Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 86 (14.4.1919)
- Date
- 1919-04-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2979076-2979077-2979163--00754-2986081- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Rr. 86 Men» Montag ist bereits befreit. Die Lage ist jedoch noch immer i e m l i ch e r n ft. Die von der Regierung angeforderten Truppen sind auf dem Wege nach Dresden. Auch eine Elbeflottille ist unterwegs. Die Lage ist schon deshalb schwierig, weil am Dienstag die ersten polnischen Truppentransporte sächsisches Gebiet, insbesondere Leipzig, berühren. Belagerungszustand in Dresden. Berlin, 13. April. Die „Vossische Zeitungmeldet aus Dresden: In der Dresdener Neustadt herrscht Straßen Kampf. Augenblicklich scheinen die regierungstreuen Truppen die Oberhand zu haben. Die Dresdener Grenzjäger und die aus Pirna geholten Negierungstruppen haben sich in der katholischen Hofkirche zur Verteidigung des Altstädter Brückenkopfes der Friedrich August-Brücke eingerichtet. Die Negierung hat den Belagerungszustand über Dresden proklamiert und trifft unverzüglich Maßnahmen zur Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung. Wie -er sächsische Kriegsminister getötet wurde. Berlin, 13. Aprils Das „Berliner Tageblatt" meldet aus Dresden Über die gestrigen Vorgänge: Nach der Entwaffnung der Truppen vor dem Kriegsministerium begann ein regelrechtes Trommelfeuer auf das Gebäude. Nach einer Viertelstunde drangen die Demonstranten in das Gebäude ein. Ganze Stöße von Alten wurden auf die Straße geworfen. Die Telephonleitungen wurden durchschnitten. Eine Abteilung ging von Zimmer zu Zimmer auf die Suche nach dem Minister Neuring und fand ihn schließlich. Er wurde auf die Stufen des 'Gebäudes geführt, wo er zu der Masse zu sprechen versuchte, wurde aber niedergesckrien. Es kam zu lebhaften Auseinandersetzungen, bei denen der Minister wiederholt mißhandelt wurde. Dann drängten ihn die Demonstranten nach der Friedrich August-Brücke hin. Am dritten Pfeiler der Brücke wurde der Minister plötzlich auf dar Geländer der Brücke gehoben und in die Fluten der hochgehenden Elbe geworfen. Der Minister machte den Versuch, sich krampfhaft an der steinernen Brüstung der Brücke festzuklammern. Er konnte sich aber nicht halten und verschwand vor den Augen der tausendköpfigen Menge im Wasser. Nach wenigen Sekunden tauchte er wieder auf und versuchte sich schwimmend zu reiten. Etwa vierhundert Meter unterhalb der Brücke traf ihn eine der vielen Kugeln, die ihm nachgeschickt wurden. Der Leichnam wurde vom Strom fortgetrieben. Die Stadt ist in der größten Erregung. Wie verlautet, soll auch der Sekretär des Ministers namens Albert getötet worden sein. Amtliche Darstellung. Berlin, 13. April. Dem Wolffschen Bureau wird aus Dresden amtlich gemeldet: Gestern kurz nach Mittag versammelten sich vor dem Ministerium für Militärwesen einige hundert Kriegsbeschädigte. Eine von ihnen entsandte Abordnung wurde vom Minister Neu ring empfangen, der ihre Wünsche anhörte und ihre Erfüllung im allgemeinen zusagte. Im Laufe der Zeit gesellte sich zu den Kriegsbeschädigten eine Anzahl zum Teil bewaffneter Soldaten, die den Ein- und Ausgang des Gebäudes besetzten. Gegen 3 Uhr nachmittags drangen einige bewaffnete Soldaten in das Innere des Ministeriums ein. Ein dort als Ordonnanz angestellter junger Soldat warf in seiner Verwirrung in diesem Augenblick zwei UebungS-. Handgranaten in den Lichtschacht, die niemanden verletzten und infolge ihrer Harmlosigkeit auch niemand verletzen konnten. Es ist durch Augenschein bewiesen, daß es sich um Uebungshandgranaten und nicht um scharfe Handgranaten handelte. Auf der Straße entstand daS Gerücht, daß Minister Neuring den Befehl zum Werfen von Handgranaten gegeben habe. Dieses Gerücht ist unbedingt unzutreffend. Der Minister und seine Umgebung wurden vielmehr durch den Knall ebenso überrascht wie alle anderen und mußte -erst durch Nachforschungen die Ursache seststellen lassen. Niemand hat dem Soldaten den Befehl zum Werfen der Uebungshandgranaten gegeben. Der Soldat hat aus eigenem Entschlüsse unbedachtsam gehandelt. Auf dieses falsche Gerücht ist der Minister Neuring ans bestialische Weise ermordet worden. Kommunistenputsch am 1. Mai? Berlin, IS. April. Der »vorwärts«' schreibt: Wie unS von verschiedenen Stellen mitgeteilt wird, agitieren die Kommunisten in den Betrieben für einen neuen Generalstreik in Berlin und im ganzen Deutschen Reich, der bereits in den nächsten Tagen beginnen soll. Die Kommunisten sind über den Rätekongreß enttäuscht. Mau beabsichtigt deshalb, die Aktion auf die ersten Maitage zu verschieben und mit allen Mitteln fortzuietzen, bis die Diktatur des Proletariats gesichert sei. Bei ihrer Agitation wenden die Kommunisten das Mittel an, daß sie für den Fall ihres Sieges alle mit dem schärfsten Boykott bedrohen, die sich nicht jetzt schon ihnen entschließen. Ruhe in München. München, 18. April. Die MehrheitSsozialisteu haben die Mitglieder ihrer Partei für 5 Uhr nachmittags in die Scltionslokale einbernfen, um über die veränderte Lage Aufklärungen zu erteilen. In der Stadt herrscht vollkommene Ruhe.' Wiener MsrgenzeitnnF Bekämpfung der Ungezieferplage Befreiung dureh Schutz-Abonnement von 345 Wanzen Schwaben Müssen Flöhen > Läusen Ratten Mäusen Systematische Dauer - Desinfektion einzelner Wohnräume, Häuser, Villen, Arb eit erkol orden sowie von Stallungen ubw. Ootongea Sie Kostenlose Auskunft. PEROLIN Wien, All., Feldmtihlg&sse 4. Telephon Nr. 82300 Telegramme „P^rolinhof“ Aus Ungarn. Revolutionäre Militärtribunale. Budapest, 12. April. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Eine Verordnung des Revolutionären regierenden Rates bestimmt die Aufstellung von revolutionären Militärgerichtshöfen, die aus einem Präsidenten und zwei Mitgliedern bestehen. Diese sowie der Ankläger und der Schriftführer werden m Budapest durch den Zentralrat, irr der Provinz von den lokalen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräten gewählt. Arbeiter-KulturabteUungen. Eine Verordnung des Revolutionären' regierenden Rates ordnet die Bildung von Kulturabteilungen im Schoße der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte an, die aus Eltern und Aerzten bestehen und zur Kontrolle der Schulangelegenheiten und Schulkommissionen dienen werden. Schutz der kleinen Schuldner. Durch eine Verordnung des Revolutionären regierenden Rates wird bestimmt, daß von nun an Gläubiger nur ein n f *c * des Verdienstes des Arbeiters beschlagnahmen dürfen. Eine Ausnahme bildet der Fall, wenn Frau, Eltern oder Kinder des Arbeiters von ihm Alimentationsgebühren fordern. Eine Verordnung des Volkskommiffärs für Volksernäherung verfüat die Sperre sämtlicher Vorräte an Grünzeug, Gemüse und Obstkonserven. Errichtung von Materialamtern. Budapest, 13. April. (Ung, Tel.-Korr.-Bm.) Die Räteregierung bevollmächtigt in einer Verordnung das Volkskommissariat für soziale Produktton, beziehungsweise für öffentliche Versorgung, bezüglich lener Rohstoffe, Halbfabrikate und Fertigwaren, bei denen sie es für zweckmäßig halten, Materialämter zu errichten, die als Materialverteilungsorganisattonen wirken werden. Die älteren ähnlichen Fielen dienenden Zentralen und kriegswirtschaftlichen Organe können, sofern sie hierzu geeignet erscheinen, entsprechend umorganisiert werden. Der Wirkungskreis der aus kapitalistischenInteressenten gebildeten alten Direktion hört auf. Die Materialämter sind verpflichtet, ihren Warenvorrat, ferner die Produktion der verflossenen Woche, beziehungsweise des verflossenen Monates und die zu erwartende Erzeugung wie auch die angemeldeten Ansprüche dem Zentralmaterialamt anzumelden. Die Verteilung der Materialien leitet das Zentralmaterialamt. Die Grundsätze für die Materialverteilung stellt der Materialverteilungsrat fest. Furchtbares Eisenbahnunglück aus der Agramer Strecke. Agram, 13. April. (Tel.-Komp.) Gestern abends ereigneteMich in dem von Steinbrück nach Agram .ahrenden Personenzug während der Fahrt in emem >Coup6 erster Klaffe aus bisher unbekannten Gründen eine Explosion, die einen Brand zur Folge halte. Der ganze Waggon und auch die beiden an ihn anschließenden wurden von den Flammen ergriffen. Die Reisenden sprangen in wilder Panik aus den brennenden Waggons. Zahlreiche Personen sind vollkommen verkohlt, viele schwer verletzt. _ 14. April im 'Seite 3 Tagesbericht. Eine Versammln«« der Kommunisten im Zirkus Busch. Die kommunistische Partei hatte für Sonntag vormittags zwei Versammlungen emberufen; in bet Versammlung im Zirkus Busch war auch ein 'Ab-; gestuckter Bela Kuhns erschienen, welcher Grüße überbrachte. Es sprachen Dr. Friedländer mehrere Redner in kommunistischem Sinne. Kommunist Peckl teilte mit, daß das Sanatorium Grimmem stein wegen kommunistischer Umtriebe gesperrt wurde In der Versammlung wurden von den einzelnen Rednern heftige Angriffe gegen die Nationalversammlung, die Führer der Sozialdemokratie und die Zu« sammensetzung der Sozialisierungskommission gerichtet und gegen jeden ,Gewaltfrieden von seiten der Entent'e protestiert. Walz (Obmann des Reichsverbandes ehenmliger Kriegsgefangener) bemerkte, das hinsichtlich der Forderungen der Mitglieder feines Verbandes dem Heeresamte ein Ultimatum bis Donnerstag gestellt wurde Maschinengewehre und Artillerie werdenden Forderungen nötigen Nachdruck verleihen Bacher (Arsenal) berichtet, das die V e reinigung sozialdemokratischer So h baten zu den Kommunisten übergegangen,sei. Die sozialdemokratische Partei hätte im Arsenal eine eigene Arbeiterwehr mit einer Löhnung von 36 Kronen pro Tag als Garde aufgeftelü. Matrosenrat S t r a k e r bemerkt, daß sich die Matrosen als Pioniere der Revolution der Bewegung für eine Rätediktatur anschließen. Wenn auch gestern schwarze Truppen durch Wien zogen, werde das Wiener Proletariat auch diese Kulturträger nicht fürchten; ebenso nicht Hunger und Not. Der abgesandte Bela Kuhns polemisiert gegen Abgeordneten S k a r e t, der behauptet habe, daß die ungarische Räterepublik vor dem Falle stehe und versichert, daß in Ungarn Ruhe herrsche, die Polizei entlassen und zumeist in die Rote Armee eingetreten sei. Es wurde hierauf folgende Resolution angenommen, die durch eine Deputation Dr. Deutsch überreicht werden soll. „Die Invaliden fordern sofort K 800.— Anschaffungsbeitrag pro Mann; Erhöhung der Jnvaliditätsrente auf K 15.— pro Tag; für die noch in den Spitälern Befindlichen eine sofortige Er> Höhung der Löhnung auf K 4.—; Oeffnung aller Kriegsfpitäler für Spitalsbedürftige." Demonstrationen vor dem Dtaatsamt für Heerwesen. In geschloffenem Zuge zogen die Versammlungsteilnehmer unter Bortantragung roter Fahnen durch die Praterstraße zum Heeresamte. Auf dem Wege wurden Autos requiriert, mit roten Fahnen garniert und Fußinvalide hineingesetzt. Die Autos bildeten dann die Tete. Die Deputation konnte die Fordemngen nicht überreichen, da Dr. D e u t sch nicht anwesend war. Die Stimmung war eine sehr erregte. Es sprachen mehrere Kommunistenführer und appellierten an die V o l k s w e h r, sich zu gegebener Zeit anzuschließen. Die w e i ß r o t e n Fahnen am Balkon des Heeresamtes mußten eingezogen werden und wurden verbrannt. Vom Balkon des Gebäudes wurden heftige Reden gehalten; ein Redner sprach mit einem Revolver in der Hand, Vorübergehenden Offizieren wurden Rosetten und Distinktionen abgenommen. — Schließlich zerstreute sich die Menge in Ruhe. Keine Aufhebung der Gaseiuschrankungeu, Die Direktion der städtischen Gaswerke ersucht uns um die Feststellung, daß dü Meldung eines Blattes von der Aufhebung der Gasspar, maßnahmenden Tatsachen nicht entspricht. Dü Bemühungen der Direktion, mehr Kohle zu erhalten, würden zwar eifrig fortgesetzt, seien jedoch bisher leider; ohne Erfolg geblieben. * Verhaftung eines Scheckfälfchevs. Seit den 15. März hat die Oöerstadthauptmannschaft in B n d a p c s! den 24jährigen Privatbeamten Tibor B ö h m wegen Verbrechens der W e ch s e l s ä l s eft u n fl verfolgt. Am ll. d. 93t wurde Böhm in einem Kaffechause im 1. Bezirk verhaftet uni dem Sicherbe'Nsbmeau Übergeben. Einem Verhör unterzogen gestand er, per „I n g a l a t a n - B a n t* in Budapest an Grund gefälschter Schecks gemeinsam mit seinen Freunde, einem Beamten dieser Bank, einen Betrag vor K 166.000 entlockt zu haben. Die entlockte Summe wurde ti zwei Teile geteilt und von den aus ihn entfallenden K 83.00t bat Böhm, wie er behauptet, ll 50.000 zur Zahlung vor Schaden verwendet: den restlichen Teil von ll 36.000 will s zur Bestreitung seines Lebensunterhaltes ausgebrcmcht haben Böhm wurde dem Landesgericht eingeliefert. * Die Volks» ehr bestohlen. Am 2. d. M., nachts wurde das Lebensmiltelmagazin der Kaserne der V o lks wehr in der Htttteldorserstraße 188 erbrochen. Gestohlei wurden 35 Kisten Marmelade und 50 Kilogramm Kaffeekönservei ,m Werte von mehreren lautend Kronm. Das Pvltzei, kommissariat Hietzmg hat sechs Verdächtige in Untersuchnnj gezogen. * Wo sind die Verwandten des PapievhLndleri Pick? Aul 11. d. M. ist in einem Leopoldstädter Hotel der in Jahre 1858 zu Szeged in Ungarn geborene Papierhändler Janot P i ck plötzlich gestorben. Pick hat brs zum 1. d. M. im Haus Karolinenplatz Nr. 6 gewohnt und seither in verschiedenen Hvtrll genächtigt. An: 10. d. M. mar er in den: Leopoldstädlcr Hole abgestiegcn Er hat Verwandte in Wien, doch konnten sie nich ausfindig gemacht werden..