Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 124 (23.5.1919)
- Date
- 1919-05-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Insbesondere scheint es allzu leichtfertig geurteilt, wenn man die uns ferner stehenden Länder gleichfalls ausschließlich unter dem Gesichtspunkt des Kaufes zwischen kapitalistischen Imperialisten und sozialistischen Arbeitern einschätzt und im vertrauensvollen Glauben an den nicht aufzuhaltenden Sieg der Weltrevolution damit rechnet, daß auch in den siegreichen Ländern der Aufstieg des Proletariates die Klassenherrschaft beendigen und den Versailler Annexionisnms fortspülen werde. So primitiv wird sich btc, Entwicklung nicht vollziehen. Der Kamps zwischen der herrschenden Klasse und dem Proletariat steht zwar überall im Vordergrund, aber andere Probleme beengen ihn von allen Seiten, führen oft zu gegenwirkenden Tendenzen und verhindern eine unterschiedslos überall gleiche Lösung. Man läßt sich von dem Gedanken der „Internationale" verleiten, zu glauben, daß sich aus der Gleichheit der wirtschaftlichen und politischen Lage des Proletariats notwendig auch eine Gleichheit des.Handelns ergeben müsse — das ist aber keineswegs der Fall. Die geistige Einstellung der Völker ist letzten Endes doch überall eine , andere und die Unterschiede des sozialen Empfindens und Verstehens find so gewaltig, daß ihnen oft eine entscheidendere Rolle zukommt als der materiellen Klaffen solid aritüt. Erdrückende finanzielle Friedensbedingunge« für Deutschösterreich. Sn politischen Kreisen, die über die Stimmungen und Vorgänge ans der Friedenskonferenz gut informiert find, find über die finanziellen Bedingungen, die man Dentfchöstereeich auferlegen will, Versionen im Am lauf, die auch in verschiedenen Mitteilungen der Ententepreffe über den gleichen Gegenstand eine Stütze finden. Demnach soll Deutschöfterreich zusammen mit Angarn nicht nur für die gesamten eigentliche« Kriegsschaden aufkommen, sondern es soll die Frage der Kriegsanleihen in der Weise geregelt werden, daß dabei das sogenannte territoriale Prinzip zur Anwendung gelangte Darunter ist aber nicht etwa eine Verteilung der Lasten nach den Gebietsgrößen der Sukzessionsstaaten, sondern die Verteilung auf Grund der Höhe der Anleih f Zeichnungen, die in den einzelnen Gebieten erfolgte, zu verstehen. Bekanntlich haben sich an diesen Anlerhrzerchrumgen die Tschechen, Polen und Jugoslawen mit einer unverhältnismäßig geringeren Quote beteiligt als die deutsche Bevölkerung. Eine Regelung in dem genannten Sinne müßte zu unserem vollständigen Bankerott führe«, ebenso die Aeberwälzung sämtlicher Kriegsschäden auf uns allein. Es ist ziemlich wahrscheinlich, daß sie andere Wege einschlagen werden als di^ HtMerr der Revolution. Man sucht das gewöhnlich damit zu motivieren, daß in siegreichen Staaten der Umsturzgedanke nicht die ausreichende Stoßkraft gewinnen könne. Aber die' Tatsache, daß den. französischen und den englischen Proletarier die wirtschaftlichen Vorteile des Vetsailler Friedens zu sehr verlocken, als daß er sich ihnen ent- J gegenstellen würde, bildet nur eine und nicht die entscheidenste, Komponente des gegenrevolutionären Strebens. Sonst wäre es nicht zu verstehen, wieso es kommt, daß beide Länder dem sozialen Problem in dmchaus verschiedenartiger Weise auf der: Leib, rücken. Hier herrscht eine Kompliziertheit von Fragen, die man nicht außer Acht lassen darf, wenn man die Situation einigermaßen richtig beurteilen will. Für Frankreich liegt die Situation dabei noch vechimnismäßig Klar. Abgesehen von dm eigentlichen und fast überall gleichen Wiederaufbauproblemen ist es nur mit dem sozialen Problem belastet. Darum wird dieses in Zukunft immer stärker in den Vordergrund treten. Die sozialistische Partei schwillt zusehends an, der Haß gegen Clemencecm wächst von Tag zu Tag und es ist kaum anzunehmen, daß zwischen beiden noch ein Ausgleich emtreten kann. Andererseits aber ist diese Opposition zweifellos zum großen Teil nur an die Person des arbeiterfeindlichen „Tigers" geknüpft, und da dieser ehrwürdige Streiter wohl nur noch den Friedensvertrag unter Dach bringen will, um vom öffentlichen Leben abzutreten, ist es sehr leicht denkbar, daß ihn eine Regierung ablösen wird, die einen engeren Kontakt mit der Bewegung der Arbeiter und der Intellektuellen besitzt. Wenn diese sich von sozialem Verständnis ■ leiten lassen wird, so. kann auch Frankreich ungefährdet die drohende Klippe umschiffen. Daß dies im Prinzip möglich ist, lehrt ein Blick auf England. Zwar häufen sich'dort die Probleme, die zur Krisis führen können, ungleich mehr als in! Frankreich, aber die erstaunliche Elastizität und An- - passungsfähigkeil, mit welcher die englische Regierung! in den letzten Wochen bereits einen Teil dieser | Probleme der Lösung nahegeführt hat, läßt. zuvor- | sichtlich erwarten, daß sich die künftige Entwicklung j des Landes friedlich und verheißungsvoll gestalten; wird. Daran vermögen die Alarmnachrichten aus! Irland, Aegypten und Indien wenig zu ändern. - Gewiß wird es für England eine ungeheure Schwierig-; keit bedeuten, das Verhältnis zu seinen Kolonien und Dominions neu zu gestalten. Aber es ist eine Tatsache, daß alle diese Dominions grundsätzlich nicht, gegen eine Verknüpfung mit England haben. Einige! von ihnen stehen rückhaltlos auf englischer Seite, wie! Kanada, Australien usw., sie haben es im Kriege! bewiesen — aber auch die übrigen' sind keineswegs! Die LeLMsmitLbLLieferUngM für DeuLschöfterreich. Die Aktiven DenLschösterreichs als Sicherstellung. S a i n t ® c t m <t i «, 21. Mai. (Korr.-Bur.) Heute vormittags fand eine Konferenz de« Mitglieder der «Merten Frnanzkomrmsfion mit Len de ütschö ft erreich rschen Wirtschaftlichen Delegierten statt. Es handelte fich um die Ermöglichung der Fortsetzung der Lebensmittelsendungen. Die rnteraMierten Delegierten verlangten, daß die deutschösterreichische Regierung sich verpflichte, alle Aktive« Dentschösterreichs in erster Linie für die S, r ch e r st e l l n n g der Rahrungsmi tt elkredite zur Verfügung zu stellen. Voraussichtlich, rpi^d dw Regelung dieser Mgelegenheit itz diesem Sinne im Friepensvertrage enthalten'sein. ■ englandfeindlich. Alles was sie wollen, erstreckt sich nur auf eine Aenderung» nicht auf eine Lösung des Verhältnisses. Sie waren bisher Vasallen — sie wollen jetzt, gleichberechtigte Mitglieder eines Bundes werden. Sie erstreben die Umwandlung des Kolonial- Imperiums sn einen Föderatioftaat mit einheitlichem Zolltarif. Das kann zu einer gewaltigen Umwälzung, zu, einer ökonomischen Abhängigkeit Englands von seinen Kolonien führen — aber die englische Regierung hat ja bereits im erweiterten Kriegskabinett den Ministern der Dominions Sitze eingeräumt, einige von ihnen zur Friedenskonferenz Zugezogen und sie wird nicht zögern, wenn cs sein muß, rechtzeitig die Konsequenzen zu ziehen, die im Interesse der nationalen Zukunft notwendig erscheinen. Deutlich sah man das bei den Verhandlungen der Regierung mit den Arbeitern. So bedrohlich der Streik aussah, so friedlich und befriedigend hat er geendet. Das Verständnis und Entgegenkommen der Regierung dabei waren erstaunlich. Die Zugeständnisse, welche die Arbeiterschaft im einträchtigen Zusammenarbeiten erzielen konnte, gehen über das hinaus, was in manchen anderen Ländern die Revolution erzwingt. DieKohlen- Enquete-Kommiffion, die in voller Oeffentlichkeit tagte, prüfte die Mißstände, das soziale Elend, die Wohnungsfrage usw. mit so bewunderungswürdigem Ernst und Verantwortlichkeitsgefühl, daß' die französische Sozialistenpresse nur mit Neid und Bewunderung darüber berichten konnte. „Aufsehenerregend" nennt Max Schippe! in den „Sozialistischen Monatsheften" den Verlauf der National Industrial Conference vom 27. Februar 1919, welche die unbedingte Gleichstellung der Organisationen der Arbeiter und der Unternehmer nicht nur proklamiert, sondern bereits in die Tat umgesetzt hat. Jede der beiden sozialen Klaffen wird nunmehr ihre berufene Vertretung in den wirtschaftlichen Selbsthilfeverbänden finden: In den Trade Ünions (Gewerkschaften) einerseits, den Arbeitgeberverbänden andererseits. Für die wichtigsten sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen soll auf Grund dauernder Einrichtungen jedesmal eine Verständigung der betreffenden nächstbeteiligten Körperschaften angestrebt werden. Die einzelindustriellen paritätischen Fachgruppen werden jedoch dem einheitlich überragenden Volkswlrtschaftsrat (National in«liuir!al .Council) unterstehen, der aus 400 zu gleichen Teilen den Trade Unions und den Unternehmerverbeinden angehörenden Vertretern zu- 4 sammengesetzt sein soll. Dieser nationale Wirtschaftsrat! wird unter anderem folgende Tätigkeitsgebiete zu! regeln haben: allgemeine Beziehungen von Kapital j und Arbeit (Industrial rslations); die Vorbeugung von Arbeitsstreitigkeiten; die Beschlußfassung über die mehr allgemeinen Fragen der hierher gehörigen Streitfälle, vor allem über gesetzgeberische Schritte, die das Arbeitsverhältnis berühren (Affecting industrial relations); die Verbreitung von Aufklärung über sozialwirtschaftliche Probleme (Industrial issuss). Aus diesen nur kurzen «^Andeutungen geht zur Genüge hervor, in welchem großzügigen Geist England an den Wiederaufbau seiner Wirtschaft und an die Lösung seiner sozialen Probleme schreitet. Auf irgendwelche ernsthafte Verwicklungen in diesem Imperium zu rechnen oder gar zu hoffen, scheint völlig verfehlt. Was man auch über Unterdrückungen einzelner, sei es nationaler, sei es sozialer Gruppen verbreitet, vermag die Ueberzeugung nicht zu beeinträchtigen, daß es jeder dieser Gruppen über kurz oder lang gelingen wird, einen Ausgleich im Rahmen des Bestehenden zu erwirken. Ein lehrreiches Beispiel hierfür bildet auch Irland. Dieses; Land hat seine Unabhängigkeit proklamiert, hat sich eigenmächtig eine eigene parlamentarische Vertretung konstituiert, Delegierte zur Pariser Konferenz entsendet unb die englische Zentralregierung hat letzten Endes doch nichts Entscheidendes dagegen unternommen. Noch mehr: Lloyd George hat in Paris die Abordnung der amerikanischen Irländer empfangen,? welche eigens zur Vertretung der irländischen Ansprüche nach Europa gekommen ist. Er hat ihnen eine Rundreise durch Irland gestattet, obwohl diese Rundreise sich notwendig zu einer grandiosen nativ- ' nalen Manifestation entwickeln mutzte. Das Dubliner Parlament hat eine Sondertagung zur Begrüßung dieser Delegation abgehalten und der Präsident De Valera hat die Sitzung sowohl in irischer wie in englischer Sprache eröffnet. Der amerikanische Delegierte .Walsh betonte in seiner Erwiderung, daß sich die Delegation keineswegs nur als Mandatar der 20 Millionen Irländer in Amerika betrachte, sondern daß sie gemäß einem Ausdruck Wllfons die Gefühle des ganzen Herzens Amerikas verkörpere. Das alles geschieht mit Wissen und Willen Lloyd Georges, der es meisterhaft versteht, mit allen gegen die Zentral^ regierung gerichteten Strömungen im rechten Augenblick einen versöhnenden Ausgleich zu finden. Und es ist kein Zweifel, daß. wenn-die irländische Frage zugunsten oer. Irländer geregelt wird, das britische' Imperium selbst dadurch keineswegs irgendwie er- - schultert oder geschädigt wird. .