Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 114 (13.5.1919)
- Date
- 1919-05-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kreis 30 Hrürr W lea: SHt gusttld»- tat Haus: M-nattkch. ...» 7.- Sjixrtcliiilirifj . .•,, so.- » , , ,, 40«— loitjfoM« . . . .' 80.— 1 Mit Postversant: Msnat.ich. . . .» 7.i>0 &i*titi{ährig . . „ SS.— aalbiähtio . . . I 44— VanriShKs ... 88.- U»t«rcho»r AdEmistv». «-» 44VS8. «ed»k«-» 48319, ad 0 Uhv «tfitN ienrr Vrris 30 Ke«»» fWIfl Wf 900 AWWGWWMl MomsMch . « ,K AM lfl*rtrff5}jrtg , 9M»«4 S»U»tShrig . w 48p4 QfattfS^cfg ... ,| SOj-^2 KedOrjMrv. «os A-.1-» Divstspark a&ut-&** \a *r. 130.098 Nr. 114 Wien, Dienstag, den 13. Mai ISIS 1. Jahrgang , *- -.■■g-.B-.»■■ .. ■■**■■■=■.■«■.- -■- - ." -"■ --- —- ■„ - •■■------ Jüdische Selbstbestimmung. r Wien, 12. Mai. r‘f Die Friedenskonferenz in Paris hat grundsätzlich ausgesprochen, daß Menschengruppen innerhalb eines Staates, die sich von dem Staatsvolk durch Rasse, Nationalität oder Religion unterscheiden, einen Anspruch darauf haben, daß ihre Rechte durch eine übernationale Instanz geschützt werden. Biel eindeutiger noch hat die Konferenz der internationalen Sozialdemokratie die Rechte der Minoritäten anerkannt. Und auch die sotzenannte dritte Internationale, die eine ganz neue '-Organisationsform der Völker vorsieht, muß das elementare Recht der bisher national Unterdrückten aus ihrer ganzen Ideologie heraus zugestehen, obwohl sie den Nationalismus grundsätzlich ablehnt. Hat doch schon lTrotzki in den denkwürdigen Verhandlungen von Brest- Libowsk das Selbstbestimmungsrecht der Völker in jener extremen, für damalige Begriffe ganz überraschenden Formulierung ausgesprochen, daß er den Völkern sogar das Recht emräumte, durch freien Willensentschluß sich von Rußland zu trennen. Die später« Praxis der Sowie tregierung ist allerdings von diesem Grundsatz übgewichen. Der Grundsatz des Selöstbestimmungsrechtes, bas einmal proklamiert wurde, kann aus dem Völkerleben nicht mehr verschwinden. Trotz mancher entgegengesetzten Anzeichen glauben wir, daß wir am Anfang einer neuen Epoche stehen, in welcher die Begriffe Staat und Volk sich deutlcher voneinander abheben und die Völker im Staatenverband freier und friedlicher Zusammenleben werden. Es bedarf nur erst der Ueberzeugung, daß der Staat ein Notgebilde ist, geschaffen zur technischen Bewältigung der Bedürfnisse der Gesellschaft, daß aber das eigentliche organische Gemeinschaftsgebilde, welches allein Träger von Werten sein und-kulturell schöpferisch werden kann, das Volk ist/ Die französische RevolPP^-.ML./dij^AM-keMpng der Menschenrechte gebracht.- Die. Revolution, in der wjr stehen, muß die Anerkennung der Völkerrechte bringen. Es ist ganz klar, daß der Gegensatz zwischen den Interessen der Völker und den Interessen der Staaten, denen sie angehören, gar nicht existieren kann, weil beide ganz verschiedenen Welten angehören. Wenn das Prinzip einmal anerkannt ist, daun erwächst allerdings noch die ungeheuer schwere Aufgabe, in jedem Fall festzustellen, in welchen Formen und in welchem -Grade die Rechte der einzelnen Minoritäten sicherzustellen sind. Dabei wird man die tatsächlichen objektiven Verhältnisse jedes einzelnen Falles genau ins Auge fassen müssen. Nach dem Grundsatz der Selbstbestimmung ist es vor allem nötig, zu wissen, was jede Gruppe selbst fordert. Und für die Minorität ist es daher erforderlich, sich selbst über ihre Bedürfnisse völlig klär zu werden uud sich ein Organ der Willensbildung zu schaffen, welches zu ihrer Vertretung geeignet und-berufen ist. Für'uns Juden entsteht nunmehr die Verpflichtung, zu. erklären, was wir in den einzelnen Ländern" für uns fordern. Die liberalen und assimilatorischen Juden, welche die Inkonsequenz Abreise der deutschösterreichischen FriedensdelegativM. Gestern abends hat die dentfchösterreichifche Friedensdelegation unter Führung des Staatskanzlers Dr. Nenner Wien verlassen. Fristverlängerung für die Hinterlegung von Staatsschuldverschreibungen nnd für die Anmeldung zur Vermögensabgabe. Wie wir erfahre«, steht die Erlassung einer Vollzngsanweisung «»mittelbar bevor, dnrch welche die Frist für die Hinterlegung und Anmeldung von Staatsfchnldverschreibnngen bis zum 31. Mai, die Frist zur Anmeldung der übrige» Bermögenfchaste» bis zum 15. Znni verlängert wird. _^_ Die Ententetruppen marschbereit. Zur Besetzung des deutschen Industriegebietes. n Bafel, 12. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenztg.*) Die Truppenkorrzentriermrgen der.. Alliierten im besetzten deutschen Gebiete sind itt oo Ilem Gange. Der Plan der eventuell notwendigen Besetznng der deutschen Industriegebiete ist von den Alliierten bereits genehmigt. ______ n ft Der zu Tod getroffene Bolschewismus." Rußland..'Med,M FrMeus.koufer.ern-.MKt Mgelaffeu, Paris, 12. Mai. (Funkjpr. des Korr.-Dur.)„Ehieagü daß Rußland nicht zur Konferenz zugelaffen werde; der zu Tode getroffene Bolfchewismus werde in kürzester Zeit arrfhörerr» jede militärische Intervention sei unnötig. Ausrufung einer bolfchewikischen Regierung in Betzarabien. Ende der rumänischen Herrschaft. Paris, 12. Mai. (Funkfpr. des Korr.-Bm.) „Komme Libre" und der „Temps" veröffeut-, lichen Telegramme aus Odessa, wonach in Betzarabie« eine bolschewitische Regierung von Arbeitern und Bauern gebUdet worden sei und die rumänische Herrschaft Über diese Gebiete aufgehört habe. jüdischen Nationalität nnd im Zusammenhang damit die Forderung nach uneingeschränkter Gleichberechtigung. (Auch . die Forderung nach Gleichberechtigung. ist int _ ... ..__ ... Grunde ein« moralische, weil es sich ja vor allem begehen, fortwährend sich, in jüdische Politik zu mischen,! darum handelt, daß der Jude nicht gezwungen werden soll, sein Judentum zu verbergen, wenn er sich rm öffentlichen Leben seinen Fähigkeiten entsprechend betätigen will.) Es soll der Fluch der Minderwertigkeit von dem jüdischen Namen genommen werden, welcher der heute gesetzlich normierten Anonymität anwährend sie doch das Aufgehen des Judentums anstreben, haben als ihrer Weisheit letzten Schluß immer das farblose Wort „Gleichberechtigung" bei der Hand. Mit einem solchen Programm machen wir uns der Welt gegenüber nur lächerliche Die Gleichberechtigung sentativkörperschaften und Behörden erforderlich, damit der Kontakt zwischen Volk und. Staat hergestellt wird, die Durchführung der gewährten Rechte sichergestellt und die Teilnahme des Volkes an den staatlichen Geschäften auf der einzig möglichen aufrichtigen Basis er-! leichtert wird. Der provisorische Nationalrat für L Putschist längst gesetzlich gewährt und wenn diese gesetzliche \ -faftet.. Zweitens hat das jüdische Volk kultuvelle Forderungen: Es verlangt für sich die Möglichkeit der freien Entfaltung seiner kulturellen Eigenart, vor allem also der Erziehung der Jugend im jüdischen Geist und ihres Unterrichtes in jüdischer Wissenschaft, so daß sie wieder mit den großen Schöpfungen und Kulturwerten des Judentums vertraut wird und diese in der neuen Generation lebendig werden. Die organisatorischen Forderungen dienen im Gruirde diesen Zielen. Darum müssen wir völlige Autcnromie in allen jüdischen Angelegenheiten verlangen. Diese Autonomie soll durch die- Volksgemeinde ausgeübt-werden, welche alle Angehörigen des jüdischen Volkes umfaßt und demokratisch konstituiert wird. Die Volksgemeinde'-wird in all den Angelegenheiten als Trägerin des Hoheitsrechtes erscheinen, welche von dem Volk für das Volk geregelt werden müssen. Dahin werden auch manche Zweige der staatlichen Tätigkeit gehoben, zum Beispiel ein großer Teil der sozialen Fürsorge, abgesehen von dem bereits erwähnten ErziehnngSwesen, und hier wird die Volksgemeinde außerordentlich fruchtbar im über- , „ . tragenen Wirkungskreis füngieren können. Weiters ist j, nichts anderes, als daß wir selbst über uns 31t bestimmen Regelung die Judenfrage nicht zu lösen vermochte, so sind eben Gründe dafür vorhanden, die man nicht aus der Welt schafft, indem mau sich die Augen verbindet. Einzig die jüdischnationale Partei hat ein Programm r aufgestellt, das dem Ernst der Sache angemessen ist und | den ehrlichen Willen bezeugt, eine Lösung der Juden- \ frag« herbeizuführen. Es ist aber unbedingt notwendig,; da-ß das ganze Volk sich mit diesen Fragen besaßt s uud in allen Einzelfragen weiß, was es will und braucht. Die Wiener Juden Haben bei den letzten { Wahlen deutlich ihre Zustimmung zur jüdischnationaleu ■ Idee bekundet; wenn es sich aber darum handelt, die [ aufgestellten Grundsätze nun auch in di« Wirklichkeit j umzusetzen, bedarf es der gutwilligen und hingebungs-; vollen Mitarbeit aller. \ Das jüdische Volk sin Deutschösterrcich hat keine! weitgehenden nalionalpbütischen Forderungen. Es hat - keine eigene Sprache, di« es im nationalen Kampf; durchsetzen gilt. Es wird schwerlich Anspruch erheben : auf jüdische Gerichte oder dldministrativbehörden- Seine s Förderungen sind im'' wesentlichen zweifacher Natur: , T i:ft - Erstens nioratii'cbe. dabin aebürt die Anerkennung der | 2UM Vertretung der jiidtjchen Mtnontat in allen Reprähaben. österreich, der bisher die verantwortungsvolle Aufgabe! einer Vertretung der jüdischen Interessen erfüllt hat,! hat nunmehr die Wahlen ausgeschrieben, auf Grund'! deren eine Mische Vertretung durch den Willen der, gesamten Judenschaft eingesetzt werden soll. Jeder Jude^ dem das Schicksal des jüdischen Volkes, sein eigenes unb'; seiner Kinder Schicksal am Herzen liegt, wird mit größtem Interesse an der Schaffung dieser demokra-: tischen Vertretung teilnehmen müssen. Die Neuartig-, keit dieser Wahlen bewirkt, daß erst gewisse Vorarbeiten!' erledigt werden müssen, vor allem muß ein Kataster^ aller Wahlberechtigten angelegt-werden. Es ist selbst-! verständlich, daß bei einer Mion, die die Verfassung des jüdischen Volkes betrifft und sich' auf das Sllbstbestintmungsrecht des jüdischen Volkes gründet, nur derjenige teilnehmen "kann, der sich den: jüdischen Volkezugehörig fühlt. In diesem Sinne würde auch das! Wahlstatut festgesetzt^ welches auf 'dem weitgehendstes demokratischen Wahlrecht beruht. "Der Friedenskongreß oder der Völkerbund kann uns nur den Anspruch auf . Minoritätsrechte zugestehen; diese Rechte selbst geltend', zu machen, ist unsere Aufgabe. Der gewählte Natisnal- , rat wird diese Aufgabe nach dom Willen der Wählerschaft zu lösen haben. Srlbftbestimmuugsrecht bedeutet