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Wiener Morgenzeitung · 1919-04-28 · Heft 99 (28.4.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 99 (28.4.1919)
Date
1919-04-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Alle Minister und Unterstaat-fekretäre, über hundert Senatoren, mehr als dreihundert Deputierte, Gemeindevorsteher, ProvinzialrLte, Offiziere u. s. w. haben sich im Vahnhofe eingefunden. Um 11 Uhr fährt der Zug in hie Halle ein und alsbald fetzen die Hochrufe auf Italien, jjjwmf, Dalmatien, Orlando und Sonnino ein. die von b« vor dem Vahnhofe wartenden Menge ' immer und immer wieder mit Begeisterung ausgenommen werden. Wiederholt werden vaterländische Lieder gesungen, Flieger kreisen über der Stadt. Die große Glocke des Kapitols kündigt dem Volke Romdie Ankunft Orlandos an, des Verteidigers der geheiligten Rechte Italiens. TrSnen der Begeisterung. Al- Orlando mir General Diaz und Barzilai auf den Platz vor dem Bahnhof hinaustritt, wächst die Begeisterung zu einem wahren Sturm an. In dev Augen vieler glänzen Tränen. Orlando ist tief bewegt. Den Carabinie« gelingt eS nicht mehr die Abfperrung auftecbtzuerhalten. Die Menge drängt sich an vrlando her«n und tragt ihn im Triumph zum Auto- «odil. Die dichtgedrängte„ Menschenmenge verhindert jedoch daS Automobil an der Abfahrt. Orlando wendet fich nnn an' die Masse und hält folgende Ansprache: Orlauds spricht. »Jetzt ist nicht die Stunde der Phrasen. Bor der 2B&, in deren Urteil wir stehen, müssen wir fest sein, müssen wir ein ruhiges nnd frohes Gewissen haben. Zwei Istützen drängen sich uns auf: Haben die Regierung ünd die italienische Delegation dem Gedanken und Willen des italienischen Volkes getreuen Ausdruck verliehen? (Einstimmig antwortet die Menge mit Ja l) Ich habe nie daran gezweifen, denn ich kenne die Seele meines Volles, aber ich brauchte eine Bestätigung. Hier ist sie! (Beifall.) Schon in Paris haben zahlreiche italienische Arbeiter» obwohl sie gerade Zahltag batten, ihre Arbeit ansgesetzt, um mir im Bahnhof ihre Zustimmung zum Vorgehen der italienischen Regierung auszickrü^en. An der Grenze erklärte mir eine arme Frau in Trauer — sie bat einen ihrer Söhne im Kriege verloren und hat einen anderen noch beim Heere stehen —: Ich stehe zu Ihnen. In Turin, in Alessandra, in Genua drängte fick überall die Menge um unseren Zug und wollte thn am Weiterfahren hindern. Der Empfang, den uns Rom bereitet, krönt unser Werk. Die erste Frage -ist damit gelöst. Auf das Schlimmste gefaßt. 8» zweiter Lmie handelt es sich darum, den Ernst der Lage richtig emznfäätzen. Ich verlange ferne sofortige Antwort. Warten wir jetzt nicht die günstigen Ereignisse ab, sondern machen wir nnS auf das Schlimmste gefaßt. Nach vier Jahren unbeschreiblicher Opfer und Entbehrungen können vir unjetzt neuen Opfern und neuen Entbehrungen gegenüber befinden. In. diesem Augenblick ist Italien bereit. Es ist größer als je, größer als im Mai 1915. (Stürmischer Beifall.) Italien isoliert? Unser Entschluß muß wohlüberlegt sein. Me'Versorgung fehlt. Aber Italien, das den Hunger kennt, kennt niemals die Schande. (Lebhafter Beifall.) Ich will die Gefahr dieser, ernsten Stunde nickt verhehlen. (Zurufe: Wir hieten allen die Stirne!) Ich befinde mich mitten unter Euch als Euer Bruder und als ein Führer, der von Euch verlangt, dem Bolkswillen zu gehorchen. Möglich erweise stehen wir allein. Italien aber muß einig sein und nur einen einzigen Willen haben. Italien wird nicht untergeben.* Die Volksmenge bringt Orlando eine lang, anhaltende begeisterte Kundgebung dar. Ansprachen deS Generals Diaz undBarzilaiS rufen warme Kundgedungen für die Marine und daS Heer hervor. Das Königshaus am Balkon. Der Bürgermeister von Nom Fürst C o l o n n a bekräftigt die volle Solidarität des römischen und deS italienischen Volkes mit der Negierung. Orlando. Diaz und Barzikai besteigen nunmehr neuerlich das Automobil, das jedoch wiederum nicht von der Stelle kommt. Soldaten, Offiziere und Arbeiter drängen herzu und wollen selbst das Fahrzeug vorwürlS'bewegen. Endlich fetzt sich der Zug in Be»^ wegling. Sehr langsam jedoch und mühsam öffnet eine Gruppe von Soldaten dem Automobil einen Weg durch die Menge. Aus den Fenstern werden D lumen geworfen. An der Nativnalstraße bringt eine Gruppe englischer Offiziere Hochrufe aus die italienische Armee aus, was die Menge mit Hochrufen aus England erwidert. Nachdem das Automobil die kurze Strecke vom Bahnhof bis zum Quirinal in zweistündiger Fahrt zurückgelegt hatte, erreicht es endlich den Platz vor dem Quirinal. Am V Ikon des königlichen Schlosses wird die Flagge hockgezogen. Der König, die Königin, der Herzog von Genua und der Thronfolger erscheinen auf dem Balkon nnd werben durch einen Beifallssturm und mit den Rufen empfangen: Es lebe der König! ES lebe Fmmel Es lebe Dalmatien! Orllmdo beim König. * Als sich der Krieg-minister neben dem König zeigt, bricht die Menge in Beifallsrufe für das Heer aus. Orlando und Diaz erheben sich im Automobil und begrüßen den König. Die Hochrufe der Menge wollen kein Ende nehmen. Orlando nnd sein Gefolge treten in. den Quirinal ein und bald darauf zeigt sich der Ministerpräsident neben dem König auf dem Ballon. Rach einer neuerlichen Kundgebung zerstreut sich dann langsam die Menge. »Herr PrWhWt, lassen Sie Ihre Stimme in der Stille des Todes ertönen." MareeA SemSst an Wilson. Haag, 27. April. (Meldung des Hollandsck NienwS Duxeaus.) Aus Paris wird berichtet: Der sozialistische Führer Marcel S e m b a t veröffentlicht ein Manifest, worin er dem Präsidenten Wilson eine Reihe von Fragen vorlegt. Sembat fragt «. a.: Warum, Herr Präsident haben Sie so lange gewartet? Da- Volk hat den Klang Ihrer Stimme vergesien und war durch langes Warten entmutigt und verzweifelt. Wie viele Gründe hatten Tie Inzwischen zur Intervention? Sehen Sie nicht, daß dauernd Armeen wieder neu geschaffen werden, trotz Ihres Versprechen-? Warum haben Sie nicht eher an das Gewissen der Völker appelliert? Haben Die nicht die Interview deS Generalissimus der alliierten Armeen gelesen, von dessen E sto die Zeitungen voll waren? Habe» Eie seine ganze Bedeutung nicht erfaßt, nicht erkannt, daß es «uuöLlick rL daMnd.mit tmuckören, welche Garantien für die Rheingrenzeverlangt werden, ebenso wie die Ansprüche zu vernehmen, die Italien erhebt? Endlich haben Sie gesprochen und sich direkt über die Köpfe der Regierungen hinweg an die Völler gewandt. Fahren Sie fort. Herr Präsident, sprechen Sie wieder! Teilen Sie uns Ihre Besorgnisse und alle Widerstände mit. denen Sie begegnen! Lassen Sie Ihre Stimme neuerlich in der Stille des Todes ertönen! Demonstratto« der Pariser Sozialiste« für SYilson. Berlin, 87. April. Der „Lokalanzeiqer" erfährt 'aus, Genf, daß nach dort vorliegenden Pariser Meldungen beute sozialistische Demonstranten vor die amerikanische Botschaft zogen, um gegen die Annexionspolitik und für den Will onfried en zu demonstrieren. ES kam zu stü,mischen Kundgebungen. Einem großen Aufgebot von Schutz. Mannschaft und republikanischer Garde aelans eS nur mit Mühe, die Demonstranten ru zerstreuen. Der maleäetto egoismo. w Der einst heilig gesprochene unselige Egoismus des itallenifchen Volkes feiert Triumphe. Die »Agenzia Stefani" veröffentlicht überschwängliche Berichte über den enthustasttschen Empfang, der Orlando in Italien, vor allem in Rom, zuteil geworden ist.' Wenn man diesen, Berichten ganz vertrauen darf»!, dann hat das itallenifche Volk ein Rausch ersaßt, der die Begeisterung des Mai 1915 noch Übertzifst. Sogar d'Annunzio spricht wieder. Italien hat das Ge», fühh am Vorabend eines neuen Krieges zu stehen;. Orlando hat in seiner Ansprache cm das Volk, ganz unumwunden und offen erklärt, daß Italien trotz allen Opfem und Entbehrungen dieser vier Jahre züm Aeußersten bereit sei; es kenne den Hunger, aber nicht die Schande. Die ganze alte unselige Demagogie, das alte teuflische Pathos unmebelt wieder die Gehirne» die Schlagworte sind am Werk, den Sinn der Menschen zu vergiften und es ist ganz unfaßbar, daß dieses unheilvolle Spiel heute noch so willige Ohren findet wie pot fünf Jahren. Wenn man die italienischen Reden' liest, muß man sich wirklich fragen, welche so unerhörte und unerträgliche Schande denn Italien angetan wurde, wodurch denn die Existenz Italiens gefährdet ist. daß der Ministerpräsident veranlaßt B, trotzig auszurufen: „Italien wird nicht untergehen!"! Selbst wenn der Besitz Fiumes für Italien erstrebenswert ist, muß doch die Frage der Ansprüche gnderer Völker nach dem Prinzip der Gerechtigt diskutiert werden dürfen; denn ohne gerechten Ausgleich, insbesondere in der Grenzsyhare, werden Volker niemals nebeneinander wohnen können. Aber Italien braucht Fiume - nicht für seine Existenz, sondern für seine Machwergrößerung; sein Imperialismus und feine Habgier ist durch den großen Machtzuwachs, -den' - er-'. langt hat, nicht befriedigt. Der »MaroegolswEKcht die „Ehre" und „Gerechtigkeit" hat diesenTamtzesb^ nationalen Begeisterung erzeugt. Das italienische Imperium ist im Aufschwung und könnte glücklich sein, wenn es rechtzeitig die Bedingungen erkennt, die der Entwicklung jedes Volkes gesetzt sind. So wie rur Privatleben die Freiheit jedes Menschen in den Bedürfnisten feines Nebenmenschen Schranken findet» st» ist es auch im Völkerleben. Solange dieses Bewußtsem sich nicht durchgesetzt hat, werden wir den Krieg aller gegen alle haben. Wir sind noch in einer prähistorischen Zeit des Dölkerlebens. Wird unsere Zeit lein Wendepunkt sein? Die Ereignisse in Italien sind symptomatisch und stimmen pessimistisch. Das Beispiel des einst nach einem siegreichen Krieg mächtig aufstrebende« Deutschen Reiches sollte für alle Volker eine ewige Wamung sein. Wird Italiens Volk sich wirklich m den Strudel eines neuen, von nationalem ThauviNismus entfachten Krieges zerren lasten? Der Tag» an dem es erwacht und zur Besinnung kommt, wird es den einst heüig gesprochenen Egoismus verfluchen lasten. Egoismus ist niemals heilig. Ftume und das sterbende Europa. k W l e «, 28. April 1319. ES kriselt in ganz Envvpn! Aber auch aus. Äs««, Afrika und Amerika laufen Nachrichten ein, welche die Staatslenker und Parlamentarier aller Völker Europas zur rafch-en Umkehr und Einkehr mahnen sollten, bevor es zu spät wird und die Götterdämmerung der weißen Nasse herankommt. Mil vollem Rechte hat vor kurzem der.bekannte dänische Politiker Professor Kjellen in einen: äußerst beachtenswerten Artikel der „Neuen Freien Presse" darauf hingewiesen, daß Europas Vormachtstellung nach dem jetzigen Weltkrieg gefährdet sei. Alle?, was in' den jüngsten Monaten und speziell jetzt bei den. Friedens- Verhandlungen vor sich geht, berechtigt zur Behauptung,^ daß die weiße Rasse mit der verblendeten, vom natio-' nalen Chauvinismus und KläsfenegoiSmus vergifteten Politik ihrer tonangebenden Männer sich ihr eigenes Grab gräbt. Flammenzeichen steigen in Indien und Aegypten auf, Japan und Amerika drohen abwechselnd, die Friedenskonferenz zu verlassen; periodisch zeigen sich wieder auch die Gegensätze zwischen diesen beiden Staaten, da ja beide um die Erbschaft des Weltimperiums anläßlich des Zusannnenbxuches Europas ringen. Sein« großen und kleinen Staatsmänner sehen aber die G«fah»on nicht. Dor Friedenskongreß droht neuerlich schan daran in Trümmer zu daß sie sich über — Fiume nicht einigen können. Difficile satyram non soriboro.

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