Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 106 (5.5.1919)
- Date
- 1919-05-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien. Montag Poftsparkassensekretar Dr. Franz Odebnal, Bäckermeister Karl Kerner, Waisenrätin Josefine Kurzbauer, der NaLionaldemokrat Kaufmann Johann Heldmann. 19. Bezirk (Döbling). Gewählt wurden drei Sozialdemokraten und zwei Christlickisoziale. Im Grinzinger Kriegsspital, in dem 3000 Kriegsverwundete sich befinden, entfaltete die kommunistische Partei einen ungeheuren Terrorismus, um sie von der Wahl abzuhalten. Sogar die Wahlkommission war Drohungen ausa^seht. So kam es, daß von den 3000 Invaliden nur 240 zur Wahl gingen. 20. Bezirk (Brigittenau). Zahl der Wahlberechtigten: 51.557. Zahl der abgegebenen gültigen Stimmen: 36.590. Es erhielten die Sozialdemokraten 24.376, die Christlichsozialen 4632, die Tschecho-Slowaken 4685, die Lüdischuationalen 1996. Es erhalten sonach die Sozialdemokraten 6, die Christlichsozialen und die Tschecho-Slowaken je ein Mandat. 21. Bezirk (Floridsdorf). Wählerzahl 48.000. Zahl der abgegebenen Stimmen 36.297. Davon entfielen auf die Sozialdemokraten 26.023 auf die Christlichsozialen 6353, aus die Tschechoslowaken 2493, auf die Deutschnationalen 1839, auf die vereinigten Demokraten 40, auf die deutschösterreichische Volkspartei 35, auf die Jiidischnationalen 81. Gewählt erscheinen: die Sozialdemokraten Nationalrat Anton Weber, Lokomotivführer Hans Jser, Beamter Paul Speiser, Kesselschmied Konrad Lötsch, Schriftstellerin Emmy Freundlich, Revident Josef Benisch und der Christlichst ale Bizebürgermeister Franz H o ß. _ Die Wahlen in die Bezirksvertretungen. In die Dezirksvertretrmge« wurden folgende jüdische Vertreter gewählt: Im H. Bezirk: 4 Iüdischnatronale. Im TI. Bezirk: 1 Jüdischnationaler. Im YIL Bezirk: 1 Iüdischnationaler. Im IX. Bezirk: 2 Iüdischnationale. Im XX. Bezirk: 1 Iüdischnationaler. Die Lan-tagsrvahlen. Nach den bis 10 Uhr vormittags vorliegenden Meldungen wurden außerhalb Wiens gewühlt: 26 Christlichsoziale, 20 Sozialdemokraten und 6 Deutschnationale. I n W i e n sind nach einer aus der Statthafterer aufgestellten Berechnung gewählt: 22 Christlichsoziale, 37 Sozialdemokraten, 4 Tschechen, 1 Deutschnationaler und 1 Iüdischnationaler. Unser Sieg. Wien. 5. Mai. Der gestrige Tag hat die Kraft und Schlagfertig, keit unserer Organisation im hellsten Licht gezeigt. Ohne Koppelung, ohne Kompromiß sind wir in den Kampf gegangen. Allem haben wir den Kamps ausgenommen und aus eigener Kraft ohne jede Unterstützung siegreich zu Ende geführt. Der Erfolg vom 16. Februar ist gestem bedeutsam erweitert worden. Unsere Partei ist die einzige, die von der allgemeinen Wahlmüdigkeit nicht ergriffen worden ist. Wir haben unsere Reihen gestärkt und den im Februar erreichten Besitzstand nicht nur festgehalten, sondern vergrößert. Aber wir sind darüber hinausgegangen. Wir haben in die Assimilatton eine schwere Bresche geschlagen. Wir haben sie an ihrer stärksten Stelle, im Alsergrund, ausgesucht und niedergeschlagen. Haben unsere Gegner Mitte Februar sich damit getröstet, daß es nur mtt HUfe der östlichen Juden gelungen war, Dr. Ofner zu stürzen, so müssen sie diesen Trost fest gestern sahren lassen. Das bodenständige, einheimische Wiener Judentum ist gestern zur Wahl gegangen und hat sich zum jüdischnationalen Gedanken bekannt. Der Wahlrechtsraub, der, begleitet vom verständnisinnigen Augenzwinkern der AssimUationssührer von Christlichsozialen und Sozialdemokraten an den östlichen Juden verübt wurde, hat nichts genützt. Die jüdischen Wähler haben sich weder durch Versprechungen, noch durch Drohungen beirren lassen. Sie sind treu geblieben ihrer Sache, unserem Programm, das nur ein Wort umfaßt: Dem jüdischen Volke. Die. Fahne, die wir gestem auf dem Alsergrund ousgepflanzt haben, wird dort bleiben. Wir werden diesen Erfolg ebenso sestzuhalten verstehen, wie den im Wahlkreis Nordost. 'Der gestrige Tag aber gibt uns die felsenfeste Ueberzeugung und die Sicherheit, daß wir auch in dem bevorstehenden Kamps um die Kultusgemeinde die Zielsicherheit und Festigkeit unserer Wählerschaft durch vollen Sieg erweisen werden. Wiener Morgenzettung 5. Mat 1919 Nr. 106 Hoffman« in München. Müuche« ganz In Negierungsgewalt. — Stuck lebt. — Die Komnmnistenführer teil» geflohen» teil» verhaftet. — StPdrechtliche Erschießungen. — Belagerung», znstand in ganz Bayern. B- Diele Mensche» «mgekomme». München ganz besetzt. Berlin, 4. Mai. (Wolff-Bur.) Aus München wird gemeldet: Preußische Truppen haben den Bahnhof besetzt. Die aus dem Westen Kommenden Truppen besetzten kämpfend das Hackerbräu, das Iustizgebäude und nahmen das Matthäserbräu mit Flammenwerfern. München ist vollständig von Regierungstruppen besetzt. Rach dem roten Schrecken der weiße Schrecken. Augsburg,^4. Mai. Ueber das Schicksal der Münchner Gewalthaber wird den „Augsburger Neuesten Nachrichten" aus München mitgeteilt: Ueber den Aufenthalt, beziehungsweise über die Festnahme der einzelnen Spartakistensührer ist nichts Bestimmtes bekannt. L e w i e n soll entkommen sein. Toller und Männer sind jedoch bestimmt verhaftet. Volksbeauftragter Pau! ukum wurde in München fest genommen, während Kriegsminister Reichhardt auf seiner Flucht in Peterhausen verhaftet wurde. Der Volksbeauftragte Klingelh ö f e r wurde mit seiner Frau in der Wohnung verhaftet und soll im Maximiliankeller standrechtlich erschossen morden sein. Von der Regierung Hofsmann sind die Mehrheitssozialisten Schilling und der Münchner Stadtkommandant Dollnhals zu Polizeipräsidenten ernannt worden. Die endgültige Säuberung Münchens wird planmäßig durchgesührt. Professor Stuck lebt. Berlin, 4. Mai. (Wolfs) In einer gestem stattgefundenen Schriftstellcrversammlung teilte der Vorsitzende mit,, daß die Nachricht von der Erschießung des Professors Stuck unzutreffend sei. Belagerungszustand in Bayern. München, 4. Mai. Zum erstenmal nach vierwöchiger Knebelung sind heute mittags die bürgerlichen Zeitungen wieder erschienen, die in ihren Betrachtungen der allgemeinen Freude über die Befreiung vom kommunistischen Joch Ausdruck verleihen. Durch einen Anschlag wird bekanntgegeben, daß über Bayern der Belagerungszustand verhängt worden ist. In München ist das Betreten der Straßen von 7 Uhr abends bis 7 Uhr früh verboten. Die Stadt steht unter Kriegszustand. Der Häuserkampf hat an zahlreichen Gebäuden zum Teil schweren Schaden angerichtet. Die Verluste an Menschenleben dürften sehr erheblich sein. Der am 30. April angeordnete Generalstreik ist aufgehoben worden. Der polizeiliche Sicherheitsdienst, der von den Kommunisten gewaltsam entfernt worden war, ist wieder in Tätigkeit getreten. 169 Tote, 999 Verwundete, 6000 Verhaftete. Berlin» 5. Mai. (Korr.-Bur.) lieber dieSäuberungsaktion in München berichtet der „Lokalanzeiger* unter dem Gestrigen: Pom Jubel der Bevölkerung begrüßt, zogen heute weitere Truppen hier ein. Bü jetzt hat es 150 T o t e und etwa 900 Verwundete gegeben. Mehr als 5000 Personen wurden verhaftet. Das Kesseltreiben der Spartakisten. München, 4. Mai. Die Gruppe Epp berichtet über den L. Mai: Der hartnäckige spartakistische Widerstand in Müuchen-Giestng wurde in schweren Kämpfen gebrochen und der Vormarsch über die Eisenbahnlinie München-Südbahuhof-Ostbahnhof an die Isar erzwungen. Jenseits der Isar wurde das Luitpold-Gymnasium erreicht. Mit der systematische« Entwaffnung und Säuberung Giesings, einer Hochburg des SpartakiSmuS, ist begonnen worden. An eigenen Verlusten wurden bis jetzt drei Tote und zwei Verwundete gemeldet. Die Spartakisten hatten 30 Tote. Die Zahl der Verwundeten und Gefangenen ist noch nicht festgestellt. Mehrere Maschinengewehre und zahlreiche Gewehre wurden erbeutet. Telegramme. Die Arbeiten der Friedenskonferenz. Paris» 3. Mai. (Funkspruch.) Die Minister der auswärtigen Angelegenheiten der verbündeten und assoziierten Mächte sind heute nachmittags zusammengetreten. Auf der Tagesordnung standen die Frage der Verpflegung der baltischen Provinzen und Finnlands sowie das Verjähren für die Ausfolgung des P r Lliminarsriedensvertrages. Heute vormittags hat der Ausschuß für die Anfelegenheiten Polens die Prüfung der s Ü d ö stich e n Grenzen Polens begonnen. Morgen wird eine Sitzung des Komitees für die Verifizierung der Vollmachten der deutschen Delegierten im Ministerium des Aeußern stattfinden. Im Trianon-Palast zu Versailles haben heute neuerliche Besprechungen zwischen den Vertretern der verbündeten Nationen und den deutschen Delegierten stattgefunden, doch hatten diese Konferenzen keinen unmittelbaren Zusammenhang mit den Friedenspräliminarien; auch wohnte ihnen GrafBrockdorff-Rantzau nicht bei. Es sind bloß finanzielle und Verpflegungsfragen verhandelt worden, die jüngst in Spaa und in Plessis-Villette erörtert worden waren. Ein geplantes Attentat gegen Elementes«. Paris, 3. Mai. (Meldung des Reuterschen Bureaus.) In der Nähe der Wohnung des Ministerpräsidenten Clemenceau wurde ein 19jähriger Bursche namenS Cornillon verhaftet, bei dem man einen kleinen Dolch und eine anarchistische Broschüre fand. Cornillon gab zu. daß er die Absicht hatte, Clemenceau zu ermorden. . Ein Bündnis zwischen England, Frankreich und Amerika. Berlin, 4. Mai. DaS „Berliner Tageblattmeldet aus dem Haag: Verschiedene Nachrichten aus Paris, darunter «ne sehr bestimmt abgefaßte Meldung deS „Daily Telegraph*, sprechen von dem unmittelbar bevorstehenden Abschluß eines Bündnisses zwischen England, Frankreich nnb Amerika. Eine französische Stimme gegen den Imperialismus. Versailles, 4. Mai. „Populaire* protestiert in einem äußerst scharf gehaltenen Artikel gegen den Eroberungshunger, der sich heute mit dem Völkerrecht bemäntle und schreibt: Im 9t a nt c tt des Völkerrechts wollen unsere Annexion! st en Millionen von Deutschen annektieren, italienische Exp ansionisten Hunderttausenden von Dalmattnern das Joch aufzwingen, Rumänen und Tschecho- Slowaken beginnen eine gemeinschaftliche Offensive gegen Ungarn. Die Bukarest e r Regierung, welche in den Jahren 1916 und 1917 gegen dm deutsch-österreichisch-bulgarischen Imperialismus Stellung genommen hat, benimmt sich heute skrupellos. Das Beispiel der Rumänen und der Tschecho-Slowaken wird von Belgrad sofort nachgeahmt. Vor zwei Monaten hatte die Pariser Konferenz die alliierten Staaten zur Geduld aufgefotbert und erklärt, daß künftige Eroberungen nicht würden gutgeheißen werden. Aber der Erlaß war wirkungslos. Wie können sich auch kleine Regierungen einen Zwang auferlegen, da andere doch auch ihren Imperialismus entfesseln? Der Krieg beginnt überall wieder. Dies ist die Frucht der unheilvollen Politik Clemenceaus, Llod Georges und Orlandos. Italiens Propaganda. Spalato, 4. Mai. (Laibacher Korr.-Bur.) Der italienische Gouverneur von Dalmatien, Admiral Millo, erließ an die Bevölkerung Dalmatiens einen Aufruf, der jenm Teil der Antwort Orlando« an Wilson enthalt, der sich auf Istrien und Dalmatien bezieht. Der Aufruf, der in italienischer und kroatischer Sprache abgesaßt ist, spiegelt den festen Willen der Regierung und der Bevölkerung Italiens wider und schließt mit der Aufforderung, die kompetenten Faktoren mögen nicht zulassen, daß der große Sieg Italiens in irgendeiner Hinsicht beeinträchtigt werde. Italiens Kriegsrüftungen. Spalato, 4. Mai. (Laibacher Korr.°Bur.) Aus Zara und Sebenleo wird berichtet, daß die Italiener große Transporte von Militär und Kriegsmaterial aller Att ausschiffen. Die Streitkräfte werden im Osten des Landes konzentriert. Die Berggegenden und die Pässe werden befestigt. Italien wird befriedigt. Pari-, 4. Mai. Die Agence HavaS meldet über die diplomatische Lage: Wilson, Clemenceau und Lloyd George traten Samstag vormittags und nachmittags zusammen und berieten über die durch die Abwesenheit der italienischen Delegation von Paris im Momente der Unterzeichnung des Frieden-Verträgemit Deutschland geschaffene Lage. Sie faßten eine Lösung ins Auge, welche von freundschaftlichstem Geiste Italien gegenüber erfüllt ist. Die bei der Regierung in Nom zu unternehmenden Schritte wurden im Prinzip festgelegt. Matt wird im übrigen genau über die Worte der ihr zu machenden Mitteilungen beschließen.