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Wiener Morgenzeitung · 1919-04-13 · Heft 85 (13.4.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 85 (13.4.1919)
Date
1919-04-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Gt»s»le»»«rp!av: Kreis 30 Keker Iftrftimuw« adinnnptrtU i Bleut Mt AusteSans tel - , , HauSr . . . .L V.- m*risl}älifig . . „ 20.— 853» , Mit Doflversand: Ul-na^i.!»... .L V.50 «iertstjiil'.rrg. . .. SS.— »«riviährig , , . „ 44.— «anrkahvks. . . ., 88.— 8el«4»h-«»r Admlvist»«. Man 44038. «edairftan alt 0 Mh» abtnto Br IfiBOt umx äm4 Urei« 30 Hell«« PrSaermertatkoas-» »veriv Mv Vs» 2ta*U»fet M-aotlich . , L 8.— 8K*rt*lf5!;ri0 , SB4.— ^alvsührig . , , „ 48.— Oatttiälrei? . . . „• 0€*~ NevEi^r! rr. Ar>mi«Wka-' ft*«: UN«r. IX. 9?. 1—3 U-Ottrarkassm-Koai» A«. 1»0.«S» ' Nr. 85 Wien, Sonntag, den 13. April 1919 1. Zahrgüng; Die Lüge vom „jüdischen;; Bolschewismus" 9 ) —y. Wien, IS. -April. .. In dem Lärm, in dem der Kampf gegen das Judentum geführt wird, tritt feit einigen Monaten ein neuer Ton heraus: Das Judentum hat den Bolschewismus erzeugt, das Judentum treibt zur Welt- Dolution.. Wir hören diesen Ton grell aus der antisemitischen Presse und wir begegnen ihm in'etwas Mdinierterer Klangfarbe in den Organen der offiziellen Sozialdemokratie. Es will sich daraus eine blutige Hetze gegen das Judentum entwickeln. Es sei Mftächst festgestellt, daß der Bolschewismus oder WMmunismus zum jüdischen Volkin ders elbenBeziehung W.t wie zum deutschen, tschechischen, russischen, polnischen Pvlk, das heißt, es gibt jüdische Bolschewisten ebenso M es deutsche oder russische gibt Die Erscheinung W politischen Radikalismus hat mit der Nationalität tzUHaupt nichts zu Mn. Man kann täglich die Wchrnehmung machen, daß die loyalsten Bürger über Nacht dradikalsten werden und daß diejenigen, welche noch Wgestern die Bevormundung durch den Obrigkeits- Mat. als etwas Selbstverständliches, als eine gott- SMollte Eimichtung hingenommen haben,, plötzlich von M Dcktatm des Proletariats sprechen.' Das blinde Ptzxtrauen in die Obrigkeit hat vollkommen bankerott gemacht. Man ist zur Einsicht gekommen, HM es gerade denjenigen am besten ging, die gegen. die Gebote und Vorschriften der OWgfteit gehairdelt haben. „Zeichnet Kriegsanleihe!" ÄZtr^keine Kriegsanleihe gezeichnet hat, der hat jetzt Wenigstens.bares Geld. „Seid sparsam in euren Wrs- SMt^ Wtz sich, alles Mögliche.angeschaffL.hat, der nWk'Mt me EnstvÄMtz' mit und verWt wenigstens über Güter, Kleider,. Schuhe. Diese Wenntnis mußte zu einer plötzlichen gewaltigen ReqMon führen. Die Royalisten würden über Nacht die Radikalsten. Ihre ganze Weltanschauung ' hat einen Stütz erlitten, ■ bie Menschen sind gänzlich aus dem Gleichgewicht geraten, von der äußersten Rechten sind sie s auf die äußerste Linke geworfen worden. D'ß sich geschickte Agitatoren und Demagogen, - die bisher' nirgends Anklang finden konnten, diese Bewegung Üu'tzbar machen und sich an ihre Spitze stellen wollen, ist eigentlich selbstverständlich und menschlich begreiflich. Daßsich darunter auch Juden befinden, ist ebenso begreiflich und kann nur den verblüffen, der keine Geschichte kennt, und nur derjenige kann daraus eine Äüklage gegen das Judentum schmieden, der noch immer du}- dem Standpunkt der Ungleichheit der Juden steht. Weshalb sollte denn das Judentum nicht denselben sozialen Gesetzen unterworfen sein und unterliegen, me irgendein anderes Volk? '' Die Juden sind vom Krieg viel grausamer als jedes andere Volk betroffen worden. Es gibt keine 'Bevölkerungsschichte, die der Krieg so hart angefaßt hat wie M Juden, die, obgleich sie den Krieg im innersten Herzen hassen und verabscheuen, dennoch aus Pflichtgefühl und Staatsbewußtsein alle Lasten des Krieges auf sich genommen haben. Ein Teil des jüdischen Volkes ist von Haus und Hof gejagt worden. Wer zurückblieb, wurde vom Feind gequält und nach der Rückeroberung vom Freund Mißhandelt. In den Flüchtlingslagern des Westens lernte das Judentum entweder Brutstätten der schlimmsten Seuchen oder Stätten der Brutalität und her wildesten Korruption kennen. Die Blutopfer, die has Judentum gebracht hat, sind über alle Maßen groß. Wirtschaftlich verelendet, in seiner Kopfzahl um fast ein Drittel vermindert verfolgt vom Fremdenhaß, geht das Judentum aus dem Krieg hervor, und wenn es tatsächlich in dieser Stimmung alles daransetzen würde, eine Weltrevolution zu entfesseln, so müßte sich das unbefangene Urteil doch vor allem sagen, daß man hier einer menschlich mnd politisch durchaus verständlichen Erscheinung gegenüberstehen würde. Denn zu dem wirtschaftlichen Elend, in das die Juden durch den Krieg geraten find, kommt noch bei ihnen die besondere seelische Disposition hinzu, die sich aus jahrhundertelangem vergeblichem Käyrpf gegen Entrechtung und Unterdrückung herausgebildet hat. Und in der Tat: Seit dem Jahre 1848 kann man immer wieder beobachten, daß in jedem Freiheitskampfe Personen jüdischen Blutes in der ersten Reihe stehen und die ersten Opfer waren. Aber man macht zugleich die Wahrnehmung, daß diese Juden so vollkommen in dem Gedanken des England warnt sor Ruhestörungen in Deutschösterreich. Drohung Mit EinsteAung sämtlicher Zufuhren. ' Der britische MMtarbsvollmachLLgte Sir Thomas Ennningharn hat gestern den Staatssekretär für Aeußeres Dr. Bauer besucht und ihm nntgeteM, er sei von der britischen Negierung autorisiert, offiziell und ausdrücklich zu erklären, daß' i m Falle v o n NuhestSrnngen in DerrLschSftsrreich die Einf uhr von Waren einschließ Lich Lebensmitteln n nd No h ft o f f e n so s o rt g ä n z l i ch eingestellt würde. Zn Beantwortung einer Frage des Staatssekretärs sprach der britische Militärbevollmächtigte die Meinuckg ans, diese Absicht der britische« Regierung sei in dem Intereffebegründet, welches die alliierten Mächte an der ungestörten Benützung der Verkehrswege haben, die über deutschöfterreichisches Gebiet zu den den alliierten Mächten befreundeten nene« Staaten führen. . Der sächsische Kriegsminister ermordet. . Verwundete stürmen das Kriegsministerium. — Die Regierrmgstruppen weigern sich einzugreifem — Der Minister in die Elbe geworfen. / Dresden, 12. April. Heute vormittags versammelten sich die Verwundete«' der Dresdener Lazarette aus dem Theaterplatz, um gegen die Verfügung des Kriegs« Ministers z« protestieren, daß in Zukunft nur «och dieFriedenSl S h n e an die Verwundeten ausgezahlt werden sollen. Zn einem Zuge von 500 bis 600 Mann bewegten sich die Demonstranten zum Kriegsministerium, woselbst fie eine Abordnung zum Kriegsminister entsendeten. Der Minister weigerte sich jedoch, die Abordnung! zu empfange». Darauf stürmte d ie Menge den Eingang des Gebäudes. Sicherheitswache schritt ein und machte von der Waffe Gebrauch. Inzwischen hatte sich die Menge der Demonstranten noch perstärkt. Die Wachsewnrde überw ÜlMW und entwaffnet. Die herbeigeMepen Negierungstruppen e r k lHr't e n, n i cht e i n W o l le T gaben die Waffen' ab und marschierten ab. Die aufgeregte Menge hielt den Platz vor dem Kriegsministerium besetzt. An verschiedenen Stellen wurden Maschinengewehre aufgestellt, die das Ministeriu« unter Feuer nahmen. i Am 4 Ahr nnchmittags drang die Menge in das Gebäude ein, ergriff de« Kriegsminister, der sich in das oberste Stockwerk geflüchtet hatte, schleppte ihn auf die Straße, mißhandelte ihn schwer und stürzte ihn von der Brücke in die Elbe hinab. Als der Minister das Äser schwimmend zu erreichen suchte, schosse ti bte Demonstranten auf ihn, so daß er in wenigen Minuten in den Fluten versank. Kampfes um menschliche Freiheit aufgingen, daß sie ihr eigenes Volk vergaßen. Niemals hat ein jüdischer Revolutionär irgend etwas für sein Volk übrig gehabt; er war deutscher, französischer oder 'extremradikaler russischer Revolutionskämpfer, er war alles, nur kein Jude mehr. Hans Kudlich, der große Bauernbefreier, der mit dem Todesurteil beladen aus Oesterreich nach Amerika flüchtete und bis zu seinem Tode im Exil blieb, begleitete aus der Feme die Entwicklung des deutschen Volkes mit der wärmsten Anteilnahme. Die slawischen Russen, die in Paris oder London im Asyl lebten, ellten bei Ausbruch des Weltkrieges in ihre Heimat, um das nach ihrer Meinung überfallene russische Volk mitschützen zu helfen. Die jüdischen Freiheitskämpfer aber hatten sich von ihrem Volk stets so restlos getrennt, daß sie gar oft für seine Träume und für seine Sehnsucht nur 'ein ironisches Achselzucken übrig hätten. Das Weltbürgertum hatte sie so sehr. ersaßt, daß' in ihrer Seele kein Raum mehr blieb für die Erinnerung an das jüdische Elternhaus, an die Sorgen und Schmerzen der jüdischen Gasse. Ja es lag sogar ein gewisser Sport darin, über das eigene Volk zur Tagesordnung überzugehen und es zu bekämpfen. Die grausamen Zettendes Zarismus haben das russische Judentum in seinen Unterlagen nicht so erschüttern können, wie es der angebliche jüdische Bolschewismus getan hat, in besteig Leitung sich unter anderen Personen auch der zufällig von einer jüdischen .Mutter geborene Trotzki befindet. Es ist sicherlich wahr, daß die seelischen Voraussetzungen für den politischen Radikalismus unter den Juden derjenigen Länder in besonderem Maße vorhanden sind, die ihnen die volle bürgerliche Gleichberechtigung verweigern. Das kann ebensowenig Wunder nehmen, als wechr sich unter den durchs Paschawirtschaft niedergehaltcnen Griechen eine Propaganda der Tat entwickelte, als wönn auf dem Balkan bis zur Beseitigung der türkischen Herrschaft Gfft und Dolch das beliebteste politische Mittel war, als wenn die russischen Zaren und ihre Generale unter den Bombenwürfen eraltierter Nihilisten starben. Und wenn heute in Deutschland die spärtakistische Reaktiondem Korporalsystem folgt und das ganze Deutsche Reich in Atome schlägt, wenn in München der Maurerpolier Klotz an die Spitze der Regierung gerät, so ist das genau dasselbe, wie wenn irgendeinem Juden die Nerven versagen und er aus der Bahn ruhiger politischer Ueberlegung herausgedrängt wird. Ist es nicht auffallend, daß in den Ländem, in denen die Juden sozial und politisch ihrer Umgebung gNchgesteU sind, die Erscheinung der jüdischen Exaltados fehlt, wie zum Beispiel in England oder Frankreich? , Die Situation, in der sich das Judentum befindet, ist verzweifelt. Es sieht sich auf allen Fronten bedroht, seine stärksten Fundamente, die Famllie, sind unterwaschen. Und durch die jüdischen Gaffen von Wen bis Warschau und damber hinaus schrettet der Hunger wie niemals zuvor. Das Judentum hat keinen sicheren Poden unter den Füßen. Es konnte sich früher vielleicht mit.der bestechlichen russischen Ochrana abfinden.' Es konnte in Mttteleuropa sich eine gewisse privilegierte Oberschicht schaffen, die jeder anttsemitischen Regung mit dem Geldbeutel in der Hand entgegentral.. Das Judentum hat für alles gezahlt; mtt feinem Geld, mit seinem Blut. Es kann aber heute nicht mehr zahlen. Wenn die Völker jetzt darangehen, den Mieg nicht nur zu beenden, sondern ihn für immer unmöglich zu machen^ dann muß ihr oberster Grundsatz das Bekenntnis zur vollsten sozialen und nationalen Gerechtigkeit sein. , Solange es ein Volk gibL, das wurzellos, landfremd und unstät inmitten einer ihm . feindlichen Umgebung lebt, solange noch irgendwo 'Kenne sozialer Konflikte bestehen, solange kann bas Werk des Friedens nicht .Msreifen, sondern muß ' Stückwerk bleiben. Man, gebe dem jüdischen Volk die Möglichkeit,der Rückkehr zu seinem Boden, man ' gebe ihm F r. e i h e i t und. L a n d. Dann wird das jüdische Volk auch politisch gesunden und dem : Radikalismus jedhn Boden ^entziehen können. Bleibt aber das jüdische Volk unbefriedigt, besteht das Unrecht weiter, bas. ihm seit Jahrtausenden angetqjr wird, dann wird die Welt keinen Frieden sirrden.

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