Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 126 (25.5.1919)
- Date
- 1919-05-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2979077-2979203--01112-2986479- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Banat 1× ep/1272623
- Mielec 1× ep/1048025
- Vilnius 1× ep/1000947
OCR text
$v«t$ 30 §«tttv Ottftt Mt LuftkL»- M H«»; Ujmnaiidr. ...» 7.- »terteljBijria . ... 80.- AaUrfLyrig . . .., 40.— V«ttrii8yris . . .80.— ' Mt.Postbersaubr: M»va«!lch. . . .L 7^0 Ki«rt«LZShrkg. . „ 88.— »EL^rs " 44.- KmrMvkS. . . « 88.- jUNOtoifhw» tt« 44088, BOakttni 4-310, «b # My» «dr»»b# N-. 16001 rener 1 ' IUI llff IM UII|Plllli * V»is 30 Seüe» ürSttttnuvattMt*« iwö Ite b«# JUt^Umbt M-matltch . . .S 8.—' Nl-rt-lsLhrrN. 84» NaldsShrts » . „ Ocan^sifVts . „ M-dattLnr«. &imMftea+, Hon: | XE. Odnw^vitRI Nr. t-ö N-. 150.608! Nr. 126 Wien, Sonntag» den 25. Mai 1919 1. Jahrgang v Das Hindernis des Weltfriedens. k 935 t en, 25. Mai. Der eine JeiL lang verhüllte Gegensatz zwischen Italien einerseits und Frankreich, England und Amerika andererseits äußert sich fast in allen aktuellen Fragen, die derzeit den Bestand der Friedensverhandlungen bilden. Während die anderen Ententestaaten und besonders Frankreich um jeden Preis den Anschluß Deutschösterreichs an Deutschland verhindern möchten und 'zu diesem Zwecke, sei es eine Donauföderation, sei es. eine Zollgemeinschaft der einzelnen neuen Nationalstaaten, die aus. dem Boden des ehemaligen Oesterreich-Ungarn erstanden, erstreben, vertritt man in Italien schon dämm den entgegengesetzten Standpunkt, weil jeder Zusammenschluß der Donau- und Balkanvölker die alleinige Herrschaft Italiens im Adriagebiete gefährdet. Der italienische Imperialismus, welcher seine Hand nach südslawischen, albanesischen und griechischen sowie nach deutschem. Besitz gierig ausstreckt, ist heute am Balkan und im Adriagebiete beinahe verhaßter als das ehemalige Oesterreich-Ungarn, welches nur infolge des Dualismus. Und der aus ihn basierenden deutschmagyarischen Hegemoniebestrebungen unter den Völkern im Süden und Südosten seine geschichtliche Aufgabe zu erfüllen verhindert war. In Paris und London sowie in New-Äork befürchtet, man mit vollem Recht, daß ein Sieg des. italienischen Imperialismus nicht bloß die wirtschaftlichen Ziele der übrigen Ententemächte in den einzelnen Donau- und Balkanstaaten cmf das schwerste schädigen,, würde, sondern auch immer von neuem zu ^bitterten Kämpfen zwischen den Italienern, Südslawen und. Rumänen Damm sucht nA^eWMts zwischen, den AMNdnH' der Maliener? WLstÄfri^Mecheu-und Albanesen von Seile 'der französischerr, englischen und; amerikanischen Regierung zu vermitteln, andererseits will man, falls dies nicht auf dem Wege gegenseitiger territorialer Konzessionen möglich, ist, einen Teil des strittigen Gebietes, wie zum Beispiel Fiunte, internationalisieren. Auf diese Weise ist der italienische Imperialismus eines her Haupthindernisse der Herstellung des europäischen Friedens sowie weiters eine Hauptgefatzr für die zukünftige- Ruhe des Weltteiles auch nach Abschluß des Friedens. Heute begnügt sich das ansehnliche Heer der italienischen Chauvinisten und Imperialisten nicht mehr mit der Befreiung der „unerlösten" Gebiete vom nationalen ■ Fremdjoch, heute ist ihm das Selbstbestinmmngsrecht der Völker Hekuba.! ■ Italien erhebt- Ansprüche auf uraltes deutsches Gebiet in Tirol, auf slowenischen und kroatischen Böden in Istrien, Dalmatien und Fiume, auf albanesischen Besitz und gerät mit seinem griechischen Rivalen, der «ine. ebenso doppelzüngige Politik kultivierte wie die verschiedenen italienischen Regierungen, immer mehr m schärfsten Gegensatz. ' j Was speziell die albanesische Frage betrifft» - so rührt sich wieder der alte Abenteurer Essad Pascha in Albanien und wächst jene. Strömung, welche die vollständige Autonomie Äbaniens fordert. Ein diesbezügliches Memorandum wntde bereits dem amerikanischen Präsidenten Wilson überreicht. Heute noch gelten betreffs' der Zukunft Albaniens nachfolgende Worte» die-ein Albanefenführer anläßlich des im Jahre 1913 in Triest abgehaltenen Albanesenkongresses dem Schreiber dieser Zeilen äußerte: „Ich weiß-nicht, ob ein albanenfischer Staat zustandeKommen wird, und falls dies der Fall ist, wie lange Lebensdauer ihm gegönnt sein wird; aber sicher ist das eine, daß, solange ein Albanese mit geraden Gliedern existiert, sich das albanesische Volk weder einem serbisch-montenegrinischen, noch einem italienischen oder einem griechischen Fremdjoche beugen wird." Auf diesen albanesisch-griechischen und albanesischsüdflawischen Gegensatz spekuliert Italien ebenso wie auf den serbisch-rumänischen und serbisch-bulgarischen Antagonismus einerseits im Banat und andererseits in Mazedonien Während früher die italienischen Imperialisten mit dem Serbentume — gegen Kroaten und Slowenen —- kokettierten, nehmen sie jetzt einerseits Partei für Rumänien in seinen Forderungen auf das Baust und fördern andererseits unbeschadet des rumänischbulgarischen Gegensatzes die bulgarischen Aspirationen in Mazedonien sowie den montenegrinischen und kroatischen Separatismus gegenüber dem Belgrader Zentralismus. Diese italienischen Sonderbestrebungen erstrecken sich ab« nickt nm aul,dav Gebiet des Balkans und des Die Pariser Beschlüsse. Der Friede mit Deutschösterreich. — Anschluß dernngarMndischenRuthenen an die Tschecho-Slowakei. — Admiral Koltschak als russischer Regierungschef anerkannt? Paris, 24. Mar. (Agence Havas.) Der Brererrat trat am Freitag vormittags zusammen und erörterte die m i l i t L r i sch e n Bestimmungen des Friedensvertrages mit Oesterreich sowie die Frage der ö st e rr e i ch i s ch e n K r i e g s Ue f a n g e n e tt. Die fünf Minister des Austvartigen hielten am Nachmittag eine Sitzung ab, in der sie die Schlußfolgerungen der Kommission füvtschecho-slowakische Angelegenheiten gut* ießen. Die Kommission empfiehlt den Anschluß der ungarlandischen Rutheneu an die T s ch e ch o - S l o w a k e i. Die Minister beschäftigten sich ferner mit dem Verhalten der Deutschen in Obersch! e s i en und faßten den Beschluß, die baltischen Provinzen zu verproviantieren. Am Donnerstag nachmittags wohnte Orlando einer Sitzung des Viererrates bei, dev sich mit der österreichischen Schuld und ihrer V e r t e i l u n g z w i s ch e n Deutschösterreich und den v selb ü n d e t e n S t a a t e u, die aus dev ehemaligen Monarchie hervorgegangen find, wie zum Beispiel die Tschecho-Slowatei, beschäftigte. Eine Entscheidung wurde nicht getroffen. Mer Abschnitt, e'ibe^ die.. T nt sch <$t> i g u nge n . ist Wqegen b^ , Man versicherst duß die ÄMierten geneigt sind, A d ml ralKo lt s ch a k als Haupt der russischen Regierung anzue r kenne n. Diese Entscheidung dürfte von entscheidender Wichtigkeit für das künftige Schicksal Rußlands werden. Möglicherweise wird Rußland unter heu Verbündeten unter diesen AEtänden 'bei der Unterzeichnung des Friedens mit dem Feinde vertreten fein können. Eine Botschaft Wilsons gegen die Polen bevorstehend. Haag, 34. Mai. Hollandfch Nieuws Bureau meldet ans Paris: Es heißt, daß WiUou eine MitLeilun Oersffentlichen werde, in der er seine Entrüstung darüber zum Ausdruck bringen werde, daß die Polen im W i d e r f p r u ch m i t d e m v o n P a d e r ew sk i abgegebenen Versprechen die Löung durch das Schwert suchen; die Alliierten hätten aber sowohl militärische wie wirtschaftliche und finanzielle Zwangsmittel gegen die Polen in Händen. ehemaligen Oesterreich-Angam, sondern sie geraten auch? irr Gegensatz zur Politik der übrigen Ententemächte in Asien und Afrika, wo. einerseits mit Japan und andererseits mit den revolutionären Elementen in Indien und Aegypten liebäugelt wird. Dabei übersieht mim vollständig in Rom, daß die anwachsende panasiätische und panislamitische Bewegung nicht vor Tripolis Halt machen wird und ebensowenig vor den neuen, Griechenland zusallenden asiatischen Besitzungen. . Venizelos, der nun mit den Sudslawen im Bunde neuerlich gegen ItaliM . Front machen will, scheint zu glauben, daß die mohammedanischen Türken ebenso vogelsrei seien, wie die Juden. Vielleicht wird jener seiner Wiener Freunde Recht behalten, der anläßlich des Frontwechsels Griechenlands ins Lager der Entente meinte: „Die. Politik Venizelos' und er selbst könnte ebenso tragisch enden» wie die Politik seines italienischen Antipoden". Möglicherweise wird dieWitalienischen Imperialismus ebenso wie dem. griechischen und südslawischen durch die in Italien immer stärker sich fühlbar machende sozialrevolutionare Bewegung ein plötzliches! Ende bereitet werden. " i 5 s Die Pogrome itt Polen. y SB i t«, 24. Mai.^ - Im gestrigen Frühblatt haben wir eine uns , später Nachtstunde zugegangene Meldung veröffentlicht^ derzufolge in ganz Galizien das Standrecht proklamiert' worden ist, um den Ausschreitungen gegen die Juden; entgegentreten zu können. Damit erfährt die vor einige!^ Tagen von der Wiener polnischen Gesandtschaft ver>j suchte Vertuschung von seiten der polnischen Behörde^ selbst eine energische Widerlegung, wenigstens vor derj . Welt, die über die Vorgänge im Osten nicht insvrmiexL war oder nicht informiert sein wollte. \ Die Maßnahme, zu der sich die polnische Regierung entschlossen hat, wmmt reichlich zu spät. Die Zahl! der Juden, die den seit Monaten andauernden Pogromech zum Opfer gefallen sind, wird niemals auch nur aty nähernd festzustellen sein. Der materielle Schaden, de^ in ganz Polen von den Pogromhetzern angerichtet wurdet steigt in die vielen Millionen. Besonders dieser letzt« Monat zeigte ein fürchterliches Anschwellen der Blübs welle. Es gab um nur einige Orte zu nennen -4 Ausschreitungen in Lublin, in Rzeszow, in Niebher^ in Strzisow, in Mielec, in Sutyvze, in Wysoka, i» Lenka, in Kolbuszowa, in Zucsan, in Leki, in Wywka^ in Wilna, in Barnow, in Brzostsk, in Czyzin, ins Slonmik, in Majdan, in Jedrzejow, in Rieszow, ük Lida. Das ist die Liste eines einzigen Monats. Wev^ kann ermessen, welches Meer von Tränen und Jammatz sich hinter diesen Namen birgt, die ja nur ein kleines Ausschnitt aus einer Liste sind, die in diesem Blatts wahrscheinlich kaum vollständig abgedruckt werde«! könnte. Wer kann die Größe des Verbrechens alt datz inteNektuell Verantwortlichen ermessen, die ihr eigeneW eben erst zur Freiheit erwachtes Volk zu solchen SchaM»! taten verführen konnten, die in der wahrlich blutig .genug ^geschriebenen. Leidensgeschichte des Judentums kaum ü'hertrofsen lverd«^,' We^Mbn" die Gewiffenb-sig^- feit der Führer des polnischen Volkes ermessen, die? auf alle Vorhalte und Beschwerden immer nur den „jüdischen Bolschewismus" als Ausrede fanden «nbj damit bei gleichgestimmten Gemütern im übrige^ Europa Verständnis und Rechtfertigung zu finden hvsfett konnten. Die feigen niederträchtigen Metzeleien Greisen, Frauen und Kindern können durch nichts evt^ schuldigt oder auch nur begreiflich gemacht werden, i Was das jüdische Volk in Polen in diesem §drirg gelitten und getragen hat, wird niemals ausgezeichn^ werden können. Aber es hat unter dem Krieg ge-! litten, der auch andere Völker — wenn auch nicht fr hart — angefaßt hat. Seitdem aber Polen befreit iW seit es die Möglichkeit hat, seinen jungen Staat «nfr zubauen und alle Kräfte dieser Aufgabe zu widmen^ haben die Leiden der Juden einen Grad erreicht, d«tz nicht zu überbieten ist. 3Bas soll mit diesem Blutbad, erreicht werden? Wo ist der Sinn dieser Scheußlichleiten, von beiten sich die Landsknechte des Dreißigi-. jährigen Krieges verkriechen müßten? Glauben diePadsrewski, Dmowski, Dasziynski, Moraczewski, das jüdische Volk auf solche Weise polonisieren zu können? Oder wollen sie jede Spur jüdischen Lebens austilgen, indem' sie das Beispiel des blutigen Zarismus vervielfältigen?. Und wenn diese Absicht — an die man fast glauben könnte — tatsächlich besteht, glauben d>e Liebermann und Diamant und Löwenstein und Kolrschec und Steinhaus und Groß, die in allen Tonarten schweigen, daß' die Blutwelle vor ihnen Hlt machen wird. Pogrome und Exzesse find nur Argumente der Gewalt, der ziffermäßigen Ueberlegenheit. Mit Politik haben solche Vorfälle nur insoweit zu tim, als sie die innere Schwäche des Staates verraten, dessen Sicherheit und Festigkeit im umgekehrten Verhältnis zu der Zahl der Opfer steht. Wenn Polen'diese Politik des Mordes fortsetzt, wird es sich ebensowenig in Ruhe entwickeln können wie das zaristische Rußland.. Das jüdische Volk aber wird durch solche Attacken Nur um so entschlossener, mit znsammengebissenc.n Zähnen seinen Weg in die Freiheit fortzusetzen und sich nicht zu ergeben. In dem Kampf um sein Recht steht das jüdische. Volk allein. /"Das europäische Gewissen, das sich bek den „LtrooiUes" der' verschiedensten Völkerschaften, welcher Farbe immer, geregt Hat, bleibt der Not des. jüdischen Volkes gegenüber stumm. Wir haben die letzte Entscheidung über unsere Zukunft der Friedenskonferenz ■ anheimgestellt. Sie mag entscheiden wie sie. will — aufrecht mrd ungebeugt bleibt der Wille des jüdischeir Volkes. Verfolgungen, Exzesse, Pogrome, wie immer man das nennen mag, das alles trisil rüur rn 1)1 vei uns.