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Wiener Morgenzeitung · 1919-04-27 · Heft 98 (27.4.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 98 (27.4.1919)
Date
1919-04-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Durch den Pakt zwischen iEhristlichsozialen und Sozialdemokraten sind die übri-!M Parteien noch stärker in den Hintergrund ge- WLngt und der Wahlkampf wird in der üblichen rgeistüüd ideenarmen Form mit den paar bewährten Hchlagwörtern geführt, unter denen der Antisemitis- Ms diesmal in einer neuen Variation auftritt, M an -Stelle des .Iudengeldes" jetzt der „jüdische ist. Es wäre Kein er^ wenn bei den intellektuelleren und reife- M Schichten der Wählerschaft das Interesse an Men Wahlen erlahmte; hat man sich doch längst Mröhnt, daß der niederösterreichische Landtag und M Wiener Gemeinderat die Domäne Kleinbürger- Mer Beschränktheit und redseliger Krähwinkelei ist. M wäre; obet der größte Fehler, wenn die jüdische WMttschast sich darüber täuschte, daß diese Wahlen öM -größter Bedeutung sind und daß insbesondere WfJuden mit aller Mivität in den Wahlkampf Mtzeten müffen. Um dies einzusehen, bedarf es allerditztzs eiyer gewissen Umorientierung eines großen HWs der jüdischen Wählerschaft; sie muß verstehen ^Mn, daß sie an den Wahlen nicht nur als M^ger dieses Staates, sondern vor allem als FMginteressiert - ist. ' Wenn - die jüdische Wählerschaft mit' einem jüdischen Programm in den Wahlkampf eintrltt, so bekommen diese Wahlen Men ganz neuen übenagenden Sinn. Speziell in der Wdd Wien - bilden die Juden eine ansehnliche PiinorM; als solche haben sie Anspruch auf eine Bertresimg, die speziell jüdische Interessen wahrt. Daß die Wische. Bevölkerung nicht eine solche Vertretung eihAt, wie. ihr zahlenmäßig zukäme, ist die Folge der undemokratischen Wahlgeometrie. In Prag zum Beispiel ist die ganze Stadt ein einziger Wahlkreis; in Wien, würde in diesem Fall den Juden vermöge des Proporzes, eine gerechte Betretung zuteil werden. Da dies Zäher vereitelt worden ist» müssen die Juden um so mehr alle Kräfte anspannen» um wenigstens in den Bezirken, in denen, sie einen ansehnlichen Prozentsatz der Wählerschaft bilden, unbedingt eine jüdische Liste Wrchzubchrgen. vA ' Die Durchsetzung des Grundsatzes, daß Juden nur -durch Juden vertreten werden, welche offen und ehrlich jüdischen Interessen dienen, hat aber mehr als moralische Bedeutung. Es wird zur Klärung der Anschauungen vom Judentum wesentlich beitragen» wenn durch das Votum der jüdischen Wählerschaft ganz eiydeuüg dargetan wird, wer die Verantwortung für die jüdische Politik einzig und allein trägt. Es wird dann nicht mehr möglich sein, die Taten einzelner entwurzelter Juden, die mit der jüdischen Gemeinschaft keinerlei Zusammenhang haben und ihr Handeln auch nicht nach den Bedürfnissen der jüdischen Gemeinschaft einrichten, dem Judentum zur Last zu legen. Schon um dieser Klarheit willen mutz die gesamte Iudenschast im eigenen Interesse jüdisch wählen. Gibt es wirklich noch Juden, die nicht begreifen, daß nur durch das System von Verschleierungen und Falschmeldungen, nur durch die Aengstlichkeit vor selbständigem unzweideutigem Auftreten jene gespensttsche Verkennung des Judentums möglich geworden ist, die der Nährboden für allerhand erfundene Schauergerüchte ist? Im Wiener Gemeinderat, der nicht nur ein Organ der autonomen Gesetzgebung, sondern vor allem ein Organ der Verwaltung ist, wird für die jüdischen Vertreter reichlich Gelegenheit sein, nicht nur ihre Anschauungen vor der Oeffentlichkeit zu entwickeln, sondern auch an Konkreten Aufgaben mitzuarbeiten. Die Gemeinde Wien hat gerade in diesem Zeitpunkt Aufgaben von orützter Tragweite zu erfüllen. Die Stadt ist wirtschaftlich dem Ruin nahe, große Massen von Arbeitslosen i fordern Brot und Arbeit, Desperados und verwilderte * Elemente bed.ohen die Ruhe und Sicherheit der ohnedies schwer heimgesuchten Bevölkerung. Es bietet sich ein großes Feld für großzügige, weitausschauende, fruchtbare Kommunalpolitik. Das Schicksal Deutschösterreichs wird in hohem Grade von der 2U't der Wiener Jüdische Gemeindeautonomie in Ostgalizien. S t a n i S l a u, 25. April. (Telegramm.) Der Mrainifche Pressedienst meldet aus Rotvno: Der Ministerrat hat ein neues Gesetz über die jüdische nationale Autonomie beschlossen, auf Grund dessen die Leitung aller jüdischen kulturellen, philanthropischen, sanitären und anderen Institutionen binnen zwei Monaten den jüdischen Gemeinden übergeben werden. _ Ankunft der deutschen Delegation in Versailles. Paris, 26. April. (Funkfpr. des Korr.-Bm.) Die erste Gruppe der deutschen Delegierten ist am 25. d. M., vormittags, in Versailles eingetroffen. __ Auch Eonnino und Salandra verlassen Paris. Paris, 26. April. (Reuter.) Die Mitglieder der italienischen Delegation Salandra und S o n n i n o werden morgen abreisen. Das italienische Parlament für Orlando. R o m, 26. April. (Agenzia.) ^Giornale d'Italia" meldet, daß unverzüglich zahlreiche Abgeordnete eintreffen und die anderen ihnen bald folgen werden. Man kann jetzt schon erklären, daß das Parlament bereit ist, durch ein einmütiges V e r t r a u e n s vot u m die Haltung der aus Paris zurückgekehrten Staatsmänner zu billigen. Finme — Freihafen? Paris, 25. April. (Funkfpr. des Korr.--Bur.) „Petit Puristen" ist der Ansicht, daß die Fiumaner Frage so geregelt werden dürfte, daß Fiume Freihafen unter dem Protektorate des Völkerbundes werden wird. Nene Spartakistenkämpse in Bremen. Bremen, 26. April. (Tel.-Komp.) In der Nordstraße sind heute früh von den Kommunisten Barrikaden errichtet worden. Aus diesem Grunde ist abermals großer Alarm gegeben worden. Es scheint, daß sich im Westen der Stadt, im Arbeiterviertel, Kämpfe mit den Regierungstruppen entwickeln. Gemeindeverwaltung bestimmt werden. Das Problem der umfassenden Sozialisierung, die Maßnahmen für die Wohlfahrt der herabgekommenen Menschen und die soziale Fürsorge sowie die Jugendfürsorge harren einer glücklichen Lösung, von oer Wohl und Wehe der Bevölkerung abhängt. Die wenigen jüdischen Mandatare, die voraussichtlich im Gemeinderat sitzen werden, werden sich ihrer Verantwortung wohl bewußt sein, zumal sie wissen, daß auch das Schicksal von einer Viertelmillion Juden mit dem' Schicksal dieser Stadt rNg verknüpft ist. Die jüdischen Mandatare werden mit allen Kräften beim produktiven Aufbau Mitwirken. Aber entgegen der früheren Methode jüdischer Politik werden unsere jüdischen Vertreter vor allem als Juden für die Rechte der jüdischen Bevölkerung eintreten. Sie werden es nicht zulassen, daß wie bisher eine systematische Benachteiligung und Hintansetzung der Juden in der Stadtverwaltung und in allen städtischen Betrieben Platz greift. Sie werden dafür einstehen, daß die Maßnahmen der Wohlfahrt und sozialen Fürsorge, die von der Gemeinde ausgehen, auch dem jüdischen Teile der Bevölkerung in gerechtem Maße und der Eigenart ihrer Lage und ihres Wesens entsprechend Zugutekommen. In dieser Hinsicht hat schon das kurze Wirken der erst kürzlich in den Gemeinderat berufenen Frau Amtta Müller bewiesen, wie viel hier zu leite ist. Das MMe Elend Wiens ist eine unbekannte Größe für diejenigm, die immer nur die Paläste der jüdischen Fmanzaristokratie sehen wollen. Hier aufklärend zu wirken, wird Sache der jüdischen Vertreter im Gemeipderab sein, welche sich dahei auf das voür sozialen Organisa* tionsamt des Jüdischen Nationalrates gesanynM Material werden stützen können. Durch einen grW zügigen und modemen Ausbau der jüdischen Fürsprge- Institutionen wäre außerdem den jüdischen Vertreter Gelegenheit gegeben, auch aus die Tätigkeit' der meinde anregend und befruchtend zu wirken uyd das Resultat der jüdischen Ersahmngen der Allgemeinheit nutzbar zu machen. Durch so geartetes Zusammenwirken würde zweifellos der Gegensatz zwischen Jüdeu und Nichtjuden viel wesentlicher verringert werden ÄS durch die pathetischen und inhaltsleeren Deklamationen der sogenannten Liberalen. In allen neugebildeten Staaten haben die Juden die Wichtigkeit der Kommunalpolitik erkannt und M; an dm Gemeinderatswahlen beteiligt. In den Keiftak Städten Polens wurden mehrere jüdische Vertreter in den Stadtrat gewählt und erfüllen dort auf schwierigsten Posten die notweMge Pflicht der jüW. schen Intereffenoertretung. Auch bei uns erheischt^ W Besonderheit der sozialen und wirtschaftlichen DlfsereN-' zierung der Juden sowie chreffpdzifiHe seelische Veranlagung eine aus der VertrÄltWik mit diesen Eigenheitm bemhende ryod^M gerichtete jüdische PolUik. Die Iudenschast Wiens hat jahrelang unter dem aMMUchW.' Regime gelitten. Es wird nun ihre SaW ,sM, endlich ihr eigmes Wort zu sprechen und zu daß sie von ehrlichem Willen zu ausbaüender^MHM^ erfüllt ist, daß sie aber, - ihrer Würde ffMtändiger; nicht-MlnderwMgft Faktor an§eschM sein will. Die jüdifchnationale PMik M?Wte keine Kaprize einer Gruppe, ihre Notwendigkest' ergibt sich vielmehr mit eiserner Logik aus den Tatsachen. Wenn die Juden am 4. Mar nicht geschlossen jüdischnational stimmen, so wird man übet sie zur- Tagesordnung übergehen. j Darum ist es unerlWich, daß kein Iude sich leichtmütig über seine ^Pflicht hinwegsetzt. Auf jede Stimme kommt es an. Wer m einem Wahlkreis wohnt, in dem infolge der genngm Zahl von Juden Heine, eigene Liste aufgestellt werden konnte, der muß -durch unermüdliche Werbearbeit zur Wahl unserer Karckidaten' in den anderen Bezirken beitragen. Denn die Gewählten werden nicht etwa einen Bezirk, sondem sie^Mrde» die gesamte Judenschaft Wiens vertreten. Der vierte Mai wird zeigen, ob die Wiener Zudenschast jenen Grad von politischer Reife hat, den das jüdische Volk in, dieser Stunde von chr fordert. 4' Die kleinasiatische Kommission unft dich Palästtnafrage. ): w Z irr ich, 24. April. Die von der Friebens?onfevenz aus Antrag Ume^. fas schon vor einem Monat beschlossene Entsendung einer interalliierten Kommission nach Türiisch-Asien, welchedie dortigen Verhältnisse vor endgültiger Berbeilünzgl der Mandate an die Schutzmächte prüfen sollte, hat von Anfang an in Frankreich Mißstimmung hervorgorufen, es h!rß sogar eine Zeitlang, die Entsendung werdr infolge des französischen Widerstandes ganz unterbleibe«, Chara^rrfftisch war insbesondere ein Artikel' des, „Temps", welcher darüber klagte, schon die Ankündi-s gung einer solchen Enquete müsse im Orient eine große und gefährliche Erregung Hervorrufen — und allerlei. Begehrlichkeiten und Leidenschaften Hervorrufen; auch sei es auf einem solchen Wege gar nicht möglich, sich über die Verhältnisse im Orient und die wahre Gcsin-, nung der Bevölkerung zu unterrichten. V:' j Woher dieses Unbehagen? Ist es MißtraiM geg^ die verbündc:rn Mächte? Ist es die BefürchtM'g vor. einer Stiminungsänderung in dem traditionelles' Gebiete der französischen Einflußsphäre,* wosekbst^^Wwievon mancher Seite behauptet wird — die Bevölkerung^ ihre Blicke immer mehr auf Amerika und -England zu richten beginnt, von denen sie sich mehr reale Vorteile' ökor omischer Natur verspreche? I Man wird wohl bald Näheres darüber Hören! i Denn die 'Kommission ist — wie jetzt verlautet. —' im. Begriffe, sich einzuschiffen, und im Zusammenhang damit hört man, daß Emir Faisal sich aus sechs. Wochen, nach Syrien begeben hat. — Das „Journal des Debats" bemerkt dazu in der Aicsgabe vom 19.' April7 „Emir Lajsal ist du von WrzMSt,. baß die einzige Nation,

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