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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-04 · Heft 136 (4.6.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 136 (4.6.1919)
Date
1919-06-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Und sie tun dies in der Weise, daß sie die Völker in Sieger und.Besiegle teilen, deren Verhältnis zueinander sich nach dem Recht des Stärkeren regelt, der seinem Willen jederzeit mit Gewalt Geltung verschaffen kann und die Arbeit des Ueberwundenen als Tribut zu genießen sich anschickt. Auf solchem Plan kann kein Glück ruhen; Pas Unrecht, das in ihm liegt, sprengt ihn schließlich und führt zu neuem Unglück, zu neuem Krieg. Die vier Weltenrichter, die sich da zusammengetan haben, wollen — vielleicht — den Frieden; aber sie erzeugen sein Gegenteil. Lähmend legt sich das Ahnen Kommenden Unheils über die Menschheit, die in ihrer Sehnsucht, die Welt durch die Rückkehr zur Arbeit des Friedens neu zu formen, sich enttäuscht sieht. Denn das Werk, an dem in Paris gearbeitet wird, baut sich nicht auf Recht auf; es ist aus der Verletzung der Grundprinzipien menschlicher Gemeinsamkeit heroorgegangen, aus der Mißachtung des Lebens, der Freihech des Eigentums, deren Heiligkeit vor Tausenden von Jahren dem jüdischen Volke zum Bewußtsein kam. , , Wir feiern heute das Fest der Offenbarung; die Erinnenmg an den Tag, an dem auf dem Horeb unter Donner und Blitz die erste Verfassung der Kulturmenschheit verkündet worden ist. Das Zweitafelbesetz mit den zehn Geboten ist die Grundlage des gesamten öffentlichen und privaten Rechtes, es ist Verfassungsrecht, Strafrecht, Ehe- und Familienrecht. Zum erstenmal wurde das Wort /von her Heiligkeit des Menschenlebens ausgesprochen: „Du sollst nicht töten!" Wie weit, wie weltenfern steht.uns doch heute, mach, mehrtausendjähriger- Entwicklung, die aufrichtige und restlose Erfüllung dieses höchsten Gebotes! Dieses heiligste Wort, die Grundlage jeder Kulturgemeinschast, ist von allen Völkern ausgenommen worden, ab er keines ist sd oft verletzt worden wie dieses, und mit schmerzlichem Gefühl gedenken wir dieser Verkündigung gerade heute, wo nach fast fünfjährigem Morden die Tore zum friedensgarten sich wieder öffnen sollen, aber im intergrund neue Schlachtfelder erblicken lasten. Wir und mit uns die ganze Menschheit hatten erwarteh in diesem Jahr eine neue Offenbarung feiern zu können, in welcher der Bund der Völker sich seine neuen Satzungen geben sollte, durch die das Reich des ewigen Friedens hätte begründet werden sollen und durch die wieder das Wort von der Heiligkett des Menschenlebens in die Seelen der einzelnen und in das Bewußtsein der Völker selbst hätte geschmiedet werden sollen. Statt dessen sehen wir, wie in Versailles und in Saint-Germain sich neue Katastrophen 'vorbereiten» denen die Menschheit, soweit sie sich von Haß freigemacht hat und soweit sie gemeinsame Kulturziele anerkennt, nur in tiefster Trauer entgegensieht. Die Befolgung der zehn Gebote hatte ein auserlesenes, ein ausgewähltes Volk zur Voraussetzung. Wie viel verlacht ist doch dieses „Auserlesen" worden! Aber diese Auserlesenheit bedeutete nichts anderes als das Streben zur höchsten Menschlichkeit, deren Grundbestimmungen in der kristallreinen Sprache des Zweitafelgesetzes medergelegt sind, wenn sie das Familienleben, das private Eigentum, den sozialen Ruhetag als heilig erklären. Und wenn man die anderen Bestimmungen liest, die in Ergänzung jener zehn Gehöre mahnen: „Du sollst das Recht des Armen nicht beugen! Du sollst nicht Geschenke nehmen, denn Geschenke machen die Sehenden blind und verkehren die Sachen der Gerechten! Die Fremden sollt Ihr nicht unterdrücken!", dann mischt sich in die Freude auf solchen Besitz die quälende Erkenntnis, daß diese Worte aus so ferner Zeit ihre Aktualität nicht eingebüßt haben. Noch immer wird das Recht des Armen gebeugt, noch triumphiert Bestechung, noch immer wird der Fremde unterdrückt. Mit Stolz können wir heute unser Verfassungsgesetz feiern. Tausende von Jahren sind verstrichen, seit Moses von der Höhe des Berges Sinai seinem eben erst der ägyptischen Sklaverei entronnenen Volk das Gesetz gab; aber der Geist, der aus diesem Gesetz spricht, lebt in uns fort und überdauert Völker und Zeiten. Ewig ist dieser Geist des Rechtes, der Freiheit, des Gewissens, so ewig wie das Volk, das sich zu ihm bekannte in einer Zeit, in der die Welt Katastrophale Lage in Kärnten. Völkermarkt, Rosenbach, Grafenstein unter vernichtendem Artilleriefeuer. — Rückzug der Kärntner Truppen^ — Noch keine Verhandlungen. Klagerrfnrt, 3. Juni. (Korr.-Bur.) Amtlich wird verlantbart r Lagebericht vom 2. Juni, 8. Ahr abends r Der an Kräften überlegene Feind hat unsere im Lavanttals kämpfenden Truppen weiter nach Norden und Westen znrückgedrängt. Die Stadt VSlkermarkt und die umliegenden Ortschaften liegen unter starkem feindlichen ArtilleriezerstSrungsfeuer, das unter der Zivilbevölkerung Opfer fordert. Auch unsere Flußficherungen im Abschnitte Grafenstein stehen unter starkem feindlichen Artilleriefeuer. An de« übrigen Frontabschnitte« Verhältnis» mäßige Ruhe. Lagebericht vom 3. Inni, 5 Ahr früh r Am Laufe des gestrigen Nachmittagergab sich! ans den vormittägigen Kämpfen im unteren Lavanttale und östlich Völker» markt eine Situation, welche weiteren eigenen Widerstand in diesen Räume« nicht ermöglichte. Weiter westwärts wird die Draulinie gehalten. Der Abschnitt Rofenbach steht unter feindlichem Artilleriefeuer. Die Kärtner Waffenstillstandskommiffion ist am 2. d. M. um 1 Ahr früh in Krainbnrgj eingetroffen. Die Verhandlungen haben am 2. d. M. noch nicht begonnen. 500.000 Streikende in Paris. Der Streik greift auf die Provinz über. Versailles, 3. Juni. (Korr.-Bur.) Die Ausstände in P a r i s dauern fort. Die Zahl der Ausständigen wird von den Blattern sehr verschieden angegeben. Während die nationalistischen Blätter die Zahl auf 100.000 bis Blätter, es handle sich « m m r n d e st e n s 400.000 bis 500,000 Streikende. In zahlreichen Blatkern wird die Befürchtung ausgesprochen, daß die Antergvu«db ahnen heute nicht mehr verkehren werden. Dem „Matin" zufolge herrschte gestern in den Wandelgängeu der Kammer große Erregung und Besorgnis über die Ausstand«/ und die innere Lage. Wie das Blatt berichtet^ nimmt die Bewegung au ch i n d eejp roviu» zu. Zn Nordsrankreich liegen sämtlich^ Bergwerke still, Zn Bordeaux feb 20.000 Arbeiter, darunter sämtliche Mett arbeiter. Zm ganzen Gebiet von Grenobk Jsere und Savoyen habe« sämtlich^ Metallarbeiter sowie die Gewerkschaften dep Bauarbeiter, Schuhmacher, Schokoladearbeiter und Transportarbeiter denStreik erklärt Zn Clermont und Vienne habe« mehrere Gewerkschaften sich der Bewegung an geschlossen. Die Friedensverhandlungen mit Bulgarien und der Türkei. Die syrische Frage ungelöst. Haag, 3. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Wie die „Times" meldet, ist die syrische Frage noch nicht geklärt. Die Meinungen in der Entente sind bezüglich des an Frankreich zu übertragende« Mandates noch sehr geteilt. Die Friedensverhandlungen mit der Türkei und Bulgarien dürften erst nach Abschluß der Verhandlungen mit Deutschland und Oesterreich beginnen, doch soll der Friede mit diesen Staaten nicht in Paris, sonder« in Ko n st a n tino p el oder in Saloniki unterzeichnet werden. Zn Italien zeigt sichlet hafte Beunruhigung wegen der Best Smyrnas durch die Verbündeten. „Daily Telegraph" berichtet, von Türkei werde nur das nördliche Klein»! a f i e« bis zur armenischen Grenze übrigbleiben. Die Hauptstadt werde Brussa sein. . - sechmr« n de« Arber eine Million Arbeits-1 loser in England. j Der Ankauf der MaifSlligkeiten. Amsterdam, 3. Juni. (Korr.-Bur.) „Algemeen Handelsblad" zufolge wurde im englischen Ankerhause mitgeteilt, daß die Zahl der Arbeitslosen in England mehr als e i« e M i l l i o n betrage. Die Zahl arbeitsloser Kriegsteilnehmer werde mit 408.000 angegeben. Wie die „Korr. Wilhelm" mitteilt, wird im Laufe dieser Woche eine Kundmachung des Staatsamtes der Finanzen bezüglich Ankaufvon Maifälligk eiten der allgemeinen und österreichischen Staatsschuld durch die deutschöfterreichische Finanzver-j waltung zur Veröffentlichung gelangen. ringsum nur Krieg und Brand undRlutrausch kannte, in der es Sklaven gab, in der der Fremde rechtlos und wehrlos war. Unser Volk hat seine Unabhängigkeit, seine staatliche Selbständigkeit verloren, es ist . ins Exil gegangen, es hat unglückliche Tage erlebt sonder Zahl. Aber es ist in seiner Seele -frei geblieben, weil es immer an sein Gesetz erinnert wurde, dessen Grundpfeiler das Bekenntnis zum Menschentum geblieben ist. Kein Sturm kann das jüdische Volk entwurzeln, solange es den hohen und heiligen Inhalt jener. Verfassung erkennt und bewahrt. Und im Sinne dieser Verfassung wird es sich seine alte neue Hermat errichten und den Völkern beweisen, daß seine Seele nicht verschüttet wurde, sondern seinem Recht, dem Recht der Menschheit auf Leben, auf Freiheit, auf Frieden, treu geblieben ist. Solange wir leben, lebt dieses Recht, und diese | Verfassung, die sich, uns fortgeerbt hat aus grauen i Tagen und die wir vererben wollen in eine freie nnd! glückliche Zukunft, uns und der ganzen von 1 den Krämpfen einer werdenden Zeit erschütterten! Menschheit. i

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