Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 116 (15.5.1919)
- Date
- 1919-05-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2979077-2979193--01020-2986377- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Skyelr»e«pkarr Urrls 30 §tUtt Wie«; Mt ZafieVung t»S Haur: Monatlich. . KlNTtrlialivis HaldfSlfrtg . Vanftahvis . i 7- 20.- 40.— 80.— v Mit Jostversand: Monat ich. . . .K 7.50 Meot«tfäi,Pig. . „ 22.— ®«ibfBh?Uf . . . w 44.— GanljSyi^A.88.— ^k»t»pk,on»: Administration 44088, Medakrtko» 48319, ab 6 Ahv abends Dtr. 10801 Mirnrr % 4Bfotf<9ttuptw i Vreks 30 Keller prLir»mrrra1io«*' tnrtf» ftt» das A»»Iotz»^ Monatlich . . ,K 8^, Nio-t-liShrks. ... S-rlbiSl^s . . . * 48.— <S««tf5J)rf? . . . H 96k— Kedairti^n a. Administration:; Mien. XL Gaborstrotz« 3»r. i —» Vostfnarirassen^K-nto Str, 150.098 Nr. 116 Wien, Donnerstag, den 15. Mai ISIS 1. Jahrgang Antisemitische Geschichtsktttternng. « Wien, 15. Mai. Just an dem Tage, an welchem der zum Führer unserer Friedensunterhändler erkorene Dr. Renner die Agenden der Staatskanzlei seinem offiziellen Stellvertreter, dem christlichsozialen Vizekanzler Herrn Jodok Fink übergab, hat das Land Vorarlberg, das diesen Mann in die deutschösterreichische Nationalversammlung entsandte, in einem Plebiszit mit Vierfünftelmajorität den Willen Kundgetan, mit dem Staate, dem es das momentane Oberhaupt der Regierung liefern durfte, nichts mehr zu tun zu haben. Die „Reichspost" verzeichnet dieses merkwürdige Abstimmungsergebnis mit unverhohlener Schadenfreude und wertet es als symptomatisch für das Abrücken der Länder vom sozialdemokratischen Wien. DieseklerikaleDarstellung ist subjektiv ehrlicher und objektiv richtiger als jene, die sich die deutschradikale Presse zu eigen gemacht hat: daß der großdeutsche Gedanke bei den Deutschariern Trumpf sei und sogar die dominierende Rolle, die er neuestens im sozialdemokratischen Lager spielte, nur dem Aufbäumen des deutscharischen Empfindens der Arbeiterschaft gegen ihre semitischen Führer verdanke. Es ist dies ein besonders kühnes Beispiel antisemitischer Geschichtsklitterung, ein Beweis, daß die Herren in ihrem traditionellen Kampfe gegen die Wahrheit nunmehr auch das letzte Schamgeftihl, die Angst, von dem guten Gedächtnisse der Zeitgenossen und den eigenen Wahrnehmungen der Augenzeugen ad absurdum geführt zu werden, glücklich überwunden haben. Denn jedes Kind weiß, daß gerade das Gegenteil wahr ist. Haben einerseits die Vorarlberger wie früher schon die Tiroler den Nachweis erbracht, daß die unverdächtigste Zugehörigkeit zm arischen Rasse noch lange kein HUdMis.. ist. Hie..MMH^Mschen.. Ideale, rein. materiellen ErwagungMMMnzüsetzen, so kann es andererseits noch nicht vergessen fein, wenn es der großdeutsche Gedanke, dieses Vermächtnis längst vergangener und — vergessener Zeiten, zu verdanken hat, daß er heute ziemlich unverhofft wieder aktuell und überhaupt diskutabel geworden ist. Es ist das historische Verdienst Dr. Viktor Adlers, als Oesterreich-Ungarn zerfiel, die plötzlich obdachlos gewordenen Deutschen unter einem. neuen Banner ralliiert zu haben, unter einem Schlagmorte, welches, gerade weil es über die Befriedigung der nackten Tagesnotdurft hinauswies, der deutschösterreichischen Politik nicht nur neuen Inhalt, sondern auch jenen ideellen Schwung verlieh, dessen sie in so schicksalsschweren Tagen mehr als je bedurfte. Dieses Verdienst darf auch von solchen nicht verkleinert werden, welche über die Durchführbarkeit und die praktischen Vor- und Nachteile unseres Anschlusses an Deutschland vom Anfang an skeptischer urteilten üls die Sozialdemokraten. Vor allem haben wir Jüdischnationalen. die ja nicht bloß eine Partei, sondern die wohlverstandenen Interessen des gesamten Judentums vertreten wollen, alle Ursache, jeden einzelnen Baustein, der von Angehörigen unseres Volkes dem Fundamente des neuen Staatswesens glückverheißend einverleibt wurde, sorgfältig zu buchen. Dazu zwingt uns die alles eher als vornehme Kampfesweise unserer gewerbsmäßigen Feinde,. die uns die Verantwortung für alle Kinderkrankheiten des jungen Organismus aufhalsen, aber den Segen, den .jüdische Initiative und Tatkraft gestiftet hat und noch stiftet, für sich eskamotieren möchten. Wir begreifen es ja, daß die parteidogmatischen Gralshüter des alldeutschen Einheitstraumes die groteske Erfahrung gern aus ihrer und der anderen Erinnerung tilgen möchten, daß die Ideale, die angeblich stets ihr Inneres beseelten, so wenig nach äußerer Betätigung drängten, daß die deutschradikale Initiative geradem jenem entscheidenden Augenblicke kläglich versagte, als man sich plötzlich statt auf einem stolzen Schiffe auf einem Wrack wiederfand, das zweifellos ins Bodenlose versunken wäre, hätten nicht kräftigere und ^ielbewußtere Hände das Steuer ergriffen. Trotz dieses Versagens hat die schwarz-rot-goldene Jugend Wiens am letzten Sonntag den Beweis erbracht, daß sie die Bahnen, die ihr dereinst Georg Schönerer gewiesen hatte, nicht gänzlich vergaß. Im Rahmen einer Demonstration für den Anschlußgedanken versuchte sie nämlich, gewaltsam in die Redaktion einer liberalen Zeitung einzudringen und betrat somit denselben Weg, der ihr leuchtendes Vorbild dereinst ins Kriminal gebracht hatte. Noch dieser glorreichen Betätigung alldeutscher Traditionen sorgten sie durch Die Friedensbedingungen für Deutschösterreich bereits fertiggeftellt. Unsere Delegation erhalt eine Woche Zeit znr Prüfung. Paris, 14. Mai. (Funkspr. der Tel.-Komp.) Die für Oesterreich bestimmten Bedingungen sind nunmehr fertiggeftellt, nachdem fünf Tage eingehend daran gearbeitet worden ist.' Die österreichische Delegation erhalt eine Woche Zeit zur Prüfung der Vorlage. Die Verständigung zwischen Dr. Renner und Brockdorff-Rantzau. Wahrscheinliche Gestattung eines schriftlichen Verkehrs. Berlin, 14. Mai. (Korr.-Bur.) Der „Lokalanzeiger" meldet ans G e n s r Eine vollständige Sonderung der mit den Vertretern Deutschlands in Versailles und mit denen Oesterreichs in Saint-Germain zu führenden Verhandlungen wird in Pariser unterrichteten Kreisen für kaum durchführbar gehalten. Eine solche Sonderung würde unnützen Zeitverlust kosten. Voraussichtlich wird man einen schriftlichen Verkehr zwischen Brockdorff und Dr. Renner nnter gewissen Bedingungen gestatten, obwohl Clemeneeau sich noch in der vorigen Woche absolut dagegen ausgesprochen hat. Die italienische Frage ungelöst. Italien wird die besetzten Gebiete nicht räumen. — Bereiterklärnng zur Unterzeichnung des Friedens mit Deutschosterreich. R e w - B o V k, 14. Mai. (Tel.-Komp.) Der Korrespondent Der „Rewyork Sun" stellt fest, daß der Streitfall mit Italien bisher keine Lösung gesunden hat. Der Rat der Vier hat den Versuch gemacht, in der ttäÄenifchen Frage in einer Besprechnüg, die Dienstag ftattsand^ eine Lösung zu finden. Es konnte jedoch kein Ergebnis erzielt werde«. Die Italiener erklären, sie wurden die besetzten Gebiete in ihrem Besitze behalten und stellen die Frage, wer sie daraus vertreiben würde. Was den Friedensvertrag mit Deutschösterreich anlangt, so sind die Italiener bereit, diesen Vertrag zu unterzeichnen, da man in Rom der Ansicht ist, daß dieser Friedensvertrag mit den Mischen Italien und den Alliierten schwebenden Fragen eigentlich nichts z« tun habe. Die Verurteilung der Mörder Liebknechts. Todes- und Kerkerftrafen beantragt. V e v l i n, 14. Mar. (Korr.-Bur.) Zn dev heutigen Verhandlung des Liebknecht-Luxemburg- Prozesses stellte der Anklagevertreter folgende Strafantrage r Gegen Kapitänlentnant Pflug k- Hartung, Leutnant Stiege, Leutnant Littmann und Oberleutnant Ritten Todesstrafe wegen vollendeten Mordes, gegen Oberleutnant V o g e l 5 Jahre 1 Monat Zuchthaus wegen versuchten Mordes, außerdem wegen Erstattung einer falsche» Meldung 6 Wochen Hast, die durch die Anterfuchungshaft als verbüßt angesehen werden sollen, gegen Runge 3 Jahre 6 Mo nate Gefängnis wegen versuchten Todschlag, Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf 4 Jahre, außerdem 2 Wochen Haft wegen Wachtvergehens, gegen Aauptmann Weller 3 Monate Gefängnis wegen Begünstig gung. Bezüglich des Hauptmanns PflugK-Hartung und gegen den Leutnant Schulze wird Freisprechung beantragt. eine Katzenmusik vor der tschecho-slowakischen Gesandtschaft dafür, daß der deutschösterreichische Staatssekretär des Aeußern, dessen Stellung sie doch gerade im Interesse ihrer großdeutschen Politik zu stützen verpflichtet wären, in eine peinliche Situation geriet und die hier weilenden Vertreter der Entente, in der Meinung, die man ihnen nicht ohne Mühe beigebracht hatte, erschüttert wurden, daß nämlich für allfällige Straßenexzesse im Anschlüsse an politische Kundgebungen nur der liebe Mob, aber keinesfalls irgendeine Partei verantwortlich gemacht werden dürfe. Die Herren aus England, Frankreich und Italien neigten wahrscheinlich der Ansicht zu, daß Couleurstudenten und Offiziere mit einigem Recht der Intelligenz zuzuzählen /eien, die sich der Tragweite ihrer Handlungen bewußt sein muß. Zum Glück scheint es Herrn Dr. Bauer, wie die versöhnliche Antwort der Tschecho-Slowaken zeigt, gelungen zu sein, diesen Irrtum der Ausländer zu berichtigen. Vielleicht hat er sich auf das Wahlresultat vom 4. Mai gestützt, um zu beweisen, wie nachsichtig man die geistige Reise einer Partei beurteilen müsse, deren politische Macht dort aushört, wo das wahlberechtigte Alter beginnt... Jedenfalls hat auch in dieser Sache, wie so oft, der Jude gut machen müssen, was andere verdarben. Und das ist es, worauf wir in diesen Ausführungen immer wieder zuruckkommen müssen. Wir möchten die Frage aufwerfen, wie lange noch Juden, voll der edelsten Gesinnung, ihre leuchtenden Gaben des Geistes und des Herzens in fremden Diensten nutzlos verzettelnwerden. Nutzlos, weil alles Gute das sie sinnen» unter dem Pesthauche des Mißtrauens, das von ollen Seiten lähmend auf ihr Schaffen eindringt, verdorren mutz, und weil ihnen sogar die Befriedigung, welche schon das reine Wollen in sich zu bergen pflegt, vergällt wird durch die ekelhaften Kampfmethoden, in denen sich ein pathologischer Haß gegen uns austobt. Juden! Seid so edel, hilfreich und gut, wie ihr es vermögt, aber seid es im Dienste des Stammes, aus dessen unerschöpflichem Lebensborne eure natürlichen Gaben stammen! Ihr habt ja nur die Wahl zwischen der Dankbarkeit gegen das eigene Volk und dem — Undank der anderen ...