Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 161 (30.6.1919)
- Date
- 1919-06-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Schon lange vop Beginn der Versammlung, der für 10 Uhr festgesetzt war, hatten sich vor dem Gebäude so viele Menschen eingefunden, daß .die Säle sie nicht fassen Konnten und ein großer Teil keinen Einlaß sand. Kopf an Kopf stand die Menge im großen, mittleren und kleinen Konzerthaussaale, beide Galerien waren überMt und auch im großen Saale waren die Mittelgänge und der Raum vor der Rednertribüne dicht besetzt. Die Zahl derjenigen, die Einlaß gesunden hatten, dürste sich auf ungefähr 7000 bis 8000 belaufen haben. Die Versammlung im großen Saale wurde von nrsä. Lilienfeld namens des jüdischen Hochschulausschusses eröffnet. Hierauf ergriff, stürmisch begrüßt, Oberrabbiner Dr. Thajes das.Wort. Der Redner führte unter lauter Zustimmung der.Versammlung folgendes aus: Es ist.'schmerzlich, dasi wir r e d e n sollen, während das Blut unserer Brüder in Strömen fließt. Der Schmerz von Millionen unterdrückter Juden ist zri heilig, iim zu Demonstrationen verwendet zu werden. Wenn gesprochen werden soH dann müssen die anderen, die N i ch t j u d e n sprechen. Witz find die freifinnigep, -Pie sozialdemokratischen;.. nns ullein handelt cs sich, c§ geht' um die Wkefft sch heit und inn die Kult ii r! Soll auch darum Oesterreich den Wen Platz m-dcr Welt einnehmen? In F r a n k r e i ch und E n gi a n d, -«Schweden und der S ch w e i z, in H o l l a u d . und Belgien haben bedeutende Menschen? aus allen Lagern die Stimme des Protestes erhoben, N i ch t j u d e n die begreifen, daß cs sich um das Schicksal der Menschheit handelt. Seit einiger Zeit höre man, daß es a u ch i n W i e n M e n s ch e » gäbe, die an einen P o g r o m d e n k e n und meinen, daß ein solcher ein M i t t e l wäre,, um. die Gefahr d e s Bolschewismus abzüweh re n. ' Ein Pogrom in Dien wäre keine Befreiung vom' Bolschewismus, die Folgen waren für die Nichtjuden beinahe größer als filr die Juden! Märtet-., man. vielleicht/ in Wien m i t P r o t e st e n, d i s w i r.a u ch h i.e r einen P o g vom haben werden? 'I - , Wir denken bei den Pogromen'zunächst' an P o l e n.' Auch in der U r/k r a i n e geht es den-Juden nicht gut. Aber in Polen A es eme a l l g e m e i n e f ystematis ch vordereitet-e I h d en Hetze, die in all eit Krei s e n der B e v o l k c r u n g Z u st i m m ün g f i n d e V ' Rednererwähnt den Brief P a d e r e w s k h s an Wilson, worin die .P o g r o m e g e l c u g.n e t und als H u n g e rtr.awalle hingestellt werden. Aber diese äußern sich darin, haß man bei G o t t e s d i e n st e n die S h n ag o gen Überfällt, d i e L e b e n s mitte l- Men von R i ch t j u d e n u n b e r ü h r t läßt und U h rm a ch e r l 8 d e n p l ü n d c r t. Wenn doch P o g r o m e Vorkommen, so sind es die Juden, die die Polen reizen, iene. die behaupten, daß sie der Nation, dem Blute,' der Geschichte, der Sprache, der Religion nach nicht P o l e n, s o y d e r n Juden sind, Monate vor dem Zusammenbruch hieß es, wentt die d e u t s ch e n. T r u p p e n Polen verlassen, so werde M einen Pogrom gebe n,/ w i e ihn b i e W elt n o ch nichts a h, und zwar weil die Iü d e n m i t » e n D e u t-s ch e n gegangen sind! Das war d a m a l s die Parole. Als b t c Erklärung nicht ausrcichle und der Hinweis aus das n a t i o n a l e B e k e n n t.n i s der Juden sich, als ungenügend erwies, da hieß. es. die Juden seien B o l f» ew r k e n. Smd dies etwa die orthodoren Mässeü, sine, dre in den Synagogen abgcschlachret würden? Es tst emfach - - - \ - elementarer Hatz. Redner untersucht die historischen Verhältnisse zwischen Juden und Polen und kommt zu dew Schluß, daß der Pole sich n i e dazu verstehen will, den Juden als g l m chbere ch t i g t c it B ü r g e r zu behandeln. Wir dürfen die Eisieuz unseres Bottes nicht auf Lügen ausbauen. Wir haben durch 4000 Jahre unser Blut vergoffen für dre Menschheit, für das, was wir für Wcht erkannt haben: einzelne von uns mögen sich von Selbstsucht leiten lasten, unser Volk als. Ganzes hat das nie getan. Die Polen müffen sich dazu entschließen, uns die F r e i h e i t zu kaffem uns nach den e i g en e n W ü n s ch en undL r a d i t i o n e n frei zu entwickeln. Heute wollen wir der Welt! nicht nur sagen, daß wir lerden, sondern wir sagen der Welt, es handelt sich um die Frage des G.e w i s s e n s der Welt! W i r w oll e n den Mächten sagten:?Me Zukunft der Menschhe»t i si in G efa h c! kStürmlscher Beifall.) Hierauf erbat sich der westukryrnische Gesandte Nikolai .von W a s s i l k o das Wort, der folgendes aussührte: Es ist Pflicht des Vertreter d.es ukrainischen Volkes/ hier zu erscheinest, Fm die S ch m a ch von sich a bzuw a lz en und zü erkläre», was dre bewußte ukrämische Gesellschaft und ihre kompetenten Fattoreu über die Pvgrome dcnsm. In Ländern, wo die ukräiner nne gewiffe Macht hatten, habe es. me.eine' jndenfeindliche Tendenz die sich als das Werk von Hetzern darstellten, seien mit aller Strenge unterdrückt worden. Von dem Augenblick, wo die Ukrainer die Macht erlangten, haben sie volle Gleichberechtigung in die Tat umgesetzt. Die Ukrainer werden immer auf dem , Standpunkt der vollen Gleichberechtig nng iind wahren Selbstbestimmung stehen. Dr. Mandel besprach die von den Polen verübten schmachvollen Brutalitäten und brachte in warmen Worten, welche die Versammlung'stehend anhörte, die allgemeine Dr a u e r zum Ausdruck. Laute Zustimmung fand der Redner, als er der Hinschlachtung der armen Pogromopser dem freien Opscrtod der Kämpfer in Palästina gegenüberstcllte und auf die zionistische Lösung der Judenfrage hinwies. Ein Vertreter der. Freien Vereinigung sozialistischer Studenten empfahl den Juden, von allen Orgamsierungsversuchen abzulasseu, da dadurch die Gefahr weiterer Pogrome nur gesteigert würdet. Man solle sich nicht an die Mächte wenden, sondern alles Heil vom kommenden Sozialismus erhoffen. Die Ausführungen des Redners erregten allgenieine Unruhe, in der er sich vergeblich verständlich zu machen suchte. Hierauf ergriff, mit lauten Beifallsstürmen empfangen, Abgeordneter Stricker das Wort zu den folgenden Ausführungen: Wenn mir das Bild dieser Judenschlächtereien vorschwebt, so muß ich denken, was für Menschen das sind, die unsere Brüder morden. Das sind Soldaten und Bauern, Leute, die ihr ganzes Leben lang unter den h ä rtesten Bedingungen gelebt haben. Wer hat sie zu Mördern gemacht? Fünf Jahre sind sie gezwungen worden, Menschen zu morden. Leute, die nie Waffen in der Hand hatten, wurden gewöhnt, mit der Waffe umzugehen, wie mit einem Handwerkzeug. Wir könunen diese Menschen nicht schuldig sprechen, wir können nur gegen diejenigen protestieren, welche die Massen auf diesen Weg gebracht haben. W i r h a b e n v o r a l l e m z u protestieren gegen die verlotterte polnische Gesellschaft. , Wir haben sie im alten Oesterreich kennen gelernt,, sie haben b e irr h mm g t n jhtit-.m'i n> .siv-häbKMchhnr^r.. die E r n i g k e i t ,g e h i n d e r t. weil sie a n der U ne'i n i g k e i t verdienten. Diese, denen im Kriege kein M i t t e l z u s ch l r ch t war, um die sogenannte „Freiheit" zu erkämpfen, das heißt, die Freiheit zur Ausbeutung anderer zu erschwindeln, sie haben die F r ei h e i t n i ch t er, kämpft, sondern erlog eit. Waren die Deutschen im Lande, so gingen sie mit den Deutschen, die Russen, so fühlten sie russisch. Wo sind die polnischen Sozialisten? Wo ist Herr Daszynski? 'Er war es, der den gerechten Zorn der Westmächte von den Polen ablenkte, indem er ihnen sagte, das alles sei gegen die Juden alsAgentenderDeutschen gerichtet. Wo ist der Sozialist Dr. L i e b e r m a n n? Er ist in Paris! Ec gehört zu jenen Juden, aus denen mit die B l u t s ch u l d an den Pogromen lastet! Die Polen wissen genau, warum sie sich durch einen Juden m Paris vertreten lassen. Er ist mit st r i k t e r M i s s i o n nach Paris gegangen, um dre Pogrome „aufzuklären", zu erzählen, daß das b e st e Einvernehmen zwischen Juden und Polen herrsche, daß nur die n a t i o n a l c n Hetzer unter den Juden schuld sind. Wenn wir zu protestieren , haben, muffen wir zuerst .. .■ >* gegen jene Juden protestieren» die eS uns unmöglich machen wollen, den Kawpf für unser Volk durchzukämpscn. Als vor dem Zusammenbruch Doktor Chajcs in einer Audienz beim ehemaligen Kaiser dm Gewährung nationaler Rechte für die Juden Polens als unerläßlich bezeichnet?, meldete sich am nächsten Tage Herr L ö w e n st e i n zur Audienz, um dem Kaiser zu erzählen, daß zwischen Juden und Polen die größte Einigkeit herrsche. Das sind unsere ärgstenFeinde! Hunderttausend Kosaken können uns nicht soviel schaden wie diese E h r vergessenen. Es ist nicht genug, daß wir unsere Stimme erheben. Wir müffen dafür sorgen, daß wir im Völkerbünde unsere eigene Vertretung bekommen, ,daß wir direkt m r t all e n Volke r n sprechen und alle jüdffchcn Unterhändler ausschalten. Wir müssen von der Lmie des geringsten Widerstandes weg. Wir wyllcn' als V o l k gewertet und als Volk respektiert werden. Es muß ein »jüdischer Volkswille geschaffen werden, dann ,st die Möglichkeit gegeben, gegen die Bestialität erfolgreich Stellung zu nehmen. Wir wollen nicht weinen und fruchtlos protestieren.-'sondern uns erinnern, daß wir unsere Pflicht versäumt habe» und daher mitschuldig sind. Es sprach noch ein Vertreter der d e u t s ch freiheitlichen Studentenschaft, der sich der Kundgebung gegen die Pogrome im Nanren seiner Gruppe anschloß und. gegen gewisse Hetzereien in Wien das Eingreifen der Regrernng forderte. Hierauf wurde cm Memorandum an die Machte der Entente zur Verlesung gebracht und einstimmig angenommen. Auch in den anderen Räumen des Konzerthauses wurden gleichzeitig Versammlungen abgehalten, wo verschiedene-Redner das Wort nahmen. Nach Schluß der Kundgebung zogen die Teilnehmer in eincm n a ch T a u s e n d, e n z ä h l e »den Z u g e über die Ringstraße vor die i t a l i e n i s ch e G ef ö » b t s ch a f t. wo eine, von Dr. C h n j e s geführte De-' vutatiott dem General Segrö daS an die Ententemächte gerichtete Memoranduni überreichte. Es wii ■ ■'■ •'({) einige Ansprachen vor dem Künstle il> a v s i;,' ‘ 'v;nuf sich der Zug nach Absiliginig der „H o 'f i l'uii’- > u'{'Ulf-. <—--. *» Die Aeichskonferenz der Arbeiterräte.' Eröffnungsrede Friedrich Adlers. Heute vormittag um 7*11 Uhr eröffnete Doktor Friedrich Adler die zweite Reichskonferenz der Arbeiterräte Deutschösterreichs mit einer längeren Ansprache, in der er zuerst erklärte, daß das Gebiet, d e s S t a a t e s n o ch n i ch t f e st st e h t, fo daß die Arbeiter nicht erkennen, wessen Repräsentanten sie, eigentlich sind. Er entbietet den A r b e i t e r n a l I e u , Länder, die auf dem Boden des Sozialismus und des Klassenkampfes stehen, den Gruß der Konferenz. Die Stimmung der Bourgeoisie, sagt Adler, schwankt zwischen , Panik und Frechheit. In den letzten Tagen ■ geriet sie wieder in Angst, weil die Konferenz sich diesen Saal als Beratungsort gewählt hat.' Redner könne versichern, daß maßgebend für die Be« , schlüsse der Arbeiter nicht der S a a l ist, sondern der Wille und der Verstand, der in ihm wohnt. Dr. Adler begrüßt schließlich die erschienenen zwei Vertreter des Zentralrates der d eutfch en'Arber terräte und teilt mit, daß Salz b u r g, Kärnten und Vorarlberg durch je einen Delegierten vertreten sind. Tirol ist nicht vertreten. - Bei Festsetzung der Tagesordnung kommt es zur, ersten K a m p f a b st i m m u n g. Die K o m m utt ist en verlangen Umstellung der Tagesordnung-in dem Sinne, daß als erster Punkt die allgemeine politische Debatte angesetzt wird. Bei der Abstimnmng zeigt sich, daß die Kommunisten selbst gespalten sind und eine verschwindendeMinorität bilden. Die Konferenz ist nicht stark besucht, auch die Galerien sind nicht voll. Die Galerie-Zugänge sind von Volkswehrmännern bewacht. Unter den Delegierten befinden sich Präsident S e i tz und die Staatssekretäre Dr. B a u e r upd Dr. Ellenbogen. Die Kom- ÄWMerr KMNg int alten Hause die Christlichsozialen - saßen/! Det? Anarchist G r o ß.rn;a n n. hat um Zulassung ange-; sucht, das Gesuch wurde der Mandatsprüfungskom- Mission überwiesen. ___ Der große Tag in Versailles. Wie die Ägenee Havas die Zeremonie des Friedens-' fchtusies. schildert. Versailles, 28. Juni/ Die Agence H a v a s gibt folgenden Bericht über die ‘ Unterzeichnung des Friedensvertrages aus: : Seit 9 Uhr beginnt die Stadt belebt^zu werden. Die Züge / der Straßenbahn sind überfüllt. Düs Schloß wurde, .nicht d e k o r i e r t, die erbeuteten Geschütze wurden vom Hofe entfernt. Die öffentlichen und privaten Gebäude sind beflaggt./ Mittags ziehen mehrere Kavallerie-, und' Jnfanterieregimenter, auf »nd bilden beim Durchgang der Bevollmächtigten Spalier. Hinter * dein Truppenkordon staut sich die Menge/ Um 1 Uhr ist.der ' Ordnungsdienst im Schloßhofe beendet.- Am Hofeingang'steht ein! Infanterieregiment mit Fahne und-Musik. Vor^ dem Schloßeiugang bildet die republckanische>Garde Spalier. Die Bevoll- - mächtigten beginnen einzutreffcn., ' . . --7' , Um 2 Uhr begaben sich die B e,v o l l m acht i.g t e n,' denen dre rrpubükanrsche-Garde beim Verlassen der Wagen '' dien Ehren erweist, zu ihren Plätzen' im Spiegelsaal. An beiden^ .Flügeln des Saales sind Plätze' für dre Journalisten und gelad me Gäste Vorbehalten, getrennt durch einen Kordon 're->. piiblikanischer Gardisten von den Bevollmächtigten. Ministerpräsident Clemenceau kommt um 2-Uhr> 00 Minuten an und unterhält sich mit verwundeten Svldaten.? die zugclassen wurden und in den.Fensternischen stehen. Auf'dem - Platze,-eines, jeden' Bevollmächtigten liegt ein P r o a r a m ma n d e n ken mit folgendem französischen und englischen Text: Friedenskongreß Berjailles 1919, Sitzung am-23. Juni.^ Unter- - «eichnüng, des Friedens zwischen den alliierten und assoziierten ■ Niächten und Deutschland.;• ... Deutsche, mit dein Kriegskreuz geschmückte Journalisten sitzen vermischt unter den alliierten Kollegen. , Um- 3 , Uhr nehmen die Bevollmächtigten Platz. Es ■ herrscht ein dr u cks v o l les S ch w e i ge n. . j “ / Zcremowenchef M a r t i n verläßt den Saal und kehrt stach ' -wenigen - Mmiiten, gefolgt von' den -beiden deutschen Bevoll- Mchtigtstr .M-ü'l l e r und Dr. -B e bl mit. ihren Sekretären, 'MW. Müller und Dr.' Bell sind a u ff ct-H e wd - b l c.t ch, pcrbMcn sich leicht . und setzen .sich-ans, ihre Plätze,- Vor dem MstMk der deutschen Bevollmächtigten hatte die republikanische. sWrdse'M-S''ä.b-M".e'--i n'g e x.ü,g-e'n/ , ' , - -' Clemeffreau -präsidier^ rechts. <vün;ihm'sitzt Wilsvn, liM ' Lloyd-George.' 7 /' ' - - - -- .- '. - , -.Äeineti^auiiergreift das Mort^undffggt-:. Meine Herren! '-W-'KlMg.iM'ei?Myet.,, Ueher7...di^.KchiügMg«^dG,FriedenSir .» tMg.t i^. r um,.- oan . o.eru zu unierzeicynenye L.exr -Mt "Gn Mt deutschen . DUegiertest- , übergebetten ' Eremsilaren '.ÜbereMiimnt. Die'Unterschriften werden' nun'erfolgen. Sie -stellen M Wi-w-ib e r r u fl ich e r'pP'N ch t mn g' dar, alle festgesetzten Bedingungen loh:» l i n i h r e r, G e. st« m tb e il-.z n e.r s ü l l e m Unter -diesen.'Umständen habe: ich. die die'deutschen Bevollmächtigten eilizuladen, ihre lsitÄschrist El, re, «eb::: '.-.'ollen. ■ 'I