Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1919-05-29 · Heft 130 (29.5.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 130 (29.5.1919)
Date
1919-05-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2979076-2979077-2979207--01148-2986519
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

P«k» 30 %tUt Hnt m Zlchellu»ß in» Hau«: Monatlich....»: 7.- mttwt&ttia .. „ so.— äöIbfSltrfcf . .. 40.— Otmfla^ria . . ... so.— OHt Vopversand: aHtfnotiitfj. . . .K 7.Ö0 mtvtiifibvit..srr.- fWUHimil0 t i TO#-» AdmNiWva- «-« 440#8, |U#«lf«4m 48819, ad 0 Uh» adenda ft». ia»»i Wiener M»rrr»,EpIav; Vreks 30 gellte UrmurmeraltonO« für da# Kusla^ai zUonattLik, . . . L «"— Rr»rjeNLI,klg. ... Lt.— ÄalbfiihvrL . . . 48.- (Snnt^niftra . * SS.-- iUS'tilltid;* :t. A!>orrniL<-ati«-sr:; Mlrn, 31. Tab»rNka8» Un. 1-3 Vttfifptttltaffett-gl# n to Nr. 150.693 91«. 130 Wien, Donnerstag, den 29. Mai 1919 1. Jahrgang Sieger und Besiegte. Bon unserem Schweizer Berichterstatter. —s Zürich', Ende Mai. Es ist heute allgemein anerkannt, daß die Entente $ ihren Sieg nicht zum geringsten Teil ideellen Momenten verdankt, indem sie in immer stärkerem Maß die Ueberzeugung zu verbreiten wußte, gegen Unrecht und Gemalt die Sache der Gerechtigkeit, Demokratie und Völkerbefreiung zu führen und damit nicht nur die eigenen Völker, dazu brachte, das Neußerste zn leisten uud zu ertragen, sondern auch die Herzen und Geister der Neuittalen gewann und am Ende sogar in Len Reihen der Gegner Zweifel erweckte und die moralische Zuversicht erschütterte. — Die klugen Politiker, welche den realen Wert solcher moralischer Eroberungen so wohl verstanden, erkennen sie jetzt wirklich nicht oder glauben #te. es jetzt mißachten zu können, daß sie Stück für Stück dieser Eroberungen durch den geplanten Gewalt- Rieden. zu! verlieren im Begriffe sind? i!;. In der Tat sieht man in allen drei Richtungen Won'deutlich' sich die entgegengesetzte Entwicklung vollziehen. „Wir lassen uns von den Presseagenturen nicht Hinters Licht führen", schreibt ein so unverdächtiger und informierter Gewährsmann wie Professor Bovet in seiner Zeitschrift „Wissen und Leben", die seit Kriegsbeginn gegen Deutschland und für die Entente eintzetreten, „wir wissen aus unmittelbaren Zeugenaussagen, daß in Paris und London viele sind, die durch diese Frieöensbedingungen bestürzt sind und sich ihrer schämen." Und. die Zuschriften namhafter Persönlich- Leiten, welche der „Manchester Guardian" seit einigen Tagen veröffentlicht, bestätigen-diese, Behauptung. Umgekehrt geben diese Friedens bedingungen, und das ist besonders beklagenswert, deni Militarismus wieder Mut?und Selbstbewußtsein, scheint/.ja sein Prinzip, das Gewaltprinzip, doch recht behalten zu wollen, wenn jauch' auf der. anderen , verficht, es das nächste Seide siegen zu sehen.;■ 1: Und die Neutralen? Hier in! der Schweiz kann, vrmr es besonders gut beobachten, -wie das Verhalten der Sieger seit Kriegsende'den moralischen Kredit der Ententemächte immer inehr erschüttert. Der Stimmungs- Umschwung ist nicht nur in der deutsch-schweizerischen Presse deutlich zu beobachten, die ja auch während des Krieges weit überwiegend enteutefreundlich war und inunmehr den Getvaltfrieden fast einmütig verurteilt, sondern zum Teil sogar in der Mstschweiz, wo gerade das bedeutendste und seriöseste Blatt, das „Journal de Gonöve" andauernd die Fricdensbedingungen einer in der Form sehr zurückhaltenden, dabei aber ziemlich einschneidenden Kritik unterzieht und namentlich die Annexionspolitik — so zuin Beispiel die Preisgebung Deutsch-SüdtirolS — lebhaft beklagt. Ganz.überraschend aber mutet es an, in einerder letzten Nummern dieses seit jeher so ententefreundlichen Blattes die treffliche Bemerkung zu findend es sei das Verhängnis dieses Friedens, daß er gerade Diejenigen Deutschen in Verzweiflung versetze, die während des Krieges eine Unabhängige Stellung einnahmeü und am stärksten die Empfindung von Deutschlands Schuld hatten/ und daß er den schlechtesten Elementen der Bevölkerung Mut gebe, welche finden, daß Wilhelm II. durch diesen Frieden btc Aureole eines Märtyrers erhalte. Eine Illustration hierzu ist der Fall des reichsdeutschen Schriftstellers Hermann Fernau, welcher hier während des Krieges, dem Borwurf des Landesverrates trotzend, die deutsche Kriegspolitik in schärfster Weise bekämpfte und nunmehr in der genannten Zeitschrift Bovets und in der „Neuen Züricher Zeitung" erklärt, der Versailler Friede würde den Bankerott der Demokratie bedeuten und eine Meltkatastrophe herbeiführen. Und der alte Ententesreund Bovet selbst gibt seiner schmerzlichen Enttäuschung über den „gröblich ünperialistischen Frieden", welcher einen ,/ofsenVaren Wortbruch" bedeute, in Worten Ausdruck, welche geeignet sind, tiefen Eindruck zu machen. Auch die Kundgebungen des internationalen Frauenkongcesses für dauernden Frieden, der hier vor kurzem tagte, wirkten in dieser Richtung, und hier, wo sich auf der Präsidialestrade eine französische und deutsche Delegierte mit Händedruck begrüßten, wo fast alle Nationen, vor allem aber England und Amerika, vertreten tvaren, konnte man nicht, wie bei der Völkerbundkonferenz. von eine?, deutschen Machenschaft reden: In englischer Spracht wurde die schneidendste Kritik am Diktat frieden und der fortdauernden Blockade geübt und in englilcher Sprache flog das zornige Wort Miß Die Kriegsentschädigung . Deutschösterreichs. Sairrt-Germain, 28. Mai. Der „Teuips" meldet: Die Kommission für Entschädigungen hat die wirtschaftlichen Klauseln des Friedensverlrages mit Oesterreich, soweit sie Tscheche- Slowakren, Jugoslawien, Polen und Rumänien betreffen, bereits mrsgearbeitet. Auf die Initiative der französischen Delegation hin, die als erste den Schutz der kleinen alliierten Nationen in die Hand genommen hat, scheint sich die Kommission ans eine Lösung geeinigt zu haben, die die genannten Staaten von der Zahlung von Entschädigungssummen befreit. Diese alliierten Staaten werden dagegen znftimmen, sich an den Kosten zu beteiligen, die für ihre Befreiung notwendig waren. Kaschau und Miskolez von den Tschechen geräumt. Prag, 28. Mai. Die „Ravodni Listy" berichtet, daß die Lage der tschechoslowakischen Truppen an der slowakischen Demarkationslinie ungünstig fvr und daß unter dem Druck der gegnerischen Aebermacht Miskolez und Kaschau sowie auch andere Orte geräumt werden mutzten. In einem wieder eroberten Orte wurden acht tschechische Legionäre aufgefunden, die mit den Händen an T rs chn Latten angenag elt waren. Ihre Wunden waren mit Paprika b estre^nL .'...,v- Das Blatt macht die SozinldemvkräteA für diese Mißerfolge, die durch das seinerzeitige Aufhalten des tschechischen Vormarsches verursacht worden seien, verantwortlich. Paderewski will Krieg mit den Akrainern. Versailles, 28. Mai. (Korr.-Bur.) P a d erewsLi ist gestern abends in Paris eingetroffen. Er erklärte einem Mitarbeiter des „Matin", er komme, um im Auftrags des polnischen Landtages die Alliierten um die E rmächtigung zu bitten, die polnische Armee nicht nur gegen die Bolschewiken, sondern auch gegen d ie Akrainer fr ei verwenden zu können. Er hoffe, daß diesem Wunsche werde stattgegeben werden. Die Ententetrnppen im Ausland. S a i n t - G e r m a i n, 28. Mai. Der Nationalrat der Arbeitskonföderation hat beschlossen, sich sofort mit den englischen und italienischen Gewerkschaften in Verbindung zu setzen, um die Regierungen zur Unverzüglichen Heimsendung der Truppen zu zwingen, die sich in Rußland, Augur« und anderswo schlagen, sowie um die Probleme, die die Zukunft des Weltproletariats betreffen, zu erörtern. Suowdens von den elenden Politikern in Versailles durch den Saal. Die Empfindungen eines enttäuschten Idealismus, welche dem Kongreß ein besonderes Gepräge gaben, kamen am sinnfälligsten zum Ausdruck, als Wilsons Antworttelegramm auf die Bitte, die Einstellnng der Hungerblockade zu erwirken, verlesen wurde. Die ersten Worte, daß der Appell Wilson an Herz und §">pf greife, wurde mit allgemeiner Erregung ausgenommen; als man dann aber weiter hörte, „heute geringe Aussichten, unüberwindliche Hindernis'?", trat einen Augenblick allgemeine Stille ein; dann ging man zum nächsten Punkt über und niemand sprach mehr von der Sache, niemand mehr von Wilson. Ueberhaupt litt der Kongreß, der vortrefflich geleitet war, durchaus nicht an weitschweifigen Debatten, die Reben waren kurz und sachlich', eher hatte man den Eindruck, etwas zu viel Probleme und daher manchmal eine zu kursorische Behandlung, So wurde das interessante Problem der Frcmenresistenz bei' einen: neuen Krieg einer nur kurzen und flüchtigen Debatte unterzogen, und als noch im letzten Augenblick eine ' Delegierte die Frage aufwars, wie es denn zu Halter: fein werde bei einem vom neuen Völkerbund' etwa beschlossenen Exekutivnskrieg gegen einen Frürdensbrecher, da stutzte die Referentin nur einen Augenblick, dann aber erklärteste kurzweg, sie sei der Ansicht, es solle überhaupt keinen Krieg mehr geben. Und damit war die Sache erledigt. ' - Auch ein Protest gegen Pogrorne im& der. Schütz der Rechte des jüdischer: Volkes —das letztere in einer sehr vagen Fassung — bildete den Gegenstand einer Resvlution, wobei sich in der Debatte'allerdings das Fehlen einer berufenen und ausreichend.informierten' Vertretung der jüdtschnationälen Francriorgamsation in: Frauenbund bemerkbar machte. Auch die hier lebenden Reichsdeutscher: Veranstalters unter Mitwirkung namhafter Deutschschweizer Protestkundgebungen gegen die Versailler Friedensbedingungen. Indessen hat man im allgemeinen den Eindruck, daß der Verurteilung der Ententepolitik hier keineswegs^ eine fühlbare Steigerung der Sympathie für Deutschland entspricht, und daß dieses die durch das Verhalten der Entente gebotene günstige Gelegenheit zr: moralischen Eroberungen nicht auszunützer: verstanden hat.' Man hat hier nicht recht die Ueberzeugung gewonnen,' daß der alte Geist in Deutschland wirklich, abgedankt habe^ und daß es sich um viel anderes handle, als einend durch die Umstände erzwungenen und noch dazu sehr, unvollständigen Shstemwechsel. . > i\ Wer der letzten.deutschen Prolestversammlung in Zürich beiwohnte, konnte irr dieser Vorstellung nur bestärkt werden: Aus den Worten der Schweizer Redner klang warme, inenschliche Teilnahme, echt demokratische, 'njm tzstr Deutscher, ein Professor, und siehe, es war der senycye Professor von 1914 und von 1916! Ein Rasseln mit! dem gesprungenen Säbel, «ein Prahlen mit den fünf-s hundert gewonnenen Schlachtenein Wegwischen aller- Schuld und Sünde, Klagen über den „Verrat der. Bundesgeiwssen", Drohungen mit einem Philipp: nnd'^ schließlich — hypnotisch verbunden mit einer kurzen- und steifen Verbeugung vor der Deinvkratie — einekaun: verhüllte Sehnsucht nach der guten, alten Regie-' rung, um die man sich von der Entente hatte prellen lassen. Kurz, man hatte den Eindruck, hier waren noch', nnzerstört die Keime, aus denen bei gebotener Gelegen-, heit alles wieder von neuem emporwachsen konnte, von-- Belgien bis zu Brest-Litowsk. - j Ein solcher Geist, den zu ermutigen und emporkommen zu lassen eben die unheilvolle Wirknng des-, Geistes von Versailles ist, kann jedenfalls nicht Liebes werben. Wenn man hier gegen die'Ententepolitik Stellung nimmt, geschieht es einerseits aus verhetztem Gerechtigkeitsgefühl, andererseits wegen der bösen Wirkungen, die man für Europas Sicherheit inr allgenwinen und'' für das eigene Land im besondere): fürchtet. . i Da ist zunächst die Frage -^ .- Völkerbundes,' die bald akut werden wird. Kann und soll die- Schweiz>' unter Gefährdung ihrer Neutralität einem Bunde beitreten, welcher — im Zusammenhang mit einem Ge-'; waltfrüdeu — so wenig Gewähr für die Verhinderungweiterer Kriege bietet? Gestattet es. — so wird vielfach''^ gefragt — die Ehre, einem' Völkerbund beizutreten,; von dem die besiegten Völker, besonders Deutschland ausgeschlossen sind? Auch die Vorarlberger Frage wird. vor allein' vom Gesichtspunkte -eines künftigen Krieges beurteilt, mit dem man jedenfalls mehr rechnet als nrrüeiner Aera des Bölkerfriedens. Uird alles, was aiti Argumenten gegen die Aufnahme Vorarlbergs in die:- Eidgenossenschaft vorgebracht wird — die Unzuverlässigkeit einer lediglich durch materielle Gründe zum fchluß bewogenen Bevölkerung, die Befürchtung, eineuti Kern von Alldentschtum zu erhalten, die Sorge, da^ der Bazillus österreichischer Nationalitätcnkämpfe rm' dem davon bisher verschonten Organismus der Schweiz eingeführt werden könne — tritt sogar bei den Romane« (auch das „Joürnal de Gßndve" hat sich darum für bte Aufnahme ausgesprochen) zurück vor der Erwägung, daß die Angliederung Vorarlbergs die strategische Situa--. tion gegen Deutschland verbessern würde und besonders dann unbedingt nötig wäre, wenn DeutschösterreW doch mit Deutschland vecemigt würde. Letztere Wg-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.