Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 164 (3.7.1919)
- Date
- 1919-07-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mryrttrwmplnrr Kreis 3® KrLrr Vrümtttter-rtiousprrrsr vieur Mit Zustellung in» Haus: Nt-oatlkch. . . . K 7.- PhfttiiährlB . . .. SO.— «albiätfria . . . 40.— Varrpahris . . .., 80.— Mit Bostvrrsrnd: . . . L 7.80 gtiert*llii!uiß . . 22.— OaU»jStt«i« . . . „ 44.— ©«»ifäljriff . 88.— T«1»phon»; Ad-titkurstvatUm 44088, «»daktto» 48819, ab 0 Ntz» adeada N-. 16801 renrr Srv^rrrsmprar: Preis 3« Ae^rr/ fü» da« Jtafltmb») < Nianatttch . . ,X 8.80: LU-rt-ltSdvkg A-wrsrr-rs SaaiiatzrkS; . N»>uWa» tr. NdmUristr.' , ttewj ■ ■ Wk,n. XI. «adsdftvaq» iUyirr» ' * postf»»rkass>m-N««t- ... > 'Nr. 150.698 'Ä Nr. 164 Wie«, Donnerstag» den 3. Juli 1919 1. Jahrgang Sofort - schrittweise. —7 Wien, 3. Juli. Der Staatssekretär Dr. Bauer hat in der gestrigen Sitzung des Rätekongresses seine Politik gegenüber den vielfachen Beschwerden aus den Reihen seiner Parteigenossen verteidigt. Er hat es in Abrede gestellt, daß die Republik Annexionspolitik betreibe und hat die Auslieferung des diplomatischen Vertreters der russischen Sowietrepublik in München, Axelrod, der nach dem Sturz der Räteregierung nach Tirol geflüchtet war, als einen Fehlgriff der Tiroler Organe erklärt, den die Regierung nicht mehr gutmachen konnte. Dann hat Dr. Bauer Gelegenheit genommen, sich über die Anschlußfrage zu äußern. Der Anschuß sei nicht vollzogen worden, well Deutschösterreich zu schwach war, ihn gegen den Willen der Entente zu vollziehen. Die ganze lange Zeit hindurch, in der das Auswärtige Amt unter der verantwortlichen Leitung Dr. Bauers sich für den Anschluß einsetzte und eine starke Propaganda betrieb, war stets davor gewarnt worden, die Machtverhältniffe zu verkennen und sich aus eine Politik festzulegen, die früher oder später auf den entschiedenen Widerspruch der Entente stoßen mußte. Die Förderung des Anschlußgedankens hat zu der kaum . verhüllten Annexion des Saarbeckens durch Frankreich und zu der? Auslieferung deutschen Gebietes an Polen geführt, weil Frankreich in seiner, hysterischen Angst vor der deutschen Revanche, den Zuwachs von acht Millionen Deutschösterreichern durch eine Gebietsverkleinerung aüsgleichen will. Das' Auswärtige Amt ist dieser Kritik stets mit der Beschuldigung entgegengetreten, , man nwlle den Anschluß überhaupt hintertreiben ünd pertrete damit die Interessen der habsburgischen Dhnqstie. Nun. muß . Dr. Bauer, erkennen, daß die ZanZe AnschlustpMM vyn> AnWg as Mfehst war und daß sie nicht nur ein Unglück für Deutschland geworden ist, sondern auch die Stellung unserer Delegation in Saint-Germain außerordentlich erschwert. Dr. Bauer hat im-Hauptausschuß eine Darstellung der Verhältnisse gegeben, aus der hervorgeht, daß die pessimistischeste Beurteilung geboten ist, und daß man alle Meldungen über eine milde Behandlung Deutschösterreichs mit der größten Skepsis aufnehmen mutz. Obzwar der Inhalt des Exposes Dr. Bauers nicht bekannt geworden ist, kann' man doch aus der Stimmung der Abgeordneten, die dem Hauptausschuß angehören, entnehmen, daß Deutsch-Südtirol wahrscheinlich verloren sei und daß sich die Verhandlungen in Saint-Germain noch sehr lange Zeit hinziehen werden. Das hat natürlich zur Folge, daß die Unsicherheit unserer finanziellen und allgemeinpoMschett Lage noch weiter.andauert und daß es sast unmöglich wird, die Lethargie, die sich unserer Bevölkerung bemächtigt hat, zu bannen. Wir stehen knapp vor Beginn'der Erntearbeiten und was über ihre Aussichten verlautet, ist nicht geeignet, zur Beruhigung beizutragen. Ein großer Teil der Anbaufläche istnicht unter den Pflug genommen worden und her Mangel an Arbeitskräften erschwert selbst die Einbringung, der so gering gewordenen Ernte. Wir bleibett also weiter aus die Hilfe des Auslandes angewiesen, das jede Gelegenheit benützt, von Deutschösterreich immer weiter Besitz zu ergreifen. \ Wir sind nicht mehr' Herren im eigenen Haus, wir werden es täglich weniger durch die eifervolle und systematische Arbeit der linksradikalen Elemente. Es ist bedauerlich, daß Dr. Bauer, dem ja kraft seines Amtes die' trostlose Lage Deutschösterreichs am besten bekannt sein muß, nicht die Gelegenheit benützt hat,!die Arbeiterräte mit der katastrophalen Wendung unseres Geschickes im einzelnen vertraut zu machen. Er hat in der Anschlußfrage so getan, als ob Deütschösterreich allein auf der Welt sei, und er hat gestern in der Konferenz der Arbeiterräte so gesprochen, als ob es nur ein Proletariat gäbe und nicht auch noch ein Bürgertum, das an dem Werden und Gedeihen des Staates zumindest so stark interessiert ist wie die Agenten Lenins und Bela Kuns und wie die Spartakisten aus Berlin, die seit zwei Wochen ihr Redlichstes dazu tun, die Beunruhigung der Bevölkerung auf die Spitze zu treiben und die Verwirrung zu vermehren. Das Bürgertum hat die.Wirtschaft dieses Staates geschaffen und mit Hilfe der Arbeiterschaft ausgebaut. Es hat in tragischer Unkenntnis' der treibenden Kräfte es verabsäumt, der j sozialen Entwicklung zu folgen und, wenn es auch [igeute die AotwmdiMst Mer demvkrMchenNeu- Die Nätediktatur abgelehnt. Die Konferenz der Arbeitsrräte hat gestern abends die Resolution der Kommunisten, welche' die sofortige Einrichtung der Nätediktatur verlangt, in einfacher Abstimmung mit allen gegen die Stimmen der Kommunisten abgelehut. Die politische Resolution der Mehrheit sowie ein gegen die politische Verfolgung gerichteter Antrag der Kommunisten wurde angenommen. Die neue Schlacht in Oftgalizien. Der Ukrainische Pressedienst meldet: Zn Ostgalizien wütet seit vier Tagen eine blutige Schlacht. Die ukrainische Armee Grekov steht in schwerem Kampfe mit zwei polnischen Armeen, die auf Grund der bekannten Verhandlungen zwischen Warschau und Moskau große Verstärkungen vomNordenher erhalten haben. Die Polen haben den Kamps an d er bolsch ewikisch en Front vollständig eingestellt und g emeinsam mit den Bolschewiken alle Kräfte gegen die nationalen Ukrainer geworfen. Zn heimtückischer Weise versuchen die von der Entente ausgerüstete« polnisch-rumänischen Divisionen Zeligowskis aus dem Raume K o l o m e a- Czernowih den ukrainischen Truppen, die ihre Hanptkraft gegen die russischen Bolschewiken bei Kiew und Charkow entsendet haben, in der Richtung Stanislau - Czortkow in den Rücken zu fallen. Der Kamps Wird mit der größten Heftigkei t fortgesetzt. Die Eroberung von Brody und Brzezanq durch , die Polen. Warschau, 2.Juli. (Funkspruch.) Polnischer Kriegsbericht; Unsere Gegenoffensive gewinnt überall an Raum. Der Feind wird an allen Stellen gef ch l a g e n, sein Widerstand ist geringer als gestern. Brody und Brzezany wurden gestern - '••■rp;.jk;■■■x'if'yw - ' .-i" - erobert, unsere Truppen brachten gegen taufend Gefangene und viel Kriegsmaterial ein. Es scheint, daß die ukrainischen Truppen an verschiedenen Orten ihre Offiziere getötet haben. Sie ergeben s i ch i n M a s s e tu Jur Wiederaufnahme dev fran-1 zöfisch - deutschen Handelsbe- 4.,; ' . Ziehungen. r Pari s, 1. Juli. (Korr.-Bur.) Dem „Exeelsior" zufolge beschäftigen sich die kompetenten Kreise mit der Wiederaufnahme der Han d els b ezie h nn gen mit Deutschland. Laut „Zournal" find sie für eine Schutzpolitik, nicht für eme ProhibitivpoLitik. Kommission zur Untersuchung der polnischen Pogrome nuter . Morgentaus Führung. Dem Pressedienst der Delegation des Jüdischen Nationalrates für Ostgalizieu wird ' aus Paris telegraphiert: Mitte Juli geht von hier nach Polen eine . englisch-amerikanische K 0 m-, Mission unter Morgentans Präsidium zur Äntersuchung der Pogrome ab. ordnung der Wirtschaft emsieht, so fehlt ihm doch der politische Wille, diese Forderungen der Stunde zu er- Wen. Aber so ganz aus der Geschichte das Bürgertum himvegzudekretieren, seine Existenz zu negieren, ist ein außerordentlicher politischer Fehler, . der sich noch einmal bitter rächen kann. Bis heute haben wir noch nicht gehört, wie sich eigentlich die linksstehenden Sozialisten und die Kommunisten die Umformung der Welt vorstellen. Wir kennen kein Programm, es sei denn das, das vorgestern ein Redner in die Formel gekleidet hat: Der Griff in die Kasse des Bürgertums. Man muß sicherlich die Zähigkeit und Willenskraft der Arbeiterführer bewundern, die seit drei Tagen im Sitzungssaals des Abgeordnetenhauses darüber beraten, wann die Diktatur des Proletariates zu verkünden sei. In dem Kampf zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten handelt es sich nämlich gar nicht mehr um . das Prinzip, sondern nur um das Tempo. Dastritt freilich aus den Debatten nicht ganz klar heraus, wie denn überhaupt an Verschleierung der Marschziele außerordentlich viel geleistet wird. Es scheint uns, als ob die Kopflosigkeit der Kommunisten so groß ist, wie die ihrer gemäßigteren Genossen. Es ist nirgends deutlich erkennbar» wie der Kongreß der Arbeiterräte die komplizierten Fragen der Enteignung des Besitzes lösen will. Am besten zeigt sich dies in der Rede des Delegierten Serpow, der es als Forderung seiner Partei aufstellte, „sofort schrittweise die Diktatur des Proletariats cmszurufen". Das ist ein lächerlicher Widerspruch in sich selbst. Auch wie die Frage der Lebensmittel-,, Kohle- und Rohstoffversorgung geklärt werden soll, darüber hat uns der Nätekongrsß in keinerlei Weise unterrichtet. Denn die Aeußenmg des Herrn Serpow, es sei Aufgabe des Proletariats, den } HMer zu meistern, klWt mt. ein schlMer Scherz. Wir wollen annehmen, daß die Rätediktatur morgen proklamiert wird. Kann sie eine einzige Maschine in Gang bringen? Kann sie einen einzigen Herd heizen? Kann sie auch nur ein Lot Baumwolle aus Amerika herüberschaffen? Die Spekulation auf die Revolution in den Ententestaaten erscheint uns als ein viel zu gewagtes Experiment, als. daß man daraus irgendwelche Hoffnung bauen könnte. Das, was angestrebt wird, ist einfach die mechanische Umdrehung des Zustandes, wie er bis zum Krieg bestanden hat': das Bürgertum wird entrechtet und das Proletariat gelangt in den Besitz der politischen und wirtschaftlichen Macht. Aber das Bürgertum hat den Aufbau der Wirtschaft im Einvernehmen' mit der Arbeiterschaft durchgesührt, was allerdings erst in jahrelangen Kämpfen erzielt werden konnte. Die Führer des Proletariats aber, die gestern noch der Bourgeoisie angehörten und heute an Radikalismus der Gesinnung das Aeußerfte leisten, wollen von einer Mitarbeit des Bürgertums nichts wissen, sie wollen es, wie sie jederzeit zugeben, entrechten und ausrotten. Diese Führer haben aus ihrer eigenen Geschichte nicht gelernt, daß Aktion Reaktion erzeugt und daß das Bürgertum, das ihnen wohl nicht an politischer Organisation und Kraft, wohl aber - an Intellekt gleichkommt, nach einer mehr minder ausgedehnten Pause der Bestürzung zur Gegenwehr schreiten könnte, scheint ihnen so wenig plausibel, daß sie sich mit dem Hinweis auf ihre Bajonette beruhigen. Aber mit Bajonetten kann man alles tun, nur nicht, sich darauf setzen. Die Verkündigung der Rätediktatur wäre eine entsetzliche Katastrophe; aber in der Geschichte der Menschheit hat es solcher Dinge genug gegeben, wie das Beispiel der Flagellanten und ' der Ehiiiasten k>\xL Schließlich siegt doch die Vernunft.