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Wiener Morgenzeitung · 1919-04-20 · Heft 92 (20.4.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 92 (20.4.1919)
Date
1919-04-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Staatskanzler Dr. Renner und die anderen sozialdemokratischen Mitglieder unserer Koalitionsregierung haben somit ein Vertrauensvotum erhalten, bas freilich nicht ihrer Person, sondem der ganz verzweifelten Lage gilt, in der sich Deutschbsterreich befindet. Es ist. ein Gefangener der Entente infolge des Zusammenbruches im Oktober, ein Gefangener der Nationalstaaten infolge der Sabotage unserer Kohlen- und Lebensmittelzufuhren und ein Gefangener der Bauern infolge der Absperrungstaktik der einzelnen Länder und Be- Me. Die Situation ist eigentlich außerordentlich klar. Die Regierung tut, was in ihren Kräften und. in ihrer Auffassungsgabe liegt, die allerdings beide nicht sehr Aröß sind; die Staatsmaschme geht in dem Tempo veS'altösterreichischen ^Schlendrians weiter. Es vergeht ml. ßtt viel Zeit , zwischen der Aeußerung der Idee and ihrü Verwirklichung. Die Regierung läßt viel zu sehr außer acht, daß wir in einer Zeit der Revolution leben; sie hält sich viel zu sehr an einen Formalismus, der in normalen Zeiten vollkommen gerechtfertigt ist, weil rrdoch eine gewisse Gewähr für die strenge Verfassungsand Gesetzmäßigkeit ist. Aber in Zeiten der Gährung, des größten Elends und der Not würde es niemand der RegLemng verargen, wemi sie unter VernachlWgung der emtzp oder der anderen Völlzugsanweisung die Fühlung rnit. dem Volk festhatten würde, anstatt erst itnMer zu/warten, bis: sie durch Streiks, Maffenaufjuge, Deputationen zu irgendeiner Tat gedrängt 'wird. Wer Regierung braucht man noch nicht die Mitglieder des Kabinetts zu verstehen. Man muß zugeben, daß Me Männer unter der Last der Arbeit fast zusammenbrechen. Die grundlegenden Fragen der inneren und rüßeren Politik, die schweren Probleme der Soziali- 'ierung, des Wiederaufbaues der Wirtschaft, der Aahrungsniittelversorgung nehmen alle ihre Kräfte voll in Anspruch. . Aber^ der Beamtenapparat, für dessen Funktion, das Kabinett verantwortlich ist, scheint nicht ganz zu klappen, denn sonst würde es nicht Vorkommen,- daß beispielsweise die Beschwerden der Invaliden monatelang unbeachtet auf irgendeinem Tisch. liegen bleiben und daß sich eigentlich Niemand darum kümmerte. Die Eisenbahner, die Postangestellten mußten die schärfsten Kampfmittel androhen, um ihre wochenlang vorher überreichten Forderungen wenigstens teilweise erfüllt zu sehen. So ist es mit, den Staatsbemnten und so geht es auf Schritt und Tritt. In unseren Aemtern spukt eben'noch das Ge- Ipenst der altösterreichischen Bmeaukratie und die Bervaltungsmaschine gerät in mehr oder minder regelmäßigen Pausen ins Stocken. : Es niare aber unrecht, alle Beschwerden nur gegen die Regierung, die Verwaltung und die Beamten zu eichten. Es gibt noch viele andere öffentliche Faktoren, üe in der jetzigen Zeit ihre Pflicht nicht erfüllen, stnser Bürgertum hat sich zu einem großen Teil noch ücht daran gewöhnt, die Betriebe als eine Angelegenheit der gesamten Gesellschaft zu betrachten. Ein Teil des Bürgertums denkt noch - immer mit llcherlich berechtigter Trailer an jene Zeilen zurück, wo man Herr im eigenen Hause war» und läßt!ich von dieser Trauer bis zur Kathie allen Fragen Der Gesellschaft gegenüber treiben. Aber diese Telle des Bürgertums sollten erkennen, daß sie ihre eigenen Interessen am besten wahren, wenn sie ihre Betriebe und die Betriebsweise den Anforderungen der neuen Zeit anpassen. Hierür liegt nämlich das Problem der Wiederaufnahme der Produktion und damit der Beseitigung der Arbeitslosigkeit. Mit der richtigen Lösung dieser Frage steht und fällt der Staat, Hier find die Fundamente der Gesellschaftsordnung^ verankert. Man hört fortwährend aus diesen bürgerlichen Kreisen den Vorwurf, daß die Arbeitslosen Arbeit finden könnten, wenn sie nur suchen wollten. Wer das Problem so auffaßt, verkennt das Wesen dieser Frage. Es handelt sich nicht darum, den Beschäftigungslosen um jeden Preis Arbeit zu geben, sondern darum, die moralischen Verwüstungen des Krieges dadurch wetlzumachen, düß man den Leuten wieder die Freude an ihrer Arbeit Jüdische Forderungen auf der Friedenskonferenz. Eine'Deputation bei Wilson. Pkrrs, 19. Apll. (Funkspr. des Korr.-Bm.) Präsident Wilson empfing heute eine Deputation, bestehend aus Vertretern der Juden des eftlichen Europa, unter Führung Alfonfo C o st a s. Das Komitee brachte folgende Wünsche vor r 1. Die Erlangung ziviler und politischer Gleichberechtigung für alle jene Juden, die sie heute noch nicht genießen. 2. Die Anerkennung der Rechte der nationalen Minderheite« im östlichen Europa,' wo die Juden in kompakten Massen leben. Das Äomitee hat ein Memorandum entworfen, das es den Alliierten bei der Friedenskonferenz zu unterbreiten beabsichtigt. Erhöhung der LebensmiLLelzufuhren für DeuLfchöfterreich. Direkte Züge Frankreich—Deutschösterreich. — Bedingung: Ruhe. Der Gesandte der französischen Republik Herr A l L iz v hat dem Staatssekretär Doktor Bauer folgende Rote überreicht r Die Regierung der französischen Republik ist entschlossen, zusammen mit den alliierten Regie Zungen Mittel zu suchen^ um die Äevölkernng des früheren Oesterreich aus a u s g i e big e r e Art mit Leben -» Mitteln zu versorgen als bisher. . j Es werden Vorschläge über Juschnßversorgung für die Arbeiterschaft der Städte erörtert. Frankreich hat auch Verhandlungen über die direkte Führung v o » Le b e rr s mi t i elzügen z w i s chen F r a nkr ei ch und D e u t s ch ö st e r r e ich über die Schweiz eingeleitet. Diese Bemühungen waren jedoch vergeblich und die Versorgung mit Lebensmittel müßte v ollstänbig eing«/stellt werden, wenn die Alliierten a«gesichts nn» gesehlich er Handlnngen, hie di e Ruh e zu stö ren geeignet w äre«, di« Gewähr für die Haltung^. Mr Bevölkerung VÄlieren würden nnd nicht mehr sicher üStenJ unter welchen Bedingungen sich in Zukunft Transporte und die Verteilung der Lebensmittel vollziehen würden. - j gibt und das in der staatlichen Unterstützung liegende antisoziale Moment ausschaltet. 'Diese Erkenntnis besteht heute sogar schon in den Kreisen der Arbeits-' losen, die die Forderung nach Erhöhung der Arbeitslosenentschädigung nur nebenbei stellen und als Wichtigstes immer wieder die Rückkehr zu der Arbeit an der gewohnten Bettiebsstätte anstreben. Das ist auch tatsächlich das einzige Mittel, um die Krise zu beschwören. Was bisher in der Fürsorge für die Arbeitslosen geschah, ist heröorgegangen aus der Not der Stunde und nur. berechnet für Wochen und Monate. Auf die Dauer geht das nicht mehr an. Die großen Beträge, welche die Regierung mit Hilfe j der Notendruckpresse, für diese ' Zwecke widmet, 1 wjetrert bedeutend besser angebracht für die Erweiterung der Betriebe. Vielleicht wate bet Weg gangbar, daß die Regierung die Unternehmer veranlaßt, soviele Arbeiter aufzunehmen, als die Betriebsstätte überhaupt verträgt. Kann unter den gegebenen Verhältnissen ein Betrieb hundert Arbeiter bei achtstündiger Arbellszeit beschäftigen, so wäre.es denkbar, daß derselbe Bettieb Zweihundert Arbeiter bei sechsstündiger Arbeitszeit beschäftigen könnte. Die Mehrkosten müßte der Staat im Wege von Prämien oder Subventionen tragen, ebenso wie er für die Beistellung von Kohles Rohstoffen und Lebensmittelzubußen zu sorgen hätte. Wenn die Wirtschaft auch dadurch vorläufig nichts dem ökonomischen Prinzip entsprechen würde, so hätte man doch für die Regeneration der ganzen Bevölkerung, für die Gewöhnung an Arbeit eine wesentliche Besserung erzielt und damit, die Basis gelegt für die Wiederkehr normaler Verhältnisse in der Produktion. Nicht nur das Bürgertum hat sich bisher mit dieser Frage viel zu wenig befaßt; auch die Sozialdemokratie hat.die Angelegenheit zu leicht genommen und sich mit der Festsetzung der staatlichen Fürsorge begnügt. Es zeigt sich nun, daß dies, eine sehr kurzsichtige Politik war, die leider schwere Opfer an Menschenleben gekostet hat. Diese Leichtfertigkeit der Sozialdemokratie hat aber' auch dahin geführt, - daß die Kommunisten eine Bedeutung erlangt haben, die ihnen niemals zuteil geworden wäre. Sie haben gerade in jenen Kreisen, die bisher , jeder Organisierung widerstrebten, festen Fuß gefaßt und mit den radikalsten Phrasen Anhang und Anklang gefunden. Die Straßenkämpfe am Donnerstag haben gezeigt, düß noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten ist: beim Vür-^ert'.un sowohl wie bei der Arbeiterschaft. « Ist der Kapitalismus znfammengebrochen? Bon Dr. Paul Weisengrün. Daß der Kapitalismus vvllwmmen zusammengebrochen sei, diese Anschauung hat sich' nich'i allein in sozialistischen Kreisen zu einem förmlichen Dogma verdichtet! Ist dem wirklich' so? Hat dieses ökonomische System, welches kaum ein Jahrhundert herrscht und kaum drei Jahrzehnte voller Blüte hinter sich hat; schon wirklich gänzlich abgewirtschaftet? Ich liebe den Kapitalismus nicht und halte ihn nicht für eine „ewige Kategorie" des sozialen Geschehens. Ich kann nicht einmal ganz in das bekannte' Loblied, welches der schärfste Gegner dieser" wirtschaftlichen Einrichtung Karl Marx, angestimmt hat, auch in kultureller Bej ziehung mitstimmey. „Die Bourgeoisie," sagt Marz wörtlich, „hat ganz andere Wunderwerke vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen und gotische Kathedralen." Ich glaube, baß hiermit d« wirtschaftlich-technische Seite unserer Gesamtkulttw zv sehr in den Vordergrund geschoben wird. Mir imponieren die gotischen Kathedralen schon mehr. Ich «ei# der Ansicht zu, daß die Großtaten der Bourgeoisie eh« in die rein zivilisatorische als in die kultw^ rekle Sphäre fallen, Aber Großtaten find es tmtnerJ bin und die Frage entsteht, ob die Historische und soziale Entwicklung schon den Kapitalismus gänzlich überflüssig gemacht und innerlich überwunden hat. Hat die gvoisie endgültig ihre Rolle ausg^pielt?^ "$J Halten wir uns zunächst -an die sozialistischen Grundlehren selbst. Nach Karl Marx ist die ganze Entwicklung dW Kapitalismus nichts anderes als ein einziger grandioser SelbstzertrümrneruügspLozeß. Durch die „anarchische Produktionsweise"^ durch die üngeregelte, planlose, ja chaotische Art der Prodirktion gräbt sich die Bourgeoisie selbst ihr Grab. Es iverden immer mehr wirtschaftliche ^Erzeugnisse angehäuft, die unbrauchbar und überflüssig erscheinen; der Welttnarkt beginnt nnter diesem Instand der Dinge .zu leiden, immer neue Krisen eutstehen. Friedrich Engels, der talentierteste Interpret von Karl Marx, spricht»von der „kommenden Dauerkrise des Kapitalismus". Hand i» Hand mit'diefem .Entwicklungsprozeß geht die wachsende Macht der.Arbeiterklasse, die durch den Kapitalismus selbst züsammengeschweißt und zusamrnengeballt w.ird. Sie bekommt eine imnrer größer rverdende Schulung rrnd ist nach dem Eintritt der Ueberreise des Kapital liÄuuS, alsb nach deru Herannahen der inneren Dauer-

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