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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-01 · Heft 133 (1.6.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 133 (1.6.1919)
Date
1919-06-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Bez., Taborstratze 1 «; Telephon 44.038 und 43.319 Die kleinen Völker. -7 W i ev, 1. Jrun. Es wird eine neuerkche Verzögerung angekündigt. Die Friedensbedingungen sollen erst Mitte dieser Woche dfl deutschösterreichischen Delegation übergeben werden. Es Wien sich in letzter Stunde neue Schwierigkeiten gezeigt, die es als notwendig erscheinen lassen, .die Bedingungen des Friedens nochmals zu überprüfen. Diese Schwierigkeiten bestehen darin, daß die Vertreter der seinen Völker Mitteleuropas, die erst am Donnerstag denIuhalt des Friedenso erttageserfuhren, Einwendungen erhoben, so daß die vier Regierungsoberhäupter, die hie Welt, verteilen, lwchmals beraten mußten. Der Teil des Friedensvertrages,' der den' Deutschösterreichern als erster übergehen, werden sMe,- HHMW HWytlW aus die- Abtzrenzüttg' der NepMiK,Mf 7 M Wmree und auf ihre Beziehungen /zu dem zu schaffenden Völkerbund. Es liegt nun auf der Hand, daß die Einwendungen der kleinen Völker nur dahin zielen kömren, von dem Gebiet Deutschösterreichs noch knapp vor Friedensschluß etwas abzureißen. Den kleinen Völkern erscheint Deutschösterreich noch immer zu groß. Tschecho-Slowaken, Jugoslawen und Rumänen — welch letztere nirgends an Deutschösteneichs grenzen, fühlen sich durch Deutschösterreich bedroht und fordern, daß dieses armselige Vaterland noch kleiner werde. Die kleinen Völker wandeln eben in den Spüren der großen. Frankreich ist ihr leuchtendes Vorbild: Nicht die französische Kultur, nicht der gallische Schwung, sondern die französische Revancheidee, der Haß gegen Deutschland.. Aber bei diesen Kleine» Völkern ist, wenn man es genau betrachtet, gar Kein Grund für einen Haß gegen Deutschösterreich vorhanden. Die Republik ist so wie die Nationalstaaten einem Teil der österreichisch-ungarischen Keine Konzessionen, keine Verhandlungen. Gin Havas-Komwuniqus über die deutschen Gegenvorschläge. Paris, 31. Mai. (Agence Vavas.) Das Sekretariat der Konferenz hat heute die Uebersetznug der Gegenvorschläge beendet. Die vier Regierungschefs begannen am Nachmittag mit der Einsichtnahme. Di« Gegen- < Vorschläge umfassen iw ganzen 134 litvgraphierte Seiten. Sie waren von einem langen Schreiben von zehn Maschinschristserten begleitet, die zwei Zettrttrgskokumne« entsprechen. Die beiden Dokument« scheinen nicht die gleichen Gedankengänge wiederzuGVen. ES ist daher nicht unwahrscheinlich, daß die Gegenvorschläge durch die Regierung in Berlin ansgearvettvt worden find und das Degleitschteibev, das in versöhnlichem «nd geschicktem Tone gehalten ist, vom Grasen BrvKwrfs-Rantzmr verfaßt ist. Der Begleitbrief benützt alle Hilfsquellen diplomatischer Geschicklichkeit «nd Gewandtheit. Man findet da ei» sehr schwarzes Bild vo« dem Elend, das der Friedens- Vertrag Deutschland bringe. Drntschlanb werde einem wahrhaft tyrannischen Regime Unterworfen, es verliere sein- Freiheit durch die EutschLbigrmgskomwisfio», kn der DentschKmd nicht einndal vertreten sein wird und deren Vollmachten Unerhört feie». Der Begleitbrief fährt mit einet Zitate über de» heiligen Tharatter der Verträge «nd mit einer Verleugnung der Vertrüge, die durch das kaiserliche Deutschland in Brest- Litowsk »nd Bukarest geschlossen worden sind, fort, rmd schließt mtt einem zweideutige» Saß, wo der Führer der deutschen Delegation erklchet: Wir werde» rmr die- Derpflichtungen übernchstM, j# chir sicher halten könne». Die. «MgOWl Zuftimmmrg Mm Bvetvag wird vom Mutsche«'Vufl^Mehen. vv;, öffmtlichrmg dieser intttessarrte» Dokumente am Samstag entschließen. Was dir Antwort betrifft, die man auf die deutsche» Gegenvorschläge geben «ruß, so ist man in französische» diplomdttsche« und politischen Kreisen einstimmig der Meinung, man finde, daß die MPe.r Tihwürfe schon in' de«.' 'SeparäthMü>'di^ vd« den Mliierteu beantwortet sind, gegdhen '.se^nr'/ Änstr Gesichtspunkt ist der. deutsche»' Regiettmg bekannt." Er kann nicht geändert werden. Es liegt keine N-otwehdig- . keil vor, miindliche Derhandlungerr einzk^iten^ WOM N«S.die Regierung r» Bettin bringen möchte. -Die territorialen BBingungen können weder frir das Saar- Becken noch für O-erschlesien geändert werdm.' Die vier Regierungschefs scheine» Wer diesf WfichtspuMe einig zu sein. Man nmß daher gewissen FrlsArnMich»«« Mts äinerikanischen Quellen keinen -'Glauben Wn^ke», -tuen zufolge die alliierten «nd assoziierte» RegterMM» bereit wäre», wichtige Konzessionen, besonders bezüglich Obkrschlesiens und der unverzüglichen Zülässmtg Dentchlands znnr Dölberbmch zu machen. -'Ließ' Austirmiativneu bWSe» nur die persönliche Meinung i^iee« "Berfasser aus. SÄ find nicht der Aushrnck der Medtzmigen der mttorifierten Regiermtgen und PersöuliWeijme.' Jedenfalls bleibt die Frage offen, ob Deutschland unterzeichnen wird oder nicht. Mitteilungen neuLraler Persönlichkeiten zufolge, die kürzlich aus Dentschlmch ejbte getroffen sind, will das deutsche Bolk um jeden Preis den Frieden. Die Regierung verlange nichts als zm Auterschrift gezwungen zu werden, wobei zpgWH Jm.. .'Gcher»..gttmchrt' werde« sall< Denn die hoVNW-i niftiichen. Elcmrnte gewinne» . an.' Boden und die Regierung befürchtet, neue Wirren. Da die Frist für die deutsche Delegation zur UWerreichnug' von PemerkuvOM m die Skonfevmz fett 18 Stunden abgelaufe«. ist, habch» btt Alliierte» ihr mttgcheilt, daß sie keine «chte» HsHtmehr entgegemrehmen werden. Hevte nachmittags umrdey, . -MtKftll»' «ttt.KMm!reich, .der HWeW" Mowahei, dttr Mdslavw», de» Rwnchnar mch de« Pole« mitgeteilt. Die finanziellen Bedingungen sind noch «Lht mrSgearbetttt. Ueber di« Entwaffnung der 'Staaten oder ihre Anteilnahme an den finanziellen Lasten wurde noch nichts Eadgülliges beschlossen 23 Milliarden deutsches Reichsbrrdget. aus Monarchie entstanden, hat das Regiemngssystem rück die Staatsfornr von Grund aus geändert und ist aus dem Obrigkeitsstaat und Volksstaat geworden, der in keiner Weise mit den Verbrechen der Monarchie belastet werden darf. Die kleinen Völker haben mit der alten Monarchie genau dieselben Zusammenhänge wie Deutschösterreich; sie haben am Krieg teilgenommen und haben oMell, während ihre Emigrantenkomitees im Ausland mit der Entente verhandelten, sich stets zum schwarz-gelben Pattiotismus bekannt; sie haben getreulich alle dynastischen Feste mitgefeiert und bei jedem großen Sieg der Zenttalmächte Fahnen heransgesteckt. Ihre Zeitungen haben für die Kriegsanleihe geworben, ihre Finanzinsütute haben jederzeit die Subskriptionseinladungen unterferÜgt, in denen das Publikum ermahnt wurde, dem Vaterland fein Geld zu leihen. Die Welt kann umgedreht werden, aber nicht die Logik. Es wäre einfacher und würdiger, die Bezahlung der Kriegsschulden brüsk abzulehneir, als mit staatsrechtlichen, ethnographischen und wirlschaftspolilischen Gründen zu krebsen» die wir täglich in der Presse der kleinen Völker vorsinden. Aber selbst zugegeben, daß die 'kleinen Völker, die im Herzen stets Todfeinde Oesterreich-Ungarns waren, an oer Bezahlung der Kriegsschulden nicht teilnehmen sollen, so ist es doch vollends unverständlich, daß sie das Gebiet der deutschösterreichischen Republik noch weiter zustutzen wollen und ttfc Fertigstellung des Friedens wieder verzögern. -Diese Kriegspsychose ivird eine Gefahr für den Frieden, für Europa, vor allem aber für die kleinen Völker selbst. Wenn das deutschösterreichische Volk Berlin»: 31. Mai. Wie der „BerNuer BSrseuknvier" erfährt, wird das voraussiiihtliche Reichsbudget einschließlich der Zinse« für die Kriegsanleihen und die Zahlungen an L^riegsbeschadigte und Hinterbliebene ungefähr 23 Milliardeu betrage«. Der amerikanische Senat gegen die polnischen Pogrome. »Frankfurt, 81. Mai. (Tel. der „Wiener Morgenztg/) Der ^Frankfurter Zeitung" wird aus R e w - B o r k berichtet, daß der Seuat in Washington beschloffen hat, die Pariser Friede«skanserenz zu ersuchen, gegen die Judenpogrome i n Polen vorzugehen. . noch weiter eingeengt wird, wenn ihm der Zugang zum Meer verschlösse» bleibt, wenn es nicht die Möglichkeit hat, in zollpolitischem Ausgleich . seine Jndustriearttöe! gegen die landwirtschaftlichen Produkte der Nachbarstaaten einzütauschen, so muß Deutschösteneich ein wittschaftspolitischer Seuchenherd werden, deffen Aussttahlungen auch Me; Nachbarstaaten gefährden. Die Nationälstaatm find weder polittsch noch wittschaftlich so gut konsolidiett, als daß sie den Wirkungen einer solchen Nachbarschaft auf die Dauer widerstehen könnten. Man weiß, welche Krisen die tschecho-slowakische Republik gegenwärttg durchlebt, und die Vorgänge in Polen zeigen ganz deutlich, wie morsch und lebensunfähig das sonderbare Gebilde ist, das sich, polnischer Staat nennt. Und Rumänien steht erst am Beginn einer Agrarkrise, deren Verlauf- und Ende nicht abzusehen ist. Wenn nun unter dem furchtbaren Druck des Gewaltfriedens die deutschösterreichische Republik zusammenbricht, wenn an die Stelle der Kühlen abwägenden Vernunft. die Herrschaft der Straßendemagogie tritt, dann tut sich ein Abgrund auf, der alles zu verschlingen droht, was heute noch fest gegründet scheint. Man sollte nun meinen, daß die führenden Politiker' Deutschösterreichs - sich des Ernstes der Situation genau bewußt sind. In anderen Staaten würde in-solcher Lage ein Burgfrieden zwischen den Parteien zustandekomm'en und man würde versuchen, alle ttennenden Momente an'.zu sch alten und alle Kräfte in Bewegung zu setzen,'-um' irgendwo auf der Welt Freundschaft und Sympathie zu werben. Weit gefehlt! I^r Deutschösterreich erkenntman noch immer nicht die ganze Schwere des Augenblicks. Man redet noch immer vom Anschüch an Deutschland und übersieht, daß Deutschland diesen nicht zustandegekommenen Anschluß bereits jetzt mit dem Verlust des Saargebietes und Oberschlesiens eskomptieren mußte. Man sagt den Nachbarn einen frisch-ftöylicheir Zollkrieg an, schickt Volkswehrbataillone an die jugvflawische Front, man läßt sich in allerlei dunkle Experimente mit der ungarischen Räterepublik ein und ist Msonsten weiter chauvinistisch uud imperialistisch. Gerade gestem hat die Nationalversammlung ein Gesetz beschloffen, wonach bei der Wiederbesiedelung gelegter Bauernwirtschaften nur deutsche Volksangehörige' in Betracht kommen. In der Debatte hat der Sprecher des Bauembundes ausdrücklich festgestellt, daß sich diese Besümmung gegen die Juden richte. In Wirklichkeit richtet sic sich aber gegen alle nichtdeutschen Elemente. Wenn unsere deutschen Politiker nicht so vernagelt wären, so müßten' sie sofort erkennen, daß die gleiche Bestimmung in der tschechischen Nationalversammlung gerade für das deutsche Bolk in Böhmen- und Mähren die furchtbarsten Wirkungen auslöscn müßte. Und da es auch in Prag Chauvinisten genug gibt, die für jede aus Wien Kommende Anregung dankbar sind, so kann man. mit Sicherheit daraus rechnen, daß die gesetzgebende Körperschaft der Tschecho-Slowaken den Weg der Repressalien betteten wird. Die Psychose der Kleinen Völker hat eben auch Deutschösteneich ergriffen imd' zeitigt auch hier-rlande die gleichen ttanriqen Verwüstungen. “liaä.

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