Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 162 (1.7.1919)
- Date
- 1919-07-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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' Die in Enkentekreisen vielfach verbreitete Meinung, daß nach Abschluß des Friedens mit Deutschland die anderen europäischen Streitfragen als Probleme zweiten und dritten Ranges eine rasche Lösung finden werden, hat sich schon in der Vergangenheit als ein Irrtum erwiesen und wird noch in Zukunft manche bittere Enttäuschung den Ententediplomaten bereiten. Jetzt bereits ist man in London und Paris und zum Teile auch in New-Vork direkt ratlos darüber, wie man das gewaltige, von Tag zu Tag größer werdende Chaos, welches durch den Zusammenbruch des Donaureiches entstanden ist, entwirren kann. So sehr man auch geneigt ist, in einem starken tschechoslowakischen Staat und in einem mächtigen,- Polen zwei Hauptbarrieren gegen den jetzt schon befürchteten Reoanchekrieg von Seite eines neuerstarkten Deutschlmrd zu errichten, so will man andererseits weder in Frankreich noch in England eine Vergewaltigung der Deutschen.im tschecho-slowakischen Staate, damit nicht ' der Nährboden für eine alldeutsche Jrredenta geschaffen werde, die mit Elementargewalt zum Anschluß an Deutschland - drängen würde. Gerade die neuesten Nachrichten, die aus Paris einlaufen, zeigen, daß aus diesen und aus anderen Gründen sowohl in Frankreich wie in England die Vertreter einer Donaukonsöderation wieder an Boden gewinnen und daß man zu manchen Konzessionen an Deutschösterreich bereit ist, wenn eß aus den Anschluß an Deutschland verzichtet. Die Behauptung, daß , die DMyukonMeralian an deck. Widerstand.der. neiM slawischen Nationalstaaten1 , müffe, - wird vyn veMiedenen Politikern der Ententestaaten und der neutralen Länder dahin berichtigt, haß ^allmählich bei den gemäßigten nationalen, Elementen sowohl in Tschecho-Slowakien als in Jugoslawien, in Ungarn wie in Rumänien eine nationale Ernüchterung einzütreten beginne und die Erkenntnis wachse, daß die gegenseitige wirtschaftliche Absperrung zum Zusammenbruche in all den neuentstandenen Staatsgebilden und zum rapiden Anwachsen der sozialrevolutionären Bewegung führen müsse. Die Entwicklung der Verhältnisse in Tschecho- Slowakien, Polen, Ungarn und Jugoslawien sowie werter der sich neuerlich zuspitzende Gegensatz zwischen Rom und Belgrad stimmt die Ententediplomaten und speziell Clemenceau so ernst, daß man in Paris sich zu keiner Abrüstung entschließen kann und noch monatelange Verhandlungen über die Neugestaltung des Verhältnisses zwischen Tschecho-Slowakien und Deutschösterreich einerseits und mit Polen und Ungarn andererseits abgesehen von den Verhandlungen über das polnisch-ukrainische, rumänische, südslawische, bulgarische und türkische Problem befürchtet. Allerdings ist man fest entschlossen, da sich die Friedenssehnsucht in den breiten Schichten der Bevölkerung Frankreichs, Italiens und Englands immer ungestümer äußert, die bisher unerledigten Fragen einer raschen Lösung zuzuführen; aber die Geister, die matt rief, die kann man nicht mehr bannen.. Der durch Jahrzehnte aufgepeitschte nationale Fanatismus ' -bei allen europäischen Nationen treibt die üppigsten Blüten und erschwert es den besonnenen Politikern, den Chauvinismus einzudämmen und auf diese Weise die nationale Verständigung in und zwischen den einzelnen Staaten anzubahnen. Während aber in Tschecho-Slowakien sich doch die Stimmen mehren, welche die Notwendigkeit der Verständigung aller Bewohner des neuen tschechoslowakischen Staates und speziell zwischen den Tschechen einerseits und den Deutschen sowie Juden andererseits auf dem Boden des gleichen nationalen Rechtes betonen — es sei an dieser Stelle auf die jüngsten Ausführungen des Präsidenten Masaryk über den Zionismus hingewiesen — beweisen die fortlaufenden Meldungen aus Polen und Galizien, daß es selbst dem Drucke der Entente bisher nicht gelungen ist, den vom Chauvinismus bereits zum Vestialismus gediehenen nationalen Furor in der polnischen Bevölkerung einzudämmen. Die sich immer erneuernden Judenpogrome 'sowie' die vergeblichen Versuche, zwischen Polen und Ukrainern zu vermitteln, beginnen die Diplomaten der Entente immer' ernster zu stimmen, um so mehr, als man den Polen ebensowenig traut, wie — den Italienern. Die letzten polnischen Niederlagen dürften übrigens doch zur Ernüchterung wenigstens eines kleinen Teiles Englands Eintreten für das jüdische Volk. Eine Erklärung sämtlicher Minister «nd Parlamentsmitglieder für den Zionismus.' Das Bureau der „Zionistischen Organisation" in London veröffentlicht eine Broschüre „Erklärungen der Sympathie mit den zionistischen Bestrebungen". Dieselbe enthält die Namen aller Mitglieder des Ministeriums, des Parlaments und anderer hervorragender P e r f ö n l ich leiten, die sich durch Unterzeichnung der nachstehenden Erklärung für den Zionismus ausgesprochen haben. Die Erklärung hat folgenden Wortlaut r „Unter allen nationalen Forderungen» die befriedigt werden müssn, wenn die Wett eine« dauernden Frieden haben foll, verdient Keine mehrSynrpathieundUnter stütz«« g aller rechtlich denkenden Menschen als die Forderung des jüdischen Volkes, fein nationales Leben <n Palästina wieder aufzubauen. Während 29 Jahrhunderten des Exils haben die Juden niemals die Hoffnung auf die Rückkehrin ihr historisches Heimatland verloren, mit welchem der beste Teil ihrer besonderen Kultur «nd ihrer Hoffnungen verknüpft ist. Dasihnen -«gefügte nationale Unrecht ist sicherlich das ält e st e, nn» bei dessen Berichtigung wird die Menschheit gleich-! zeitig mit einer Tat der einfachen Gerechtigkeit eine Saat von un b e r e ch e n b ar e r Verheißung für die Zukunft säen. Politisch «irA ' die Wiederbefiedlung Palästinas durch die Inden! und seine Entwicklung zu einem jüdischen Gemeinwesen einen notwendigen Fa kt 0 v v 0 n Stabilität «n d geordnet e m F 0 risch r i t t in das Lebe« des nahen Ostens bringet» Nicht weniger wichtig für die höchste» Jnteresseni der Menschheit ist unserer Ansicht «ach der Ge-i winn» de« das menschliche Bewußtsein und die! > sozialen Jdealevo» dersrei e « E «t^ faltnng des jüdische» Genius inseiner nationalen Stätte zu ziehe» hoffen dürfen^ Die Großmächte, die sich in dem Krieg für Gerechtigkeit und Freiheit vereinigt haben» Hab«« versprochen, die Errichtung einer nationale» Heim- : stätte für das jüdische Volk in Palästina zU «rleichtern. Wir find überzeugt» daß dieses Versprechen voll und »« zw e i d e n t i g t» :t *d wirklicht werde« m u tz» wenn die Ordnung der Wett de» Ideale» der Alliierten «nd der; Bereinigten Staaten entsprechen soll." . -n - y ■ Paris, 29. Juni. (Korr.-Bur.) Der „Matin" rtteldet r Der sozialistische,*<£ vnlLMsAd 6 ra l d e 1a S -ie in e" ' HM WftMtsin -' dWer' Versammlung den F r i e d e n s v e r t r a g der heftigsten Kritik unterzogen. Der Abgeordnete M a h e r a s schlug folgenden Beschluß vor: Die sozialistischen Abgeordneten haben gegen den Friedensvertrag zu stimmen. Wer dieser Entscheidung znwiderhandelt, wird aus dem Bund der Abgeordneten ausgeschlossen. Abgeordneter Levasseur erklärte, sich aus Disziplin der Entscheidung fügen zu wollen, wendet sich aber gegen die angeregte Taktik, die er als unnütz oder zumindest unwirksam bezeichnete. Der ganze Saal erhebt sich geoen ihn, woraus er erklärt, richt auf seiner Meinung bestehen zu wollen. Der eingangs erwähnte Beschluß wurde sodann f ftft $ i n stimm L g angenommen. . \ Ein zweiter -Vorschlag ging dahtü, de« Abgeordneten zu v e r b i e t e n, sich au de« Sieg es fest des 14. Juli zn beteiligen, der ein Trauertag für das Proles t a r i a t f e i. Ein Abgeordneter verlangt de» Ausschluß der 2V Abgeordnete«, die für die Militärkredite gestimmt haben. Man beruhigte ihn mit der Versicherung, daß der Parteiausschuß gegen sie dis notwendigen Maßregel« treffen werdet Bei der Debatte war festznstelle«, daß in dem Bunde die extremistischen Theorien sehr an Boden gewönne» haben und daß eine Strömung für de» Anschluß an die dritte Internationale besteht. Verkehrsstreik in Berlin. . Berlin, 30. Juni. Die Arbeiterausschüffe und die Vertrauensleute der Angestellten der! Großen Berliner Straßenbah.n, der städtischen Straßenbahn, de» Berliner Ost bahnen nnd der H o ch- und An tergrundbahn beschloffen mittags: auf Grund der A^stimmnngsergebniffe in den emzelnen Betrieben, morgen srühi in den Ausftand zu treten. i der polnischen Bevölkerung beitragen, die sich endlich darüber klar werden muß, daß sie mit de^in der jüngsten Zeit eingeschlagenen Politik nicht nur den Juden und Ukrainern, sondern auch den anderen slawischen Völkern sich entfremdet. In einer ähnlichen Sitüation befmdet sich die Entente gegenüber den Italienern. So wie sie ftüher mit Unterschätzung des polnisch-ukrainischen Gegensatzes, der ukrainisch-rumänischen Differenzen und der verschiedenen Interessengegensätze zwischen Rumänen und Serben alle zusammen zu einer antigermanischen Koalition zusammenzuschmieden sich bestrebte und heute ratlos der Frage gegenübersteht, wie alle diese in ihrer ganzen Schärfe nun wieder hervortretenden Differenzen beseitigt werden könnten, genau so wenig ist es bisher der Entente gelungen, den italienisch-südslawischen und italienisch-griechischen Gegensatz zu überbrücken. Amerika und England, die unter allen Umständen unbeschadet der auch in ihrem Staatsgebiete sich auftürmenden sozialen und nationalen Kämpfe aus dem jetzigen Weltkriege nach Niederringung des preußischen und russischen Imperialismus sich immerhin, wenn auch vielleicht nur vorübergehend, als Weltgebieter betrachten können, werden durch die Fortdauer der Wirren am europäischen Kontinente weniger berührt als Italic,^ FnmUe verschied^nen^Kleinstaaten. Wenn es wahr ist, daß eine Einigung zwischen Italien und Jugoslawien, auf der Grundlage bevor< stehend ist, daß Fiume und ein großer Teil Istriens keinem von beiden Staaten zufällt, sondern neutralisiert werden soll, dann hat Italien wahrlich umsonst den Krieg geführt und steht ani Vorabend ernster Ereignisse. Aber dasselbe gilt mntatis matanäis auchvon- Serbien, falls Kroatien auf seine Selbständigkeit bestehen sollte und slowenische Gebiete dem) avenninischen Königreich zufallen sollten. Alles in allem muß gesagt werden, daß in einem! Zeitpunkte, wo der Ruf nach einer neuen Staats¬ und Gesellschaftsordnung alle Wellteile bereits durchbraust, wo weiters in den Kolonialgebieten die auf Emanzipation vom europäischen Einfluß gerichteten Bestrebungen immer stärker werden, die europäische DiplomaÜe nicht mehr lange Zeit hat, sich mit der Diskussion über .die europäischen Streitsragen in des Wortes buchstäblicher Bedeutung zu. unterhalten. Sie . hat die Wahl, entweder die Friedensverträge mit den verschiedenen Staatenin einem ganz anderen Geiste als den mit Deutschland abzuschließen oder aber bloßes. Aktenmaterial für den zukünftige,t Historiker und Forscher über den Kulturgrad Eurovas und die Reise seiner führenden ^Männer zu IHevi:. -