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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-16 · Heft 147 (16.6.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 147 (16.6.1919)
Date
1919-06-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Die kommunistischen Versammlungsteilnehmer kamen bezirksweise unter Vorantragung von roten Fahnen und Tafeln mit Aufschriften wie „Brot und Freiheit", „Es lebe die Weltrevolution", „Jetzt heranmarschiert". Auf dem Rathausplatz hatten sich ungefähr 7000 Personen angesammelt, die jedoch nicht aus lauter kommunistischen Parteigängern, sondern auch aus Neugierigen bestanden, welch letztere gut die Hälfte der Teilnehmer ausmachten. Sozialdemokratische Vertrauensmänner, die auf der Ringstraße gleichfalls Flugzettel mit den gestrigen Beschlüssen des Arbeiterrates verteilten, um auf die Versammlungsteilnehmer beruhigend einzuwirken, wurden von den Kommunisten verhöhnt. 15v Kommunisten verhaftet! Kurz nach zehn Uhr erösfnete ein Kommunist die Versammlung und teilte mit, daß die Polizei gestern abends im Vereinslokal in ^er Pulverturmgasse,wo eineSitzung der Parteileitung und der Bezirks Vertrauens männer statt fand, nicht nur das gesamte Direktorium, sondern auch alle anwesenden Vertrauensleute, ingesamt 150 Personen verhaftete. (Stürmische Pfuirufe.) Man will damit, meinte Redner, unsere Tätigkeit einschränken. Man verhaftet unsere Führer, damit wir führerlos sind und man mit uns machen kann, was mas man will. Aber wir werden nicht eher ruhen, bis nicht unsere Führer wieder freigelafsen sind. (Zustimmung.) Harret aus und geht nicht wetz von hier, bis man die verhafteten Genossen heransgibt. (Zustimmung.) Ein bayrischer Kommunist erklärte, daß die Verhaftung der Führer der kommunistischen Partei dieselbe Schurkerei sei wie sie Noske und Scheidemann in Deutschland vollführen. Das deutschösterreichische Proletariat aber solle sich dies nicht gefallen lassen und auf die Freigebung der Verhafteten dringen. (Zustimmung und die Muse: Wir gehen zum Landesgericht, die Verhafteten müssen wieder heraus.) Ein nieÄergeschrienee Warner. - Ein Redner, der die Versammelten mahnte, sich nicht zu Gewaltakten Hinreißen zu lassen und puhig zu demonstrieren, wurde von den Versammelten niedergeschrien und mußte seine Ausführungen abbrechen. Ein weiterer Redner erklärte, daß die Verhaftung aller kommunistischen Parteiführer eine Vergewaltigung des ganzen Proletariats darstelle. Die Kommunisten hätten nichts im Schilde geführt, was zu einer solchen Verhaftung Anlaß geben könnte. Es wurde vielmehr in der gestrigen Sitzung der Parteileitung betont, daß keine gewalttätige Aktion unternommen werden soll, wenn nicht eine Provokation seitens der Polizei und der Weißen Garde erfolge. Redner ersuchte die Anwesenden ,sich zu einem Zuge zu formieren und zum Landesgericht zu marschieren. Vor dem Landesgericht. Damit war die Versammlung vor dem Rathause zu Ende und gleich darauf erschollen Rufe: Auf zum Landesgericht! Sodann zog die Menge zur Lastenstraße zum Landesgericht. Bei dem auf der Lastenstraße befindlichen Tore sammelten sich die Demonstranten an und wurde eine Abordnung in das Landesgerichisgebäude geschickt, um dort die Freilassung der verhafteten Kommumstenführer zu verlangen. Die Beamten erklärten der Abordnung, daß sich die Verhafteten nicht im Landesgerichte, sondern im Polizeigesangenhause auf der Elisabeth- Promenade befinden. Die Abordnung begab sich deshalb aus den Balkon und teilte dies den Demonstranten mit.! Nun wollte die Menge zum Polizeigefangenhaus!ouf der Elisabethpromenade und drängte in die Hörl- Lasse ab. < Das Blutbad in der Hörlgaffe. Während der Ansturm der Demonstranten, die mit Gewalt die Kordons durchbrechen wollten, bei der Kolingasse, wo nur ein kleinerer Trupp war, an dem Widerstand des Polizeikordons scheiterte, gelang es ihnen, -in der Hörlgaffe bis zur Wasagasse vorzndrmgen. Auf gestrigere KommrrnistendemoKstration. dieser Straßenkreuzung, wo sich das Maximilian-Gymnasium und das Chemische Laboratorium befinden, kam es hierauf zu blutigen Kämpfen der Demonstranten mit der Polizei und der Stadtschutzwache. Es war kurz nach 7*12 Uhr, als die Demonstranten unter fortwährenden Pfuirufen dort Vordringen und den Kordon durchbrechen wollten. Die Polizei und Stadtschutzwache bewahrte jedoch die größte Ruhe und erwiderte nicht auf die Provokationen. Plötzlich ertönte ein Schuß und schon fiel ein berittener Wachmann vom Pferde. Dieser Schuß, der. wie mehrere Augenzeugen feststellten, von einem jungen Burschen von etwa 16 Jahren abgegeben wurde, war das Signal für die Demonstranten zum Angriff. Diese wollten nunmehr den Kordon der Wache neuerdings durchbrechen. Die Wache leistete jedoch Widerstand, es erfolgte neuerdings ein Durchbruchsversuch seitens der Demonstranten, doch plötzlich krachte eine Salve, welche die dort postierte Wache abgegeben hatte. Man sah etwa 16 Personen fallen, während die anderen in wilder Flucht davonjagten. Gegenseitige Beschießung. Seitens der Menge wurden jedoch aus Revolvern neuerdings Schüsse abgegeben, es wurde noch ein zweiter berittener Wachmann verwundet. Es folgten noch zwei Salven und abermals gab es Verwundete und Tote, die die Straße bedeckten. Die Menge lief nun in wilder Jagd die Hörlgaffe hinauf. Einige drangen, die Fenstertafeln zerbrechend, in das Möbellager der Firma Hikisch hinein, wobei die dort vorhandenen Möbel und Einrichtungsgegenstände Beschädigungen erlitten. Andere - flüchteten wieder in die Haustore. Wieder andere flüchteten in den Garten des Chemischen Institutes, wo es dann gleichfalls Verwundete gab. Die Polizei räumt die Straßen. Die Polizei trachtete nunmehr mit allen Mitteln, die Straßen zu räumen. Auf der Währingerstraße zwischen den Häusern kam es zu einem neuerlichen Zusammenstoß zwischen den Demonstranten und berittener Wachmannschaft, wobei mehrere Demonstranten durch Säbelhiebe verletzt wurden. Zu einem neuerlichen Zusammenstoß kam es zwischen den Demonstranten und der Polizei in der Kolingasse. Auch dort gab es mehrere Schwer- und Leichtverletzte. Die Ringstraße war ganz abgesperrt, der Straßenbahnverkehr wurde eingestellt und kein Mensch durfte gegen den Schottenring hinuntergehen. Zwar versuchten auch hier die Demonstranten den Kordon zu durchbrechen, aber sie ließen bald von ihrem Vorhaben ab, da hier viel Wache zu Fuß und zu Pferde aufgestellt war. Ausmarsch der Volkswehr. ° Mittlerweile setzte die Polizei in der Kolin- und der Hörlgaffe sowie in der Währingerstraße ihre Säuberungsarbeiten fort. Die Haustore wurden alle geschlossen und die Demonstranten strömten hierauf in den Botivpark, um dort Deckung zu suchen. Um 12 Uhr marschierte eine Abteilung der Volkswehr, mit Stahlhelmen versehen, die von ihrem Bewachungsdienste abgelöst wurde, in die Roßauerkaserne. Die Demonstranten waren nunmehr der Meinung, daß diese Volkswehrleute die Polizei ablösen und es trat bei ihnen Beruhigung ein. Die Polizei und die Stadlschutzwache zog sich etwas zurück. Auf den Bürgersteigen der Hörl- und der Wasagasse waren große Blutlachen, die von den Verwundeten und Toten herrührten. Verwundete und Tote in den Hausfluren. Die einzelnen Häuser waren förmlich in Lazarette umgewandelt, wo sich die Hausbewohner bemühten, den Verwundeten erste Hilfe zu leisten. So lagen im Hause Hörlgaffe 3 unter dem Haustore und auf den Gängen, wo man schnell Lager errichtete, zwei Tote und fünf Schwerverwundete. Einer hatte einen Bauchschuß und hingen demselben die Gedärme heraus, während einem anderen Toten die Schädeldecke durch einen Schuß zertrümmert war. Unter den Verwundeten befand sich auch ein 14jähriger Junge namens Marischka, der einen Schuß in den Unterschenkel bekommen hatte. Im Hause Hörlgaffe 5 lagen vier Schwerverwundete, während das Haus Hörlgaffe 10 fünf Tote barg. In das HauS Türkenstraße wurden zwei Schwerverletzte gebracht,! die aber, ehe noch ärztliche Hilfe herbeigeholt werde»' konnte, verschieden. In das Haus Kolingasse wurde ei» berittener Revierinspeltor gebracht, der von einem ©emon«; stranten einen Bauchschuß erlitten fjoiK Der rasch herbei-; geholte Arzt zog sofort das Projekt aus der Wunde,! ordnete jedoch gleich eine Operation an. Ein anderer berittener Wachmann, der gleichfalls verwundet und dort geborgen wurde, hatte minderschwere Schußverletzungen< Nach zwölf Uhr fuhren mehrere Ambulanzen der Rettungs<' gesellschaft vor. > Freilassung der Frau Dr, Friedlande« und Toma.'^s. j Einem Trupp der Demonstranten war der Durch«! bruch durch die Sperrkette bei der Hörlgaffe gelungen. Sie zogen zur Elisabethpromenade und entsendeten eine Abordnung in das Polizeigefangenhaus. Wenige Minuten darnach hieß es, daß die Frei« lassung der verhafteten Kommunistenführer erfolgt sei. Als! diese, unter ihnen Frau Dr. Friedländer und! To mann, auf der Straße erschienen, wurden sie vom ihren Parteigenossen mit lauten Hochrufen stürmisch be-? grüßt. Man hob sie auf die Schultern; sie sprachen einige Worte und auch aus einem Fenster der gegenüber«! liegenden Kaserne richtete ein Volkswehrmann eine Ansprache an die Menge. Es wurde nun die Partie ausgegeben, daß man! zum Rathaus ziehen solle, da dort die entlassenen Führer! zu sprechen gedächten. Wieder setzte sich ein Zug znnk Rathause in Bewegung. ' Nach dem Kampf. Gegen % 1 Uhr marschierten einige Kommunistenmit roten Fahnen durch die Hörlgaffe zum Rathauseund! forderten die gruppenweise stehenden Demonstranten auf,? mitzugehen. Vor dem Rathäuse fand hierauf eine Bgr-j sammlung statt, in der ein Redner mitteilte, düst.eine! lOgliedrige Abordnung beim Polizei-! Präsidenten Schober war und die Freilassung der gefangenen Kommunistenführer verlangte. Der Polizei- Präsident habe auch die Zusage gemacht, daß die Vei>i hafteten um ^2 Uhr auf freien Fuß gesetzt werden. Fernes wurde mitgeteilt, daß die Stadtfchutzwache von der Volks-1 wehr abgelöst werde. Eizl bei der Demonstrator verwundeter Kommunist forderte die Anwesenden auf, sich zu keinen Ausschreitungen! Hinreißen zu lassen, und machte die Mitteilung, daß die! Ursache des Zusammenstoßes das unverantwortliche Bor-? gehen eines jungen Burschen war, der einen Schuß aus! einem Revolver abfenerte. Man müsse daher diese junger^ Elemente entfernen, denn dkse diskreditieren die ganzem kommunistische Bewegung. ] Ein kommunistischer Sskdat erklärte, daß auch er> einen Schuß im Rücken erhalten habe. Glücklicherweise! fct er nicht schwer verletzt, denn der Schuß habe seine- Wirkung durch einen Revolver, den er in der Tasche? bei sich trug und durch dessen Schaft er durchgegangenj ist, verloren. Redner erklärte, mit dem heutigen Tage ist? auch die Volkswehr gerichtet. Sie habe sich in das Lager! der Koalitionsregierung bMben und macht mit den Sozialpatrioten und Kapitalisten gemeinsame Sache '(Pfuirufe). Nur wenige Volkswehrleute haben sich nicht! in die Kasernen einsperren lassen und find mit uns gegangen. Wir haben he»te auf die Hilfe der Volkswehr gerechnet und jetzt müssen wir die Schande erleben, daß sie die Sachs des Proletariats verrät.^ Die Opfer. * /<$ Die Freiwillige Rettungsgesellschaft hat während der blutigen Ereignisse sechs Hilfsplätze errichtet, und zwar in der Burg (SchweizerhoA. in der Wachstube LichtenMgaffe, beim Stadtkommissariat in der Hörlgaffe, in der Kolingasse (Cafe RuthMyr) und bei der Austria- Apotheke in der Währingerstraße. Chefarzt Dr. Lamb erg leitete die Hilfeleistung. Mit ihm hatten die Jnspektionsärzte Chefarztstellvertreter Dr. Hein, Dr. Foerster? und Dr. Fuchs alle Hände voll zu tun, um allen Ver«i letzten Hilfe zu leisten. Behandelt hat die Rettungsgesellschaft acht Tote, von denen nur zwei auf der Stelle agnosziert werden konnte», während die sechs übrigen, die durchwegs Schußvekletzungen zum Opfer sielen, nicht agnosziert sind. Erkannt wurden bloß der Kriegskranke Hans Weiching er, der im Kriegsspital IV in Pflege war und einen Kopfschuß hat — sein Bruder ist unter den Schwerverletzte» — dann der in Floridsdorf, Leopoldauerstraße 22 wohnhafte Wenzel Freiberg, der gleichfalls einem Kopfschuß znm Opfer gefallen ist.?

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