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Wiener Morgenzeitung · 1919-07-08 · Heft 169 (8.7.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 169 (8.7.1919)
Date
1919-07-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V «UtfOMMMHitr! NroisS« Arllrr / KciwwHWdtattiwtiffi ■ Btt» Wtt -»stellmrg in» ^Hav»r ' DtMtalttch. ...» V^- } KÖ»t*Jf5lrri0 . . H 20.- V«»N«hrtS.»0.— tim Posiversandr M»«atlrch. . . »K 7.50 ' jßUrieltoItrla . . .. 82.— «aUrfSbvig . .. . * 44^- ‘ iMitiWl ». h 88*—!WW°?WL! i E-LW-"" Nr. 169 rener 0 \ MrifÄM«chlr'^:; f Mrrs S« V: yy ff IUI H w Vrtt »mir» Hv das MmraMch . . 8.TY »aMLHvis'. .^. n M« *! XtsfrithHm tt.'XfcttklttliStttJ " .- •': i ■ ***' '**1M498 Wien» Dienstag» den 8. Juli 1919 1. Jahrgang Kabinettswechsel in Prag. . - » —7 W i ev, 8. Juli, p/. - Das erste Mnisterium der tsch echo-slowakischen! Kepublik ist zurückgeLreten. Dr. Karl Kramarsch, den dtt Umsturz an die' leitende Stelle des von ihm miterrichteten Staates gebracht, hat' ist nicht mehr Ministeri Präsident, sondern bleibt nur mehr Vertreter seines Staates bei der Friedenskonferenz und kann nicht mehr , nach eigenem Ermessen handeln, sondern muß den Befehlen des Prager Kabinetts sich unterordnen. Mit ihm - zusattlmen scheiden auch die meisten der Männer, die . W Umsturz in jahrelanger Arbeit vorbereitet hatten, asts ihren Ministerfauteuils und treten als einfache Mitglieder der Nationalversammlung einstweilen in den ' Schatten zurück. An die Spitze des 'Kabinetts kommt , Vlastimil. Tusar, ein kenntnisreicher, kluger und versöhnlicher Mann, .der die.heißen Zeiten, in denen die j,Maffia", wie sie sich selbst genannt hat, in Prag ihre! Pläne spann, in Men verbracht hat, der also von dem > rotglühenden Atem der „Verschwörung" nicht angehaucht! war -und seit dem Mai 1917 neben Stänek der leitende - Kopf ' der tschechischen Politik Ln Wien gewesen war. j Haß der Präsident der Republik- Herrn Tnsar.-den s Kluftrag zur Bildung des neuen Kabinetts erteħHat, f erklärt sich aüS der durch die Gcmeindewahlen geschaffenen Situation von selbst. Das tschechische Volk ist.denselben . Entwicklungsgesetzen unterworfen wie jedes Volk,; das durch einen Krieg hindurch gegangen ist. Es- 'gehört. nicht zu den Siegern, sondern hat sich ihnen, nur zugescllt. Wenn die führenden Politiker der tschechischen Nation heute sagen, sie seien stets in den Reihen 'der Entente gestanden, so ist das. nicht uneingeschränkt ' Der. beste Beweis hierfür ist dfü Politik Tusars, HWW. ZlbgeorbMersich '.süö ein - ns ues.chdestLrreftheinsetzte, das auf nationaler -Freiheit und .Demokratie - 6Hbaut ist und den Entgleisungen' dernätiJnalistifchLN Zuvielredner immer entg egen getreten ist . Der Enth usiasmus, mit dem das tschechische.. Volk das die Monarchie. zertrünlmernde Manifest vom: 16. Oktober zur sofortigen Errichtung seiner -Unabhängigkeit benützte, ist längst, kühler geworden und die harte Not der Zeit ist : auch an dem Volke nicht-vorübergegangen, das gewählt hatte, das Bekenntnis zur Freiheit und eigenen Staatlichkeit werde - alle - wirtschaftlichen -sozialen Unterschiede überwinden und. alle Kräfte nur vom.Impuls der nationalen Idee beseelen lassen. Die GErneindewahlen haben gezeigt, daß.äuch im. tschechischen Wlk.sich die Orientierung nach links vollzieht und daß., die Arbeiterschaft auch dortihren Anteil an der Ausübung der politischen und wirtschaftlichen Macht fordert. Diese Strömung geht noch nicht so tief wie im -übrigen Mitteleuropa. Die tschechische Republik bei findet sich im Kriegszustand mit den Magyaren. Ein iTerl ihrer Truppen steht an der Grenze des nordosti mährischen Kohlengebietes den Polen gegenüber. Das! beeinflußt natürlich unaufhörlich die Entwicklung der! inneren Politik und läßt die Tiefe der sozialen Gegensätze zwischen Industriearbeitern und Kapital, zwischen dem landwirtschaftlichen Proletariat und dein, im Kriege unendlich reich gewordenen Agrariertum nicht so ans . Tageslicht, wie dies sich anderwärts ergeben hat. Ein 'großer Teil der tschechischen Jugend steht unter hartem , Kriegsgesetz 1mb die Rücksicht auf das feindliche Ausland, die im Wortschatz der Minister des alten Oesterreich eine solche Rolle gespielt hat, ist auch in die tschechische Ideologie übergcgangen und wird bei jeder Gelegenheit hervorgeholt, wenn in Klabno oder in Ostrau oder in Pilsen oder 'sonstwo die ' Arbeiterführer mit fyer. Faust auf ben Tisch schlagen. » - Die soziale Unzufriedenheit ist aber doch stärker , und sie äußert sich in fortwährenden Streikbewsgttngen, M deren Lösung die Regierüng.stets bereit, sein muß, und also eigentlich wenig Zeit findet: zu einer, gedeihlichen ivefornrerischen Tätigkeit.' Sie stützt sich' in all ,ihchn Akten und Handlungen noch auf die alten österreichischen Gesetze, aber nrerkwürdigerweise weniger aus die' unter der Mitwirkung der tschechischen Abgeordneten zustande gekommenen des Parlamentes, als. vielmehr auf die § 14-Edikte des Grafen Stürgkh und des - Teschener .Armeeoberkommandos, die die innere Ordnung der Monarchie von innen heraus gesprengt habe». Der Hvchverratsparagraph, die Zensur, die Spionmjagd —das sind die hauptsächlichsten Merkmale, in denen sich ^die Tätigkeit der ersten Regierung der tschechischen Republik bisher der Nachbarschaft gezeigt ^hat und die beweisen, daß der Polizeigeist, der die zur und Eine neue Note Dr. Nenners. Die wirtschaftlichen Gegenvorschläge «nserer Delegation. nach Kohle nnd Rohmaterial. Die Forderung. EÄiÄÄÄS&MLii:: Saint- G er m ain, 7. Juli. (Korr.-Bur.) SLaatskanzlsr Dr. R e n n e r hat dem Ministerpräsidenten Clemerreearr eine Note überreichen lassen, in der zu den criuusss economiques der Friedensbedingungen eine Denkschrift und Anträge unserer Delegation übermittelt und gleichzeitig dis Aufmerksamkeit der Friedenskonferenz Uv einige Tatsachen erbittet, auf denen diese Anträge beruhen. Es wird darin ausgefiihrt, daß die Be^ stimmungen des III. und IV. Abschnittes der Clauses economiques, wonach der deutschösterreichischen Volkswirtschaft alle ihre Aktiven, die sich auf dem Gebiete der «liierten und affoziierten Staaten befinden, entzogen werden sollen, Schwierigkeiten Hervorrufen müßten, die vom Standpunkte der ' Lebens- Möglichkeiten des dentschöfterreichischen Volkes geradezu verhangnisvE wären. Denn sie führt dazu, daß dem dentsch'österreichischen Staate und seinen Angehörigen die noch übriggebliebenen, ohnehin so schWalen. realen Grundlagen für die Beschaffung von Auslands- Krediten genommen werden. Anter solchen Amftänden ist die Versorgung der VevöLkerung mit Nahrungsmittern und die Anschaffung vonKohle und Rohstoffen, die wir zur Wrederaufnahmsher Produktion benötigen, urrwöglich. Dis -Wiederaufnahme der Produktion ist aber die wichtigste Voraussetzung. ' für - die - - Wisdersufrichtung unserer Wirtschaft,, für die WiedeVhevsLeÄunggeordneter sozialer Verhästniffs und ^für die allmähliche Sanierung unserer'Währrmg. Obgleich wir uns bewußt sind, d.atz'Dentfchösterreich die schweren Folgen des unglücklichen Krieges zu tragen haben wird, so können wir doch nicht annehmen, daß die alliierten und asso ziierten Mächte Ä i e w i r t s ch a f t! i ch e Vernichtung Deuts ch ö st erreicht wollen, die niemand nützen, -das d e u L f ch ö st erreich is che Volk aber zür Perzweifluntz treiben an d unser Land zu einem Zentrum so zialer A n r u h e n nr a ch e n w ü r d e. Aus diesen Erwägungen komme ich zu dem Schluffe, daß selbst bei sehr gemiLderter Durchführung des in Rede stehenden Systems die Möglichkeit der Existenz unseres Volkes nur dann gegeben erscheinen könnte, wenn die alliierten und assoziierten Mächte Deutschösterreich weitere zur Beschaffung der erforderlichen Lebensmittel, Kohle und Rohstoffe notwendige Kredite zur Verfügung stellen. seine letzte Ruhestätte in Prag anfgeschlagen hat. Das ist tveiter kein Wunder, denn die hauptsächlichsten Träger der Megiexnngsgewalt sind ja Leute, die in diesem Geiste ausgewachsen sind, die in Wien eine zwischen der Prager Straße und Schönbrunn pendelnde Politik betrieben haben, und die, wie Kramarsch und Raschin, diesen Geist an sich selbst erfahren haben. Die Regierung Kramarsch hat es . demalten österreichischen System genau abgeguckt, wie man Mßtrauen schafft, wie man die Staatsgewalt stets' gegen das Recht ke^s Beherrschten -ausspielt nnd sie hat ihre Politik nicht auf. die verständnisvolle Mitarbeit aller .Glieder tes Staates eingestellt, sondern auf den Staatsaniväli. Die Kerker sind voll politischer Verdächtiger und.erst v'or wenigen Tagen hat man den Prager Zeitungen entnehmen können, daß der Scharfrichter-Wohlschläger der tschechischen Republik den Treueid geleistet habe. : Die tschechische Nation ist noch immer von Hu.'m .solchen Haß gegen Oesterreich durchsetzt, das; sie zu?einer vernünftigen ruhigen Auffassung ihrer Lage in Europa sich nicht durchringeu konnte. Sie überträgt ihren Haß auf Deutschösterreich, das sie als den Erben der Schuld der Monarchie ansieht.. Diese Auffassung hat sie durch ihre Pariser Vertreter auch den Staatsinännern der Friedenskonferenz eingeimpft, und dadurch eine Atmosphäre geschaffen, in der Tentschösterre.ich verkommerr iniift, in der aber auch die tschechische Re-- selbft den Tod^skeirn crhalte.ii kann. Man wohnt Unter dieser Voraussetzung konnte das i« den Friedensbedingungen für die Schulder und das Eigentum vorgesehene System -v mit gewissen Modifikationen in den Einzel« heilen — von Deutfchösterreich noch ertragen werden, soweit es sich uw die Beziehungen zwischen Dentschösterreich und denjenigen alliierten und affoziierten Staaten handelt^ die mit der ehemaligen österreichisch-ungarv schen Monarchie im Kriegszustand gewesen lind. Dadurch werden die für das Verhältnis der siegreichen Großmächte zu dem Deutschen Reiche ausgestellten Grundsätze auf unsere f« schwache, durch den Zerfall der Monarchie entwurzelte VoLkswirtschaft angewendet.! Ganz unmöglich aber wäre es, dieses Systsm, wie es in den Abschnitten III, HJ und VIII enthalten ist, auf die Beziehungen zwischen DeuLschösterreich und anderen Ge< bieten der ehemaligen österreichisch-NNgari^ schen Monarchie anzuwenden. Dies würdi jeder rechtlichen Grundlage entbehren, faktisch undurchführbar sein und schon für sich allein unmittelbar zum vollständigen ZusaMmenbruch Dentschösterreichs führen.. i Daß solche Maßregeln DeuLschösterreich sofort wirtschaftlich .vernichten müßten, bestätigen alle Sachverständigen. ' ML-lche maßlosen KoMpLikationen. unV unlösbaren Verwirrungen sich aus der- Anwendung Asr für das Verhältnis zwischM' de« siegreichen Großmächten und Deutschland destimmten Grundsätze auf das Verhältnis .zwischen Leu 'GebLsLsü der aufgelostsn' öfter» reichifch-uNgarischen -Monarchie untereinander ergeben würden, ist in der beiliegenden VegrünÄnng der einzelnen Anträge rmd .in der anverwahrten Denkschrift des näheren ansgeführt. . Am die Arbeiten der. hohen. Friedens» konferenz und den Abschluß des, Friedens nicht durch schwierige und Langwierige Verhandlungen über die Regelung der private« wirtschaftlichen Beziehungen' zwischen den Angehörigen der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie aufzuhalten, komme ich auf meinen Antrag zurück, d. i e s e A u fgaben einer Kommission unter d e m V o r s i tz e von Delegierten der alliierten und assoziiertenGrotzm achte zu übertragen und den Friedensschluß von dem Zeitpunkte unabhängig zu machen, in dem diese Kommission ihre Aufgaben gelöst haben wird. nicht ungLstraft neben einem Siechenhaus und ein Voll lebt nicht ohne schwere Folgen für seine eigene Zukunft neben einer Wüste. Es fiiiö sicherlich <mf seiie-r Wiens viele Fehler begangen worben, und es leben in Wien noch, immer viele 'Leute in verantwortungsvollec Stellung, die noch immer altösterreiHischen- Uirgeist atmen und für die die Tschechen die „Hochverrifter" bleiben. . Aber auch dieser Geist ist im Sterben ^ünd di« Versöhnlichkeit .hat - in der Wiener' Bevölkerungden breitesten Bewegungsranm gefunden. Die verzweifelte Stimmung der ZweimillUnenstadt drängt von -Mfi auf eine ehrliche und redlich« Aussprache mit/den Nachbarn, und Herr Tusar, der in - dem halbeit Kahre seiner Wie ne c Amtstätigkeit das Elend dieser Stadt täglich nnd stündlich vor Augen gehabt hat, tritt seinen Posten iy Prag nicht nur mit dem Vertrauen re-ines eigenen Volkes an, sondern auch als eine Hoffnung der'- Bevölkerrurg -Drutschösterxeichs, die ihn als einen sozial und gerecht empfindenden Politiker kennen-und schätzen gelernt hat. Er ist stets ein leidenschaftlicher -Bekämpfen des Hasses gewesen und hat in zahltoseii Parlamentsredc:r gegen die Kriegsbezr uno gegen dic Kriegs Verlängerung protestiert,'die, wi: er. selbst einma' in einer Budgetrede ansgeführt hat, dir schrlldl'ose nachfolgende Generation mit schweren: Unglück belastet. Mai darf hoffen, daß Herr Tusar Gelegenheit finden wird seine Ideen zur Versöhnung der Völker in die Tal um zu scheu. , -. ' .

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