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Wiener Morgenzeitung · 1919-05-30 · Heft 131 (30.5.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 131 (30.5.1919)
Date
1919-05-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Mai in Versailles werden Montag die Ententestaatsmänner in Saint-Germain dem StaatsLanzler von Deutschösterreich, Dr. Renner, den ersten Teil des Friedensvertrages übergeben, der sich auf die territoriale Abgrenzung der Republik bezieht, Kr den zweiten, ebenso wichtigen Teil, der die finanziellen Diktate enthält, wird uns großmütigerweise noch eine Armesünderfrist gegeben. Die Entente zieht es vor, das, was sie Kr Medizin hält, dem armen schwachen Deutschösterreich in Intervallen und tropfenweise zu verabreichen. In einem Saale, in dem bisher Petrefakten und gallische Altertümer aus der Steinzeit üntergebracht warm, steht dann Dr. Renner den Richtern gegenüber, die dem von ihm vertretenen Händchen mit antediluvianischer Mechode das Urteil Mechern der Besiegte wird zum Sklaven gemacht. Der Inhalt des uns zugebilligten Diktats ist in den Umrissen bereits bekannt. Deutschösterreichs Unabhängigkeit wird festgestellt und anerkannt, aber in einem negativen Sinne: es hat allein zu bleiben, darf sich nicht rühren, mit niemandem verbinden, und muß schon jetzt alle Vereiirbarungen anerkennen, die seine Grenznachbarn in Zukunft miteinander schließen. Die Zahl seiner Einwohner wird mit sieben Millionen Menschen festgesetzt. Das bedeutet den Verlust von Deutschböhmen, der ja auch schon nach dem Friedensvertrag mit Deutschland feststand, von Sudetenland, von Deutsch-Südtirol und der untersteirischen deutschen Gebiete. Das Schicksal Südmährens und Westungarns ist noch unbekannt. Deulschösterreich wird ferner verpflichtet, jede Regelung der bulgarischen und türkischen Gebietsfragen durch die Alliierten anzunehmen, auf alle Rechte, Rechtstitel und. Privilegien in diesen Gebieten und in allen außereuropäischen Territorien zsi verzichten, das Settlement in Tientsin aufzügeben rttrd sich der finanziellen und wirtschaftlichen Kontrolle durch die Ententestaaten zu unterwerfen. Diese Bestimmungen des Vertrages, der nach einer französischen Mitteilung 80.000 Worte zählt, genügen vollstlürdig, um ein Urteil über die Zukunft der Republik zuzulassen An diesem Urtell kann auch durch die Bekanntgabe der wirtschaftlichen Verpflichtungen nichts geändert werden. Ob wir fünf oder fünfzig oder tausend Milliarden bar bezahlen sollen, ob wir die Kriegsanleihe zum Teil oder ganz einzulösen verpflichtet werden, kann höchstens einem fleißigen Statistiker interessieren. Wir können nämlich überhaupt nichts zahlen. Unsere Produktionskrast ist gebrochen, der Unternehmungsgeist der Bevölkerung durch die dilettierende, schwankende Sozialisierungspolitik der Regierung, die nicht ja und nicht nein sagt, gelähmt, die Arbeitsfreude durch die allgemeine Unterernährung vernichtet. Die Zeremonie in Saint-Germam ist eigentlich überflüssig. Statt Dr. Renner hätte einfach ein Kurier den Vertrag abholen sollen. Das weitere hätte telegraphisch geordnet werden können. Denn es ist klar, daß man mit uns noch viel summarischer verfahren wird als mit Deutschland, dessen organisatorischen Fähigkeiten und besten nationale Kraft alle Welt fürchtet. Mit Deutschland, besten Vertreter energisch und würdig auftceten, können wir iins nicht im entferntesten vergleichen. Wir treiben zu Hause eine chauvinistische, Fremden feindliche Politik und betteln doch vor jeder Tür um Mehl und um Kondensmilch; die radikale Couleurgarde Dr. Bauers krakelt vor der tschechischen Gesandtschaft und am nächsten Tag bittet man die Tschechen um Kohle. Deutschlands Volk ist in der Stellung zum Frieden einig und geschlossen, bei uns spielen ein paar christlichsoziale Gernegroße Separationspolitik und biedern sich bald Bayern bald der Schweiz an, die schreckersüllt auf unsere Kriegsschulden schauen und lebhaft abwehren. Wenn nun die Entente ihre Haltung zu Deutschösterreich demgemäß einrichtet, o darf das nur die wundern und entrüsten, die sich so geme selbst in der Pose des herrischen Siegers gesehen hätten, deren Presse viereinhalb Jahre „Schulter an Schulter*' gehetzt, getobt und — gelogen hat und deren Tätigeit selbst heute noch in Hetzereien und Lügen sich erschöpft. Nicht allein an dem Imperialismus der Entente, sondern auch an unserer eigenen, von allen guten Geistern verlassenen Politik' liegt die Schuld, wenn am Montag der kluge und anständige Dr. Renner die bitterste Stunde seines Lebens durchmacht. »17 ■ "_, i ■ um Die Ueberreichung des Friedensvertrages an die Delegierten Deutschösterreichs ans Montag verschoben. Saint-Germain,29.Mai. (Korr.°Bm.) Die von dem deutschösterreichischen Volke und seinen Delegierten in Saint-Germain mit solcher Ungeduld erwartete Aeberreichung des Friedensvertrages hat eine neuerliche Verzögerung erfahren. Heute nachmittags erschien der Sekretär der Friedenskonferenz, Herr D n t a ft a, beim Staatzskanzler Dr. Nenner, um ihm im Namen Clemeneeaus eine Rote folgenden Inhaltes zu überreichen: Auf der heute zur Prüfung der Friedensbedingungen mit Oesterreich versammelten Konferenz haben verschiedene Mitglieder dem Wunsch nach einem weiteren Aufschub von zwei Tagen Ausdruck gegeben, der dem Studium dieses Dokuments dienen soll. Demgemäß wird der Vertrag den österreichischen Bevollmächtigten erst nächsten Montag, mittags, überreicht werden können. Rehmen Sie den Ausdruck meines aufrichtigsten Bedauerns für diese unfreiwillige Verspätung entgegen und seien Sie meiner größten Hochachtung versichert. Die Nachricht dieses neuen Aufschubes hat begreiflicherweise bei den Delegierten eine tiefe Enttäuschung hervorgerufen und wurde lebhaft diskutiert. Die Tatsache, daß Clemeneeau zu ihrer Aeberbpingung den Sekretär der Konfsrenz geseirWt hat, deutet darauf hin, daß man sich auf Seiten der Entente dieser Wirkung bewußt und sie durch die Höflichkeit der diplomatischen Form abzuschwächen bemüht war. Die Friedensbedingungen für Deutschösterreich. Gestern den alliierten Mächten bekanntgegeben. Saint - Germai«, 29. Mai. Der „Matin" meldet: Der Friedensvertrag, der den Oeftsrreichern überreicht werden wird und zu doffen Prüfung sie, wie seinerzeit die Deutschen, 14 Tage zur Verfügung haben werden, enthält 80.900 Worte. Entgegnungen werden schriftlich überreicht werden. Gestern früh hat eine Kommission die letzten Vorbereitungen im Schloß getroffen. Gendarmerie wird auf dem Wege von Paris hierher und vor dem Schloß die Ordnung aufrechterhalten. Heute, nachmittags 3 Ahr, werden die Delegierten jener Machte, die mit Oesterreich in Kriegszustand find, in geheimer Sitzung die Friedensbediug u n g en für Deutsch -ft erreich vorgelegt erhalten. Die Formalitäten bei der Ueberreichung des Friedensvertrages. Paris, 29. Mai. (Havas.) Donnerstag um 3 Ahr nachmittags wird den Alliierten der Friedensvertrag mit Oesterreich mitgeteilt, der dem Staatskanzler Dr. Renner in Saint-Germain überreicht werden wird. Der Verlauf der Sitzung wird der gleiche sein wie bei der Aebergabe des deutschen Friedensvertrages. Die Alliierten werden Platz nehmen und die beutschösterreichische Delegation wird durch den Protokollführer Martin eingeführt werden. Clem e n e e a « wird einige Worte sagen, auf die Dr. Renner antworten wird. Daraus wird das Dokument mit den Bedingungen der Entente übergeben «nd die Sitzung wird zu Ende sein. Die Confsderatton göneralk duTravall gegen den Friedensentwurf. Für eine internationale Aktion der Arbeiterschaft. Versailles» 29. Mai. (Korr.-Bur.) Das Nationalkomitee der C o nfsderation general« duTravail erörterte gestern nachmittags nochmals das Friedensproblem und «ahm schließlich mit allen Stimme« bei zwer Stimmenthaltungen einen Antrag an, in welchem die Haltung der Consedöratior gsnsrale gegenüber dem Versailler Friedensvertrag festgelegt wird. Der Antrag erhebt zunächst Einspruch gegen die Geheimhaltung der Versailler Erörterungen «nd gegen die Unzulänglichkeit des durch die Presse verbreiteter Auszuges des Vertrages. Die augenblicklich bekannte« wesentlichen Abmachungen des Vertrages entsprechen keineswegs den Wünschen der Arbeiter. Sodann geht der Antrag auf die Einzelheiten ein «nd formuliert zehn Punkte gegen die Gesamtheit der Artikel des Vertrages. In diese» zehn Punkten wird erklärt, daß der Vertrag 1. eine Verneinung des Selbstbestimmnngsrechtes der Völker sei; 2. Gebiete in verkappter Werse annektiert; 3. die Verpflichtung bezüglich der Gesellschaft der Nationen verleugnet; 4. zu de« alte» Bündnissysteme» zurückkehre; 5. die allgemeine Abrüstung u um ö g l i ch mache; 6. das Koloni alfy st em fortfetze: 7. daß ihm jegliches internationales Finguzfystem fehle; 8. daß ihm ein internationaler wirtschaftliche« . ^rEAEer den schaftlicheu Krieg «nd die B l » ck a d « fortfetze; 10. daß jede wahre internationale Arbeits-Charta im Vertrag« fehle. Der Vertrag rufe «eue« Haß und teerti toriale Aevauchewüufche hervor und tafle Konfliktkeime bestehe», die mindestens ebenso groß und gefährlich feie« »te bi« Konfliktkeime vor demKriege 1914. Das Nationalkomitee verlangt schließlich eine Revidierung desVert r a g e s und erklärt» daß die Arbeiterklafle Frankreichs getreu den Grundsätzen eines Friedens der Freiheit und Gerechtigkeit sich verpflichte, sowohl durch eine nationale Aktion als durch gemeinschaftliche Anstrengungen mit den Arbeitern audererNationen auf die Verwirklichung eines wahren Bölkerfriedens und eine stabile Weltorganisation, die den Wiederaufbau des Wirtschaftslebens ficherstellen wird, hinzuwirken. Die Delegation der französtschen Gewerkschaften wird diesen Standpunkt auf der internationalen Gewerkschaftskonferenz in Amsterdam vertrete«. Die «»lösbare Fiumer Frage. Noch immer keine Einigung erzielt. Saint-Germain, 29. Mm. (Korr.- Bm.) Alle Pariser Mvrgenblätter beschäftigen fich heute neuerlich mit der Fiumarrer Frage, die gestern den Gegenstand von Verhandlungen im Viererrat bildete. „New Bork Herald" sagt, es habe abends eine Aeitlarrg den Anschein gehabt, als wäre eine Lösung gefunden, jedoch wäre schließlich doch wieder keine Einig«ng zustande gekommen Die Blockade gegen Ungarn. L « g a n o, 29. Mai. <Tel. der „Wr. Morgenztg.*) Der Oberste Wirtschaftsrat der Alliierten in Paris teilt mit, daß die Blockade gegen Ungarn erst dann aufgehoben wird, wenn sich in jenem Lande eine verantwortliche Regierung gebildet haben wird, die genügende Sicherheiten bieten wird.

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