Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 151 (20.6.1919)
- Date
- 1919-06-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Das Urteil der Reichsregierung hat sich seit der Ergänzung der Mantelnote durch das inzwischen eingetroffene Memorandum nicht geändert. Sie steht auch ihm gegenüber auf dem Standpunkte, daß die Bedingungen unerfüllbar und n nerträglich seien. Die endgültigeStellungnahme wird heute nach Besprechung der einzelnen Reichsminister mit ihren Fraktionen und den einzelstaatlichen Ministern erfolgen. Berlin, 19. Juni. (Korr.-Bur.) Die „B. Z. am Mittag" meldet ans Weimar: Die Sitzung des Kabinetts, die am Mittwoch früh, 10 Uhr, begonnen hatte und an der die Delegation vollzählig teilnahm, erreichte erst in den ersten Morgenstunden des Donnerstag ihr Ende. Um halb 4 Uhr morgens schloß die allgemeine Aussprache. Das deutsche Kabinett gegen» die Nationalversammlung sür die Unterzeichnung. Berlin, 19. Jmr. (Korr.-Bur.) Die „Freiheit" berichtet aus Weimar: Dem Vernehmen «ach ist im Kabinett nach der bisherigen Stimmung eine kleine Mehrheit gegen die Anterzeichnung. Bei der Nationalversammlung scheint fich eine kleine Mehrheit für die Unterzeichnung zu bilden. ’■ i Womit Deutschland rechnet. New-Iork, 19°. Jum. (Funkspruch des Tel.-Korr. Mur.) Nach den letzten hier eingelangten Berichten amerikanischer KorrespondeniLir scheint sich die Absicht der Deutschen, den Vertrag nicht zu unterzeichnen, zu verstärken, da sie die von Rantzau überbrachten Konzessionen nicht für genügend erachten. Diese Haltung werde dem herannahenden Herbst und der damit zusammenhängenden Erleichterung in der Lebensmittclversorgung zugeschrieben. Der deutsche Ernährungsminister Schmidt habe erklärt,, das; Deutschland im Falle des Aufhörens der Zufuhren von ausländischen Lebensmitteln keinen großen Schwierigkeiten in der. Versorgung entgegensehe. Die Deutschen scheinen auch im Falle der Nichtunterzeichnung mit ernsten Folgen unter den - Arbeiterelementen der Miierten Lander zu rechnen, in denen nach 'ihrer Meinung mit der beginnenden Vorrückung der alliierten Truppen über den Rhein eine Anarchie ausbrechen kö nnte. Sie hielten die 600.000 Mann der Alliierten am Rhein für nicht genügend, um einen großen Teil Deutschlands zu besetzen. Deutsche Intransigente erklären in zahlreichen'Zeiwngsartkkeld, daß. die alliiLrM.Trnppen iw. Falle eines Angriffes auf d e rar t i g e Schwierigkeiten stoßen würden, daß die Entente gezwungen wäre, ■ , Wieder irr Verhandlungen emzutreten, bei.denen Deutschland bessere Bedingungen erzielen würde. Trotz dieser Behauptung, so heißt es in den amerikanischen Meldungen, sind wohlinformierte alliierte Kreise nach wie vor der Meinung, daß die Deutschen unterzeichnen werden, wobei/ sie sich auf die Beobachtungen maßgebender Persönlichkeiten stützen, die die Arbeitersitnation in Frankreich für beruhigender zu halten beginnen und vollkommenes, Vertrauen zu haben scheinen, daß trotz der gegenwärtig noch andauernden Ausstände das französische Volk sich wie immer erheben würde, um die Armeen am Rhein im Falle der Notwendigkeit einer Vorrückung zu unterstützen. Frankreich werde zweifellos den noch erübrigenden Teil seiner Aufgabe erfüllen. '; , Die ersten Wahlen der tschecho< slowakischen Republik, j w 233 i e n, 19. Jum. tUnter düster umwalltem Himmel haben am; Sonntag die ersten Wahlen in der tschecho-slowakischeni Republik stattgefunüen. Der junge Staat hat gerades seine erste Krise durchzumachen. Nach den Tagen der< Begeisterung und des nationalen Hochgefühls haben: sich die Schwierigkeiten immer deutlicher fühlbar gemacht, mit welchen der tschechische Staat zu kämpfen'' hat. Die plötzliche Ausdehnung über ein noch' vor' einigen Jahren ganz phantastisch erscheinendes Gebiet, die Einverleibung zahlreicher fremder Nativ-\ nalitäten, der Mangel einer eigenen Verwaltung^-' tradition und die Zerfahrenheit der Parteien, welche: insbesondere den wirtschaftlichen und sozialen Problemen" in ihrer Mehrheit ziemlich hilflos gegenüberstehen, haben, bewirkt, daß die Stimmung des Volkes allmählich etwas!! abgekühlt wurde, und durch die militärische Nieder-; läge in der Slowakei wurde die Situation vollends!; verschärft. Bis heute ist nicht aufgeklärt, was in der!' Slowakei eigentlich vorgeht. Daß die ungarische! Rote Armee einen sehr erfolgreichen Vorstoß gemacht! hat, ist sicher. Darüber hinaus aber war immer schow die Rede davon, daß die Slowaken 'selbst mit dem! tschechischen Regime nicht allzusehr zufrieden sind und; daß es den tschechischer Organen, welche in das neue,! Gebiet entsendet wurden, auch nicht gelungen sei', die! Stimmung günstiger zu gestalten. Die Ungarn haben! Vollendes die stärkste Waffe in der Hand, da sie nicht! ' nur mit Bajonetten kämpfen, sondern auch den Gegner; durch eine Idee zu infizieren trachten: Hier , steht: nicht Volk gegen Volk, wie man aus früheren'Kriegen'! gewohnt war, ’ wo die Kraftverhältnisse., Ziemlich unverrücküar! feststehend sondern die Mrgarn Dämpfen! als,!' ,-Proletarier" und trachten daher, auch aus dem feind-, lichen Heer die Proletarier zum gemeinsamen Kampf,' nicht etwa gegen eine 'bestimmte Nation, sondern' gegen-, den „Kapitalismus" zu gewinnen. Gestern wurde bpinf Ungarischen Korrespondenzbiweau gemeldet, daß in der ' Slowakei die Räterepublik ausgerusen worden sei.' Man^ wird diese Nachricht wohl rnit großer Vorsicht aufnehmerr" müssen, immerhin beweist sie, daß die Verhältnisse!' zumindest sehr verwickelt sind. Die Republik ist. im': Kriege r^rd man erlebt wieder die Straßenbilder Mit', den, ausziehenden Marschkompanien und den zurück- ' flutenden Verwundetenkolonnen nebst den dazugehörigen" Stimmungen. Zu diesen Schwierigkeiten der äußeren Lage ige-!' sollen sich aber auch Schwierigkeiten innerer Nätur<!' Die Siegerpose, in der sich die leitenden Organe'dech!'. Volkes gefallen, hilft nicht über die Tatsache hintyeg^" daß auch die Tschecho-Slowakei durch den Krieg,' hart'.' mitgenommen ist und daß die wirtschaftlichen Verhält-' Nisse katastrophal zerrüttet sind. Der kühne Versuchs des Finanzministers Raschm, durch einen energischen ‘ Rücktritt des Kabinetts > Die Versorgung Deutsch- Scheidemanw? 1 österreichs. Z Bert i n, 19. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Das Kabinett Scheidemann wird wahrscheinlich znriicktreten und ein Kabinett, das den Friedensvertrag unterzeichnen soll, wird die Geschäfte übernehmen. Als Ministerpräsidenten find Haase und Erzberger designiert. Protest gegen die Regierung Kottschaks. N e w - B v r k, 19. Juni. (Funkspr. des Korr.- Bur.) „New BorkHerald" meldet, daß alle kleineren Nationen des ehemaligen Rußland einen vereinigten Protest gegen die Anerkennung der Regierung Kottschaks durch die Entente embringen werden. Die Docks von Gent in Flammen. Amsterdam, 19. Juni. (Hcwas.) Die Docks und Magazine in Gent brennenund bilden ein einziges Flammenmeer. Der Schaden ist sehr bedeutend. Saint-Germain, 19. Juni. (Korr.-Bur.) Der Oberste Wirtschastsrat hat in seiner letzten Sitzung am Dienstag die neuen Maßregeln beraten, die zu ergreifen sind, um die Versorgung Oe st erreichs bis zur neuen Ernte weiterhin zu finanzieren. Der Rat hat einen Vorschlag dev Blockadesektion gutgeheißen, der sich auf die Errichtung einer Kontrolle des Imports und des Exports' von Gold und Wertpapieren von und nach Oesterreich bezieht. Fortdauer der tschechischungarischen Kümpfe. B u d a p e st, 19. Juni. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Das Armeeoberkommando veröffentlicht am 19. Juni folgenden Heeresbericht: Die tschechische Heeresleitung zwingt trotz des entschiedenen Befehles der Entente ihre Truppen noch immer zum Angriff. Zur Paralhsierung dieser Angriffe sind unsere Truppen gezwungen, mit Verteidigungskämpfen zu antworten. Die Verteidiaunstskämpfe waren überall von Erfolg begleitet. An den ü('eigen Fronten nichts Neues. Eingriff die wirtschaftliche Lage wenigstens zu bessern, wenn schon nicht völlig zu heilen, ist mißlungen und! hat nicht zur Förderung der Beliebtheit der Finanz- Verwaltung beigetragen. Die letzten Vorgänge in Prag', die Plüirderungen der großen Warenlager und die Selbsthilfe des Volkes gegen den Wucher haben gezeigt, daß die Stimmung des Volkes aufs äußerste gereizt' ist. Unter diesem Eindruck standen auch die Gemeinde-, Wahlen. Im Gegensatz zu Deutschösterreich hat' die' tschecho-slowakische Republik bisher keine konstituierende Nationalversammlung gewählt; die als gesetzgebende. Körperschaft fungierende Versammlung ist ein Rumpfparlament, in welchem insbesondere die MinderHeitSnationen des Reiches nicht vertreten sind, und die'auch!' sonst kein klares Bild über die politische Gesinnung des Volkes gibt, da sie aus Ernennungen hervorgegangen ist. Die Gemeindewahlen waren die erste politische > Willensäußerung, die einige Schlüsse auf die Partei- : gruppierung znläßt. Naturgemäß sind Gemeindewahlen! ihrem Wesen nach nicht geeignet, ein definitives Urteil I zuzulassen, weil die Wahlkreise doch zu eng gezogen sind und Interessen lokaler Natur stärker nlitspielen als bei den Wahlen zur Reichsversammlung. Immerhin sind einige wichtige Resultate festzustellen. In der Hauptstadt Prag ist die Majorität' dem sozialistischen Block zugefallen, der sich aus der national.,! sozialen Fraktion, den Sozialdemokraten und dem einen Vertreter der Poale-Zion zuscimmensetzt. Das liberale' Bürgertum ist' in Prag nicht so vernichtend geschlagen worden wie in Wien; die Natioualdemokrateu, das' sind die Nachfolger der Junglschecveu, konnten immerhin , 29 Mandate erobern.. In den Städten und Dörfern, der.