Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 171 (10.7.1919)
- Date
- 1919-07-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Er gehört zu jenen wenigen tschechischen- PMtikern, welche die Lage ihres Volkes erfassen' und daraus auch die wichtigsten Konsequenzen ziehen. Mit jeder Faser seines Hexzens Tscheche, ' ist er trotzdem ein erklärter Gegner des nationalen Chauvinismus. Er hat sich auf das energischeste und mit Erfolg für die Einigung der verschiedenen tschechischen sozialistischen Fraktionen eingesetzt, die nicht leicht einem anderen tschechischen Politiker gelungen wäre. Unbeschadet seiner unwandelbar sozialistischen Ueberzeugung, ist er trotzdem und vielleicht gerade deshalb kein orthodoxer Marxist: er erstrebt vielmehr die Kooperation aller produzierenden Schichten in Stadt und Land und gestützt auf diese, eine radikal-soziale großzügige Wirtschaftspolitik, i Atz eine Hauptvoraussetzung einer solchen erblickt der neue tschechische Kabinettschef die Verwirklichung des deutsch-tschechischen Ausgleiches, für welchen er bereits im alten Oesterreich-Ungarn eintrat. Bei aller Gegnerschaft zum Dualismus sowie der auf ihn basierenden Vorherrschaft'der Deutschen und besonders der magyarischen Bourgeoisie und trotz seines politischen Gegensatzes zum preußischen Junkertum war der heutige tschechoslowakische Ministerpräsident Tusar auch Mährend der ganzen Megszeit von der NotweMgkeit einesAusgleiches den böhmischen Deutschen, sondern' mit dem ganzen deutschen Volke erfüllt. Für die nationale Verständigung der Tschechen und der Deutschen auf der Basis, daß die Slowakei den Tschechen, die deutschen Teile Weftungarns den Deutschösterreichern zufallen (für welche Schreiber dieser» Zeilen seit fast einem Jahrzehnt— allerdings als eine vox claröantis indeserto eintrat), wäre bei einer vernünftigeren nationalen Politik der deutschösterreichischen Parlamentarier MinisterpräsiiMt Tusar schon fniher aktiv in die Bresche getreten. Auch heute sind die Minister Tusar, Klofac ufw. zu einem weitgehenden Entgegenkommen den Deutschen gegenüber im Sinne nationaler Autonomie — im schärfsten Gegensätze zu den chauvinistischen Bourgeoispolitikern Kram atf cf) und Rafchin — bereit. Schondarum, well gerade' die tschechischen Sozialisten auf den Besitz -er Slowakei einen mindestens so großen Wert legen, als auf den Deutschböhmens und diesen nur unter der Voraussetzung eines deutsch-tschechischen Ausgleiches behaupten zu können glauben. y. * Uebrigens ist es Zweifellos, daß die Aussichten eines deutsch-tschechischen Ausgleiches in dem Maße steigen, als einerseits Ministerpräsident Tusar über den tschechischen Imperialisten Oberwasser gewinnt und andererseits die Anschlußbewegung an Deutschland auch in deutschen Arbeitskreisen an Boden verliert. Symptomatisch ist es auch in dieser Richtung, daß sich der deutschböhmische Kreishauptmann Doktor Lodgman bisher für den Anschluß' an Deutschland nicht festgelegt hat und der Staats Kanzler'Dr. Karl Renner eine äußerst interessante Denkschrift an die Ententemächte über das Verhältnis der Nationen des alten Oesterreich-Ungarn untereinander und zum Reiche übermittelte, welche die glänzendste Beweisführung für die Notwendigkeit der Schaffung eines neuen Völkerverbandes an der Donau ist. Der erste Schritt, dazu bildet < die Anbahnung freundlicher wirtschaftlicher Beziehungen zwischen Tschecho-Slowakien, Deutschösterreich, und Ungarn, die Premier Tusar ausdrücklich als einen Tell seines Programmes bezeichnete. Daß ihm dies gelinge, hängt allerdings auch vom Minoritätenschutz in Prag und Wien ab, der einen wesentlichen Programmpunkt einer jüdischen Volkspomik bilden muß. Welche Stellung das neue Ministerium Tusar zur Judenfrage einnehmen wird, kann erst die Zukunft lehren. Immerhin muß der Freund Dr. Schmerals und Anhänger der nationalen, religiösen und wirtschaftlichen Gleichberechtigung auch ein Gegner des Mtrjemitisnuls...jein. -TatsächW^K,.«her Mivister- Die ungarische RegieruW weigert sich, den .Gesandten Czohel abzuberufen. v"n; den h »oifcK Vor einem deULschösterrerchisch-NKgarLschen Konflikt? * Wien, 9. Juli. Wie wir erfahren, weigert sich die ungarische RäLeregierung, Wiener Gesandten, EzoLel, abznberuferr, da nach Ansicht der RLLeregierrmg die Staatssekretär Dr. B a rr s v angeführten Gründe für die Abberufung des ungarischen^ Gesandten nicht stichhältig.find und erst strikte Beweise erbracht werden müßten, daß dieJ Behauptungen der Wiener Polizei den Tatsachen entsprechen. Zn informierten Kreisens glaubt man nicht, daß es wegen dieser Angelegenheit zu einem Konflikt zwischen der Wiener und Bndapester Regierung kommen wird. In dieser Richtung sind bereits von bestimmter Seite vermittelnde Schritte eiRgeleiLet worden. Zn^EnLentekreisen wird die Affäre des Gesandten Czobel mit großem Interesse verfolgt. ./$■ C Der Mat d^er Fünf beKNtWGrteL die deutschssterreichischeK Noten. . - z Pari s» 9. Juli. (Funkspruch.) Dev Mat der Fünf.! hat sich gestern vornehmlich mit den Vorfällen in Fiume am 28. « » d 38. I rr r; i, die sich^rnch scheinbar am 6. Juli wiederholt haben, beschäftigt. Es wurde beschlossen, eineAntersuchungsk o m rni f f i o n auf den Schauplatz dev Vorfälle zu entsenden. Frankreich wird dabei durch General Naulin von der Rheinokkupationsarmee und. Amerika durch Generalmajor Sumweval! vertreten fein. Weder Italien noch England haben bis jetzt ihre Vertreter ernannt. In Abwesenheit TiLLonis, der an einer für heute angekündigtsn wichtigen Sitzung der , Deprztiertenkammer ' teilnehmeu wrrtz'» rvÄv'ZLaUs». 'FüMer-'' rates durch Crefpi vertreten. Die Debatte scheint sehr lebhaft'gewesen zu fein. Die Untersuchung w u r d e ü b e r V o r s ch l a g Italiens ans geordnet. . Paris, 9. Juli. (Funkspruch.) Der Rat der Fünf hat die Antwort» die auf die Note d e r ö st erreich is che» F r i e L e n.s d e l e g a t i o n beder wirtschaftlichen B e d i «- g u n g e n erteilt werden soll, gut geheißen. Außen der Antwortnote über die wirtschaftlichen Verhältnisse werden morgen der österreichischen Delegation noch zwei andere DoLurrrente überreicht werden» die sich auf die Bemerkungen der Delegation bezüglich Lev ZulafsungzuwBölkerbund und bezüglich der Heimbeförderuüg der diplomatischen und Konsularvevtreter Oesterreichs aus Südamerika beziehen. ’ Paris, 9. Juli. (Funkspruch.) Die Alittwochfitzung des, Rates dev Fünf war sehr interessant» da in derselben die Vovfchläge der Kommissionen bezüglich der 'S Eor r e i ch is ch' - f er btf e.r« r e i ch i s ch -» n g a r i s ch e n Grenzen verhandelt wurden. Ebenso wurde vre Regierungsform von Danzig und Memel besprochen^ Endlich hat die Versammlung die im österreichischen Friedens vertrag v orbeh al^euen^ Klauseln e i n e r l e tz t c « P r ü f« y g> unterzogen. "" *' " s -V;S/ Die RatisiZiLMKK des FriLdeKsoSrirsges. W e ä §, 9. Juni. Zn dss heMgerr Sitzung der Nationalversammlung wurde der GsfetzeuLwurf betreffend die MaLLsizierung Les^ FrLedeusvertrages.. i« MämenLttcher^bDmgruM mit 208 aegen.US..Stimme» augenomme«. WMcM 11111,1 ■ * —»> .iwii"«— in. 11 . Der Friede Mieder oerBgert. ür'+cfv. Htz«f,v9. Juli. (Tel. der ^Wr. MorgenzLg.") Die Ueberrerchuug des fiuauz i c t l e n T e i l z s des FriedeusverLrages an Dr. Renner, die heute hätte erfolgen solle«, istwieder «erschohen ivorden. Der Grund hierfür liegt in derdurch Tittoni erhobenen Forderung, daß Ln diesem Vertrage auch alle für Italien wichtige« Fragen, vor allem das Schicksal Fi«m e s, geregelt,werden muffen. ..... Der Oberste Rat arbeitet noch an der ZusammenstMnng der finanziellen und w.irischaftlichen Bedingungen für Deutsch ö st e r r e i ch und die NaLionalstaaten. ' , % * Schwierigkeiten Liegen auch in der Behandlung der o st g a l i z i s ch e « Fra g e. Es war bereits mLLgetsrLL worden, daß Polen O st g a L i z i e n bis z u m Z b r u e z erhalten soll, nnd zwar mit dem Vorbehalt, daß nach einem Jahre eine Volksabstimmung stattfinden wird. Die Bevölkerung Ostgaliziens zwischen demSanund demZbrnez wird sich erklären wüffen, ob sie zu Polen oder zu Rußland gehören will. Dre Minderheiten inOstgalizien werden eine nationale Autonomie erhalten. Die Weichsel-Frage ist jetzt Gegenstand der Beratungen der Entente. Die Entente beabsichtigt alle Flüss-e i «Mittele nropazUnentralisieren. Bezüglich Sndtirols ist noch keine Einigung zwischen Italien nnd der englischen Regierung erzielt worden, die. eine Volksabstiwmnng im Vozen-Mer^ner Gebiet dnrchsetzen will. '' '/ \ Präsident Tusar schon unter dem Gesichtspunkte auch ein Freund der jüdischnattonalen Bewegung, als er in ihr eine Emanzipatton von dem Einflüsse des Prager deutschen Kasinos und in ihrem Programm auch ein geeignetes Mittel zur Anbahnung' freundschaftlicher Beziehungen zwischen Juden und Lschecho- Slowaken erblickt. Was die Neuregelung der Beziehungen zu Ungarn betrifft, so wird ein gewichtiges Wort Dr. Milan Hpdäa, der bekannte Slowakenfuhrer, mitteden. Er ist ebensowenig wie Premier Tusar ein Chauvinist, sondern vielmehr ein Anhänger des Zusammenwirkens! aller Völker des ehemaligen Donaureiches im Zeicherr des kulturellen und sozialen Fortschrittes und hat um! die Organisierung der nichimagyarischen Nationalitäten! Ungarns große Verdienste. Wenn Ministerpräsident! Tusar seinen Anschauungen treu bleibt, und ihnen auch! gegen die tschechischen Chauvinisten und Reaktionäre! zum Durchbruche verhllft, dann wird.er nicht um Tschecho-Slowakien sich Verdienste erwerben, f . . . t ... .mm.1 i>. ■Vi'i,' ... .V.^.y—''.u,v.j/ '