Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 178 (17.7.1919)
- Date
- 1919-07-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Das „8 Ahr-Abendblatt" meldet ans Basel: . „Echo de Paris" meldet, daß infolge des Vefchluffes des Rationalrates der sozialdemokratischen Partei Frankreichs gegen den Friedensvertrag zu stimmen, die schnelle parlamentarische Durchführung der Ratifizierung ernstlich gefährdet sei. Cs fei die Möglichkeit gegeben, daß die Ratifizierung nur dadurch zustandrkomme, daß die Regierung «och nachträglich Konzessionen zu machen sich bereit erkläre. Die parlamentarische Lage sei unzweifelhaft über Nacht kritisch geworden. Wiederaufnahme der Feindseligkeiten an der magyarisch-tschechischen Front? Prag, 16. Juli. Gxpreß.) Der „Veeer" verweist auf die Möglichkeit der Wiederausnahme der Feindseligkeiten an der magyarisch-tschechischen Front und wirft die Frage auf, welche Haltung die tschecho-slowakische Republik einnehmen soll. Er eriunert daran, daß bereits einmal eine günstige Gelegenheit versäumt wurde, die rumänischen Operationen zugunsten der Republik auszunützen und erklärt, die Entscheidung liege bei Fach und Pellö. Weiters erklärt das Blatt, daß die Phrase von der Nichteinmischung in die inneren Äerhältniffe bereits viel Asbel angestiftet habe. Diese Phrase gilt nicht ans der Friedenskonferenz, denn jeder innere Umsturz in Angarn berühre die Interessen aller Nachbarn und der Entente. Das galt von dem Ungarn Karolyis, das gilt noch in gesteigertem Maße von dem» bolschewMschen Angarn. Es gibt keine inneren ungarischen Angelegenheiten für, die Entente und keine für die tschecho-slowakische Re p » b l i k, in die fie sich nicht eiuwische « dürse. Me Korruption Ln der ungarischen Räterepublik. Klagen des Sozialisten Varga. — Betrug und Diebstahl. B u d a p e st, 15. Juli. (Tel.-Komp.) Das Organ der sozialistisch-kommunistischen Partei, „Repszava", veröffentlichL an leitender Stelle unter dem Titel „Die Korruption" einen Artikel des Volkskommissars für Sozialisierung Engen Barga, in welchem dieser unter anderem folgendes ausführt: Es kann nicht meine Aufgabe fein, einzelne.Fälle von Korruption 'hieranzusühren. Tatsache ist, daß nicht nur das grpße.Publikum, sondern auch öffentliche Beamte, Angestellte und Vertrauensleute der Arbeiterschaft aus Sch ritt und Tritt die V e rordnunge« verletze« und Frenndschaftsdienste erweise« sowie im Dienste persönlicher Interessen stehen.; Ich mutz bedauerlicherweise offen erklären, datz diese l a n e A ü f f a s s n n g der Moral in .a l l e n Sch ich t e n der G es e l l sch aft in gleichem Matze zur Geltung kommt: Die Proletarier mißbrauchen ihre Amtsgewalt ebenso wie die gelernten Menschen, die alten Kommunisten ebenso wie die Sozialdemokraten, die jüngere Generation wie die ältere,^, die Soldaten nicht weniger als die Zivilleute. Zn der Provinz find die Verhältnisse vielfach noch schlechter als in der Hauptstadt. Die nach der Provinz entsandten Vertrauensleute beschäftige« sich mit dem Hamstern von Lebensmitteln? die Direktorien in den Dörfern erlassen aber Ausfuhrverbote für Lebensmittel. Heute verkündet man, das alte Geld fei ungültig und morgen fordert dieselbe Behörde im gleichen Ort altes Geld. Rote Gardisten nehmen, anstatt für die Aufrechterhaltnng der öffentlichen Ordnung Sorge , z« tragen, in vielen Orten selbst an Ausschreitungen teil. L Die höchste Sorge der Beamten besteht darin, einen Schwindel ansfindig zu machen, durch den sie in eine höhere Gehaltskätegörie eingeteitt werden können. Der grösste Teil der Aerzte ist in niederträchtiger Weife darin behilflich, den Proletarierstaat mitansznranben» indem er jeden BeamLen, der sich meldet, als krank erklärt und einen sechtzwöchentlichen Slurgebrauch verschreibt. Auf dem Gebiete des Ernährungswesens find die Mißbräuche auf der Tagesordnung; die Nahrnnssmrttelsendnngen werden unterwegs d e z imi er t «nd so geht es weiter. - 1 Tarnopol im Sturm von den polnischen Truppen Mährisch-Ostrau, 16. Juli. (Ppln. Tel.-Agent.) „Gazetta Lwowska" meldet in einer Sonderausgabe, dass d i e p o l nischen T r u p p e « g e st e r n « m 4 U h r früh Tarnopol eingenommen haben. Im Bahnhof wurde sehr viel wertvolles Material oorgeftrnden. Die polnischen Abteilungen, welche südlich von I e z e r n a stehen, durchbrachen im Kampfe die Ssrethlinie und nahmen Tarnopol im Sturm. Die A^ainer haben den Rückmarsch gegenOften angetreten. Zugleich eröffn eteu dis welche südlich von Tarnopol stehen, die Offensive. 'Ein Sieger irr Nöten. r Wi e n, 17. Juli. Wenn man die Bilanz dieses furchtbarsten aller Kriege zieht» so ergibt sich» streng genommen, das; es in Wirklichkeit keine Sieger, sondern nur Besiegte gibt. Der Unterschied in der Lage der siegreichen und der besiegten Staatdn ist, wenn man etwa von Amerika absieht, was die Höhe ihrer Verluste an Blut, Menschenglück und Gütern anlangt, letzten Endes nur ein, wenngleich sehr beträchtlicher Gradunterschied, denn schließlich liegen mehr oder weniger allen die Folgen des Krieges in den Gliedern. Am sinnfälligsten ist das Mißverhältnis zwischen dem erreichten Erfolge und der gegenwärtigen inneren und äußeren Situation in Italien, das heute eine schwere Krise durchmacht, von der niemand sagen kann, wip sie enden wird. Während die italienischen Unterhändler in Paris mit ihren Forderungen auf den bisher nicht, zu brechenden Widerstand ihrer Kampfesgenossen stoßen» das adriatische Problem die Gemüter in ständiger Spannung hält und allenthalben zu nationalistischen Entladungen führt, die in Fiume, der meistumstrittenen Stadt, regelrechte Kämpfe zwischen italienischen und französischen Soldaten zür Folge hatten, haben die Ereignisse, die sich in den letzten Tagen im Innern Italiens abspielten, die wahre Situation des Landes mit größter Deutlichkeit aufgezeigt. Durch die ganze Halbinsel, von den nördlichsten Distrikten bis zur Südspitze» von Spilimbergo bei Adine bis nach Tarent und Messina macht Italien gegenwärtig eine soziale Erschütterung durch. Der Groll der aufgewühlten Bolksmassen in den Städten hat in den letzten Tagen zu ernsten Unruhen, / Streiks Md Plünderungen geführtdas Militär mutzte einschreiten und es gab Tote und Verwundete. In Rom und Brescia, in Turin und Venedig, in Florenz, Messina und Neapel und zahlreichen anderen kleinen Städten hat die über die anhaltende Teuerung und die teilweise ungenügenden Rationen erbitterte Menge die, Kaufläden gestürmt,, sich kurzerhand ungeeignet, wessen sie habhaft werden konnte, Proteststreiks gegen die Teuerung haben eingesetzt, der Straßenbahnverkehr stand still und die Verkaufsläden mußten tagelang geschlossen bleiben. In Neapel mußte der sozialistische Bürgermeister Labriola die Forderung seiner proletarischen Genossen nach Aebergabe der Lebensmiüelverwaltung und Berteilüng ablehnen, weil' er darin den versteckten Versuch einer Svwietisierung erblickte.'Aber nicht nur in den Städten ist die Rühe gestört, vielfach setzen sich die Plünderungen und Verwüstungen auf ihren Amkreis fort und Dörfer und Wirtschaften werden ausgeraubt, so daß eigene militärische Patrouillenformatronen Zum Schutze der ländlichen Habe gebildet werden mutzten.! Man darf natürlich nicht, wenn man von Not; und Teuerung in Italien spricht, etwa daran denken»' Wiener Begriffe zugrunde zu legen, aber Italiens Bevölkerung hat nun einmal nicht die sprichwörtliche' Wiener Lammsgeduld und ist nicht gesonnen, nachdem Monate seit dem mit so lauten Fansarenklängen gefeierten Siege verstrichen sind, an Stelle der erwarteten Erleichterungen, die das Ende des Krieges; mit sich bringen sollten, sich wachsenden Entbehrungen zu unterziehen. Man hat in Regierungskreisen drei Krise kommen gesehen, aber wär zu schwach, ihr vor-; zubeugen oder die Umstände haben sich stärker erwiesen als der gute Wille. Es läßt sich nicht verschweigen! und der Staatssekretär für Verpflegung hat es vor., Tagen in der Kammer ausgeführt, daß die Ernährungslage Italiens sich stets verschlechtert, die vorhandenen' Vorräte nur. für einen Monat reichen und sich die Frage durch die. Schwierigkeiten des Frachtraum-! mangels und die ständig zurückgehende Produktion nicht nur in der Industrie, sondern auch in der Landwirtschaft verschärft. Auch die' Beschaffung; der Valuta zur Zahlung der aus dem Aus-! lande kommenden Waren bedeutet eine ernste, Schwierigkeit und es ist weiter kein Geheimnis,; daß der Hochstand der Lire, der übrigens ein künstlicher ist, weil er lediglich auf den Krediten der West-, möchte beruht, allein nicht imstande ist, der herrschenden Schwierigkeiten irgendwie. Herr zu werden.! Die Regierung hat im letzten Moment Verfügungen' 'getroffen, die die Massen beruhigen sollen. Es werden Zuschüsse in den bewirtschafteten Lebensmitteln bewilligt,' der Bevölkerung billigere; Waren zur Verfügung gestellt und strenge Strafen ' für den Lebensmittelwucher statuiert.