Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 120 (19.5.1919)
- Date
- 1919-05-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nachdem gestern unter Clementels Vorfitz die Wirtschaftskommission der Entente prinzipiell über die Zollunion der ehemaligen Staaten der Monarchie verhandelt hatte, wobei England, Frankreich und Amerika pro, Italien dagegen war, wurde die Frage an den Viererrat zur Entscheidung überwiesen, die zweifellos pro ausfallen wird. Paris, 18. Mai. (Meldung des Reuterscheu Bureaus.) Die Bestimmung im Friedensvertrag bezüglich der Forderungen an Oesterteich sieht die Bezahlung einer Entschädigung von fünf Milliarden in Gold vor. Saint-Germain-en-Laye, 18. Mai. „Echo de Paris" meldet, der Frieden-Vertrag für Oesterreich werde sehr umfangreich sein, da er zahlreiche Artikel wiederholt, die bereits im deutschen Vertrag enthalten sind. Die Redaktion der Oesterreich speziell betreffenden Artikel habe noch nicht d begonnen. Dagegen ist nach dem „Petit Journal"' die Festsetzung der Grenzen des neuen Oesterreich vollendet und der Friedensvertrqg in den wichtigsten Teilen fertiggestellt. Die Verifikation der Delegationsvollmachten, die Montag beginnt, soll zwei bis drei Tage dauern. Saint-Germain-en-Laye, 18. Mai. Die Verhandlungen über die Nahrungsmittelkredite, die in Wien geführt worden waren, werden gegenwärtig über Wunsch der alliierten Negierungen in St. Germain fortgesetzt. Heute fand eine Besprechung zwischen dem französischen Delegierten Chevalier, dem italienischen Alberti und den deutschösterreichischen Fachdelegierten statt. Der englische Delegierte Sir Francis Oppenheimer trifft in den nächsten Tagen ein, worauf die Verhandlungen in der nächsten Woche. fortgesetzt werden sollen. »Das deutsche Wirtschaftslebeu Wird erwürgt." Reichswirtschaftsrninister Wissel über die Frie-ens-edingrmgen. Berlin, 18. Mai. Nach Eröffnung der Sitzung des Friedensausschusses durch.Präsident Fehrenbach, erstatteten Reichsjustizminister L a n d s b e r g und , ReichspvstMinister , Oie s b ert Bericht über den Verlauf der Verhandlungen in Versailles. Nach . ihnen nimmt Roichswirtschaftsminister Wissel zu längeren Ausführungen über die Wirkungen der Friedensbedingungen auf das deutsche Wirtschaftsleben das Wort. Der Minister sagt: Das deutsche Voll hat in seiner übergroßen Mehrzahl geglaubt, daß die Bedingungen den von Wilson ausgestellten Grundsätzen entsprechen würden. In diesem Sinne hat es den Waffenstillstand angeboten. Wie ihn die Gegner sich denken, wissen Sie nun. Wir. haben nur unsere Arbeitskraft, die müssen wir betätigen können unter Bedingungen, die den Arbeitenden das Recht auf Freude an der Arbeit und am Leben lassen. , Niemand kann sich darüber täuschen, daß unsere Gegner versuchen würden, das über das Lebensnotwendige Hinausgehende aus Deutschland herauszupl essen. Niemand konnte annehmen, daß uns nicht einmal das zum Leben Notdürftigste gelassen werden sollte. Und doch soll es geschehen. Das deutsche Wirtschaftsleben wird erwürgt, das deutsche Volk zu einer Fron verurteilt, die sich erstrecken soll auf unsere Kinder bis ins vierte Glied. Alles Eigentum, alle Rechte und Interessen deutscher Reichsangehöriger oder der durch sie beherrschten Gesellschaften innerhalb des Gebietes der alliierten und affoziierten Mächte sollen liquidiert werden können. Deutschland soll dann seine Angehörigen wegen der Liquidierung selbst entschädigen. Ungeheuerliche Forderungen. * Für sich nehmen die Gegner daS Recht der Meistbegünstigung in Anspruch, wollen es aber Deutschland nicht zubilligen. In den ehemaligen deutschen Kolonien und in Aegypten soll die Niederlassung für Deutsche von dem Ermessen der zuständigen Negierung abhängig sein. In Elsaß-Lothringen kann die französische Regierung in Zukunft ohne Fristsetzung Deutsche vom Eigentum an Boden, Steinbrüchen und Metallbearbeitungswerkstätten ausschließen. Deutschland verpflichtet sich, die Ernennung gegnerischer Konsulatsperionen anzuerkenneu, während ihm die Möglichkeit solcher Vertretungen nicht zugesichert wird. Durch die Abtretung von Kabeln wird ihm die Möglichkeit neuer Anknüpfungen von Handelsbeziehungen genommen. Die Funkenstationen werden unter Kontrolle gestellt, das heißt die Handelsspionage wird auch nach dem Kriege aufrechterhalten. Auf dem Gebiete der Kohlenwirtschaft werden Forderungen an uns gestellt, die in ihrer Ungeheuerlichkeit kaum übertroffen werden können. Die gesamte Kohle ins Ausland. Nach dem Frieden-Vertrag sollen wir insgesamt Kohlenmengen liefern, die von 43 3 Millionen Tonnen im ersten Jahre auf 47 3 Millionen Tonnen im fünften Jahre steigen und in weiteren fünf Jahren sich ans 35*3 Millionen Tonnen für das Jahr beziffern. Im Jahre 1913 haben wir 157'7 Millionen Tonnen im eigenen Lande verbraucht. Nachim - Frieden-Vertrag verlieren wir 60'8 Millionen Tonnen Kohlen jährlich.' Die künftigen Förderungsverhältnisse sind aber mit denen in der Kriegszeit nicht zu vergleichen. Auf mehr als 70 Prozent der Friedensförderung werden wir nicht rechnen können. Bei voller Lieferung der in den Friedensbedingungen geforderten 20 Millionen Wiedergutmachungs-Kohlen würde sich ein Fehlbetrag von 25'8 Prozent des Inlandsbedarfes ergeben. Wenn wirauch noch die angeforderten Auslandskohlen an die Ententelander liefern sollen, so ergibt sich eine Fehlmenge von 48 3 Millionen Tonnen oder 50-1 Prozent des Inlandsbedarfes. Bei Einschränkung der Jnlandsversorgung um derartige Mengen müßte das deutsche Wirtschaftsleben selbstverständlich zusammenbrecheu. Verlust der Staatswaldunge« und Schiffe. Der Minister wies dann nach, wie stark der Ausfall an landwirtschaftlichen und tierischen Erzeugnissen sein würde. Mit unbedingter Abtretung werden von unseren Staatswaldungen nicht weniger als 547.000 Hektar im Werte von fast 3 Milliarden Goldmark gefordert. An sonstigen Waldungen fast eine Million Hektar im Werte von 3% Milliarden Goldmark, zusammen also 1 Millionen Hektar im Werte von fast 6 \ Millionen Goldmark. Durch Volksabstimmung können uns weiter entrissen werden im ganzen 412.000 Hektar im Werte von 17 Milliarden Goldmark. Was eine solche Dezimierung unseres Forstbestandes für Gegenwart und Zukunft bedeutet, braucht mit keinem Worte weiter erklärt zu werden. Wie steht es mit den Schiffen? Nach den Forderungen, wie sie vorliegen, würden wir 1236 Schiffe mit 4,542.383 Brutto-Tonnen abliefern müssen und behielten nur 585.176 Brutto-Tonnen. Besonders schwer trifft uns die vollständige Auslieferung der fahrbereiten Fischerflotte. Am Rande des Abgrundes. Wir werden unter den größten Steuerlasten leben müssen, die je ein Volk getragen hat. Uns aber zuzumuten, daß wir unsere eigenen Anleihen notleidend werden lassen, übersteigt die Grenze alles dessen, was man erwarten konnte. Die Nichtbezahlung der Zinsen der Kriegsanleihen würde unschuldige kleine Rentner, Witwen und Arbeiter ihrer Spargroschen berauben. Neue Unruhen und schwere Erschütterungen unseres WirlschaftslebenS würden unS mi. den Rand der Abgrundes bringen. DaS, was unS die Entente an Bedingungen anferlegt, kann kein Volk erfüllen. Solche Bedingungen ehrlich zu erfüllen, kann sich niemand verpflichten. Sie sind die wirtschaftliche Erstickung Deutschlands, in die zu williaeu -i« Verbrechen an Kind und Kindcsklnd wäre. Die Friedenskonferenz, Clerneneeau an Dr. Renner. Saint-Germain-en-Lahe,18. Mai. Staatslanzl« Dr. Renner hat heute folgenden vom 16. Mw datierten Brief aus Paris erhalten: „Herr Präsident! Ich habe die Ehre, Ihne« mit« zuteilen, daß das mit der Prüfung der Bollmachtep betraute Komitee, das unter Vorsitz des Herrn JuleS C u m b o n aus je einem Bevollmächtigten der füüf alliierten und assoziierten Großmächte besteht, Sie am nächsten Montag, den 19. ÜDtat, um 3 Uhr 15 Miw nachmittags im Pavillon Henry IV in Saint-Germaiw en-Laye empfangen wird. Herr Jules Cambon wird Sie bitten, ihm dir Vollmachten der österreichischen Delegation zu überreichen und wird Ihnen im Austausch die Vollmachten der Delegationen übergeben, die jene alliierten mü assoziierten Mächte vertreten, welche sich mit Oesterreich im Kriegszustand befinden oder die diplomatischen Beziehungen zu diesem Staate abgebrochen hab'ew ./Wollen Sie, Herr Präsent, die Versicherung meiner hohen Wertschätzung entgegennehmen. C. Clemenceau.* Die Adresse des Briefes, der heute mittags eintraf, lautet: Herrn Kanzler Renner, Präsident der österreichischen. Delegation, Saint-Germain-en-Laye. Das Friedensprojellt für Deutschosterreich. < Saint-Gsrmain-err-Laye, 18. Mai. Nach dem „Journal des Debats" meldet die United Preß, daß die Sachverständigen .das Friedensprojekt für Oesterreich, weni gsterrs. söweit die Wredergntmachung und die Wirtschaft-, kichen Klauseln in Frage kommen, nahezu vollendet Habens Man wird von Oesterreich genau so wie von Deutschland die Verantwortung für alle Verluste und Schäden verlangen, die die Alliierten und Assoziierten während des Krieges erlitten Haben. Die endgültige Summe, die Oesterreich zu zahlen haben wird, soll durch eine ebensolche Kommission bestimmt werden wie jene, die laut dem Friedensvertrag mit Deutschland eingesetzt werden soll. Im Gegensatz zum deutschen Vertrag wird der österreichische jedoch keine Klausel enthalten, die eine sofortige Teilzahlung verlangt,. wie sie der von Deutschland innerhalb zweier Jahre begehrten.Summe von 25Milliarden Mark entsprechen würde. Die diesbezüglichen Enqueten haben ergeben, daß Oesterreich außerstande wäre, eine solche Zahlung zu leisten. Die Prüfling der Vollmachten. Saint-Germain-en-Laye, 18. Mai. Der„Temps" meldet: Die Verifikationskommission der Verbündeten für die Vollmachten der deutschösterreichischen Delegation besteht aus den Herren Julius Cambon für Frankreich ckls Vorsitzendem Henry White für die Vereinigte« Staaten, Lord Hardings für Großbritannien, de Martina für Italien und M r t s u i für Japan. Die bei der Uebergabe der Friedensbedingungen an Deutschöslerreich repräsentierten Ententemächte sind folgende: Vereinigte Staaten, Großbritannien, Frankreich, Italien, Japan, Belgien, China, Kuba, Griechenland- Nicaragua, Panama, Polen, Portugal, Rumänien, der Staat der S. H. S., Siam und die Tschecho-Slowrkeft Die Deutschen wollen nicht unterzeichnen Amsterdam, 18. Mai. (Tel. der „Wiener Morgenztg.") United Preß meldet aus Paris, daff die deutschen Delegierten auf dem Standpunkt.verharren, den Vertrag nickst zu unterzeichnen, wenn es nicht möglich fei die Bedingungen zu erörtern und Abänderungen durchzusetzen. Bor. allem richtet, sich die Opposition gegen die Wegnahme des Saartales und gegen die kommerzielle Schädigung Deutschlands. Der Londoner „Daily Herald" meldet aus Paris, Graf Brockdorff-Rantzau scheine kein Verständnis zu haben für die unversöhnliche Haltung der Alliierten. ES bestehe nicht die geringste Aussicht, daß irgendwelche Konzessionen gemachtwerden. Der DiererauSsclmß sei in einer solchen Stimmung, daß er es nicht verstehe, wie man an seinen Entscheidungen rütteln könne. Der Viererral ist geneigt, die deutschen Proteste nur als neuen Beweis deutscher Verderbtheit zu deuten.