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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-30 · Heft 161 (30.6.1919) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 161 (30.6.1919)
Date
1919-06-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 161 Wien. Montag Ei« Proteststreik in Lwndoy o,egen die Pogrome. Gaint-Germai«, LO.Jßni, Die gesamte indische Bevölkerung Londons hat am 26. Juni mit der Axbeit gps, gesetzt, um diesen Tag in Trauer und Gebeten als Zeichen des Protestes gegen die polnischen Judenmassakers zu verbringen. Berlin vor einem nezre« VevKehrsftreikr. Berlin, 29. Juni. Der yrgqnsierte streik der Eisenbahner ist Mr infolge des Beschlusses der Vertrauensmänner theoretisch ssix beendet erklärt worden und heute funktionierte der Verkehr auf den Eisenbahnen, wenn auch lückenhaft, zum großen Ache, doch besteht dje Gefahr, daß ein Teil der Arbeiterschaft, und zwar die Workstättenarbeiter, djs dem Ende des Streike abhold sind, morgen von neuem streiken. Die Beamtin und Lokomotivführer wollen vom Streik nichts wissen. Berlin droht aber für den 1, Juli etn neuer Verkehrsstreik, denn iji der gestrigen Nychjversammlung haben die Angestellten der Berliner Straßenbahnen und derOmnibusgesellschaften beschlossen, im Falle der Ablehnung der Lohnforderungen in den Streik zu treten. Die Betriebsversammlungen treten erst heute abends zusammen und diese werden in dm einzelnen Betrieben darüber beschließen, ob tatsächlich in Berlin ein allgemeiner Verkehrsstxxjk auf den Straßenbahnen und sämtlichen Omnibuslinien ftattfindm soll.- Auch hie Angestellten der Hoch- und Untergrundbahn haben beschlossen, am 1. Juli in den Generalstreik einzutreten, falls bis dahin nicht ihre sämtlichen Forderungen bewilligt sind. Wie sich die dentschsn Generale jetzt auslebe«. Lettow-Borhecks Krieg gegen Hamburg. Hamburg, 80. Juni. (Tel^-Komp.) In zwei Erlassen teilte General von Lottow-Borbeck mit, baß mit dem verschärften Bclagerungs'.ustand die Gewalt aus ihn ü b e r g e g a n g e n ist. Jeder Widerstand werde rücksichtslos gebrochen werden. Zivilverwaltungen und Gemeindebehörden verbleiben in ihren Funktionen. Bon 10 Uhr abends bis 5 Uhr morgens ist jeder Verkehr auf den Straßen verboten. Ebenso sind öffentliche Versammlungen, Umzüge und dergleichen untersagt. Die Truppen haben inzwischen durch das Eintreffen von Panzerzügen, Panzerkrastwageu und Tanks wesentlich an Kampfkraftgewonnen. Belagerungszustand in Breslau. Breslau» 29. Juni. lKorr.-Bur.) Ueber den Bezirk des Generalkommandos des sechsten Armeekorps wurde um V,2 Uhr nachts der Belagerungszustand verhängt. Der Breslauer Hauptbahnhof wurde heute um */s6 Uhr früh von Truppen des Detachements Kühne nach kurzem Widerstande der streikenden Elsenbahnarbeiter besetzt. Im Hauptbahnhofe kam es zu Kämpfen,-, bei denen eS auch einige Verwundete gab. Staatskommissär H ö r s r n g hat für Pie Breslauer Arbeiterschaft den Arbeitszwang verfügt. Weitere.Regierungstruppen sind im Anmarsch auf Breslau. Kein Vorbehalt Deutschlands. Berlin, 30. Juni. (Korr.-Bur.l Die „Deutsche Allgemeine teitung" meldet aus Paris: Der Vertreter der amerikamschen gentur United Preß hat von den Rrichsnumstern Doktor B e l l und Hermann M ü l l e r folgende Erklärung erhalten: Wir haben ohne irgend einenBorbehalt unterzeichnet. Das deutsche Bolk wird alles in seinen Kräften Stehende tun, um zu versuchen, sich den Fritdensbcdingungm anzupassen. Wrr glauben indes, daß dre Entente es in ihrem eigenen Interesse für notwendig erachten wird, angesichts der U n m 8 g l i ch k e 11 der Ausführung einiger A r tike! diese zu Ludern. Wir denken, die Entente wird nicht auf der AMiefrrung des Kaisers bestehen. Die deutsche Zentralregierung wird ««em Angriff gegen Polen keinerlei Unterstützung lechen. Unbedingte Räumung der Slowakei. Budapest, 29. Juni. (Funkspruch.) Volks- KommiMr Bela Kun hat an den Präsidenten Clemenceau eine Depesche gerichtet, in welcher er diesem mitteilt, daß er der ungarischen Armee den Befehl erteilt habe, sogleich und ohne Rücksicht, ob sich die Rumänen zmückziehen, den Rückmarsch aus der Slowakei anzutreten. Er vertraue auf das Wort Clemenceaus betreffs der Zusicherung, daß die Rumänen die zu räumenden Gebiete sreigeben werden. Volkskommiffär Böhm richtete eine ähnliche Depesche an den General P e l l 6 in Prag» welche dieser dahin beantwortete, daß erhole, die ungarischen Truppen würden vereinbarungsgemäß am 30. Juni, vormittags, eine Linie erreicht haben, die sich 16 Kllometer hinter der jetzigen Front befindet. Falls seine Annahme nicht zutreffen sollte, behalte er sich die volle Handlungsfreiheit zur angegebenen Zeit vor. Infolge großer technischer Schwierigkeiten wurde die Frist zur Eintragung in die Wählerliste» des Jüdischen Nationalrates verlängert. ¥ Anmeldungen im Bureau, Taborstr. 20 a Wiener Morgenzeitung 30. Juni 1919 Gelte 3"' Prä nnmerät ions- Einladung. Am Juli beginnt ein neues Quartal. Wir bitten unsere Abonnenten, das Abonnement rechtzeitig zu erneuern, damit keine Unterbrechung in der SufteÖüug )es Blattes eintritt. Für Men: mit Zustcliunsi Monatlich . . . Kionen 7.— Vierteljährig . . „ 20 — halbjährig.40,-r- Ganstährig.80 — Für die Tschecho- Slowakei: mit Postvrrsand in tschechischer Währung Monatlich . . . Kronen 7..',o Vierteljährig . . „ 22.— 5^albjährig ... „ 44.— Ganzjährig ... 88.— Für Deutschöfterreich: mit Postversänd Monatlich ... Kronen 7.S0 Vierttliahrig . . „22 — Halbjährig ... ., 41.- GanzMng ... „ 88.— Für Polen und die übrigen Nationalstaaten: mit Postversänd Monatlich . . . Kronen 8.50 Vierteljährig . . „ 25.^ talbjahrig ... „ 50.-ranzjährig ... * 96.— Einzelexemplar 36 Heller. Fm Deutschland monatlich 5 Mark, Schweiz 5 Franken, für daS übrige Ausland vierteljährig 26 Kronen. Die Geldsendimgen für die Tschecho-Stowakei sind per Erlagschein an das Postsparkaffcnamt P. S. Nr. 150.693. in Prag, für Polen, Westgalrzien imd Poknisch-Schlesten per Postanweisung an die Wiener Lombard und Eskomptebanft, Filiale Krakau, für »Wiener Morgenzeitüng", Krakau, Äynek 12, zu rechten. Administration der „Wiener Morgenzeitüng" Wien, II.,Taborstratze 1—3. Telephon 44.038«, 43.31S. aMW>!Ä«O* Inland. Tagesbericht. Jüdische ProtestverfammlunZ in Graz. Samstag den 28. d. M.» abends, fand im großen Saale des Hotels „Steirerhof" in G r a z eine zahlreich besuchte jüdische Protest Versammlung statt. Nach einer kernigen Eröffnungsansprache des Vorsitzenden des Grazer Jüdischen Nationalverbandes, Dt. Artur Rosenberg, berichtete Dr. Ernst Fischer, welcher Augenzeuge polnischer Judenpogrome war» über die Ausschreitungen der Polen, wobei er seinen Bericht durch Lichtbilder illustrierte. Auf Antrag von Oskar Freudmsmn wurde folgende Resolution angenommen:;' Die am 28. Juni 1919 im großen Saale des Hotels „Steirerhof^ zu Graz versammelten Bürger Uttd Bürgerinnen jüdischen Stammes gedenken mit Schmerz und Erbitterung der in den polnischen Pogromen ruchlos hingemordeten jüdischen Männer, Frauen, Greise und Kinder. Sie geloben, jener Blutzeugen mittelalterlicher Barbarei und vertierter Grausamkeit nie zu vergessen und an der Erlösung ihres unglücklichen Volkes aus dem judenmörderischen Galuth unermüdlich zu wirken. Als Glied des jüdischen Volkes, als Teil der gesitteten Menschheit, legen sie vor den: Forum der Menschlichkeit feierlich Verwahrung ein gegen die Duldung bestialischer Hinschlachtung Tausender Unschuldiger durch ein Volk, das feine eigene Befreiung zu feiern sich anschickt, seine Befreiung, die es selbst nur der Großmut anderer zu verdanken hat. ‘ Wir vereinigen unseren flammenden P r o t e st mtt den Kundgebungen der Judenschaft der gesamten Erde und lenken mtt ihr die Aufmerksamkeit der Kulturmenschheit auf die unerhörten Zustände im polnischen Staate. Auf Anregung des Herrn Grüner wurde an die Wiener Protestyerfammlung ein Begrüßungstelegramm gesendet. _ Tagung des Vauernrates. Nachdem am Samstag die Delegierten berBauernräte all« Kronländer Deulschösterreichs die Gründung eines Reichsbaiierürates beschlossen und vorbereitet hatten, veranstaltete, der nieder-- österreichische Bauernbund gestern eine Maffrntagung der Bauenträte Niederösterreicks, der auch dre Delegierten der Bauern-« räte der übrigen Kronländer beiwohnten. Die Staatssekretäre S t ö ck l e r, Z e r d i k, W a i ß und M i k l a s sowie sämtliche bäuerliche National- und Landesabgeordneten warm anwesend. Es wmde folgende Entschließung angenommen: Der Bauernrat erblickt in der Ermöglichung der ruhigen und gedeihlichen wirtschattilchen Arbeit die einzige Möglichkeit aus dem furchtbaren politischen und finanziellen Elend heraüszu-- kommen. Darum muffen alt« produzierenden und arbeitenden Kreise zur gemeinsamen Beratung herangezpgen werden. Alß der wichtigste F a k t o r der produktiven Arbeit fordert dyr Bauernrat, a« dem politischen und wirtschaftlichen Neuaufbau Deutschösterreichs unter Wahrung seiner ganzen Neckte rnitzüwirken. Die Bauernräte Deulschösterreichs erklären sich als die berufenen Vertreter der produktiven Arbeit in 8er Republik bereit, jederzeit mit den Arbeiterrätm Deutschösterreichs gemeinsam zur Erhaltung der Ruhe «ud Ordnung zu wirken Md kür de» jungen Freistaat sowie für den ganzen Emfluß der Arbeit im wusichaftlichen Md politischen Leben eiuzutretrn. Die wahre Demokratie verlangt die Ermöglichung der Mitwirkung aller arbeitenden Kreise. Rur m ihr kann daS Heil der politischen und wirtschaftlichen Zukunft liege«. Der Bauernrat hofft zuversichtlich, daß der besonnene Teil der organisierten Arbeiterschaft diese Erkenntnis in sich ausnimmt, und daß er unverantwortllche Elemente und »Mische Marodeure endgültig a b l e h n t. unser einziges und gemeinsames Ziel muß dermalen lein, Arbeitsmöglichftit mid Brot zu schaffen und die produttive Arbeit zu schützen. Daher lehnen die Bauernräte jede einseitige Diktatur eines Stande» ab. Wie eine Mauer wird sich die Bauernschaft jedem Streben, das diesem Ziel hinderlich in den Weg tritt, entgegenstellen. Für alle Folgen, die dmch eine Mißachtung dieser Grundsätze seitens der Arbrrterräte entsteht, lehnt die Bauernschaft di« rechtzeitig warnt, jede BerantwortMg ah. Wiener Börse. Alpina K 1000— Die am Schluß der Vorwoche in Geltung gewesene feste Tendery übertrug sich in verstäcktem Maße auf die heuttge Börse. Im Dordergmnd htzs Interesses standen A l p i n e-A k ti e n, die zu L um lL 32.— höher einsetzten und sprunghaft bis K 1000.— avancierten. Staatsbahnaktien gewannen K 49.—, österreichische Kreditaktten K 20.—, ungarische Kredit K 25.—. Lediglich Tabakaktten und Türkenlvse lagen schwacher. Die EMihrnng. Dev Mapktbericht. Md Besuch der Märkte war gestern sonntags blieb mangAs Angebot geschloffen. )i« Beschickung der G r 6 » w ar rn m 3 rkt e warsehr schwach, doch reichte sie znr Deckung KeS Bedarfes aus. Der Na sch markt erhielt zum ersten Male Kirschen von der BtrleilunaSstelle, die zum Preise von K 8.20 verkauft wurden. Bruche Fische waren nicht erhältlich. Geffügel schltrgänzlich, lm einzelnen Märkte« gab eS gestern Eler. Weis Ist in dieser Woche erhättttch? Vn Fettstoff: iS Dekagramm Salzspeck; als Zubüße: lU Kilogramm Bohnen zu u 1.50; außerdem erhalten di« Mindestbemittelten auf de« roten Einkauffchem Vz Krlogramm Bohnen zum Preise von 70 Heller; K a r t o s f e l n r nur für den XII. nnd XXl. Bezirk 1 Kilogramm pro Kopf; U n t e rz Ü N d h o l z 5 Kilogramm pro Haushalt. Moisst appelliert an Masarhk. '/ Es wurde berichtet, daß dem Sckauspieler Moissi, der am Neuen deutschen Theater in Prag hätte gastieren solley, j e gen angeblicher k o mm u nisti s ch er Pro p ag a n d a die Einreise nach Tschecho-Slowakien nicht bewilligt worden sei. Alexander Moissi hat nun am 28. d. M. an den Präsidenten Dr. Masaryk ein Telegramm folgenden Inhaltes gerichtet: *2out Prager Meldungen der Wiener Preffe wurde mir die Einreisebewilligung nach Prag angeblich 'wegen kommunistischer Propaganda verweigert. Da ' anßek «nwahren Erfindungen nichts Tatsächliches in bezug auf Propaganda vorliegt, erbitte ich dringendst Ihre gefällige Intervention, um so mehr als mein Gastspiel am Neue» deutschen Theater lediglich künstlerischem kulturelle« Interessen dient. Drahtantwort erbetev Moissi, Hotel Imperial, Wien." ÄerdSchtiger Ungarischer Schmuck in Wien. Am 86. d. M. erstattete der 26jährige Selchergehllfe Max Souba, zu Wien geboren, Rudolfsheim, Sturzgasse 28 wohnhaft, bei der Polizeibehörde die Anzeige, er habe seiner Geliebten Hermine K u m p e r a eine eiserne Kassette mit Schmnckgegenständen znr Aufb? tvahrung übergeben und sie irrigere sich, sie ihm zurückzustellen. Hermine Kumpera wurde tvegen dieser Beschuldigung im Sicherhettsbureau einvernommen und gab wohl zu, daß ihr Svuba die Kassette mit den Juwelen ein gehändigt habe, daß er sie ihr aber zum Geschenke gemacht habe. Nunmehr erklärte sie sich bereit, den Schmuck apszufolgen. Das tat sie denn auch. Die Kassette enthielt zwei Perlenkolliers, ein goldenes Armband mtt Brttlänten und Perlen besetzt und eine« goldenen Dämen- Brillantenring. Nach fachmännischer Schätzung beziffert sich der Wert der Kostbarikiten auf rund 3 0 0.0 0 0 Kronen^ Es war sehr verwunderlich, ans welche Weise Souba in den Besitz dieser Kostbarkeiten gekommen sein könnte. Er wurde über die Herklrnft des Schmuckes einveipwmmen und machte allerlei unglaubwürdige Angabe«. ■ Da klar war, daß die Herkunft keine rechtliche wap,.wurde ex in Haft genommen. Nun erklärte <w, daß er diese Juwelen und noch elf andere Schmuckgegenstände vor vier Monaten von einem Unbekannten in Budapest um K. 30.000 gekauft hat. Die fehlenden elf Stücke hat Souba, seiner Angatzd nach, in hiesigen Kaffeehäusern bereits um K. 60.000 vertzaust. Den Erlös will er auf Rennplätzen verspielt haben. Durch die Erhebungen wurde festgestellt, , daß Souba vom Jauner bis zum Mai l. J?als Arbeit er ist »iralyhida im Berpflegungsmagazin beschäftigt war. Er hat wiederholt reichen ungarischen Flüchtlingen geholfen, ihre- Wertsachen über die Grenze nach Deütschösterreich zu schmuggeln. Man vermutet nun, batz'Spuba sich die Kostbarkeiten entweder gelegentlich des Schrstuggels der Habe der Flüchtlinge angeeignet hat o^or daß sie vvnden Plündern nge il inBudap äst stammen. Max Svuba wurde am 28. d. M. dem LandeSgerichtt eingelieftrt. Die Erhebungen' zur Festst-?llnn,g der Herkunft der Juwelen sind eingeleitet.

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