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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-28 · Heft 159 (28.6.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 159 (28.6.1919)
Date
1919-06-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Die Männer der neuentstandenen Staaten versichern tqglich dutzendmal, wie wohl sie sich als Befreite fühlen, und die siegende Entente quittiert huldigst und selbstgefällig den Dank, den man ihr, dem Zertrümmerer Oesterreichs und Befreier seiner Nationen, stündlich zollt. Alle tun riesig vergnügt und waten förmlich in Behagen, dabei ist ihnen hundselend und Katzenjmnmerlich zumute. Der Triumph über den Zerfall Oesterreichs ist eine der kurzlebigsten politischen Tageskoüiödien, welche je der Menschheit vorgegaukelt wurden. Der Zerfall ist eingetreten. Aber ist er auch von-allen Seiten so stark gewollt und so heiß ersehnt worden, wie man es uns heute vorredet? Es ist an der Zeit, ein aufrichtiges Wort zu sprechen. - England, Frankreich und Amerika haben nie daran gedacht; Oesterreichs Auflösung als erstrebenswertes Ziel anzusehen, weder vor dem Kriege, noch in seinem Verlaufe. Im Gegenteil. Die führenden Männer der Westmächte haben dieses Reich als notwendigen Bestand Europas feit jeher anerkannt. Sie haben es auch me versucht eine Kombination zu ersinnen, welche Oesterreich entbehrlich machen könnte. Sie wußten, daß eine Zusammenfassung der vielen, hart aneinander und ineinander gedrängten Völker und Volkssplitter M den europäischen . Frieden - sinddas europäische WivtschaftsleW^ünerläßliche. NptweMaW,.ist,Uuftb daß Oesterreich, trotze der' ihm anhaftenden zahlreichen Gebrechen, die einzige Lösung des Problems bedeutet. Sie haben wohl zu Zeiten gegen Oesterreich Stellung genommen, haben ihm Schwierigkeiten bereitet. und die Politik der Habsburger bekämpft, aber nur zum Zwecke der Beeinflussung, vielleicht, wie dies bei Italien und Rumänien der Fall war, um ihm diesen oder jenen Gebietsteil abzunehmen, nie aber zum Zwecke der »Befreiung*seiner Völker, seiner Zertrümmerung. Der Politiker, welcher die heutige „Lösung" ernstkich vorgeschlagen und das, was man heute aus Oesterreich gemacht hat, proponiert hätte, wäre für verrückt und gemeingefährlich erklärt worden, und mit Recht.. Nicht nach einem vorgefaßten. Plan, sondern im Wirrwarr der sich überstürzenden Ereignisse der Endphase des Krieges, im Zustand höchster Verwirrung, im Siegestaumel, plan- und ziellos hat die Entente Oesterreich zerschlagen. Nun stehen die Herren der Welt ratlos vor seinen Trümmern. Von.chauvinistischen, rachegierigen Agitatoren der Sukzessionsstaaten gedrängt und umkläfft, wersen sie bcstd diesem, bald jenem einen Fetzen hin und müssen ruhig mit- «nsehen, wie die „Befreiten und Beschenkten" sich herümbälgen, neue Kriege führen, neues Blutvergießen, ohne daß ein Ende abgesehen werden könnte. . Oesterreich istzertrümmert und damit Europa aus unabsehbare Zeit balkanisiert. Nicht weniger als zehn Kriege, sage und schreibe zehn Kriege, werden derzeit auf österreichisch-ungarischem Territorium geführt und die Entente traut sich nicht, ein ernstes Machtwort zu sprechen. Die großen Sieger wollen die Welt aufteilen, über Kontinente und Meere disponieren, Asien und Afrika regulieren. Möglich, daß es ihnen gelingen wird. Aber daß ihre Macht an den Fragen Preßburg, Teschen, Kaschau, Lemberg, Znaim und Fiume zuschanden geworden ist, daß sie diese Fragen nicht beantworten können, daß diese ungelösten Fragen Europa in einen ewigen Krieg verwickeln. und über die Besteier und die Befreiten gewaltiges Unheil bringen werden, muß jeder» der Augen hat und sehen will, heute bereits erkennen. Das vielgeschmähte, scheinbar so künstlich konstruierte und zerrüttete Oesterreich war eine Äsung. Die Sieger haben keine bessere ersiegt und ersonnen. Nun zu den Befreiten. Die auf dem Boden Oesterreich-Ungarns entstandenen Nationalstaaten sind gebildet welche die Keime des Elends des und Unfriedens in sich tragen. Mißgeburten einer philiströsen Phantasie, die sich unterfängt, das Problem Österreich mit dem Lineal und Zirkel auf der Landkarte, Jahrhunderte alte Zusammenhänge durch Bleististstriche zu lösen. Hinter den funkelnagelneuen Bannern, Wappen unb Fahnen stecken Desorganisation und Despotie, nationale Vergewaltigung, Polizeigeist und Die Streikbewegung der deutschen GisenbÄhner spartakistisch? Berlin, 27. Juni. (Korr.-Bur.) Das „Berliner Tageblatt" schreibtr Der Aufruf des Reichswehrministers Roste, worin den Eisenbahnern die Pflicht zur Arbeit auferlegt wird, hat allem Anscheine nach eine Gegenaktion der Eisenbahner hervorgerufen. Diese haben nach den bisher vorliegenden Nachrichten denKamPfwit der Regierung ausgenommen. Wenn die Einignngsverhandlnngen, die noch fortgesetzt werden, zu keinem Ergebnis führen sollten, so muß man damit rechnen, daß heute abends der ganze Fern- und Vororteverkehr stockt. Das Wolffsche Bureau erfährt von zuständiger Seite: Die gestrigen Verhandlungen zwischen der Regierung und den Eisenbahnern haben nachts ihr Ende gefunden, ohne daß ein Ergebnis erzielt worden wäre. Es wurde lediglich beschlossen, daß heute nachmittags eine aus Die Entente besetzt Danzig und Oberschlesien. u Haag, 27. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Dem Londoner „D a i l y Tele g r a p h" zufolge wird Danzig von englischen und. Oberschlefien von a m e r i k ä N if ch e u Truppen besetzt werden.' Bolschewismus in Oberitalien. Belagerungszustand in Padua. z Basel, 27. Juni. (Tel. der „Wr. Morgen- Zeitung".) Der „Avanti" meldet: Die Regierung verhängte über die Provinz Padua den Belagerungszustand. Die bo lsch ewill i s ch e n Bauernausschreitungen dauern fort. 10.000 Mann Regierungstruppen sind zur Wiederherstellung der Ruhe nach dem Distrikt Padua abgegaugen. In Piaeenza und anderen oberitalienischen Städten gärt es gewaltig. _ Die amerikanische Okkupationsarmee bleibt. Zürich, 27. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Rach hier eingetroffenen Meldungen aus Paris verbleiben gegen 500.000 Amerikaner bis auf weiteres als Besatzungstruppen für die Rh ei «gebiete in Europa. Vertretern der Regierung, der Landesverch sammlung und der Arbeiterorganisationen bestehende Kommission im Abgeordneten« Hause zusawmentreten soll, um die gestellten. Forderungen und die M'ögLichkeiten ihrer Befriedigung im einzelnen d u r chzu beraten. Daß die ganze Angelegenheit des Eisen- Lahneransftandeslediglich einen politischen H i n t e r g r u « d hat, ist durch das k o mmunistifche Flugblatt und durch die: zwischen den Kommunisten in Hamburg und in Berlin geführten telephonischen Gespräche zur Genüge erwiesen. Auch in verschiedenen, anderen Städten hatten die Spartakisten bereits alle Vorbereitungen getroffen, um den» Sturz der Regierung herbeizuführsn. Wenn es so weiter geht, so müßten, um das Defizit bei der Eisenbahn zu decken, von den Steuerzahlern täglich 10 M i l l i o n e n Mark aufgebracht werden. Ruhe Ln Hamburg.! Berlin, 27. Juni. (Korr.-Bur.) Wie bxe Abendblätter aus H amburg melden, wurden die Reichs w e h r L r u p p e n heute um' 2 Ahr nachmittags auf Grund vorher-'^ gegangener V e r h a n d l u n g e U bei1' Zwblferkonimission der Betriebsräte und des. Führers der Truppen aus dem Hamburger Gebiet in ihre Ausgangs st ellullg in, Wandsbeck zurückgezogen. Die Z w Slfer- Kommission hat Sen Truppenführer davon überzeugt, daß A n r u h e n in Hamburg n i ch t b e st an d c h und daß die organisierte Arbeiterschaft nicht die Absicht habe, bewaffneten Widerstand zu leisten. Die Entente weist die türkischen Forderungen zurück. -Paris, 26.Juni. (Tel.-Komp.) In der Antwort auf die Rot e, die die türkische Delegation der Friedenskonferenz überreicht hat, weisen die Alliierten die darin angebotenen Entschädigungen zu rück. Sie lehnen die Plaidohers für die A « fj re chter Haltung der Le.rritori älc n A n p e r l e tz l i ch k e i t des türkischen Reiches a b und erklären, daß die Türken den Siegern die schwere Pflicht auferlegen, der, A nLerdrÜckung der verschiedenen V ö l-. kerschaften in der Türkei ein Ende z n machen. Militarismus schlimmster Sorte. Die Menschen in diesen „Nationalstaaten", welche nichts weniger als reine Nationalstaaten sind, leben unfrei« als je. Die Faust, der im Umsturz von kleinen unbedeutenden Agitatoren zu Diktatoren gewordenen Staatenlenker ruht schwer aus ihrem Nacken und auf ihren Schultern lastet eine Soldateska, die in ihrer Neuheit hundertmal frecher, brutaler, widerwärtiger, geld- und blutsaugerischer ist, als die alle. Wo der freie Bürger dieser freien Republik sich hinwendet, stößt er auf Polizeipfähle und Drahtverhaue, Zensoren, Steuereinnehmer, Polizeispitzel, und Rekrutenfänger wüten in den Sukzessionsländern und werden nie von dort verschwinden, denn die in den Zwergstaaten krasser hervortretenden wirtschasttichen und nationalen Gegensätze, die ewige Gefahr von Konflikten mit den bestohlenen Nachbarstaaten ermöglicht den herrschenden Klassen und Nationen keine andere Existenz als eine auf Willkür und Raub gegründete. Eine Despotie wird die andere ablösen und dieser greuliche Wechsel wird die betroffenen Völker verelenden und Europa nie zur Ruhe kommen lassen. Die einzig mögliche Lösung besteht in der Vereinigung der Völker Oesterreich-Ungarns zu einem Staatenbunde, der allen volle Freiheit und nationale Selbstbestimmung sichert, ein harmonisches wirtschaftliches und politisches Zusammenarbeiten unter voller Ausnützung der in Jahrhunderten geschaffenen Be- ' Ziehungen ermöglicht. Nicht zurück zum allen Oester- reich-Ungarn! Der Krieg hat'die Träger und Diener' der Hausmachtpolitik, die zentralistische deutsche Bureäukratie, die magyarischen Gewalthaber, die polnischen,' adeligen Intriganten, kurz alle jene, welche dieses alle Oesterreichs so unglücklich gemacht, seine PölKer geknechtet und ausgesaugt und schließlich dem preußi-' schen Militarismus verkauft und in den Krieg getrieben haben, der Krieg hat sie weggesegt. Sie dürfen- und. werden nicht wiederkommen. Aber die Völker.- von Italienern und Polen abgesehen, welche trotz aller chauvinistischen Phrasen nun einmal in diesem Oesterreich-Ungarn miteinander groß geworden und auseinander angewiesen sind, sollen sich wiedersinden, sonst wird die, Welt nicht zur Nuhe kommen. Es ist gewiß ein starkes Stück, die Sieger und Befreiten heute zu dieser Erkenntnis, bringen zu.wollen.. Im Rausch des Sieges und.derneuen Macht werden sie geneigt sein, den^Plan einer» Verejuigung der Völker - des. ehemaligen Oesterreich- Ungarn zu einem Bundesstaate mit Hohn und unter. Beschimpfungen und Verdächtigungen zurückzuweisen.' Aber schlicssiich sind Tatsachen iminer gervichtiger als - Stim?N:'.ng-.l und die Wahrheit setzt sich dur-'i).

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