Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1919-04-18 · Heft 90 (18.4.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 90 (18.4.1919)
Date
1919-04-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
86% known words query
IRI
…/2979076-2979077-2979167--00788-2986119
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

*wf* 34» Kr«tt •r w Jj4. . , (S V» . » n Wi «i« %**0 »^» », whr» «it «-stserserrd: 4-.,. . L VLo «tzv«, . . * “ ,• * * « « »M ■' - . V|OV L DM» 30 D««M NhHM * ■ W«rffrf**rlg *«4* w^nniws » O.^ S3Eo«. 3ttOM» Nr. 90 Wien, Freitag, den 18. April 1919 1. Jahrgang BlMge KrawaAe vor dem Parlament. Kemonstratiome« der «rSeitslofe«. — Ein Parkamrrrtstor in Brand geftrckrt. —. BsLkswehv KuberL die'ELraKeA. ~- Tote «rrd BerwundeLe. : Auf der Ringstraße vor dem-Parlament ist gestern abends Blut geflossen. Zwischen der Volksmenge und ' den Organen des Staates ist es zu Ausammmstößen zchommen, die offenbar auf Mißverständnissen beruhen, doch Opfer erfordert haben. Man fragt sich vergebens, welcher politische Sinn in solchen Vorgängen liegen soll. Weder handelt es sich um einen Angriff auf die Staatsform, noch um einen solchen aus das private Eigentum. / Immerhin liegt in Vorgängen, wie den gestrigen, em tiefer Sinn. Die Unruhe und Nervosität der Bevölkerung haben einen solchen Grad erreicht, daß die äußerste Geduld und. Ruhe der Regierenden und ihrer Organe erforderlich ist, um nicht in Wien Zuftätche zu schaffen, wie sie sich in den großen Städten Deutschlands gegenwärtig herausgebildet haben. Die Bevölkerung ist einerseits durch die immer weiter steigende LebensnuttelnoL, andererseits Her^ durch die Kopflosigkeit der Koalitionsregierung derart gereizt und in ihrer Zuversicht erschüttert, daß mau jederzeit auf einen noch heftigeren Ausbruch der Leidenschaften gefaßt fein muß. Es ist nicht ohne Intereffe, festzustellm, daß die Mehrzahl der gestrigen Demonstranten aus halbwüchsigen Elementen bestand, die freilich mit Schußwaffen versehen waren. Auch die Anzahl der für das kommunistische Programm demonstrierenden Personen war nicht sonderlich groß. Die Arbeitslosen, in ihrer Mch'cheit invalide Soldaten,, verhielten sich ruhig und S<rsM Ihre Flugblätter, enthielten durchaus keine un- »ermmstigen - Forderungen, eO dis kommunistischen Agitatören verstcmden es, die Wnge derart zu verdaß es zu Ausschreitungen kam, bei denen diese Forderungen erfüllt werden, so können die Arbeitslosen nur kurze Zeit damit vuskommen. Er verweist auf die Verhältnisse in Ungarn, wo man für dis Arbeitslosen grtt gesorgt habe, und fordert die Diktatur des Proletariats, denn dann erst werde das ProleLari-at zu seinen Rechten kommen. Bayer protestiert gegen das 'Vorgehen der Polizei, die Arbeitslose, welche Flugblätter verteilst»/verhaftete und gegen dieselben die Strafanzeige erstattete. Auch er wurde verhaftet und die Untersuchung gegen ihn eingeleitet, jedoch wieder freigelassrn. Eine solche Behandlung dürfen sich. die. Arbeitslosen nicht gefallen lassen, die Anzeigen müssen wieder aufgehoben werden. Hulig begrüßt das Rätesystem in Ungarn. Rußland und Bayern, nnd meint, das Proletariat müsse nunmehr zur Tat schreiten. (Stürmische Zustimmung.) Das Proletariat dürfe vor nichts mehr zurück schrecken. Jetzt sei der Zeitpunkt, da, wo gehandelt werden müsse, (Neuerliche Zustimmung.)' AembsetzimL der Arbeitszeit «mf 4 Stunden tKglich. Knobes verlangt, daß die Regierung sofort eine Verordnung erlasse, 'wonach alle Fabrikanten und Industriellen, die im Kriege so große Summen verdient habe», eine große Zahl von Arbeitslosen anstelle» und wenn auch die Arbeitszeit in den Betriebe» auf vier Stunden täglich herabgedrückt werden muß. .. Auer überbringt die Grüße des ungarischen Proletariats und versichert, daß die mächtige Bewegung d es Ko m m u ms m n s m it R i e sens ch r i t t.e n nach dem Westen eile und fordert die Dentschöstirrwicher 'auf, sich mit den Ungarn zusammenzuschließen. Mge Wmschen da- Leben oerl°r--r, andere ihre.' _ “* “* niste» Schwa. Kasteitbaum, Goldfeld. Hovotvrtz u. a. Gesundheit einbüßten. 'F Nachstehend der Bericht: ^^Die 2LrbMsLosemrersammLrrW vor dem - RrrLhärrs. .; Der Vorgang war folgender: Vor dem NaLhause fmth eine vom Arbeitslosenlomitee eiltLerusene Arbeitswsenversammlung statt mit der Tagesordnung: ,,Dst mchaltbare Lage der Arbeitslosen." Zuerst sprach Bielohlawek über die Forderungen der Arbeitslosen und meinte, daß das, was die Regierung bisher den Arbeitslosen bewilligte, nur Gnadengaben seien .von denen Außerdem habe Sämtliche Redner verlangten die Beseitigung der jetzi gen Negierung und Errichtun g der Diktatur: des Proletariats. Einer der Redner meinte, daß jetzt der Drg sei. wo das Proletariat, mit Gewalt die Herrschaft an sich reißen müsse, welche Ausführungen stürmische Zustirrurmng fanden. . Die Negierung mich beseitigt werde«. Achselrad richtete hierauf an die Veranstalter und die Redner die Frage, ob sie auch von der ungarische» Räteregierung die Garantien haben, daß» wenn sich das Proletariat Deutschösterreichs mit dem ungarischen znsammeuschlicßl und die Diktatur ausrichtet. die Arbeitslosen nicht leben können, man die Arbeitslosen mit dem Arbeitszwang beglückt, . und wer die ihm zugewiesene.Arbeit, wenn er sie auch r daß wir in Deutschösterreich di« 60 Waggons Mehl nicht cnrsführen kann, nicht annimmt/ dem werde die! täglich bekommen und das wenige Brot, das wir heute Unterstützung endogen. .(Stürmische Pfuirufe.) Redner schhägt hierauf folgende Entschließung zur Annahme dörr Die vevscynmelten Arbeitslosen erk lären, nicht mehr imstgnhe zu sei», ihr L<1>en unter den obwaltenden AMDstden weiterfristen zu können. Da die Arbeitslosen geg«r ihren Zßillen Hum Feiern gezwungen sind und trotz wiederholten Versprechungen bisher.nichts geschehen 'ist, um ihre Lage zu verbessern, fordern sie. daher, sei . es vom Staats oder von den Unternehmern, die sofortige Erfüllung nachstehender Forderungen: „Sofortige Beschaffung entsprechender Arbeitsmvglich keit bei he« heutigen Verhältnissen angepatzteu Löhnen. Für jeden Arbeitslosen ohne Unterschied des Geschlechtes Sitte tägliche Unterstützung von mindestens 25 Fronen sowie einen momLntanen Anschaffungsbeitrag von. 1ÖÖ0 Krone». Sie fordern ferner die Erhöhung frei Bro tration um 50 Deka pro Kops und Dag. Äst sind der Meinung, daß cs überflüssig ist, unsere Forderungen durch viele Äorte zu . begründen, da die demokratische Regierung unsere traurige Lage , ebenso Benne« muß wie wir selbst. Mit erstaunlicher Geduld, und Ruhe haben wir unser Schicksal bisher ertragen, erklären aber, daß nun die höchste Zeit ist, dem abzu-. helfen. Noch stehen wir auf dem Boden des Rechtes, ander Einsicht der Regierung allem ist es. gelegen, wem: -wir nunmehr davon abgedrängt. werden. Wir müssen hchrn jedwede Verantwortung ablshrren. Wir erwarten bfimen drei Tagen Bescheid." Fordern«- der Diktatur des Proletariats. Kommunist E ich i n ge r erklärt,, daß es unter dem. gegenwärtigen kapitalistischen System ansgcschlossen sei, daß die Arbeitslosen und das übrige Proletariat ein Menschenwürdiges Dauern haben tverden. wen« auch, erhalten, dann auch weiter gesichert haberu Er findet es. sonderbar, daß man ejne Negierung mit Gewalt beseitigen wolle, deren Wirkungskreis bei Stockerau auf höre, denn au her Niederösterreich tut ied<Landesregierung,was sie will. Man müsse vorerst, der Regierung die nötige Macht geben, um von ihr die entsprechenden Handlungen; verlangen zu können. Dem Redner suchte ein Jugendlicher namens Krebs, der sich als Arbeitsloser bezeichnete, zu erwidern und behauptete, daß, wenn das Proletariat die Diktatur übernehine, . so werde es schon gehen. Anmarsch der KriegsinvaMen. Es wurde hierauf hie Entschließung' angenommen und sin sechsgliedriges Komiteegewählt mit dem Auf-, trage, zum Staaiskänzler Dr. Renner und anderen Mitgliedern der Regierung zu gehen. Unterdessen kämen die Heimkehrer .und Kriegsinvaliden, die'in Kadermanns Saal im Prater eine Versammlung abhielten, in geschlossenen Zügen unter Vorantragvng großer Tafeln und Fahnen mit den Aufschriften: .,Pro- ^tavier aller Länder vereinigt euch" usw. herangezogen. . Die Versammlung schloß sich dem Zuge an, es wurden wieder einige Audsmobils angehalten und die Invaliden'hineingesetzt. Die Meng« zog hierauf vor das Parlamentsgebärrde. wo die Demonftrairten Ausstellung nahmen. Im Nu war die Rampe dicht besetzt und fsgar äuf die Minerpastatue kletterten die Denwnskränten hinauf. Arbeiter- und SstdatenMe. Kommunistensiihrer T oman hielt ssdarm?.h:c Uu-' spräche, worin betonte, daß an die 'Stell'? ' Natianakversammfima die A r beit e r- , B a il e r n- und Svld'ateuräte gesetzt werde« müssen. Es Ms das. letzt« Mal, daß die Arbeitslosen, Invaliden und Heimkehrer sich an die Regisrirng wenden, um durch Der-, Handlungen etwas zu erreichen. ' | Hierauf wurden die Abordnungen in das Par-) lament entsendet, um mit dem Staatskanzlor Doktvr^ Renner und anderen Mitgliedern der Regierung zul verhandeln. Die Tovr des Parlaments waren jedvG gesperrt und in der Stadiongasse hatte die Uälks-) wehr, gegen den Justizvalast die S ich e r h e i t sw ach^ Aufstettung genommen, die . die Zugänge so ab sperrten^; daß keine größeren Trupps durchziehen konnten. Disj Demonstranten glaubten nun, daß man die Aborduungens nicht ins' Parlament einlassen wollte, und es fom erregLeu Szenen. Endlich wurde das kloiM»Torl auf der Seite brr Stadiongasse geöffnet mch di«! Abordnungen eingelassen. Während die Abordnung Mi Parlament mit dem Kanzleichef Kupka verhandeltes der dem Sbaatskanzler telephonierte, damit er inr lanrent erscheine, da die Abordnung darauf beharris^ mit diesem zu sprechen, kam es draußen, vor dem Par-Z lanrent zu stürmischen Szenen. Die Schießerei. ..■ In der sich stets stLig-ernde« Ervegtmg wmpt so schilderten MrbeteMgte Zuschauer, Schusse aAs Wachleute abgegebrn, wobei zwei Wachleute zu Ps mrd vir Pferde selbst verwrmdet wurde«. Das »W mm der Anlaß zu dev sich Idsrauf aLspMochÄ- Kämpfen. ES wurde nämlich -rhavptet, die Waches, hätte zuerst geschossen, andere wieder fagteu, dtzs Wachleute hätte« Handhomben geschleubrrL mch dewz gleichen Gerüchte mehr. Dre Menge stürmte «W auf die Wache loS, diese zog vom Leder, ««dere WaM 1-cute gaden mit ihren Gewehre« blinde Schüfst Errichttrng vo« BarrrLade». SteiNHsmLardeMerrr auf die Welche. Die Menge stob wieder auseinander. Wtz DemönstranLen Mach sahen, daß die Wache «ur klstchH Schüsse abgab» drängte sie «suerdrngS gegen mck. eine Aszahl DemäAstrante« hatte van beim Jufttzpalast stelMwen Wage« mit Schotter.«iuigü MeiDL genounnen und gegen die Wachleust ge» schleudert. Die WachlerrR gaben nunnwhr aeueMsiM jedoch scharfe Schüfst M Wtch aber in die LßW Einige Schüfst aber träfe« DeNvonstrante». Dst WÄW zog sich, hierauf «enerdirrgS zurückz Die Drunnm ftranten stürmten aber wieder vor. 9hm LanM dtS berittenen Wachleute, dir hinter dem Parlament Muß» steUuug genormuru hatten, herangeritte«. Die 8^ moustranLsu sperrten ihr de» Weg ab, indem sie den mit Schottersteineu bebrdem:« Wage» «prer übe» die Straß« stellte». Ferner wurde» die de» Parkanlagen heransgeschleppt und Barr^adech «richtet. ReuerdingS^^ wurde» Steine gegen tzie SWch geschleudert «vd die FensL« der unteren GrdorschoM des ParlarnrntS smd auch in deu BnrsrmxLrm^n PräsidenLe» Seitz eingeschlage«. " Mittlerwette, wurde die BolksNMM vyn de«?Bü>V< gängen verständigt und es kam soWM'Wx MKzvPsW. der Bolkswehr mit dem SöLatenrat > DentW in einem Automobil herangefahve«;.".' ' rat Deutsch hielt an die Demonstranten eine spräche, in der et die Vorgänge auf das tiefsst Se-!: dauerte und erklärte, daß für diest -G-Hrw geschaffen werden müsst. Er versicherte, daß -nunmehr Bolkswohr .erscheinen werde, die den Ordnungsdienst. äusttzchL^ «halten werde.! VerharrdLmtgen mit Dr. Rerrner. Es kamen tatsächlich von'der Sieb'^bmmn^ikas4rur, nnd der Nossauer Kaserne einige Bataillone'VoltSjvM, ßit, die Polizei ab lösten, welche sich hierauf zurü^Wg.Mnierdessen verhandelten die Abordnungen - iin PürMnerlt. mit demStaaLÄanzler. Dr. Renner, der 'chleHonisch berufen wurde, über, die Forderungen der drei MytrpLn.- ' Abtransport der, Berwy«vet.e«.' Dann kam dis Rettungsge fallschast'/mit. vier ReLtungsrpagen herangefahren,' nki .die -Verwuu-.' beten abzuholen. Wie verlautet, sollen außer den. zwei verwundeten Polizisten noch vier Demonstranten schwer^ ein« leicht verwundet Mn. Auch soll ein Todeso'pftti -n beklagen Mn/ Die bei dem Schieße:: 'verN«ndkM< Personen wucdrn m Traay:vaggc-üö -iä die Rri-tunasgrstlkschaft'äbhvltr. '

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.