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Wiener Morgenzeitung · 1919-05-11 · Heft 112 (11.5.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 112 (11.5.1919)
Date
1919-05-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Obzwar sie sich jeder weiteren Bemerkung enthält, ist doch klar, daß ihre Feststellung nicht von der Zufriedenheit und vom Wohlwollen diktiert ist. Sie will sich anscheinend das Recht sichern, einen etwaigen Mißerfolg unserer Friedensmission auf das Konto ihrer Verjudung zu setzen. Diese unverkennbare Absicht braucht den Juden nux wenig Angst einzuflößen, da sie schon daran gewöhnt sind, für jeden Mißerfolg auf jedem Gebiete verantwortlich gemacht zu werden. Dennoch scheint es geboten, zur Bemerkung der .Reichspost" Stellung zu nehmen. Wer sind die sechs Juden? Leute, die dem Judentum schon langst den Rücken gekehrt haben, die absolut keine Gemeinschaft mit dem jüdischen Volk pflegen, der Mehrzahl nach Getaufte. Jedenfalls Menschen, die nicht 'zufolge ihrer jüdischen Abstammung str die Höhe gekommen sind, sondern trotz dieser Abstammung und dank der Bemühungen, chre jüdische Herkunft äußerlich und innerlich zu verleugnen. Ihre Berufung in die Friedensdelegation kann daher die jüdische Gesellschaft wirklich kalt lassen; ihre Erfolge werden keine Errungenschaften jüdischen Geistes und ihre . Mißerfolge keine Niederlagen des jüdischen Genius sein. Das Judentum ihrer Vorfahren ist eine zufällige Begleiterscheinung, nichts Wesentliches, und wenn sie als Fachmänner versgaen, so mögen das jene verantworten, welche die .^MWWWWWWWKMdamit. Dennoch lohnt es sich, der hinter der Bemerkung der „Reichspost" versteckten Frage näherzutreten. Ist die Teilnahme von Juden an derartigen Missionen förderlich oder nicht? Die Frage ist unbedingt zu bejahen. In diese Mission hätten Juden hineingehört, allerdings echte, auftechte und bewußte Söhne des Judenvolkes. Bei der Zusammensetzung derKörperschaft mußte natürlich, von derBesetzung der Fachreferate abgesehen, das Bestreben vorwalten, nach Möglichkeit solche Personen heranzuziehen, welche Beziehungen zur internationalen Welt haben, welche draußen auf freundschaftliches Entgegenkommen gewisser Kreise Anspruch erheben können und imstande sind, Kräfte in Bewegung zu setzen, welche anderen nicht zur Verfügung stehen. Das ist unbedingtes Erfordernis für diplomatische Unterhändler, und gar für deutschösterreichische, denn diese treten ihre Fahrt unter den denkbar schwersten Bedingungen an. Sie sind Vertreter eines kleinen besiegten Staates. Sie verfügen auch nicht über das kleinste Machtmittel. Sie haben herzlich wenig zu bieten und für das hart geprüfte unglückliche Land viel zu verlangen. Sie haben nicht auf warmen Empfang zu rechnen, sie werden auf eisige Kühle, auf wenig Verständnis, bestenfalls auf Mitleid mit einem fatalen verächtlichen Beigeschmack stoßen. Sie sind, wie selten andere, darauf angewiesen, außerhalb des Konferenzsaales werktätige Mithilfe zu werben. Sind die Auserwählten Deutsch- * Österreichs hierfür befähigt? Lange genug hat man bei der Auswahl gehandelt und gestritten, aber das Resultat ist nicht vielversprechend. Im großen und ganzen ehrenhafte Männer, deren Namen der Welt wenig sagen, und Exponenten von Parteien, welche, wie die christlichsoziale und großdeutsche, nie internationale Bedeutung gehabt oder, wie die deutschösterreichische Sozialdemokratie, viel von dieser Bedeutung eingebüßt haben. Deutschösterreich besitzt eine starke Gruppe der die ganze Welt umfassenden zionistischen Organisation, welche im Kriege ungeheuer gewachsen ist und deren Ziele die Friedenskonferenz in hervorragendem Maße oeschäftigen. Während die anderen interterritorialen Parteien im Kriege den inneren Zusammenhang verloren haben» hat sich das Zusammengehörigkeitsgefühl der zionistischen Gruppen aller Länder verlieft. Die Zionisten aller Länder sind, unbeschadet der Treue zu hren Staaten, den Weltkrieg hindurch in Versinkung geblieben und der Zionist, welcher heute ns Ausland reist, findet überall Bruder, welche ihm lerzlich entgegenkommen und seinen Wünschen Vertändnis entgegenbringen. Als Angehöriger einer Partei, >ie zufolge der Aktualität des zionistischen Problems Wilson will den Juden nationale Minderheitsrechte garantieren. Paris, 8. Mai. (Tel. der „Wiener Morgenztg.*) Der amerikanisch-jüdischen Delegation ans der Konferenz der jüdischen Rationalräte in Paris gegenüber erklärte Präsident Wilson, es sei ihm bekannt, daß die oftenropLrschen Juden nationale Minderheit-» rechte erhalten müssen, da sie sonst die Hölle haben würden. Wilson sagte weiters, daß er fich gelegentlich der Abfassung der Friedenstraktate mit den neuen Staate« für die Garantierung dieser Rechts als conditio sine qua non bemühe. Wilson ist jetzt mit der Ausarbeitung entsprechender Klauseln im Friedensvertrag beschäftigt. Die ungarischen Grenzen festgesetzt. Gestern wurde die österreichische Grenzfrage geregelt. — Die Finwaner Frage noch nicht gelöst. j Versailles, 10. Mai. Das Komitee der fünf Außenminister hat gestern die ««garischetz Grenzen geregelt. Alle Ausschußbefchlüffe wurden gutgeheißen. i Heute sollen dieöfterreichischen Grenzen g e re g elt w erde«. i Die Adriasvage ist noch in der Schwebe. Der Viererrat hat gestern die Beratungen in dieser Frage wieder ausgenommen. Der Fall ist sehr heikel. Orlando und S onnino sind nach Paris unter dem Eindruck zurückgekommen, daß die Frage durch eia Kompromiß geregelt werde, das Italien den Besitz Fiumes nach einer Feist sichert, während welcher die Stadt von der Gesellschaft der Nationen verwaltet wird, Wilsd« habe aber das Kompromiß nicht angenommen. Pogrome irr Kolbuszowa rrnd Umgebung. Krakau, 10. Mai. (Tel. der „Wiener Morqenztg/) „Rowe Dziermik" meldet unterm KüttpHgeÜieKcho m KvakEH^ > hielt heute' to&ft d-sr -.-Hen Kolbuszowa folgendes Telegramm: Die hiesige Judenschaft wurde völlig ausgeplündert. Wir bitten um Hilfe. Die Zahl der Toten bisher unbekannt. Außerdem meldet unser Rzeszower Korrespondent r Aus Glogow, Majdan, Trzyezyn, Kolbuszowa und Czudee sind in Nzeszow Nachrichten eingelangt über ausgebrochene antijüdische Arrrrrherr. Aus Czudee kam gestern an die hiesige Kultusgemeinde die Bitte, mit Rücksicht auf die bedeutende Zahl der Verwundeten dorthin einen Arzt senden zu wolle». r——--— Der Bauernaufstand in der Ukraine. Gegen die Bolschewiken. Stanislau, 8. Mai. Der Ükrainifche Pressedienst meldet: Der vom Ataman Zeleny dirigierte Ausstand in der llkraine gewinnt an Ausdehnung. Die Gouvernements Kijew, Czernigow, Poltawa und Jekaterinoslaw stehen im Zeichen einer großen Bauernreo ölte gegen die bolschewikifche Fremdherrschaft. Von der Moskauer Sowietregierrrng find neue Kräfte abgesendet worden. Der Anschluß abgetan. Haag, 10. Mai (Tei-Komp.) Die französisch^ Funkenstation in Lyon gibt eine Nachricht weiter, derzufolge der Anschluß Deutschöstevi reichs an Deutschland als abgetan anj :,v „Defensivvertrag" gegen Deutschland. L o n d o n, 9. Mai (Tel.-Komp.) Die „Dir erklärt sich mit dem Beschlüsse Wilson und Lloyd Georges einverstanden, ' Parlamenten einen Defensivvertra vorzuschlagen, der für den Fall eines Ar griffes Deutschlands ans Franks reich gelten soll. Das Blatt erachtet diese Garantie für die Verteidigung votz Polen und der Tschecho-Slowakeit als notwendig, «m einen dauernden Friede» ficherzustellen, vor allem mit Rücksicht ans die Schwache der neuen Staaten, und die Möglichkeit, daß Deutschland darnach trachten werde, im Osten zu gewinnen, was es im Weste« verloren hat. _ 1 Holland verweigert die Auslieferung des Exkaiser Wilhelm New-2)ork, 10. Mai (Tei-Komp.) „New Portz Tribüne" meldet aus London, daß sich Holland weigere, den früheren deutschen Kaiser auszuliefern, weil sich dieser keines Verbrechens schuldig gemacht habe. Lebensmitteltransp orte ans Frankreich. Bern, 10. Mai Witz der „Bund" aus Buchs meldet, sollen in nächster Zeit aus Frankreich täglich zwei GAterzügemit Lebensmitteln eintreffen und nach Oesterreich ge leit et werden. mit den großen Westmachten, insbesondere mit Amerika und England, ständig und intensiv verhandelt, kann ein zionistischer Unterhändler seinem Staate wertvollere Dienste leisten, als mancher diplomatische Zünftler. Die deutschösterreichische Regierung, ist an > diesem günstigen. Umstand achtlos vorübergegangen,! obzwar es die deutschösterreichischen National-! juden nicht unterlassen haben, wiederholt zu versichern, daß sie gerne ihre Kräfte in den Dienst der deutsch- > österreichischen Sache stellen. Sie hat es vorgezogep, j Dis Unruhen in Aegypten. Kairo, 8. Mai. (Reuter.) Amtlich wird gemeldet: Studenten der Universität und der Hochschulen versuchten gestern abends eine K u n d g e b u n g. Die Menge wurde von Polizeitruppen zerstreut. Von den Teilnehmern an der Kundgebung wurde einer getötet, neun wurden verletzt und 60 verhaftet. eine Friedenskommission nach dem Parteidiktat und nach dem Parteischlüssel zu bilden, als ob es sich um die Aufteilung politischer Mandate, nicht aber um das Wohl und Wehe eines Staates gehandelt hätte. .Sie hat mit übel angebrachter Geringschätzung über die Zionisten hinweggeschaut und sich mit der Heranziehung einiger Leute begnügt, deren jüdische Abstammung die „Reichspost" reizt und der Mission nichts nützt. Ob das klug war, wird die Zukunft lehren.

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