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Wiener Morgenzeitung · 1919-04-17 · Heft 89 (17.4.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 89 (17.4.1919)
Date
1919-04-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien. Donnerstag hypothetisch -- aber er zeigt, daß nicht die kapitalistische Betriebsmethode an sich zu bekämpfen ist, sondern nur die Willkür, mit welcher das Kapital von den Privaten hierhin oder dorthin dirigiert wurde und die Eigenmächtigkeit, mit welcher ein wimiger Bruchteil des Volkes Liber die wesentlichen Triebkräfte des ökonomischen Lebens verfügte. Wäre es also nicht zweckmäßig, die Betnebsform beizubehälten und sich nur darauf zu beschränken, das Kapital zmn Nutzen der Allgemeinheit zu dirigieren? Das ist möglich — und speziell Goldscheid basiert auf. dieser Theorie — sobald, ohne daß sich Wesentliches ick der Betriebsform ändert, der Stqat an die Stelle der Privatkapitalisten tritt. Sobald der Staat selbst Produzent ist und als solcher über die Nutzbarmachung der Erträgnisse zu verfügen hat, sobald er Unternehmer wird, bekommt er selbst ein Interesse daran, kapitalistisch zu arbeiten, das heißt, Kapital zu konzentrieren und neu zu investieren. Er wird sich dann wohlweislich hüten, die angesmnmelterr Gelder in unproduktive Gebiete abzuleiten, denn er wird bald erkennen,' wieviel nützlichere Arbeit er damit zu einer Zeit vollbringen kann, die wie die heutige vor dem Hungertode steht. Das Verhältnis des sozialisierten Betriebes zum Staate wird von Bauer in einer unbegreiflichen Weife oberflächlich erledigt. Nach Bauers Anschauung soll die gememwntschastliche Organisation als Juristische Person, vom Staate völlig getrennt, als Kaufmann in das Handelsregister eingetragen" werden. Das bedeutet, daß der Staat feine Einnahmen nach wie vor nur aus Steuern ziehen und nicht selbst Produzent werden soll. An dem Gewinnerträgnis soll er, genau so wie die Angestellten und' Arbeiter, lediglich beteiligt werden. Damit bleibt er aber genau so von der Privatwirtschaft abhängig, wie bisher, ist genau so darauf angewiesen, der Privatwirtschaft Konzessionen zu machen und sie nach Möglichkeit so walten gii lassen, daß sie zum geeigneten Steuerobi ekt wird. Er gerät bald in eine unhaltbare Situation, da er auf der einen Seite die Ansammlung großer Gewinne 'mit Rücksicht auf die Angestellten und die Arbeiter vermeiden soll, andererseits aper keine anderen Einnahmequellen besitzt als gerade diese Gewinne. Dieses Dilemma wird dagegen im gleichen Augenblick beseitigt, in welchem der Staat selbst Eigentümer des Üntemehmens wird und diesen genau so führt rvie früher der Privatunternehmer, nur daß er für das Wohl seiner Angestellten, für ihre angemessene Entlohnung wie auch für eine sinnvolle und dem Gemeinwohl dienerrde Verwertung des angesammelten Kapitals ganz anders Sorge tragen wird, als es der Privatunternehmer tat. Im gleichen Augenblick verschwindet auch die Abhängigkeit des Staates von den Steuern, er kann auf dieses Mittel der Aussaugung mehr und mehr verzichten und seinen Haushalt aus seinen eigenen Erträgnissen bestreiten. Göldscheid hat einmal sehr richtig darauf hingewiesen, wie anders sich heute die wirtschaftliche Situation des Staates verbieten würde, wenn er am Anfang des Krieges die wesentlichsten derjenigen Industrieunternchmungen angekaust hätte, auf deren Erzeugnisse, er angewiesen war: er hätte nicht, um diese Erzeugnisse zu bezahlen, Schulden über Schulden machen, dem Privatunternehmer dafür die Anhäufung großer Gewinne ermöglichen, ja geradezu begünstigen müssen, um ihn zur Zeichnung von Kriegsanleihe im genügenden Maße zu veranlassen, und er hätte ihm nicht nachträglich diese Gewinne gewaltsam wieder abzunehmen brauchen. Die von der bisher üblichen sozialistischen Theorie beibehalteue Trennung der Begriffe Staat und Unternehmer, die insbesondere tn den Ausführungen Bauers wieder ganz besonders kraß hervorgetteten ist, wird uns aus der gegenwärtigen Not nicht herausfiihren können. Die dringendste Aufgabe, vor der wir stehen, die Steigerung der Produktion auf allen Gebieten, vermag die Kap'ttalskonzentration als motorischen Antrieb nicht zu entbehren. Will man den Ptivatküpitalismus beseitigen, so kann man nur eins cm seine Stelle setzen: das ist der Staatskapitalismus. PoliLischeLkimdschmr. Das verwüstete Rutzland. Wie aus Paris genveldet wird, gibt ein kürzlich aus Petersburg zurückgekshrter Franzose im „Petit Parisien" folgendes Bi8>. der Lage" in Rußland: Die industrielle Krise ist auf einen Katastrophalen Punkt gelangt infolge deS allgemeinen ArbeitS- 'mangels, der auf die Revolution gefolgt ist. Die Rohstoffe werden nicht mehr aus den Bergwerken gefördert und die Unordnung im Eisenbahnwesen ist derartig, daß die Bahnen nicht einmal mehr die vorhandenen Bestände transportieren können. Ebenso sind di« Fabriken nicht imstande, zu arbeiten. AuS denselben Gründen ist di« Nahrnngsmittelversorgung der Städte unmöglich, und >)o ist es zu dieser in der Weltgeschichte neuen Erscheinung gekommen, die hervorzurufen der russischen Revolution Vorbehalten war: Der Tod der Städte. Die Abwanderung aus der Stadt ist so allgemein und so anhaltend, daß Petersburg heute seine 500.000 Einwohner zählen dürfte, während eS vor der Revolution fast drei Millionen hatte. Je»«, die in Petersburg geblieben jinv, Arbeiter oder Bürger, und zwar mehr Bürger als Acheitar, Imitat ytauim «rter dom Mangel Wiener Morgenzettnng_■ 17. April 1919_9fr. 89 Württemberg «M Vorarlberg ei«VexletbÄ.^I Stuttgart, 16. April. (Teb-Komp.) Zn der heutigen Sitzung der wüvLLenrvevgrfchen Land'es Versammlung, in dev der Entwurf der württemösrgifchen VrrfaMisg Zur Beratung stand, bezsichnete es Konrad Haußmann bei der Frage der Regelung der WRrLLewbergischen Grenzen als eine naheliegende Möglichkeit, daß einzelne Teile de«tsch'bsterreichtfche« Gebietes deutschem Gebiet angeschLosfetz werde». Für Württemberg komme bei der Grenzregt*Iier«ng der Anschiüß Vorarlberg- sowie die Vereinigung von Ho henzo Illern mit Württemberg in Betracht. Fm Zusammenhang damit LeMe Haußmann mit, daH L n W i en dem W nn sch A n s d r n <L ge g eb en w rr r d e, es möchte ein Teil der Verhandlungen des deutschen Reichstages künftig einige Wochen oder Monate lang Lu Wien stattfinden. . Die Tätigkeit des Obersten WirtschafLsraLes. Paris, 16. April. (Agrnce HavaS.) Der oberste alliierte Rat hatte Ln seiner Sitzung vom 8. Februar die Schaffung eines obersten Wirts chastSrates mit je fünf Vertretern der interessierten Regierungen beschlossen. Der Zweck war, den obersten Kriegsrat durch die Ueber Weisung der n ichtmtlitärifchen Fragen an Fachleute in den Fragen der Finanzen, der Verpflegung, der Seetransporte und der Rohstoffe zu entlasten. Der oberste Wirtschaftsrät versammelte sich am 2 7. Februar zum ersten Male im Handelsministerium. Die Vertreter der Regierung sind: Clement«l, Klotz, BoreL und B i l g r a i n für Frankreich; D a v i s, Baruch, Hoover, MacCornek und Robinson für die vereinigten Staaten; C r e s p i und C h i e s a für Italien; Smith, Wise und K« ynes für England. Gemäß dem Beschlüsse des obersten Kriegsrates hat der oberste Wirtschaftsrat entschieden, dis Arbeiten der bestehenden großen interalliierte» Rate (alliierter Verpflegungsrat, oberster interalliierter Verpflegungsrat, Prvgrammkomitee und oberster Blockaderat) zu koordinieren. Die Reorganisation geschieht auf folgenden Grundlagen. Die bestehenden Räte oder ihre Berrvaltungsorgane bleiben mit ihren gegenwärtigen Vollmachten bestehen; bei jeder Sitzung des obersten Wirtschaftsrates müssen sie von den von ihnen in ihren letzten Sitzungen getroffenen Entscheidungen Rechnung ablegen und sich über alle Fragen, über die sie sich aus irgendeinem Grunde nicht einigen konnten, vorbereiten. Der oberste Wirtschaftsrat wird über alle ihm unterbreiteten Fragen Beschluß fassen. Er wird die nötigen Richtlinien angeben. Seinen Beschlüssen gemäß wurden die interalliierten Organisation?» durch Bildung neuer Sektionen reorganisiert. Es wurden Sektionen für Finanzen, Rohstoffe, Blockade,, SeetranLportverp fkegung uttd Eisenbahnen gebildet/ Der wirtschaftliche Wiederaufbau des während der viereinhalb Jahre verwüsteten und zerstörten Euro P a ist dem obersten Wirtschaftsrat, der von den interalliierten Organisationen unterstützt wird, anverttaut. Der oberste Wirtschaftsrat hat am 14. April, eine zweit« Sitzung abgehalten. Der Rat, der eine große Anzahl sich besonders auf Belgien beziehender Fragen geprüft hat, hat die belgische Regierung zur Ernennung eines Vertreters eingeladen. Er wird das Recht haben;, den Sitzungen des Rates und seiner Sektionen beizu^ wohnen. Der Rat hat ferner ein Projekt angenommen, wonach der Ueberschuß der den alliierten Regierungen gehörenden Vorräte an Rohstoffen während der/Zeit vor der Unterzeichnung des Friedensv der deutschen Regierung derkauft werden kann. Diese Verkäufe werden auf Grund von Verfügungen einer Sonderkommission,- die mit der Blockade- und der Finanzsektion zusamntenarbeitet, geregelt. Der Direktor der allgemeinen Verpflegung, Hoover» hat in einem Bericht an deO Wirtschaftsrat die im Laufe des Monates März von den Vereinigten Staaten England, Frankreich und Italien getroffenen Berpslegsmaßnahmen dargelegt. Dem Berichte zufolge wurden während der angegebenen Periode 388.000 Donnert Lebensmittel im Werte von 111,280.000 Dollar verteilt. Der Rat hat die Maßnahmen zur Erhöhung der finanziellen Hilfsquellen, der Lebens, mittelvorräte und der für das Verpflegungsprogramm in den kommenden Monaten benötigten Tonnage geprüft. Außerdem wurde die sehr ernsthafte Frage der Kohlenversorgung Italiens geprüft. Es wurde eine Kommission zum Studium der Mittel, um dessen ungenügende Kohlenvorräte zu erhöhen, ernannt. an Nahrung. In der Tat haben die Bolschewiken aus einer ehemals blühenden Stadt heute eine Stätte der Hungersnot gemacht, die morgen eine Stätte des Todes sein wird. Auf dem Dorfe gibt es wenigstens etwas zn essen. Dort auf dein Lande bebaut man de« Boden, um den persönlichen Bedarf zu decken. Warum sollte man auch für die Gemeinschaft erzeugen, da zunächst der Staat unfähig ist, diese Erzeugnisse zu erfassen und wegzuführen, und da er schließlich zum Austausch für Getreide, Mais, Erdäpfel und Futter nichts zu geben vermag. $n Wahrheit kehrt der Bauer unter dem bolschewikischen Regime zum Urzustand zurück. Die bolschewikischen Führer geben sich über den Versuch, den sie unternommen haben, keinen Illusionen hi«. Diesbezüglich liegen Dokumente vor, die von ihnen selbst stammen und daher unwiderleglich sind. Die avswSrttge Politik der Ukraine. Der Ukrainische Pressedienst meldet aus Stanislau: Der Gehilfe des Staatssekretärs für Tleußeres, Doktor Michael Lozynskyj, erstattete in der Sitzung des Nationalrates ein ExposS über die auswärtige Lage. Die Konflikte mit allen russischen Regierungen, die einander ablösen, hätten die Ukrainer zum Abschluß des Brester Friedens mit den Zentralmächten genötigt. Dieser Friede war für die Ukrainer ehrenvoll und hätte auch von Rittzen sein können, wenn ihn die Kontrahenten ein. ge halten hätten. Aber die Deutschen haben nach ihrem Einmarsch in der Ukraine sich dortselbst häuslich eingerichtet und faktisch eine Okkupation des Landes durchgeführt. Oesterreich hat einerseits den Deutschen Hisse geleistet, andererseits feine pole »freundliche Politik fortgesetzt. Erst nach dem Zerfall der ZentralmLchte und der Vertreibung des Hetmans aus Kiew einerseits, dem Zusammenbruche der polnischen Herrschaft in Galizien andererseits konnte eine geeinigte Ukraine entstehen. Der junge ukrainische Staat wurde aber gleich von allen Seiöten von Feinden angegriffen: von Polen: Rumänen, Bolschewiken, Magyaren. Die Warschauer Enlentemission unter General Barrhslemy hat sich, zwecks Abschluß des .Waffenstillstandes an die polnisch-ukrainischen Front gewandt und dieals Voraussetzung für die weiteren Verhandlungen mit der Entsn.be erklärt. Die Verhandlungen wurden vEr den Ukrainern abgebrochen, nachdem sich ihre Aussichtslosigkeit gezeigt hatte und die vorgeschlagene Demarkationslinie, welche Lemberg ut& Drohvbycz in polnische Kchche gab» unannehmbar war. Auch die Rumänen sind feindlich gegendie ' Ukraine aufgetreten und haben den ganzen ukrainischen Teil der Bukowina okkupiert. Doch hat Rumänien vorgeschlagen, die Entscheidung der Angelegenheit der Bukowina dem Friedenskongreß zu überlassen und nicht durch Waffengewalt zu lösen. Diese Erklärung hat die ukrainische Regierung zur Kenntnis genommen. Die Angelegenheit des ungarischen Teiles der Ukraine ist bisher noch im unklaren; auch hier soll die Friedenskonferenz die Entscheidung treffen. Redner betont« die Notwendigkeit eines engeren Kontaktes mit der Enrente. Das Bedürfnis nach dem allgemeinen Frieden, den die Friedenskonferenz tn Paris zu bringen verspricht, erfordert, daß wir mit der Entente zu einem Übereinkommen gelangen. Minister Benesch über die JnbenfraZs 1« der Tschecho-Slowakei. Empfang der Pariser Delegation de» Prager Jüdischen Nattonalrates. Dem Prager Jüdischen Preßburvau wird aus Paris berichtet: Dr. Eduard Benesch, der Minister für Aeußeres der tschecho-slowakischen Republik, empfing am 5. April bie Pariser Delegation des Jüdischen NationalrateS für den tschecho-slowakischen Staat, die dem in ' Paris zusammengetretenen, aus Abordnungen des ame-> rikanisch-jiwischen Kongresses, der zionistischen Weltorganisation und der jüdischen Nationalräte der. osteuropäischen Länder bestehenden „Komitee für die Rechte der Juden" angehört. Die Deputation bestand aus den Mitgliedern des Jüdischen Nationalrates, Doktor Hugo Bergmann. Norbert Adler und Herrn Direktor Oswald Freund. Die, Audienz, die übe^ eine Stunde dauerte, gab Gelegenheit, sämtliche schwebenden Fragen der Situation der Juden in der tschechoslowakischen Republik zur Sprache zu bringen. Sp€$ Minister erklärte» daß seiire Ansichten über die JuLdnftage. die er durch das Studium der Verhältnisse iw der Heimat wie auch im Ausland« kenne, völlig identisch mit denen feien, welche Präsident Masaryk wiederholt mündlich und schriftlich zum Ausdruck gebracht habe. Minister Benesch beton de, daß die B ehandlung der Juden für ihn der Prüfstein sei. an dem der Staat beweisen müsse, ob er zum'westlichen Kulturkreise gehöre oder »icht. Im Geiste der Freiheit, welche die Grundlage dar jungen Republik ist, werden den Juden wie auch den übrigen nati> ualen Minoritäten dieser Republik außer der selöstverstaudlichLu bürgerliche^ Gloichberechtchuna alle i u o-

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