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Wiener Morgenzeitung · 1919-05-06 · Heft 107 (6.5.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 107 (6.5.1919)
Date
1919-05-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Mai. - //■•,.< Was Ergebnis der Wahlen dam Vierten Mai ist Mcht nur darum für uns Von größter Bedeutung, well Mrnrmhr in allen großen öffentlichen Vrrtretungskörperrr die jüdische Bevölkerung Wiens durch eigene Mandatare vertreten sein wird, sondern vor allem auch haMm, weil sich gezeigt hat. daß die jüdische Bevölke- Mng Lei voller Freiheit der politischen Willensäußerung Wheütig ihren Willen kundgegeben hat, durch jüdisch- Wttonale Abgeordnete vertreten zu sein. Damit ist eme endgültige Abkehr von dem alten System der Ächtung- und ziellosen Politik der jüdischen Bourgeoisie vollzogen worden. Die letzten Wahlen haben überhaupt d^s.Bild, welches schon die Wahlen zur Nationalversammlung gegeben haben, noch in schärferen Umrissen gezeichnet. Die Parteien mit ausgeprägtem Programm ÜÄ. starker, wohlausgebauter Organisation haben einen über die schwächlichen, unentschiedenen bürgerlichen Parteien davongetragen, welche, noch immer behängen in dem Truggebäude eines längst zusammengchxochenen, weil auf Lüge gebauten Liberalismus, lein Verständnis für die Erfordernisse und die Probleme der Zeit aufbringen. Das Bürgertum, welches geistige Eichung geradezu als sein Privilegium betrachtet und önrch ein reaktionäres, nicht reinen, geistigen Zielen, ßhtdern einseitigem Gesetlschaftsinteresse dienendes SÄMwesen zu monopolisieren verstanden hat, zeigt HW im Spiegel des politischen Lebens die Merkmale iMeren Verfalls, weil es nicht mehr imstande ist, wahrvon einer Idee ergriffen zu werden und eine Idee E die Massen zu tragen. .Was heute das Bürgertum beHrrscht, ist im wesentlichen die Aengstlichkeit um HiADphrung. seiner. sozialen und wirtschaftlichen Posi- Unbehagen, melchG .MuheDrung yKursacht, ein nicht von Kulturbewußtsein, sondern von leerem Machtinteresse diktierter Konservätivisinus. Dieses Bürgertum ist nicht imstande, eine neue Ge- Wschaftsordnung heraufzuführen, und nicht imstande, f$. Vertrauen der Massen zu gewinnen. Die große >ee des Liberalismus, der einmal den Kampf um enschenrechte, Menschenwürde und Menschenfreiheit be- Hütete, ist durch die geistverlassene, nur dem Profit Dküende, mit höheren Zielen höchstens zum Aufputz Wsstaffierte Zweckwelt des sich liberal nennenden Wrgertums geschändet und zunichte geworden. Wir meinen den Bürger nicht im ökonomischen, Mrdern im geistigen Sinne, wenn wir von tent Niederung sprechen, welchen der bürgerliche Rationalismus, ins. dessen Gefolge Kapitalismus, Mechanisierung des Hebens, maßlose. Ueberschähung der technischen Errungenschaften, schrankenloser Wirtschaftsegoismus und Oampf oller gegen alle, überhebliche Selbsteinschätzung des Individuums und Mangel an jedem Sinn für Axiale Bindungen und Gemeinschaftsziele, über die Helt' gebracht hat. In keinem Volk aber ift dieser bürgerliche Typus in so unglückseliger, tragischer Ver- Mrung ausgetreten wie im jüdischen Volk. Bei den ^üben der liberalen Aera kam zu dem Individualismus dieser ,aufgeklärten" Zeit noch das Ve.vußtsein, eben 'Mt dem Zwange des Ghetto entronnen zu sein; es b-m imfolge der Assimilation und des Abbruches der historischen Beziehungen zum eigenen Volk, des Triebes zu möglichst raschem Anschluß an die fremde Art, die sich ihm versagte, noch ein viel stärkerer Zustand .der Wurzellosigkeit dazu, der nicht klar bewußt war, qber doch unterbewußt wirkte, v., Das Gefühl der Vereinsamung und Isolierung, das gerade in den besten Juden des ausgehenden neun- ZLhnben Jahrhunderts die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach Wiederherstellung der Zusammenhänge so mächtig Herden ließ, hat in dem Durchschnittsbürgertum, das M dem assimilatorischen Wahn befangen war, nur die Rücksichtslosigkeit und geistige Indolenz verschärft. Erst die-jüdischnationale Idee hat dem Leben des jüdischen Menschen wieder einen Sinn gegeben. Die jüdisch- Ngtionale Bewegung bedeutet das Ende des verhängnisvollen jüdischen bürgerlichen Liberalismus. Die Misch nationale Idee hat den jüdischen Massen eine Richtung und ein Ziel gegeben, sie hat das Judentum eins seiner hoffnungslosen Lethargie zu neuem Leben geweckt. Die Erkenntnis der starten Zusammenhänge Mt .der jüdischen Vergangenheit, welche jüdisches We.en geformt hat, mit dem in unsäglicher Bedrängnis und in einer beispiellos perversen sozialen Struktur lebenden fischen Wlksmasse. die WiüdewMMtuug Äner kon- Neue schreMiche Judenpogrome in Polen. Sin viertägiges Blutbad in Wilna. Berlin, 5. Mai (Tel. der „SBr. Morgenztg/) Nach hier eingegavgenen Meldungen vollzieht sich der ganze Vormarsch der polnischen Armee unter schrecklichen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Die Panik unter de« Zuden wachst täglich uw so mehr, als die Bolschewiken wieder vorriicken und den Polen mit furchtbarer Rache drohen, falls sie Wilna zurückerobern. Die polnischen Legionäre veranftalteten am Tage nach ihrem Einzug in Wilna ein furchtbares vier Tage lang währendes Massaker gegen die jüdische Bevölkerung. Eine große Zahl an Toten und Verwundeten ist zu beklagen. Da sich die Polen darauf vorbereiten, Wilna wieder räumen zu muffen, führen sie aus der Stadt die Lebensmittel weg, wodurch sich die Bevölkerung in Hungersnot befindet. Auswanderung nach Palästina aus Ungarn. Bereits am 1. Juni? kl Budapest, 5. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Wie in hiesigen Kreisen verkantet, wird die jüdische Abwanderung nach Palästina, zu der sich zahlreiche Angehörige verschiedener Berufskrerfe gemeldet haben, bereits am 1. Znni beginnen. Der Reiseweg wird über Italien führen. Die leitenden Regierungskreise werden der Aktion kein wie immer geartetes Hindernis in den Weg legen. Die AMsterdamer Sozialistenkonfexenz gegen die EntrechtARg der rumänischen Juden. A m ft e r d a m, 5. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Die internationale Sszialistentonferenz hat in ihrer letzten Sitzung eine Resolution angenommen, worin sie gegen die s ch m a chvolle, Be h an d l u n g d er Zu den in Rumänien aus das entschiedenste Verwahrung ei nl e g t. Die Konferenz fordert iie Regelung der Züdenfrags dieses Staates sowie aller ihm etwa noch zufällenden Gebiets im Sinne der v o l l en bürgerlich e n Gleichberechtigung und nationalen Selb ft Verwaltung unter internationaler Garantie. Die Konferenz verlangt ferner die uneingeschränkte und ausnahmslose Naturalisisrung und Gleichberechtigung aller Juden Rumäniens und verwahrt sich gegen jeden Versuch der rumänischen Regierung» durch Einschrankungsöeftimmir ngen wie das Verlangen nach Vorlegung von Akten und anderen Beweisen über die Geburt im Lande und dergleichen, die Rechtlosigkeit eines großen Teiles der Jude» festzulegen. Der Völkerbund muß darüber wachen, daß eine Wiederholung des Vertragsbruches seitens der rumänischen Regierung unmöglich gemacht wird. Der Triester Lloyd nimmt den Betrieb wieder ans. Trieft, 5. Mai. (Tel.-Korr.-Bur.") Die Bemühungen des Triefte« Lloyd um Wiederaufnahme des Triester Seeverkehres haben bei der italienischen Regierung b esonderes Entgegenkommen gefunden, so daß sukzessive nach Tunlichkeit die requirierten .Schiffe zu diesem Zwecke übergeben werden sollen. Man hat begründete Hoffnung, schon in ungefähr zwei Wochen die Linien nach Syrien, Konstantinopel und Schanghai und hierauf mit entsprechenden Abänderungen andere Linien in Betrieb zu setzen. * Diese Nachricht wird als Zeichen des baldigen Wiederauflebens des normalen Verkehrs in Triester Handelskreifen lebhaft begrüßt. Details werde» nach Festsetzung der definitiven Abfahrten veröffentlicht werden. treten Aufgabe, eines Ideals van hinreißender Schönheit und Größe, die Erweckung einer sittlichen Verpflichtung hat Las jüdische Volk von Grund auf umgewandelt. Die nationale Idee ist im Judentum keineswegs eine Aeußerung des Machtwillens wie bei den anderen Völkern. Sie ist vielmehr das Bekenntnis zur Menschlichkeit und zu aufbauender sozialer Arbeit. Denn bevor nicht die Jui en erkannt haben, daß sie in einer unwürdigen, entehrenden Situation leben, so lange sie zufrieden find, wenn mau sie nur unbemerkt und „gleichberechtigt (Incus a non lucen^o) '"»sdet, so lange sie nicht das primitive Gefühl für Menschenwürde haben, können sie in keiner Art Gemeinschaft überhaupt als wertvolle Elemente mi.a.l-'.^en. Es beweist nichts für die jüdischnatümale Idee, welche in ihrer absoluten Wahrheit unabhängig ist von Tagesereignissen, aber es beweist viel für die Wiener Judenschast. daß sie sich am letzten Sonntag fsir die jüdisch nationale Sache entfch'eden hat. Es beweist, daß sie sich nicht mehr von den lendenlahmen Tiraden jener .Rudimente des alten libemlen jüdischen Bikrgertm ts irre führen läßt, sondern ihrer selbst und ihrer Verantwortung bewußt, ernstlich an die Arbeit für ihr Volk zu schreiten gewillt ist. Das richtungslose, farblose^ assimilatorische jüdische Bürgertum hat eine Niederlage erlitten. Symptomatisch hierfür ist vor allem die Wahl im neunten Bezirk, die das Argument, nur die Leopoldstädter Ostjuden seien jüdischnational, hinsällig macht, sowie die stattliche Anzahl der im sechsten, siebenten- und achben Bezirk abgegebenen jüdischnationalen Stimmen. Der zweite und zwanzigste Bezirk hat ja, seine Gesinnung schon bei den Wahlen zur Konstituante" bezeugt. Es ist jetzt vor aller Welt unzweideutig klar,, daß nur die Jüdisch nationalen das Vertrauen der jüdischen Massen besitzen, daß niemand anderer als. die Jüdisch nationalen das Recht hat, im Namen des! Judentums zu sprechen. Kein jüdisches Großbürgertum, keine ertsu^ete Prosessörencliqu-, kein Börsenjudentum und keine „Union" darf fürderhin wagen, in der. Ocffentlichleit als jüdischer Wortführer aufzutreten. Das ist die erfreulichste Wirkung des Wahlergebnisses vom SW.ntag. '

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