribüne fetit Recht, als Volk seine Zukunft weiter zu bestimmen. Es ist unmöglich, an dieser Stelle, die der Betrachtung der Tagesftagen gewidmet ist, in einer Zei» voll gärender Entwicklung, die stürmische Entfaltung des nationaljüdischen Geistes.zu schildern, seine füx das ganze jüdische Volkswesen so tiefgehende befruchtende Wirkung darzustellen. Theodor Herzl starb inmitten der Kämpfe, die sich im jüdischen Volkent-, zündet hatten.. Er konnte die Erlösung seines Volkes nur ahnen, nicht mehr sehen. Aber das Werk, das ec geschaffen hat, steht aufrecht und trotzt den Wirren der Zeit, weil es getragen wird von der seelischen Kraft eines vierzehn Millionen-Volkes, von seinem durch nichts zu erschütternden Glauben an sich selbst' und von seiner Entschlossenheit, nicht mehr über sich hinweggehen zu lassen. Und heute, wo dem alten Volk ber Juden die Freiheit winkt, wo es sich vorbereitet, das Landfeiner Väter wieder zu beziehen und zu fruchtbarer, ftiedvollec Arbeit seine Kräfte zu vereinigen: heute» wo die Berechtigung seiner Ansprüche nicht mehr bestritten wird —- heute wenden sich in schmerzlicher Innigkeit alle Gedanken dieses Volkes dem Grabe auf dem Döblinger Friedhof zu, wo Theodor Herzl zum letzten Schlaf gebettet wurde. Wenn die jüdffche Jugmb, heute an dem Grabe Herzls vorbeizieht, so bringt sie dem Erwecker einer totgeglaubten Idee den dapk-- baren Gruß aus einer Welt, an deren Werden und Bauen das jüdische Volk im Geiste der Lehren! des toten Meisters Mitarbeiten will. Die jüdisch^ Jugend dankt dem Mann, der ihr ein fruchtbares Ideal in die Seele gepflanzt hat, das sie in devj Stand setzt, die Stürme einer von schärfstem Materia-i lismus durchbrausten Welt zu überdauern und durch; ihr Bekenntnis zu dem von aller Welt gehaßten und! verfolgten Volk, das man durchaus zum Sündenbock für alle Fehler anderer machen will, für wirkliche! Freiheit, für eine Erhöhung der menschlichen Gesittung zu arbeiten. Alle .die, die -sich zu Herzls Programm eines einzigen, einigen, jüdischen Volkes be^ kennen, das alle seine Glieder mit. gleicher Lieb« umfängt, das keine Klaffen und Schichte?: kennen nrittJ solange nicht das letzte Ziel, die Befreiung deg Nation aus dem Exil erreicht ist, alle die» die das Judentum heilig halten wie eine Mutter, fplg<r\ heut« der Schar der Jugend, wenn sie Herzls Grab ehrr.j Einig in der Verteidigung seiner Würde, entschlossenim Bewußtsein seines sittlichen Rechtes, bewußt seines Zieles, der Auftichtung der jüdischen Freiheit schrettet das jung gewordene jüdische Volk den Weg, der es heimwärts führt, vorbei am Grabe der Mutter Rahel, die nicht schlafen kann, solange die Kinder nicht zu Hause sind. Ihr Sohn Benjamin, das Schmerzenskind, ist in einer unglücklichen Zeit dem jüdischen Vock wieder erstanden und hat ihm die Straße qezeiat, die .in die Heimat führt. .' \;

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