Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 135 (3.6.1919)
- Date
- 1919-06-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2979076-2979077-2979212--01193-2986569- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Grn-ettremviiwr Preis 33 geller Vir«: Mt Zustellung in» ,., Hau»: W»»aUich. . . . L MertelfSstrkK . . .. 20.- fttlbfattei*.40.— ÄarrrfLhria : . . „ 80.— Mit Postvcrsand: W-n»tUch. ...» 7.50 KiertelfLstrig. . ., 88.— Aaibsäyris ..... 44.— ÖBttff5<r»!ß . . . ., 88.— rrnrr Telepho««: Admkukstratis» 44038. Ne^attio« 4S8LS, ab> 6 Vhr «Kmd» Ur. 16801 (blniHtsctnplüvr:' Ureis 3« Kr«« priittirmer'atko»«- . preise f&v Za# AirÄamdii M»«atlichl . . - K 8.50 Diertoljästrig. . „ 35,-< . . . ,, 50,-' Gau;fiihris..... 1)3;-'' Liedaktion er. Administea» tiorr: Mio«, xi. Tal»orstr«Ke itr. i-3 Nostspavknssott-Konto Ur. 150.69» Nr. 135 Wie«, Dienstag, den 3. Juni ISIS 1. Jahrgang Der Frieden mit Deutschöfterreich. Verzicht auf die außereuropäischen Rechte. Südmähreu an die Tschechen. Marburg und Radkersburg an die Jugoslawen. — Gerichtliche Verfolgung der am Krieg Schuldigen. — Schutz der religiösen nud nationalen Minderheiten. — Annullierung des Brester Vertrages. — Gleichheit aller StaaLsbiirger. Verlust der Kriegsflotte. — Ein Sugang zur Adria. — DeuLfchösterreich mutz die Besatzungsarmeen bezahlen. — Die Eisenbahnen und Salzbergwerke beschlagnahmt. — Einziehung der Banknoten. — Liquidierung der Notenbank. —y W i rn, L. Juni. .In diesem Monat jährt sich zum füuftenrnal der Tag, an dem Franz Ferdinand in Sarajevo ermordet wurde, jener Tag, von dem das schrecklichste Unglück, das di-e Menschheit je tr>effcn konnte, seinen Ausgang genommen hat. Die systematische, lückenlose, gütvurchhachte Vorarbeit für den Krieg trug jetzt ihre Früchte. Die ganze zivilisierte Erde wurde mit einem Schlag in Brand gesteckt durch jene verfluchte Note, die an Serbien gerichtet wurde und in 19 Punkten die offenkundige Absicht zeigte, es nicht zum Frieden kommen zu lassen. Alles, worüber man sich jetzt beschwert, war in dieser Note vereinigt: Gewalt, Rache und brutalste Drohung. Das Selbstbestimmungsrecht Serbiens wurde in solcher Weise verneint, daß der Zorn lind die Empörung der ganzen, nicht von Berchtold und seinen Offiziösen kontrollierten Welt sicher zu erwarten war. Alles arbeitete auf' den Krieg hin und der Anstrengung so - vieler, gleichgerichteter Kräfte gelang es, das Ziel zst'Erreichen. Der Krieg kam. -Militärisch, politisch, wirtschaftlich wurde er mit einer Hingabe, einer Methodik geführt, die : sonst, nur! der ^Entdeckung eines neuen.Heilmittels oder einer die ganze Menschheit be- HMn^MMung Mlt. ", ' - .,!_,.. Äüü ist^ der Krieg zu Ende. Die Uä2)te^ die'ihn hüranfbeschworen haben,. - srnd^ vom- Erdboden' verschwunden. Die Dynastien der Zentvalstaaten sind ins Exil gegangen, Kaiser Wilhelm,! der , vor knapp fünf Jahren mit Franz Ferdinand in. Konopischt so eifrig i'lber den Krieg geredet hatte, sieht mit eigenen Augen den Zerfall seines durch seine Schuld hiugemordeten Staates. : Ferdinand von Bulgarien mußte aus dem Land, das. er zur Größe führen wollte, bei .Nacht und Nebel flüchten. Und der Frieden, den die .siegende Entente Deutschland diktieren will!,', der^. Frieden, den sie dem Rest Oesterreichs zur Unterschrift vorlegt, sieht ganz so ans wir die Note an Serbien: Jedes Maß ist verloren gegangen, die Vernunft, weicht den Rache, das Verständnis für die Wirklichkeit schwindet ins Nichts. Und wenn ' diese' Bedingungen * die. Anerkennung des Unterlegenen erhalten sollten^ dann bleutet; das doch nur einen etwas länger dauernden Waffenstillstand, der nach einer Pause der Erholung bei der ersten Acndernng der politischen Konstellation in einen neuen Krieg übergehen kann. ' ' ' ' Es ist nicht unnötig, bei 'der --Durchsicht' dieser.-Bestimmungen, die den Namen eines Friedens nicht verdienen, daran zu erinnern, daß am Beginn desKrieges die Bcrchtoldsche Note att' Serbien gestanden isst. Man muß an die ungeheure Schuld jener erinnern, die-zum Krieg geschürt, gehetzt und getrieben haben, um sich ganz kessen inne zu werden, was ' sre nicht an der Menschheit allein, sondern zunächst an dem Staate verbrochen haben, dessen Schutz und Ehre ihnen anvertraut war. Sie alle — und jedermann, der Brotkarten besitzt, und jedes Kind, dessen Vater erschossen ober verkrüppelt oder in einem Sumpf erstickt ober in tc" Gefangenschaft Zugrundegegangen ist, - und jede Fsran, die int Hinterland verhungert ist, und das ganze Volk, das von den Spinnen des Kriegswuchers ausgesogen wurde, jedermann weiß, wer diese „alle" sind — sie alle haben so nnmeßbare. .Schuld auf sich geladen, daß nlan es nicht verstehen kann, woher sie noch den Mut nehmen, frei in die Sonne zu blicken. -Sie hären die Monarchie zerstört und sie haben es verschuldet, wenn gestern unseren Delegierten ein Friede vorge'egt wurde, der uns die ganze Größe des Elends erst ahnen läßt, das uns bevorsteht. N)ch kennen wir nur einen Teil jener Bestimmungen. Aber wirkönnen ans diesem Teil auch auf das Ganze schließen nnsd den Geist erkennen, der aus -dem Werke spricht. - Sechs Millionen Menschen'wird dieser Torso eines Staates zählen, der -noch vor 'fünf- Jahren di-1'-ganze Welt heransforderte. Und diese.Menschm werden nur dein äußeren Schein nach frei sein'. Sie müssen schon, jetzt mit allem einverstanden sein, was ihre Nachbarn untereinander über die Grenzen bestimmen. Sie sind in den Augen der Entente identisch mit , dem alten Oesterreich, für seine Schuld haftbar, und sollen alle die ansliefern, die sich gegen die Kriegsgesetze vergangen haben. Oesterreich verliert das fruchtbare Südmähren an die Tschechen, die Gebiete um Marburg und Radkersbnrg an die Slowenen; die gesamte Kriegsflotte, die aus blutigen Steuerkreuzern erbaut wurde, gerät in die Hände der Gegner, die auswärtigen Verträge und Rechte sind annulliert. Ein Zugang zur Adria, der für das Leben Deutschösterreichs eine unbedingte Notwendigkeit darstellt, wird wohl versprochen, aber nicht festgesetzt. Die wirtschaftlichen Bedingungen enthalten als schwerwiegendste Forderung die Heranziehung der Einnahmen der Eisenbahnen und Salzbergwerke zur Deckung der Kriegskosten. Nichts hat sich geändert. Nur in der Stellung' der.'Gegner .ist ein Wechsel ein getreten. Die übermütigen Kriegshetzer von 1914 sind besiegt und geschlagen; ihre Ueberwinder haben sich ihren Geist zu eigen gemacht. Sie machen das Unglück, das jene erzeugt haben, voll. Sie graben' schon heute an den Massengräbern des kommenden Krieges. Und diesmal tragen sie die,Schuld. Denn die, vor. deren Augen h-eute das Schwert.',auf die Wage geworfen wirdfHübM gebüßt, die nicht' siebegangen' haben! Die, Männer, Frauen und Kinder von heute sind frei von Schuld und es ist ein schauerliches Verbrechen, sie in die Knechtschaft zu jagen. __ Ein offizieller Bericht. Saint-Gerrnain, 2. Juni. In dem Friedensvertragsentwurf, soweit er bisher überreicht wurde, bestndet sich keine Bestimmung über den Anschluß an Deutschland, weder in positivem noch in negativem Sinne.. Die Bestimmungen des Vertragsentwurfes über den Völkerbund sind wörtlich gleichlautend mit jenen des deutschen Friedensvertrages. Die wichtigsten handelspolitischen Bestimmungen sind: Oesterreich hat einseitig Meistbeg'ünstigung zu gewähren, zunächst für fünf Jahre, dann über Beschluß des V öl kerbundesr a t e s auch für eine weitere Periode. Von der Meistbegünstigung ausgenommen sind eventuelle Zollbegünstigungen., zwischen uns, Ungarn und der Tschecho-Slowakei für f ü n f Jahre. Begünstigungen für die Einfuhr zur See werden proportionell zu den Zöllen drei Jahre aufrechterh alten. Die 1914er Z ö l l e . dürfen sechs Monate nicht erhöht, werden. Die Vertragszölle für Obst, Gemüse, Olivenöl, Eier, Schweine und Schweineprodukte dürfen drei Jahre nicht erhöht werden. Jede feindliche Macht wird uns binnen sechs Monaten mitteilen, welche'der früheren Verträge sie aufrechterhält. Diese und die anderen Bestimmungen über Handelsbeziehungen und Staatsoerträge sind gleichlautend mit den deutschen Friedensbedingungen. Wir wären darnach verpslichtet, Meistbegünstigung auch den Nationalstaaten einseitig zu gewähren. Abschnitt III des Vertragsentwurfes über Schuld en ist gleichlautend mit den deutschen Friedensbedingungen. Abschnitt IV über Eigentumsrechte und Interessen ist ebenso gleichlautend mit den folgenden Abweichungen: Artikel 297 erhielt einen Zusatz, wonach die Vermögenssteuer Angehörige alliierter u n d a s s o z i i e r t e r 0 t a a't e n nicht treffen darf. Anlage § 1 nach Artikel 298 enthält einen Zusatz, wonach seit 1. November 1918 getroffene Maßnahmen des Wirtschaftskrieges ungültig sind. Die wesentlichen Bestimmungen des Frieden'/ Vertrages betreffend Kriegsgefangene und ZivilinLerrnerte sind folgende: , Kriegsgefangene und Zioilintemierte werden nach Inkrafttreten des Vertrages mit größtmöglicher^ Beschleunigung h e i m g e s e n d e t. Die Heimbeförderungskosten hat Oesterreich zu bezahlen. Die Details^ betreffend die Durchführung der Rückkehr werden von einer Kommission aus Vertretern Oesterreichs und der b eteiligten Staaten geregelt werden. Disziplinarisch Bestrafte werden heim-! befördert, gerichtlich Bestrafte können allenfalls zurückbehalten werden. Auf Rückerstattung der Unterhalts-, kosten wird gegenseitig verzichtet. Dem General? S l a t r n ist übrigens bereits zugestanden, daß er! persönlich demnächst im mündlichen Verkeh»! mit der mit den Kriegsgefangenenfragen betrautes» Kommission der Alliierten werde treten können. Die wirtschaftlichen Bedingungen. , London, 2. Juni. Die „Time s" veröffentlicht ebenso wie sie es beim deutschen Friedensvertrag getan! hat, einen von der Pariser Presse zusammengestellten! Inhalt des ö st erreicht scheu F rck e den 5*j , ver t r a ges. Dieser enthält den offiziell ausge-i gebenen Auszug, außerdem eine Reihe anderer Bedin-! gungen, von denen es im Originaltexte heißt, daß sie! noch' nicht definitiv festgesetzt, sondern einer Regelung Vorbehalten sind. Insbesondere betrifft diesdie finanziellen Bedingungen. Hierüber heißt es in der Wiedergabe der „Times*' :! Bei der Feststellung der finanziellen Bedingungert! gehen die Ko ft en der Besatzungsarmee! i gllen anderen Forderungen voran. Darnach kommen ' bU Kost e n if e t E n t f ch a b 1 g u n g e n, wobei die Alliierten das Recht haben, wenn nötig eine Vorzugszahlung zu beschaffen für Güter, die aust dem Auslande eingeführt werden. Die Ausfuhr ist ohne Zustimmung der Alliierten bis zum! Jahre 1921 verboten: Die Kommission! für Schadensvergütung soll dm! Antell an den Kriegskosten des früheren Oesterreich! für jeden der neugegründeten Staaten feststellen^ Diese Schuld soll sichergestellt werden durch die E i tt*j nahmen der Eisenbahnen «nb betj Salz bergw^rke und wird berechnet auf Basis der' Einnahmen der letzten drei Jahre vor dem Kriege. Die in den neuen Staaten vorhandenen Banknoten der Oesterreichifch-ung arischen Bank sollen durch die neuen Regierungen innerhalb 12 Monaten^ durch neueBanknoten ersetzt werden. Die Oesterreichisch-ungarische Bank wird nach Unterzeichnung des Friedensvertrages liquidiert, wobei die Aktiva unter die Inhaber der Aktien verteilt werden. Die Besitzungen der österreichischen Regierung innerhalb der.neuen Staaten werden durch diese Staaten! übernommen gegen eine E n t s ch ä d i g u n g, die! die Kommission für Entschädigungen bestimmen wird.1 Mitteilungen des Reuterschen Bureaus. Amsterdam, 2. Juni. Dem Reuterschen Bureau wird aus Paris folgender Auszug aus dem heute der ' deutschösterreichische n Delegation übermittelten! Friedensvertragsentwürf, gemeldet, wobei bemerkt wird', daß in dem überreichten Vertrag die militärischen, die Wiedcrgutmachungs-, die finanziellen und gewisse Grenzklauseln fehlen,, die sobald als möglich aus ge händigt werden sollen. 1 Der österreichische Vertrag folgt genau den Umrissen des deutschen und ist an vielen Stellen bis, au^ die Aenöerung des Namens mit ihm identisch. , ' Oesterreich, der Ausdruck Deutfchösterreich wird vermieden, wird durch den Vertrag ein Staat von etwa 6 Millivtt'eu' Einwohnern, die ein Gebiet von zirka (<0.000 Quadratmeilen bevölkern. 7-; '!"1 Im Oesterreich erkennt die vollständige Hnabh"än-!j gig ke.it Un.g a r n s, der T s ch e ch o -Slowakei und! des s e r b o - kr v t i s ch - s lo w en i s ch e u Stt a tes an und tritt andere Gebiete, die früher mit ihni zusammen das österreichisch-ungarische Kaiserreich bildeken, ab. Oesterreich stinimt zu, den BölkerbundSvertra« und die Arvellerchartn anznerLennen, auf alle sein? a n s; e r? n r op ä i s ch an' Rechte, »u uerAichiim 'seine in'iiuntiMt maritimen und!