Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 91 (19.4.1919)
- Date
- 1919-04-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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SÄ es nun, daß eine Handvoll Kommunisten versucht hat, sich im Sturm des Parlameutsgebäudes zu bemächtigen, sei es, daß der durch fortwährende Bereitschaften überanstrengten Polizeiwache die Nerven versagt haben — es ist in jedem MÜ bedauerlich» daß es blutige Opfer gekostet hat, die Ruhe wücknherzustellen. Die Regierung gibt sich der Hoffnung hin, auch weiterhin die Ordnung schützen zu Können. Sie stützt sich auf dir bewaffnete Volksrychr» die sich in der Tat vor dem Parlament musterhaft benommen hat. Aber es darf nicht sein, daß die Regierung einfach das Beispiel der früheren Monarchie Kopiert und Bajonette und Maschinengewehre als ihr Wer Wort gelten läßt. Es muß doch andere Mittel gefall das Aebeh das vorgestern in so entsetzlicher Weift mrsgebrochen ist, einzudämmen und zu heilen. Der Schießerei vor dem Parlament war eine Versammlung der Arbeitslosen und Invaliden vocangeyrmgrn. In dieser Versammlung waren verschiedene Forderungen laut geworden, die übertrieben scheinen, deren . Höhe sich jedoch aus der Not der Zeit unschwer erklären und rechtfertigen läßt. Es wäre ein folgenschwerer Fehler, woMe man die Arbeitslosen, deren Jtzhl von Tag zu Tag anwächst, einfach als arheits- Wv «Klären. Das wäre Me geradezu-verbrecherische , ÄW Der größte Teil der Fabriksbetriebe feiert aus Mängel an Rohstoffen und Kohle. Die Landwirte 'Men nur einen geringen Teil ihres Bodens bebaut, und zwar nur insoweit, um den nötigen Bedarf Mer Familien zu sichern. Es ist also einerseits der Sßte Teil der Fabriksarbetterfchast und andererseits die gesamte landwirtschaftliche Arbeiterschaft zur Mtätigkeit verurteilt. Nun mag es sein, daß Arbeitslosigkeit an und für sich durch die Gewöhnung an Uyterftützungsgelder korrumpierend wirkt. Aber die Maßen Masten der Arbeiterschaft sind im innersten Mund und sehnen sich darnach, zu der altgewohnten Beschäftigung zurückkehren zu können. i Anders steht es um die Invaliden. Der Krieg, der in so unverantwortlicher Weise hermrfbeschworen und Ärrchgeführt wurde, hat viele, viele Tausende von Menschen um ihre geraden Glieder gebracht oder ihnen M immer die Lebenskraft genommen. Das Verbrechen, das cm diesen Menschen begangen wurde, ist so ungeheuerlich» daß die Gesellschaft kaum jemals volle Genugtuung wird leisten können. Aber das mindeste, was sie zu tun hätte, wäre doch die Schaffung von Heimen, von Gesundungsstätten und Unterkunftsanstalten fiir diese Opfer des Krieges. Die Gesellschaft hat aber bisher iiberhachtt nichts getan. Die Nationalversammlung hat ein einzigesmal die Frage gestreift, indem sie beschloß, düs ärarische Vermögen der Habsburger für Kriegsbeschädigte zu verwenden. Das wäre 'bei' der Riesenzahl der Betroffenen nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Aber die Nationalversammlung hat sich noch nicht einmal damit beschäftigt, wie sie Mst diese geringen Summen dazu verwenden soll; den Opfern des Systems einer unerhörten Frivo-;litat wenigstens für den Augenblick beizuspringen. ' Wie immer, werden auch jetzt Vorwürfe sonder Zähl gegen die Regiemng geschleudert und deren Passivität beklagt. Aber die Regierung ist ja,letzt in der Zeit der Volkssouveränität doch das Volk selbst. .Die Regierung besteht aus Vertretern der zwei großen Parteien, die aus der Wahlurne hervorgegangen find und sie entspricht in ihrem Tun und Lassen vollkommen dem Niveau des deutsch österreichischen Volkes, das politisch und wirtschaftlich vollständig deroutrert WS dem Kriege hervorgegangen ist. Man muß .zugestehen, daß die Regierung, die heute die Stams- Mchaste besorgt, unter den gegebenen Verhmtmssen noch die beste ist, die wir haben können., Wird diese Regierung, hinter der die sozialdemokratischtzÄerttierte Arbeiterschaft und das poüüfch organisierte .Bauerntum steht, zum Rücktritt gezwungen, dann ist die nächste Folge die schrankenloseste Verwirrung oder, Me.'man es mit einem anderen Namen veZerchnen -Laim,!><•••. Wenn sich die Giftpflanze des ~bei UNS festfttzt, dann 'be* t Die Sozialisierung in Ungarn. Vertrustung -er Fabriken. — Aufhebung des Pro-ukLiousgeheiuruiKes und der Patentmonopole. — Auflassung der kleinen Betriebe. j Budapest, 18. April. (Ung. Tel.-Korr.«Bm.) Aebsr hm bisherigen Verlauf der Eoziäkstermrg äußert sich Volk§?smmiffär Heveffh im „VSröSAjfag" fyLgendermaßenr Die erstes Aufgabe, die Aebernahrne der ProduMsnsmiLtsl aus der Hand des Kapitalismus in den Besitz deS Proletariats» hat sich voKsomrusn glatt vollzogen. Die Stelle dev Aktionäre und Direktoren wurde von den Fabriksarbeiterräten übernommen, die dafür sorgten, daß der Betrieb ohne Unterbrechung LveitergefLhrt wurde. Die UmgestaltArrg erfolgte gleichzeitig auf dem gesmnteu Gebiets der Produktion und nicht stufenweise. Wir plane» vor allem die Kooperation der znr gleichen Branche gehörigen Fabriken» Alle Erfahrungen, die bisher bloß iw Besitz einzelner Fabriken waren» werde» «rmmehr in sämtlichen zu der Betriebsbrauche gehörigen zur Anwendung gebracht. 3 s d es FaSrikationsgeheimniS hat auf gehört. Es werden auch die Patent- Monopole aufgehoben werden. Weiter wollen wir dis Betriebe konzentrieren unddie Produktion auf die größten Fabriken befchr2nken. Dadurch haben wie beispielsweise in der Mühleninduftris erzielt, daß wir die notwendige Arbeit mit bedeutender Kohlenersparnis leisten können. An der Provinz ist die Durchführung der Sozial^ fierung noch nicht so alLgeweLn und auf jeden Betrieb fich erstreckend wie in Budapest» Dies ist erst zu erwarterr, bis wir die SoAiarrstsrungSorganisationen in der Provinz ausgebaut haben. Die endgMtige Regelung der Arbeitslöhne wird Aufgabe des Sowietkongrefses sei«. D«rs rmabhSugige PalMna. LlrrLer dem ProLekLsriKte GroßbritKRUieus. London, 18.. April. (Funkfpr. des Tel.-Korr.- Bur.) Wis verlautet, wird Palästina , ein u na b h 2 n g i g s r S t a a t mrtsr) dem Protektorate 'Großbritanniens. Ottokar Gzernin verhaftet. Das Telegraphen - Korrespondenz - Bureau meldet amtlich r Der frühere Minister Ottokar C z e r n t u ist vorgestern von den deutschöfisrreichischen Grsnzbehörden in Feld k i r ch v e r h a f t e t worden, als er den VersuH machte, ohne Paß die Schweizer Grenze § u ii b e r s ch r e i t e u. Aeber die Vorgeschichte dieser Verhaftung Wird gemeldet r C z o r n i« hatte sich vor einiger Zeit an die Wiener Polizeidirektion um Ausstellung eiues Reisepaffes in die Schweiz gewendet. Der Paß wurde ihm nach vorangeqangeuer RüÄsPrache mit dem StaatsamLe für Aeußeres im Hinblicke an f die von ausgewanderten deutet dies den vollständigen Untergang des Staates, seiner Wirtschaft und seiner Kulttcr. Die Führer der Menge, die vorgestern dem Staatskanzler ihre Wünsche vvrtrugen, redeten die Sprache des Hungers. Das ist eine erschüttemde, nicht mißzuverstehende Sprache, aber ihre Argumente können poüttsch nicht verwertet werden. Die'Arbeitslosen sordem die Sozialisierung. Aber das ist, wie die Dinge im Augenblick stehen, einmal^ doch stur ein Schlagwort, dos im Laufe der Debatten der letzten Wochen in die Menge geworfen wurde. Die Sozialisiemngskommission, die seit einigen Tagen berät, ist zu keiner Klärung der Angelegenhett gelangt. Wenn man die Sache genau überlegt, so weiß eigeMch niemand, was nwn unter „Sozialisiemng" verstehe« soll. Wir menren aber, daß das Problem gar nicht so tief liegt, als es den Anschein hat. Es handelt fich doch um nichts anderes, als um die Zurückfühnrng der Menschen zur Arbeit. Man hat sie viereinhalb Jahre lang an einen geschäftigen Müßiggang gewöhnt, man hat ihnen das Morden im Racken des gefährdeten Vaterlandes als höchstes Lebensziel erklärt. Und dieselben Elernmte, die dieses Verbrechen auf sich geladen haben, die Zum Kriege gehetzt und die den Krieg schließlich verloren haben, greinen herrte über die Aroeitslosttzkeit und fallen aller Welt mit ihren Beschwerden lästig, daß der Staat eine sönnliche Prämie aus die Arbeitslosigkeit gesetzt habe. Diese selben Elemertte aber treiben passive Resistenz. Sic verhlndem es. dH der Staat und die Bürgerschast Zur Ad ekrtzen kn der Schweiz beLriebeno- Kegen die deutschösterreichische Republik gerichtete PropLKNUdck verweigert. Czernin wsudte sich hierauf au den Staatskunzler mtt der Bitte» ihm dis Erlangung des Puffes dennoch zu eruGslichen. Der Staatskaerzler wies dieses Ansuchen ab. Czernin gab nun vor, daß er sich auf eine ssirrer Besitzungen in Sbsröftery ei ch begeben wolle und reiste mit dem Entsnte-SchneSlzug von Wie« ab. Statt Mi Zug in Obsröfterreich z« vsrlaffen, fuhr er je»« doch bis Feldkirch durch, worauf dort vier Verhaftung aus den oben angeführtere GrnndWi erfolgte. __ Znr FlüchttwgsausweWWä Abgeordneter Stricker hat gestern bek der Regierung in Angelegenheit der Flüchte kinge vorgefprochen und gegen die vom Wien«« Stadtrats vorgsschlageneu Maßnahmen Der» Wahrung eingelegt. Die Regierung hat de« Abgeordneten Stricker Verftcherrmgen gegÄbewl welche jeden Anlaß zu Befürchtungen <wt$J schließen. Der Plan der Regierung geht dahin, Wien vor einem Zustrom von Flüchtlinge« ans Lngarn zu bewahre«. 1 Ruhe kommen. Die Presse dieser Leute kann sich uic^ genug tun an Beschimpfungen der Arbettslosen und d« Volkswehr sie greift die Regierung ununterbrochen wegen der Vermehrung des Notenumlaufes an, sie setzt das Anschen Deutschösterreichs durch fortwährende Sabotage unseres polittschen Lebens herrntter. Das sind dieselbe» Leute, vor deren Bittgang zur Entente die Regiemng unlängst die Flucht in die Oeffentlichkeit antretey mußte, dieselben Leute, die der unausweichlichen Abrechnung wegen ihres Kriegswuchers und wegen ihrer sozialen Gedankenlosigkeit dadurch entgehen wollen» dich sie entweder eine kleine Iudenhetze oder em ^energisches Einschreiten gegen die unbotmäßigen Elemente" arrangieren. Sie sind ebenso Nutznießer der Armut und des Elends, wie jene Demagogen, dis während des Krieges in Kanzleien ihre Heldennatm auslebten oder im Kriegspreffequartier Hymnen auf das Stahlbad des Krieges dichteten und die sich jetzt an die Spitze des grauen Elendzuges-der Arbeitslosen wck der Prothesenträger gesetzt haben, um aus ihrer herzlichen Bedeutungslosigkeit ins helle Licht der Oeffentlichkeit zu geraten. Sie versprechen der verhungerten, urteilslose» und allen Schlagworten zugänglichen Masse das Uw« möglichste, sie malen ihr vor, wie herrlich schön es doch in Rußland oder in Ungarn unter der glorreichen Asra des Kommnni^smus geworden ist, wo das Proletariat angeblich die Macht an sich geiwmmen hat. Nichts ist.unwahrer, als diese Behauptung. Nicht das Proletariat hat in Budapest die Macht errungen, sondern einige Schreihälse, die ja vielleicht Idealsten